Interview mit Martin Kahanec: „Roma müssen in Europa besser integriert werden“

kahanec

Martin Kahanec

Martin Kahanec, Professor an der Central European University in Budapest und stellvertretender IZA-Programmdirektor für Migration, spricht im IZA-Newsroom-Interview über die Integrationsprobleme der sechs Millionen Roma innerhalb der Europäischen Union. Seine Forderung: „Die EU-Staaten müssen hier nicht nur aus moralischen, sondern erst recht aus ökonomischen Gründen mehr tun als bislang.

Lesen Sie hier das vollständige Interview:

Die Roma sind die größte ethnische Minderheit in Europa und sehen sich zugleich mit den größten Integrationsproblemen konfrontiert. In Ihren Forschungsarbeiten, zuletzt auch für IZA World of Labor, haben Sie sich intensiv mit dieser Thematik beschäftigt – wo liegen die gravierendsten Defizite?

Martin Kahanec: Angesichts von 10 bis 12 Millionen in Europa lebender Roma sind die Integrationsprobleme in der Tat besorgniserregend. Kaum jemand macht sich klar, dass allein sechs Millionen Roma innerhalb der EU leben, die meisten in Rumänien, Bulgarien, Spanien, Ungarn und der Slowakei. In jedem EU-Staat lässt sich ein „Teufelskreis“ sich selbst verstärkender sozio-ökonomischer Benachteiligungen beobachten. Dazu zählen eklatante Bildungsnachteile, schwerwiegende Diskriminierungen bei Wohnungssuche, Jobbewerbungen und Einkommen sowie tiefsitzende gesellschaftliche Vorurteile und politische Passivität auf staatlicher Ebene.

Eine Bestandsaufnahme im Rahmen des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) hat erst kürzlich wieder alarmierende Statistiken ermittelt: So lagen die Beschäftigungsraten von Roma in Spanien im Jahr 2010 bei nur 19 Prozent, in der Slowakei bei 29 Prozent, in Rumänien bei 32 Prozent. Demgegenüber rangierte der EU-weite Durchschnitt für die Altersgruppe der 20-64-Jährigen im gleichen Jahr bei 69 Prozent, also überall weit mehr als doppelt so hoch. Hier wirken sich vor allem auch die massiven Benachteiligungen von Roma im Bildungssektor aus. Die Dauer des Schulbesuchs liegt bei Roma oft dramatisch unterhalb des Niveaus anderer ethnischer Gruppen. In Rumänien etwa kommen Roma durchschnittlich nur auf einen Schulbesuch von 5-6 Jahren, wobei Mädchen nochmals im Nachteil sind. Sie werden von den Nicht-Roma um 4-5 Bildungsjahre „abgehängt“. Damit sind viele Roma von Kindesbeinen an chancenlos.

Das zeigt, wie dringend europaweite Initiativen für eine bessere Integration von Roma auf gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Ebene sind. Haben Sie den Eindruck, dass die Bedeutung dieser Aufgabe inzwischen in der EU stärker erkannt wird?

Keine Frage: Die EU-Staaten müssen hier nicht nur aus moralischen, sondern erst recht aus ökonomischen Gründen mehr tun als bislang. Es gibt zwar diverse Aktivitäten seitens der Europäischen Kommission, der Weltbank, von UNDP und zahlreichen gesellschaftlichen Gruppierungen, aber der Erfolg stellt sich noch viel zu langsam ein. Ich vermisse hier in vielen Fällen ein klares politisches Bekenntnis auf nationaler Ebene und die Bereitschaft, die Integration der Roma systematisch voranzubringen. Das Thema ist auch im öffentlichen Bewusstsein noch nicht „angekommen“.

Wie sehr trägt Ihrer Einschätzung nach unbewusste oder bewusste Diskriminierung zu dieser faktischen Ausgrenzung bei?

Die vorliegenden Daten zeigen eindeutig, wie sehr Roma unter Benachteiligungen auf dem Arbeitsmarkt zu leiden haben. Hier kommen einerseits Vorurteile zum Tragen, andererseits wirkt sich die Exklusion in der schulischen und beruflichen Bildung natürlich auch ganz rational auf das Einstellungs- und Entlohnungskalkül vieler Betriebe aus. Von großem Gewicht sind auch intergenerationelle Effekte: Die Zurücksetzung erwachsener Roma wirft auch ihre Kinder fast aussichtslos zurück. Auch dies ist ein Aspekt des Teufelskreises, den die Roma auf sich allein gestellt nicht aufbrechen können. Sie brauchen unsere Unterstützung.

Wie sollten die wichtigsten Schritte in einem Aktionsplan der EU zur Roma-Integration aussehen?

Im Rahmen eines IZA-Forschungsprojekts für die “High Level Group on Social and Labour Market Integration of Ethnic Minorities” der EU-Kommission haben wir die Zielsetzungen definiert. Eine bessere Integration der Roma lässt sich nicht per Gesetz erzwingen, und schon gar nicht kann man in kurzer Zeit wieder gutmachen, was vorher über viele Jahre versäumt wurde.

Wichtig sind, so banal es klingen mag, vertrauensbildende Maßnahmen und die Entwicklung von Integrationsprogrammen auf der Basis von Respekt und freiwilliger Teilnahme. Gutgemeinte Stigmatisierung führt nur weiter ins Abseits. Noch wichtiger ist, solche Schritte nachhaltig zu unternehmen, also nicht etwa gerade etablierte Projekte binnen kurzem wieder einzustellen. Höchste Priorität sollten Politikmaßnahmen mit dem Ziel haben, die räumliche und gesellschaftliche Segregation zu beenden und endlich konsequent für bessere Bildungschancen zu sorgen. Nur so lässt sich langfristig auch für faire Chancen auf dem Arbeitsmarkt sorgen. Auch anonymisierte Bewerbungen könnten hier einen Beitrag leisten.

Emigration in westliche EU-Staaten ist für Roma aus Osteuropa inzwischen eine legale Option. Was empfehlen Sie der Politik der Zielländer dieser Migranten?

Roma versprechen sich noch mehr als andere Migranten innerhalb der EU eine Verbesserung ihrer Lebensperspektiven und der Zukunftsaussichten ihrer Kinder. Das lässt sie aber nicht zwangsläufig zu dauerhaften Migranten werden. Viele Roma wollen durch berufliche Bildung, Arbeitsmarkterfahrung und ein besseres Einkommen die Grundlage dafür schaffen, bei einer späteren Rückkehr in die Heimat einen sozialen Aufstieg erreichen zu können. Neben der freien Mobilität sollten deshalb die Aufnahmeländer von Beginn an für Gleichbehandlung sorgen, Ausbeutung unterbinden und Bildungsmöglichkeiten anbieten.

In Deutschland, aber auch in anderen westlichen EU-Staaten, wurde zuletzt ein angeblicher “Wohlfahrtstourismus” aus den osteuropäischen EU-Ländern kritisiert. Was besagen Ihre Forschungsergebnisse über die tatsächlichen Wanderungsmotive und das Qualifikationsniveau dieser Zuwanderer?

Der Vorwurf von Armutswanderung geht ins Leere. Weit überwiegend sind die Migranten aus Osteuropa sogar sehr gut qualifiziert und tragen bereits heute zur Linderung von Fachkräfteengpässen bei. Denken Sie allein an den Bereich der häuslichen und stationären Pflege, wo akute Personalknappheit herrscht. Der Informationsfluss über die gegebenen Arbeitsmarktchancen ist heute weit besser als früher, so dass sich die Migranten vielfach sehr gezielt für ein Land entscheiden, wohin entweder bereits familiäre Beziehungen bestehen oder aber der Arbeitsmarkt besonders gute Perspektiven verspricht, wie das gerade in Deutschland aktuell der Fall ist. Der Erwerb neuen Humankapitals ist eine wichtige Antriebskraft für moderne Migranten, gerade auch aus Osteuropa. Die Großzügigkeit der jeweiligen Sozialsysteme spielt bei der Migrationsentscheidung keine signifikante Rolle, so oft und gern das auch behauptet wird.

Lesen Sie auch:

 

This entry was posted in Forschung and tagged , , , , , , , , , , , . Bookmark the permalink.