Rifkin prophezeit das Ende des Kapitalismus

Alexander Spermann

Alexander Spermann

Fast zwanzig Jahre nach seinem Bestseller „Das Ende der Arbeit“ legt der weltberühmte Zukunftsforscher Jeremy Rifkin nach – und prophezeit im Spiegel-Interview in dieser Woche das Ende des Kapitalismus. „Bis 2050 werden Kollektive nach und nach Unternehmen und Privatwirtschaft verdrängen“, sagt er. Beispiele gefällig? Die gemeinsame Nutzung von Autos, von Bildung via Massen-Onlinekursen, das Teilen von Wohnungen über eine Onlineplattform. Weiterhin sind wir „auf dem Weg in eine Art Kostenlos-Gesellschaft“. Beispiel Musikmarkt: „Es macht keinen Unterschied, tausend oder eine Million Musikalben zu vertreiben“. Zur Zeit ist – wie zuletzt bei der ersten industriellen Revolution – ein Paradigmenwechsel zu beobachten. Denn es sind wieder drei Komponenten beobachtbar:“ Neue Formen der Kommunikation, um die Wirtschaft zu managen; neue Formen der Energie, um sie anzutreiben; und neue Transport- und Logistikmechanismen“. Wer mehr wissen will, sollte sein 528 Seiten starkes Buch lesen, am besten noch ergänzend sein 300 Seiten Buch zur dritten industriellen Revolution (2011), vielleicht noch ergänzt durch sein 670 Seiten Buch „Die empathische Zivilisation“ (2010). Nach 1500 Seiten Rifkin-Lektüre ist man fit für die Zukunft, oder?

Ein Blick zurück auf Rifkins Prophezeiung von 1995 erspart unter Umständen eine allzu ausführliche Lektüre. Damals schrieb er im Brustton der Überzeugung: „Das Informationszeitalter hat begonnen, und dank immer leistungsfähigerer Computerprogramme werden wir schon bald in einer Welt ohne Arbeit leben“. Seiner Meinung nach war es unmöglich, dass der Dienstleistungssektor die Arbeitslosen des Industriesektors aufnehmen kann. Denn selbst der Dienstleistungssektor war zum damaligen Zeitpunkt von Automatisierung betroffen. Rifkin (1995) beschreibt Scanning Dienste, Kreditkarten, Kassenautomaten, Geldautomaten, Voice-Mail-Systeme und Laptops – damals Zukunftsmusik, heute Alltag. Richtig, es gingen sehr viele Jobs verloren. Aber weshalb ist die Beschäftigung in Deutschland heute höher denn je? Weshalb entstehen laufend neue Jobs im Dienstleistungsbereich? Weshalb hat sich der Pessimismus von Rifkin zumindest in Deutschland nicht bewahrheitet?

Weil sich Gesellschaften durch technologischen Wandel offensichtlich nicht zwangsläufig in eine Richtung entwickeln müssen – ein pessimistisches Szenario klingt zwar plausibel, ist jedoch nur eine mögliche Entwicklungsrichtung. Das Ende der Arbeit ist nicht gekommen – und wird auch nicht kommen. Es fehlt uns einfach die Fantasie, die neuen Jobs zu denken. In einer Zeit mit einem Anteil der Landwirtschaft von 70 Prozent an der Wertschöpfung können sich die Menschen nicht eine Welt mit  einem Anteil von 70 Prozent Dienstleistung vorstellen. Genauso wenig konnte sich Marx im 19. Jahrhundert vorstellen, dass der Kapitalismus anpassungsfähig ist. Das Ende des Kapitalismus wird nicht kommen, wohl aber eine ständige Veränderung seiner Spielregeln. Wer Rifkins These als Denkanstoß nimmt, um die hiesigen Institutionen weiterzuentwickeln, liegt richtig. Denn lösbare Probleme liegen genügend auf dem Tisch.

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