Die neuen Herausforderungen der Gewerkschaften

dgbEin Beitrag von Werner Eichhorst, Alexander Spermann und Klaus F. Zimmermann.

Stehen wir vor einer Renaissance der Gewerkschaften in Deutschland? Noch in den neunziger Jahren galten sie für nicht Wenige als Verteidiger verkrusteter Strukturen am deutschen Arbeitsmarkt. Im folgenden Jahrzehnt haben sie jedoch durch gemäßigte Lohnforderungen und die Flexibilisierung von betrieblichen Arbeitszeitregelungen im Rahmen von Flächentarifverträgen und durch Arbeitszeitkonten mit den Betriebsräten unter Sicherung des hohen Kündigungsschutzes das neue deutsche Erfolgsmodell mitgeformt. Spätestens das sachorientierte Handeln in Zusammenarbeit mit den Arbeitgeberverbänden in der Finanzkrise in den Jahren 2008/2009 hat gezeigt, dass das deutsche Konsensmodell und die Sozialpartnerschaft lebendig und wirksam sind. Die kooperative Grundeinstellung hat zugleich das gesamtgesellschaftliche Ansehen der Gewerkschaften deutlich aufgewertet.

Nach den Hartz-Reformen hatten die deutschen Gewerkschaften zunächst an gesellschaftspolitischem Terrain verloren, haben aber inzwischen wieder aufgeholt. Dies gelang durch die Verbesserung ihres Verhältnisses zu beiden Volksparteien und die erfolgreiche Mobilisierung ihrer Mitglieder und der Öffentlichkeit auch für durchaus umstrittene Anliegen. Deshalb ist es nicht überraschend, dass in der heutigen Großen Koalition die Anliegen der Gewerkschaften auf offene Ohren stoßen; so etwa bei der Einführung des Mindestlohnes, der Rente mit 63 oder den geplanten Einschränkungen bei der Zeitarbeit und bei der Rolle von konkurrierenden Splittergewerkschaften. Über diese Forderungen kann man im einzelnen sehr wohl streiten. Aber verantwortungsvolle Gewerkschaften mit einem klaren gesellschaftlichen Gestaltungswillen sind heute mehr denn je notwendig, da die politischen Entscheidungsprozesse immer komplexer werden. Nicht zu Unrecht findet dieser deutsche Weg der Kooperation heute überall in Europa Interesse.

Aber der DGB muss mit seinem neu gewonnen Einfluss jetzt auch umsichtig umgehen. Die Gewerkschaften stehen derzeit vor der Frage, wie sie die Interessen ihrer Mitglieder in den Kernindustrien mit der Berücksichtigung von breiteren Gemeinwohlanliegen vereinbaren können. Konzentrieren sich die Gewerkschaften allein auf die Interessen ihre Kernklientel, so werden sie mittelfristig wieder an politischen Handlungsoptionen verlieren. Auch müssen sie allein schon aus eigenem Interesse stärker als bisher versuchen, jenen Beschäftigten, die bislang nicht Gewerkschaftsmitglieder sind, überzeugende Angebote zu machen, um sie für sich zu gewinnen.

Der DGB wird sich in den nächsten Jahren auch noch stärker konstruktiv mit dem Wandel der Arbeitswelt auseinander setzen müssen, um die von ihm angestrebte ‘neue Ordnung der Arbeit’ zu verwirklichen. Dies bedeutet eine stärkere Internationalisierung der Gewerkschaftsarbeit, insbesondere in Europa. Denn die Bedeutung der globalen Wirtschaft gerade für die deutschen Arbeitsbeziehungen wird zunehmen. Erfahrungen mit den Herausforderungen der Gewerkschaften in anderen europäischen Ländern und Verständnis für deren Lösungen gewinnen an Bedeutung.

Mit den gewachsenen Flexibilitätsspielräumen der deutschen Betriebe, aber auch ihrer Beschäftigten muss mit angemessenen Formen der Regulierung umgegangen werden. Ein wichtiger Punkt wird sein, wie atypische Beschäftigung gestaltet werden kann, ohne zu einer Überregulierung des Arbeitsmarktes zu führen. Ist es zum Beispiel noch zeitgemäß, freiwillige Teilzeitarbeit als atypisch zu bezeichnen?

Auch wird sich der DGB noch mehr mit den Folgen der veränderten Demografie für unsere Arbeitswelt beschäftigen müssen. Die gilt etwa für den Bereich Aus- und Weiterbildung, die betriebliche Gesundheitspolitik, das Stichwort flexible Arbeitszeiten und Arbeitsformen oder den Abbau von psychischen Belastungen am Arbeitsmarkt, um nur einige Aspekte herauszugreifen. Auch die bessere Integration Älterer in Arbeit und Beruf, die Verhinderung von Diskriminierung in der Arbeitswelt, etwa von Menschen mit Migrationshintergrund, gehören ebenso auf diese Agenda wie die Förderung von Frauen. Hier sind kreative, neue Lösungen gefragt. Die Gewerkschaften sind ein zentraler Akteur, um dies im Dialog und in Verhandlungen mit den Arbeitgebern und der Politik gestalten zu können. Eine ganz zentrale Rolle kommt hierbei der Gestaltung der konkreten Arbeitsorganisation in den Betrieben zu.

Geht die neue DGB-Führung offen an diese Themen heran, hat der DGB alle Chancen, seine Rolle als gestaltende Kraft zu stärken. Davon würde nicht nur die Gewerkschaftsbewegung profitieren, sondern auch das Modell Deutschland.

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