Jugendarbeitslosigkeit: Ursachen und Lösungen

jugendarbeitslosigkeitJeder fünfte Jugendliche in Europa hat keinen Arbeitsplatz – in manchen Krisenländern sogar jeder zweite. Um die Ursachen dieser Entwicklung und mögliche Lösungsansätze zu diskutieren, richtete das IZA kürzlich einen internationalen Workshop zum Thema “Which Institutions Promote Youth Employment?” in Bonn aus.

Wir sprachen zum Thema mit IZA-Fellow Bart Cockx, Wirtschaftsprofessor an der belgischen Universität Gent.

Wer ist schuld an der Rekord-Jugendarbeitslosigkeit in Europa?

cockxBart Cockx: Die Jugendarbeitslosigkeit ist in der Tat erschreckend hoch. Das ist aber selbst in diesem Ausmaß kein gänzlich neues Phänomen. Schon 1984, 1994 und 2004 konnten wir in Teilen Europas ähnlich hohe Quoten beobachten.

Junge Menschen sind stets die Hauptleidtragenden von Rezessionen. Wenn Arbeitgeber in Krisenzeiten Personal abbauen müssen, sind davon in der Regel zuerst die jüngeren, weniger erfahrenen Mitarbeiter betroffen. Und wenn die Unternehmen mit Neueinstellungen zurückhaltend sind, bleiben die Berufseinsteiger auf der Strecke. Generell trifft es geringqualifizierte Jugendliche am härtesten, weil gut ausgebildete junge Menschen zeitweise einen Job auch unterhalb ihres Qualifikationsniveaus annehmen können.

Insofern: „Schuld“ an der hohen Jugendarbeitslosigkeit ist die Wirtschaftskrise. Dass wir es mit Rekordzahlen zu tun haben, liegt schlicht daran, dass die jüngste Wirtschaftskrise eine besonders schwere war.

Droht also eine „verlorene Generation“?

Cockx: Die Forschung zeigt, dass Berufseinsteiger in Krisenzeiten tatsächlich langfristige Nachteile in Kauf nehmen müssen. Wie beständig dieser negative Effekt ist, hängt jedoch von der individuellen Qualifikation und der Rigidität des Arbeitsmarktes ab. Zum Beispiel hat ein gut ausgebildeter Jugendlicher auf dem relativ flexiblen US-Arbeitsmarkt moderate Einkommensnachteile, die sich nach etwa zehn Jahren aufgelöst haben. Der erste Job in Krisenzeiten ist häufig wenig attraktiv mit geringen Karrierechancen. Damit diese benachteiligte Generation aufschließen kann, muss sie sich besonders intensiv weiterbilden und sich aus dem Job heraus auf neue Stellen bewerben.

Für geringqualifizierte Jugendliche sind die negativen Folgen der Krise zunächst größer, wirken jedoch weniger lange nach. Das liegt daran, dass der US-Arbeitsmarkt für Geringqualifizierte fast wie ein „Spotmarkt“ funktioniert, wo sich die Beschäftigung rasch an neue wirtschaftliche Rahmenbedingungen anpasst. Zudem wirkt sich bei Geringqualifizierten kurzfristige Arbeitslosigkeit weniger stark auf die langfristige Karriere aus, da hier die negativen Auswirkungen der durch Arbeitslosigkeit entgangenen Arbeitserfahrung weniger ins Gewicht fallen.

Welche Forschungsergebnisse haben Sie auf dem Workshop präsentiert?

Cockx: Meine Forschung beschäftigt sich mit den Kriseneffekten in Belgien. Das ist ein spezieller Fall, weil der belgische Arbeitsmarkt als extrem unflexibel gilt und eine sehr geringe Fluktuation aufweist. Dadurch halten die negativen Kriseneffekte hier besonders lange an. Wir haben herausgefunden, dass die Einkommensnachteile im Gegensatz zu Nordamerika im hochqualifizierten wie auch im geringqualifizierten Bereich länger als zehn Jahre andauern. Bei den Geringqualifizierten liegt das nicht an niedrigeren Stundenlöhnen, sondern an häufigerer Arbeitslosigkeit, die sich wiederum in langfristigen Einkommenseinbußen niederschlägt.

Ein Hauptgrund ist der sehr hohe Mindestlohn in Belgien, der als Einstellungshindernis für geringqualifizierte Jugendliche wirkt. Hochqualifizierte oberhalb des Mindestlohnniveaus sind dagegen häufig gezwungen, Jobs unterhalb ihrer Qualifikation anzunehmen. Im Vergleich zu den USA dauert der Aufholprozess in Belgien deutlich länger, weil der hohe Kündigungsschutz die Fluktuation bei hochqualifizierten Jobs eindämmt – und damit auch die Aufstiegschancen in besser bezahlte Tätigkeiten behindert.

Was kann die Politik tun?

Cockx: Generell sollte die Politik darauf abzielen, die Wahrscheinlichkeit, Schwere und Dauer von Wirtschaftskrisen zu reduzieren. Es geht also gar nicht primär um Maßnahmen, die speziell auf Jugendliche ausgerichtet sind. Kommt es dennoch zur Krise, müssen die Folgen für die junge Generation abgemildert werden. Hauptziel muss dabei sein, dass Jugendliche ihre Ausbildung abschließen können – mit Hilfe staatlicher Unterstützung für die Betroffenen selbst oder für Arbeitgeber, die Ausbildungsplätze und Weiterbildungsmaßnahmen anbieten.

Auch eine Flexibilisierung des Arbeitsmarktes trägt dazu bei, die krisenbedingten Karrierenachteile zu verringern. Die Herausforderung liegt natürlich darin, Flexibilität nicht auf Kosten der Jobsicherheit zu schaffen. „Flexicurity“ nach skandinavischem Vorbild oder auch der „einheitliche Arbeitsvertrag“ als Modell, um die Kluft zwischen dauerhafter und befristeter Anstellung zu verringern, sind vielversprechende Konzepte – auch wenn über deren optimale Ausgestaltung noch gestritten wird. Allerdings erfordern solche Strukturreformen meist grundlegende Veränderungen der institutionellen Rahmenbedingungen, was sie politisch schwer durchsetzbar macht.

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Bildquelle: IZA
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