Fehlkonzipiertes Experiment zum bedingungslosen Grundeinkommen

Alexander Spermann

Alexander Spermann

„Was würdest du tun? Mit 1.000 Euro zusätzlich würde ich…“ lauten die zentralen Fragen eines Experiments mit dem bedingungslosen Grundeinkommen, das derzeit in Berlin angestoßen wird. Die Initiatoren nutzen das seit dem Obama-Wahlkampf bekannte „Crowdfunding“, um einer per Losverfahren ermittelten Person für ein Jahr ein Grundeinkommen von 1.000 Euro monatlich zu finanzieren. Bis heute sind dafür bereits über 10.000 Euro zusammengekommen.

Auf den ersten Blick mutet dieses Experiment als pfiffige Idee an, um mehr darüber zu erfahren, was die Menschen mit einem Grundeinkommen machen würden: Sich mehr ehrenamtlich engagieren, weniger gestresst arbeiten, einen Bonbonladen aufmachen – das sind die auf der Projekt-Homepage mein-grundeinkommen.de genannten ersten Ideen der Initiatoren und Reaktionen der Besucher der Seite.

Auf den zweiten Blick erweist dieses Experiment der Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens jedoch einen Bärendienst, denn es ist aus drei Gründen kontraproduktiv. Erstens ist die Frage falsch: Es geht nicht darum, zusätzlich 1.000 Euro pro Monat zu erhalten, vor allem nicht „on top“ zu bestehenden Grundsicherungsleistungen. Nein, bei einem bedingungslosen Grundeinkommen stehen lediglich 1.000 Euro im Monat zur Verfügung – und die interessanten Fragen sind: Wird eine Ausbildung dann noch angestrebt? Wird ein begonnenes Studium abgebrochen? Wird ein Job mit geringem Einkommen hingeworfen? Diese Fragen können mit diesem Experiment nicht beantwortet werden.

Zweitens wird lediglich einer Person ein so genanntes Grundeinkommen (de facto ein Geldgeschenk von 12.000 Euro verteilt auf 12 gleiche Monatsraten) zugelost. Um Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge messen zu können, müssten zum Beispiel zehntausend 18-Jährige zufällig ausgewählt werden und mit mehreren Kontrollgruppen über einen Zeitraum von zehn Jahren untersucht werden. Das klingt utopisch, aber in dieser Größenordnung wurde bereits in den neunziger Jahren ein Experiment mit Einkommenszuschüssen in Kanada durchgeführt – aus diesem Experiment haben Ökonomen und Politiker viel gelernt für die Ausgestaltung der Grundsicherung.

Drittens wird der Geldbetrag von 12.000 Euro lediglich für ein Jahr gewährt. Der Charme des bedingungslosen Grundeinkommens liegt jedoch darin, dass die Menschen die Gewissheit haben, ohne Bedürftigkeitsprüfung auf jeden Fall 1.000 Euro im Monat zur Verfügung zu haben – ein Leben lang. Und die spannende Frage ist: Wie verhalten sie sich dann? Aus einem Feldexperiment in Namibia, das wegen fehlender Kontrollgruppen lediglich bedingt aussagefähig ist, ist bekannt, dass die Menschen aktiv werden – und sich nicht in die Hängematte legen. Insbesondere stieg die Zahl der Selbständigen um 300 Prozent an. Dabei ging es nicht um Bonbonläden, sondern um Ziegelproduktion, Bäckerei und Schneiderei.

Richtig ist: Die Wirkungen eines bedingungslosen Grundeinkommens müssen ernsthaft und langfristig in Experimenten untersucht werden. Vielleicht schlummert in dieser Vision ein Potenzial für die Weiterentwicklung unseres Grundsicherungssystems. Aber dieses Berliner Experiment ist – freundlich formuliert – nicht zielführend.

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