Alexander Spermann fordert differenzierte Konzepte für Langzeitarbeitslose

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Alexander Spermann, IZA

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles will die Eingliederungszuschüsse für Langzeitarbeitslose ausweiten und unter anderem 470 Mio. Euro aus dem EU-Sozialfonds nutzen, um bis zu 30.000 Hartz-IV-Empfänger zusätzlich zu fördern. Alexander Spermann, IZA-Direktor Arbeitsmarktpolitik Deutschland, sieht darin einen Schritt in die richtige Richtung, der jedoch durch differenzierte Konzepte für unterschiedliche Gruppen von Langzeitarbeitslosen ergänzt werden muss.
Dazu ein Interview in SR1 – Stand der Dinge (4.4.2014):

Wie sinnvoll ist dieses Programm?

Spermann: Zunächst einmal ist es sehr wichtig, dass dies für Langzeitarbeitslose gemacht wird. Wir haben im Moment etwa eine Million Langzeitarbeitslose. Die Bundesregierung war in dieser Woche sehr aktiv: Zum einen haben sie die Langzeitarbeitslosen für 6 Monate vom Mindestlohn ausgenommen – was ein richtiger Schritt ist – und zum anderen haben sie ein Projekt auf den Weg gebracht, in dem Langzeitarbeitslose ohne Berufsausbildung fokussiert werden. Immerhin haben wir 1,5 Millionen Menschen zwischen 25 und 35 Jahren ohne Berufsausbildung – das ist eine Baustelle, die muss die Bundesregierung angehen.

Sie sagen, das Programm sei ein Schritt in die richtige Richtung. Aber ist es nicht doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein? Ist den Langzeitarbeitslosen damit wirklich geholfen?

Spermann: Natürlich ist das ein Tropfen auf den heißen Stein. Bei einer Million Langzeitarbeitslosen etwas für 30.000 Hartz-IV-Empfänger zu machen, kann nur ein Tropfen sein. Die Frage ist, ob dieses Programm eine Chance hat, tatsächlich erfolgreich zu sein. Man wird relativ schnell feststellen, dass den Langzeitarbeitslosen alleine mit Geld nicht geholfen ist.

Wie würden Sie es denn handhaben? Was muss die Bundesregierung noch tun, außer Geld zuzuschießen?

Spermann: Mit Geld kommt man hier nicht weiter, weil Langzeitarbeitslose vor allen Dingen Probleme mit den sogenannten Soft Skills haben. Durchhaltevermögen und Frustrationstoleranz sind hier ein Thema. Langzeitarbeitslose sind häufig wenig selbstbewusst und tatsächlich in einer schwierigen persönlichen Situation. Da hilft Geld für Arbeitgeber nicht zwangsläufig weiter. Wir müssen uns das Thema Langzeitarbeitslosigkeit sehr genau angucken in den nächsten Monaten. Es gibt nicht den typischen Langzeitarbeitslosen, sondern sehr unterschiedliche Langzeitarbeitslose. Dafür brauchen wir differenzierte Konzepte, an denen gearbeitet werden muss.

Sie haben es eben erwähnt: Das Geld ist ein Anreiz für Arbeitgeber, Langzeitarbeitslose einzustellen. Auch die Ausnahme mit dem Mindestlohn haben Sie erwähnt – ein halbes Jahr sind Langzeitarbeitslose davon ausgeschlossen. Sehen Sie nicht eine Gefahr darin, dass Arbeitgeber Hartz-IV-Empfänger nur für die Dauer einstellen, in denen sie günstiger sind, und dass das System so ausgenutzt wird?

Spermann: Jedes System, das Sie implementieren, wird zu einem gewissen Teil ausgenutzt. Bei Eingliederungszuschüssen allerdings ist die Erfahrung die, dass sie trotz sogenannter Mitnahmeeffekte sehr effektiv sind. Man kann über die Begleitforschung belegen, dass Eingliederungszuschüsse Langzeitarbeitslosen konkret helfen und dass sie ohne diese Zuschüsse nicht eingestellt worden wären. Und man kann auch zeigen, dass die Menschen dann im Schnitt – nicht in jedem Einzelfall natürlich – tatsächlich auch länger als für die Zuschussdauer in Beschäftigung bleiben.

Arbeitsministerin Nahles will Langzeitarbeitslose stärker fördern. Ab dem nächsten Jahr sollen 30.000 von ihnen durch Lohnzuschüsse einen Job finden. Ein Schritt in die richtige Richtung, aber noch lange nicht alles, findet Dr. Alexander Spermann vom Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit. Vielen Dank!

Das Interview führte Carina Dewes.

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