Arbeit hat Zukunft – Wie sich die Gewerkschaften den neuen Herausforderungen stellen

arbeitderzukunftBuchbesprechung:
Reiner Hoffmann/Claudia Bogedan (Hrsg.), Arbeit der Zukunft: Möglichkeiten nutzen – Grenzen setzen, Frankfurt/New York (Campus) 2015

von IZA-Direktor Klaus F. Zimmermann

Die Gewerkschaften stehen in der modernen Arbeitswelt vor großen Herausforderungen. Kaum sind die mit dem Schlagwort der „Flexibilisierung“ verknüpften Veränderungen so recht bewältigt, tritt mit der „Digitalisierung“ ein neuer Wandel ein, dessen Ausmaß sich gerade erst abzuzeichnen beginnt. Für die gesamte Arbeitswelt ist es wichtig, wie die Gewerkschaften ihre Rolle in der konstruktiven Begleitung und Gestaltung der anstehenden Veränderungsprozesse interpretieren.

Neue Rationalisierungsschübe, neue Berufsbilder, neue Qualifikationsanforderungen, aber auch neue Möglichkeiten zur Wahl von Arbeitszeit und Arbeitsort werden die Folge der „Industrie 4.0“ sein. Auch Berufsfelder, die heute noch zu guten Teilen ohne anspruchsvolle technische Unterstützung auskommen, werden von der Digitalisierung unweigerlich erfasst werden. Das „lebenslange Lernen“ wird für uns alle vom Schlagwort zur Realität werden.

Pessimisten argwöhnen nun, die „Entgrenzung“ und die technisch mögliche Allgegenwart der Arbeit berge vor allem Risiken mit Blick auf (Selbst-)Ausbeutung und Überlastung. Dagegen verweisen Optimisten auf die Chancen, mit Hilfe der Technologie dem Menschheitstraum einer flexibel auf die individuellen Bedürfnisse orientierten Arbeitswelt näher zu kommen.

Gewerkschaften haben die Zeichen der Zeit erkannt

Wenn Fachkräfte aufgrund der demografischen Umwälzungen zum knappen Gut werden und zugleich viele hunderttausend Flüchtlinge ins Land kommen, macht das eine umsichtige Bildungs-, aber auch eine planvolle Migrations- und Integrationspolitik sowie Konzepte für mehr soziale Chancengleichheit notwendiger denn je.

Die Gewerkschaften stehen am Scheideweg: In der unübersichtlicher werdenden Arbeitswelt fällt weder die allgemeingültige Vertretung von diversifizierten Arbeitnehmerinteressen noch die Gewinnung neuer Mitglieder leicht. Virtuelle soziale Netzwerke könnten sich zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz als Partner virtueller Belegschaften entwickeln. Zugleich sorgen einige Gewerkschaften durch ihre kleinteilige Spartenorganisation häufig genug selbst dafür, dass übergeordnete Strategien auf dem Altar partikularer Interessen geopfert werden.

Vor diesem Hintergrund lotet ein von DGB-Chef Reiner Hoffmann und Claudia Bogedan (Hans-Böckler-Stiftung) herausgegebenes Buch die „Arbeit der Zukunft“ aus. Der Titel ist durchaus doppelsinnig zu deuten, geht es doch nicht nur um die Arbeitswelt im engeren Sinne, sondern um die konkreten Aufgabenstellungen der Gewerkschaften. Der Band bietet in insgesamt 28 thematisch breit gefächerten Beiträgen keineswegs nur bekannte gewerkschaftsnahe Positionen an, sondern vermittelt, dass verstanden wurde, wie viel Arbeit in der Tat auf die Gewerkschaften zukommt. Deutlich wird, dass der Deutsche Gewerkschaftsbund die Zeichen der Zeit offenbar erkannt hat und bereit scheint, alte gewerkschaftliche Denkmuster zu verlassen, die sich ebenso überlebt haben wie rituelle Denkschablonen auf Seiten von Arbeitgeberverbänden.

Neue Arbeitsformen erfordern Umdenken

Man mag mit Hoffmann, der sein Credo zur Zukunft der Arbeit an den Anfang des Bandes stellt, darüber streiten, ob es Sache deutscher Gewerkschaften sein sollte oder nicht doch eine Überforderung darstellt, in aller Welt für „gute Arbeit“ und gegen Ausbeutung zu streiten. Das eigentliche gewerkschaftliche Kerngeschäft, das doch primär in der Sicherung angemessener Arbeitsbedingungen und sozialer Sicherung in Deutschland und Europa bestehen müsste, wird jedenfalls in nächster Zeit schwierig genug. Hoffmanns Thesen zur Gestaltung der technologischen Arbeitswelt, zur Versöhnung von Ökologie und Ökonomie, zum Stellenwert von Mobilität und Migration sowie zur weiteren Flexibilisierung im Sinne von mehr (Lebens-)Arbeitszeitsouveränität der Beschäftigten lassen dessen ungeachtet erkennen, dass das neue Denken in den Gewerkschaften angekommen ist. „Moderne Maschinenstürmerei hilft niemandem“, macht Hoffmann deutlich und schreibt damit den Skeptikern in den eigenen Reihen ins Pflichtenheft, den Wandel konstruktiv mitzugestalten und beispielsweise auch das so genannte „Crowdworking“ als neue Form internetbasierter Kooperation von Arbeitnehmer-Selbstständigen nicht zu verteufeln.

Wirtschaftsinformatiker der Universität Kassel um Jan Marco Leimeister analysieren genau dieses Format eines internetbasierten Arbeitsmodells der Zukunft. Mit dem virtuellen Zusammenschluss von Einzelanbietern zu einer Online-Plattform bieten sich nicht zuletzt auch neue Chancen für besonders schlanke Firmenneugründungen, die diese Angebote konsequent nutzen, um Qualitäts-, Geschwindigkeits- und Kostenvorteile im Wettbewerb zu erzielen. Die Autoren weisen aber auch nüchtern auf die Probleme von Crowdworkern etwa hinsichtlich der Verwischung von Arbeits- und Freizeit und der ungelösten „Interessenvertretung im Netz“ hin.

Ausbildung, Arbeitszeiten und Erwerbsbiografien im Wandel

Sabine Pfeiffer (Universität Hohenheim) charakterisiert den wichtigen Beitrag des dualen Ausbildungssystems zur Innovationsfähigkeit Deutschlands und sieht den Trend zur Akademisierung kritisch. Erst durch das Zusammenwirken von Akademikern und praktisch ausgebildeten Fachkräften könnten relevante Innovationen in ausreichendem Maße entstehen. Die Zukunftsfestigkeit des dualen Systems zeige sich in dessen modularer Erweiterbarkeit beispielsweise um duale Hoch- der Fachhochschulkurse, aber auch in der unter maßgeblicher Mitwirkung der Gewerkschaften verhandelbaren Lerninhalte.

Mehrere Buchbeiträge hinterfragen die Möglichkeiten einer innovativen Arbeitszeitpolitik (Hartmut Seifert, Hans-Böckler-Stiftung), skizzieren – sehr lesenswert – die Notwendigkeit einer an immer stärker diversifizierten Lebensläufen orientierten Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik (Christina Klenner und Karin Schulze Buschoff, Hans-Böckler-Stiftung) oder plädieren für eine „Neuordnung von Arbeit und Leben“ (Kerstin Jürgens, Universität Kassel) im Sinne „atmender Lebensverläufe“ in einem familien- und pflegefreundlichen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umfeld (Karin Jurczyk, Deutsches Jugendinstitut).

Aus einem facettenreichen, gelegentlich zu Widerspruch reizenden Sammelband sind ferner die Beiträge von Herbert Brücker (IAB) zum Stellenwert von Migration und Integration sowie von Ulrich Walwei (IAB) zur Frage „Was ist heute normal an Arbeit?“ hervorzuheben.

Zu den Möglichkeiten, die Beschäftigten an den Produktivitätszuwächsen durch immer intelligentere Maschinen auch durch Kapitalbeteiligungen partizipieren zu lassen, schweigt sich das Buch interessanterweise aus. Dennoch: Eine klare Leseempfehlung für Leser, die einen differenzierten Blick auf die Arbeit der Zukunft nicht scheuen.

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Eine leicht gekürzte Fassung dieser Buchbesprechung erschien am 12. Oktober 2015 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Bildquelle: Campus-Verlag
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