Mindestlöhne beeinflussen das Jobwachstum auf lange Sicht

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Jonathan Meer zu Gast am IZA

Wie wirken Mindestlöhne auf die Beschäftigung? Unter Ökonomen gibt es kaum ein anderes Thema mit derart unterschiedlichen Meinungen, Studien und Politikempfehlungen. Jonathan Meer (Texas A&M University) und Jeremy West (MIT) sagen: Es wird dabei zu sehr auf kurzfristige Jobverluste geschaut – die “wahre Gefahr” ist eine langfristig zurückgehende Beschäftigungsdynamik.

Nach seinem Vortrag im IZA-Forschungsseminar sprachen wir mit Jonathan Meer.

Manche halten den Mindestlohn für zwingend notwendig, andere bezeichnen ihn als Jobkiller. Was ist Ihre Einschätzung?

Meer: In meinen Augen ist der Mindestlohn das falsche Instrument, um ein richtiges und wichtiges politisches Ziel zu erreichen – die Umverteilung von Ressourcen zugunsten von bedürftigen Mitgliedern der Gesellschaft. Meine Forschung mit Jeremy West zeigt, dass die Effekte weniger offensichtlich sind als oft unterstellt. Denn der Mindestlohn bewirkt zwar möglicherweise keine massiven, unmittelbar messbaren Arbeitsplatzverluste. Aber er beeinflusst auf Dauer das Beschäftigungswachstum. Das Problem ist also weniger, dass Menschen aufgrund des Mindestlohns ihren Job verlieren, sondern dass sie gar nicht erst eingestellt werden. Und das ist vor allem deswegen so problematisch, weil die frühen Erfahrungen als Berufseinsteiger oft entscheidend sind für die spätere Karriere.

Deutschland hat im Januar 2015 einen gesetzlichen Mindestlohn eingeführt. Was ist bei der Evaluierung der Folgen zu beachten?

Meer: Um die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt seriös bewerten zu können, gilt es das Verhalten von Unternehmen, Beschäftigten, aber auch von Arbeitslosen sorgfältig zu analysieren. Höhere Arbeitskosten bewirken eine Kombination aus drei möglichen Reaktionen: Die Verbraucherpreise steigen, die Unternehmensgewinne gehen zurück, oder die Beschäftigungsverhältnisse werden angepasst – etwa durch geringere Stundenzahlen oder gestrichene Lohnzusatzleistungen. Hier muss man genau hinschauen, was sich für die Betroffenen ändert.

Wichtig ist auch, die Effekte des Mindestlohns getrennt für verschiedene Untergruppen zu betrachten. Je schlechter die Menschen im Arbeitsmarkt integriert sind, desto stärker werden sie die negativen Folgen zu spüren bekommen. Denn Fakt ist: Arbeitgeber wollen – und können – nicht mehr bezahlen, als der Arbeitnehmer an Wert erwirtschaftet. Ein hoher Einstiegslohn bedeutet, dass Unternehmen sich noch stärker darauf konzentrieren müssen, die produktivsten Mitarbeiter zu finden. Auf der Verliererseite stehen dann die Menschen mit geringem Qualifikationsniveau, unterbrochenen Erwerbsbiografien (etwa durch Haftstrafen) oder anderen Einschränkungen.

Außerdem muss man natürlich die Ausweichstrategien der Arbeitgeber im Auge behalten. Gerade im Osten Deutschlands könnten sich manche Unternehmen verstärkt in Richtung Polen orientieren, wo der Mindestlohn unter drei Euro liegt.

Was gibt es denn für Alternativen, um sicherzustellen, dass die Menschen von ihrer Arbeit auch leben können?

Meer: Von der Verteilungswirkung her sind Lohnsubventionen ein weit geeigneteres Instrument. In den USA haben wir festgestellt, dass unter den Mindestlohnempfängern sehr viele Schüler, Studenten und Zweitverdiener aus wohlhabenden Haushalten sind. Steuerfinanzierte Lohnsubventionen, etwa nach Vorbild des amerikanischen EITC, können dagegen gezielt den wirklich bedürftigen Geringverdienern gewährt werden.

Es ist im übrigen nicht ganz einleuchtend, warum der Arbeitgeber für das allgemeine Wohl von Geringverdienern verantwortlich gemacht werden sollte. Nach dieser Logik müsste ein Unternehmen seine Löhne bedarfsorientiert staffeln – also der alleinerziehenden Mutter mit drei Kindern mehr bezahlen als dem verheirateten Vater mit nur einem Kind. Lohnsubventionen sind der bessere Weg, weil sie durch ihre Steuerfinanzierung primär von den Besserverdienern getragen werden – und dabei die Einstellungschancen von benachteiligten Arbeitsmarktgruppen nicht schmälern.

Bildquelle: IZA
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