Flüchtlingsintegration: Spracherwerb und Praktika kombinieren

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Phoenix “Der Tag”, 3.11.2015

„Wir schaffen das – wenn wir richtig viel Geld in die Hand nehmen…“, hätte die Kanzlerin nach Ansicht von Alexander Spermann sagen sollen. Heute zu investieren, um die Fachkräfte von übermorgen auszubilden, sei jedenfalls der richtige Weg, erklärte der Arbeitsmarktpolitikdirektor des IZA bei Phoenix.

Die Flüchtlingskrise biete die einmalige Chance, überholte Regelungen über Bord zu werfen, die Arbeitsmarktintegration verhindern, wie beispielsweise die „unsägliche Vorrangprüfung“. Die Ausbildungs- und Einstellungsbereitschaft der Unternehmen sei groß, doch mangele es zum Teil noch an Wissen über bestehende Möglichkeiten, Flüchtlinge im Rahmen von Praktika zu qualifizieren, ohne den gesetzlichen Mindestlohn zahlen zu müssen.

So sind Orientierungspraktika in den ersten drei Monaten, Betriebspraktika bis zu zehn Monaten im Rahmen der Berufsvorbereitung sowie Langzeitpraktika zwischen sechs und zwölf Monaten vom Mindestlohn ausgenommen. Bei Direkteinstellungen können zudem befristete Eingliederungszuschüsse beantragt werden. Allerdings bräuchten die Unternehmen die Sicherheit, dass von ihnen ausgebildete Flüchtlinge nicht während oder unmittelbar nach der Ausbildung abgeschoben werden.

Verknüpfung von Online-Deutschkursen und Betriebspraktika

Die Grundvoraussetzung für ein Praktikum seien deutsche Sprachkenntnisse auf mindestens dem niedrigsten Niveau A1. In diesem Zusammenhang wies Spermann bei SWR Info erneut auf das vielversprechende Instrument der Online-Sprachkurse hin: Flüchtlinge, nicht nur aus arabischsprachigen Ländern, können bereits heute in vielen Erstaufnahmeeinrichtungen mit kostenlosem WLAN-Zugang per Smartphone Deutsch lernen. Das kostenlose Lernportal des Deutschen Volkshochschulverbands bietet eine Vielzahl von Videos für die unteren Sprachniveaus A1 bis B1. Weitere Möglichkeiten sind auf dem informativen Flüchtlingsportal der Deutschen Telekom zusammengefasst.

Die Herausforderung bestehe darin, freiwillige Sprachcoaches mit den Lernwilligen zusammenzubringen, so Alexander Spermann:

Die Erfahrung mit Online-Lernen in den letzten fünfzehn Jahren zeigt: Die Abbrecherquoten sind hoch, wenn nur online gelernt wird. Der Mix aus Präsenz- und Online-Kursen bringt den Erfolg. Aber was tun, wenn die begehrten Plätze in Kursen nicht zur Verfügung stehen? Deutschsprechende Online-Coaches aus der ganzen Welt könnten Abhilfe schaffen: Es reicht, 15 Minuten am Tag per Skype mit einem individuellen Coach deutsch zu sprechen. Die Hilfsbereitschaft ist groß, nur das Zusammenführen von Lernwilligen und Lehrbereiten muss organisiert werden. Ein entsprechendes Lernportal ist ein lohnendes Projekt für eine Kooperation von Staat und Privatwirtschaft. Deutschlernen ohne Perspektive auf dem Arbeitsmarkt ist jedoch demotivierend. Sinn macht daher die Verknüpfung von Sprachkompetenzerwerb und Praktika.

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