Qualifizierte Zuwanderung: Was kann Deutschland von Australien lernen?

In Deutschland herrscht derzeit eine intensive öffentliche Debatte über das Für und Wider eines Zuwanderungsgesetzes zur verstärkten Gewinnung von ausländischen Fachkräften. Oft wird Kanada als Vorbild diskutiert, doch es lohnt sich einen genaueren Blick auch auf Australien zu werfen.

aus-interviewIZA-Direktor Klaus F. Zimmermann und die australischen Experten Deborah Cobb-Clark (University of Melbourne) und Massimiliano Tani (IZA und UNSW Canberra) geben im IZA Newsroom Antworten auf die Frage, welche Lehren Deutschland aus den langjährigen Erfahrungen Australiens ziehen kann.

Im Vergleich zu Deutschland scheint Australien keine Schwierigkeiten zu haben, hoch qualifizierte Migranten zu gewinnen. Woran liegt das?

Cobb-Clark: Als englischsprachiges Land haben wir natürlich einen klaren Vorteil gegenüber Deutschland. Wichtig ist aber auch die australische Tradition, offen gegenüber Einwanderern zu sein. Jeder vierte Australier ist im Ausland geboren, und 40 Prozent der Bevölkerung sind Migranten der ersten und zweiten Generation. Das prägt eine Gesellschaft.

Zimmermann: Was mich bei meinen Besuchen in Australien immer besonders beeindruckt, ist die sprichwörtliche „Entspanntheit“ der Australier, die sich auch in einer offenen Haltung gegenüber Menschen anderer Kulturen ausdrückt. Deutschland fehlt es im Vergleich dazu eindeutig an der nötigen „Willkommenskultur“.

Tani: Was Deutschland qualifizierten Migranten deutlich machen muss: Deutschland ist nicht nur ein Land, das Fachkräfte sucht, sondern man kann dort auch gut leben! Die Webseite des australischen Ministeriums für Immigration macht die zentrale Botschaft „Kommt nach Australien, um hier zu leben“ ganz offensiv und selbstbewusst zum Mittelpunkt und stellt erst in zweiter Linie die Regeln vor, wer sich für ein Visum bewerben kann und wer nicht.

Zimmermann: Ein guter Punkt. In Deutschland gibt es bislang gar kein solches Ministerium. Die Verantwortung für Migrationsfragen wurde auf mehrere Bundesministerien aufgeteilt. Es wäre weit effektiver, sie endlich in einem Ministerium für Migration und Integration zu bündeln.

Der deutsche Innenminister sieht ebenfalls ein Problem in der Vermarktung, hält aber Gesetzesänderungen, insbesondere ein Punktesystem, für unnötig.

Tani: Natürlich muss es vor allem um ein besseres Marketing gehen, wenn man nicht wie Australien und Kanada den Luxus hat, dass qualifizierte Zuwanderer Schlange stehen. Um aber dafür zu sorgen, dass die Zuwanderung in geordneten Bahnen verläuft, braucht man flexibel anpassbare gesetzliche Regelungen. Für Kanada und Australien haben sich Punktesysteme als äußerst hilfreich erwiesen, die „richtigen“ Zuwanderer auszuwählen und zugleich einen Missbrauch der offenen Zuwanderungsregeln zu verhindern.

Zimmermann: Diese doppelte Funktion eines Punktesystems als „Anreiz“ und gleichermaßen als „Filter“ findet in der aktuellen deutschen Debatte noch zu wenig Beachtung. Qualifizierte Migranten, die daran interessiert sind einzuwandern, können auf diese Weise sofort herausfinden, ob sie die nötigen Kriterien erfüllen oder nicht. Gleichzeitig kann eine klare Selektion stattfinden, die auf den ökonomischen Bedürfnissen eines Landes basiert und somit die Akzeptanz in der Gesellschaft steigert.

Vom Punktesystem einmal abgesehen, inwiefern unterscheidet sich der australische Ansatz vom deutschen?

Tani: Australien ist sehr flexibel im Umgang mit Migration. Eine Besonderheit ist die sogenannte „On-shore“-Option: Befindet man sich bereits legal im Land, kann man sich zwischen mehreren Visumskategorien entscheiden und in diese wechseln – vorausgesetzt, man erfüllt die jeweiligen Kriterien. Auch als Tourist ist dies bereits möglich. Viele Menschen kommen zunächst als temporäre Migranten mit befristeten Arbeitsvisa nach Australien. Sie können auf diese Weise das Land kennenlernen. Sollten sie sich entscheiden zu bleiben, können unbürokratisch Anträge für einen Daueraufenthalt gestellt werden.

Cobb-Clark: Hinzu kommt, dass Australien sehr großzügige Angebote hinsichtlich der Einbürgerung von Zuwanderern macht. Wir ermutigen Migranten schon nach einem zweijährigen ununterbrochenen Aufenthalt dazu, sich um die australische Staatsbürgerschaft zu bewerben.

Welche Rolle spielen Universitäten und Arbeitgeber bei der Anwerbung hochqualifizierter Zuwanderer?

Cobb-Clark: Bildung ist aktuell unser drittgrößtes Exportgut – gleich nach Kohle und Eisenerz. Australische Universitäten warten nicht einfach ab, dass die Leute zu uns kommen, sondern wir rekrutieren Studierende direkt im Ausland, vor allem in Asien. Außerdem arbeiten wir mit Unternehmen zusammen, die interessierten Studierenden Praktika anbieten.

Zimmermann: Auch die deutschen Arbeitgeber könnten nach australischem Vorbild stärker mit Universitäten zusammenarbeiten, um Studierende für Deutschland zu gewinnen, die zu unseren Arbeitsmarktbedürfnissen am besten passen. Es hat schon lange genug gedauert, bis Deutschland immerhin eine Übergangsfrist für ausländische Hochschulabsolventen eingeführt hat, damit diese im Land bleiben und nach einem Job suchen können. Wir müssen hier ein stärkeres Zeichen setzen und ausländischen Studierenden zeigen, dass sie willkommen sind, um hier zu leben und zu arbeiten.

Tani: Viele Migranten in Australien kamen zunächst zum Studium ins Land, bevor sie dann dauerhafte Einwohner wurden. Vor allem in den 2000er Jahren war dies der Fall, als internationale Studierende im Rahmen des Auswahlverfahrens für Zuwanderer zusätzliche Punkte bekommen konnten, indem sie einen akademischen Abschluss in Australien machten. Inzwischen wird ein stärkerer Akzent auf die vom Arbeitgeber initiierte Zuwanderung zur sofortigen Arbeitsaufnahme gelegt.

Auf welche Weise passt Australien seine Einwanderungsregeln den Erfordernissen an?

Tani: Schon seit den 1980er Jahren legt Australien großen Wert darauf, systematisch Daten zum Profil seiner Migranten und zu ihrem ökonomischen und sozialen Integrationserfolg zu erheben. Anhand dieser Daten wird auf wissenschaftlicher Grundlage die Effektivität der Migrationspolitik evaluiert. Das Zuwanderungsministerium überprüft kontinuierlich die Zielgenauigkeit der zentralen Visumsprogramme und führt die für notwendig erachteten Anpassungen durch.

Cobb-Clark: Die „Produktivitätskommission“ der australischen Regierung untersucht darüber hinaus auch die Trends internationaler Migrationsströme und die Auswirkungen von Migration auf das Qualifikationsniveau der australischen Bevölkerung und den Arbeitsmarkt. Dass der Wissenschaft so reichhaltige und detaillierte Daten zur Verfügung stehen, hat auch damit zu tun, dass Australien eine Insel ist: Dadurch haben wir einen genauen Überblick, wer wann ins Land kommt oder wieder ausreist.

Gegen Flüchtlinge, die per Schiff einreisen, geht Australien aber hart vor…

Cobb-Clark: Das ist in der Tat ein politisch äußerst heikles Thema. Flüchtlinge, die nicht im Rahmen der UN-Flüchtlingskonvention einreisen, werden sofort ausgewiesen oder oft viele Jahre in Flüchtlingscamps außerhalb Australiens eingesperrt. Dahinter steckt kein grundsätzlicher Widerwille, sich mit dem Flüchtlingsproblem auseinanderzusetzen, sondern eher die Sorge, dass viel mehr Menschen sich ermutigt fühlen könnten, eine oft tödlich endende Reise über See nach Australien auf sich zu nehmen. Denn der Seeweg nach Australien ist besonders gefährlich – selbst wer das Festland erreicht, strandet womöglich fernab jeglicher Zivilisation.

Tani: Diese Abschreckungspolitik kostet Australien allerdings jedes Jahr über eine Milliarde Dollar. Australien differenziert eben sehr genau zwischen legalen und illegalen Zuwanderern. Sogar Touristen mit abgelaufenen Visa riskieren, in Abschiebehaft zu landen. Für die überwiegende Mehrheit der sich legal im Land aufhaltenden Menschen gibt es dagegen viele Freiheiten, Australien „auszuprobieren“, sich hier niederzulassen, in den Arbeitsmarkt zu integrieren und ein vollständig akzeptiertes, gleichberechtigtes Mitglied der australischen Gesellschaft zu werden.

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Bildquelle: IZA
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