Flüchtlinge zügig in den Arbeitsmarkt integrieren, aber nicht auf Kosten von Langzeitarbeitslosen

Alexander SpermannDie Integration von Flüchtlingen in den deutschen Arbeitsmarkt erfordert massive Investitionen insbesondere im Bildungsbereich. Zugleich bietet die aktuelle Krise die Chance, überholte Arbeitsmarktregeln zu reformieren. Wenn Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft an einem Strang ziehen, können davon nicht nur Flüchtlinge, sondern auch Langzeitarbeitslose und junge Menschen ohne Berufsausbildung profitieren, meint Alexander Spermann.

Der Arbeitsmarktpolitik-Direktor am IZA wies im Rahmen einer Infoveranstaltung der IHK Dortmund darauf hin, dass frühere Generationen von Einwanderern und Flüchtlingen in der Bundesrepublik bereits diverse fehlgeleitete Maßnahmen – vom fünfjährigen Arbeitsverbot bis hin zur Unterbringung in Sammellagern – erlebt hätten.

„In Deutschland kommen wir aus einer Welt der bewussten Ausgrenzung von Flüchtlingen vom Arbeitsmarkt“, machte Spermann deutlich. Erst seit einem Jahr könne rein rechtlich über eine schnelle Arbeitsmarktintegration nachgedacht werden, nachdem das Arbeitsverbot von neun auf drei Monate verkürzt wurde. Nun sei es an der Zeit, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen: „Schnelle Arbeitsmarktintegration ist das Gebot der Stunde und erfordert Milliardeninvestitionen.“

Frühes Profiling, Sprachkurse und Online-Lernen

Um den Arbeitsmarktzugang für Flüchtlingen zu erleichtern, sollten die drei Monate des Arbeitsverbots mit schnellem Profiling und Kompetenzdokumentation der Flüchtlinge sowie mit Präsenzsprachkursen und Online-Lernen effektiv genutzt werden. Als wichtigen ersten Schritt für die Arbeitsmarktintegration finanziert die Bundesagentur für Arbeit noch in diesem Jahr Präsenzsprachkurse für 100.000 Flüchtlinge.

Für Spermann steht außer Frage, dass massiv in die Aus- und Weiterbildung der Flüchtlinge investiert werden müsse, zumal nur ein Bruchteil von ihnen hinreichend qualifiziert sei, um dem Arbeitsmarkt unmittelbar zur Verfügung zu stehen. Spermann: „Der deutsch sprechende syrische Arzt, der auf dem Land sofort als Hausarzt einsetzbar ist, wird eine Ausnahme sein.“

Langzeitarbeitslose nicht vernachlässigen

Im Zuge dieser notwendigen Investitionen müssten aber auch die rund eine Million Langzeitarbeitslosen und die etwa 1,5 Millionen jungen Menschen ohne Berufsausbildung mitgenommen werden. Solange die Flüchtlingskrise Chefsache in der Politik und Topthema in den Medien sei, müsse dieses „Window of Opportunity“ genutzt werden, um anachronistische Arbeitsmarktregeln zu reformieren. Als Beispiel nannte Spermann die Abschaffung des Verbots der Beschäftigung von gering qualifizierten Asylbewerbern in der Zeitarbeit in den ersten 15 Monaten.

Damit die Integration der Flüchtlinge gelinge, sei aber die gesamte Gesellschaft gefragt. Mut mache hier die deutsche Willkommenskultur, die insbesondere wegen des Engagements von Ehrenamtlichen international als vorbildlich gilt. „Nun muss sich aus dieser Willkommenskultur aber eine Integrationskultur entwickeln, und hier dürfen Politik und Wirtschaft die Zivilgesellschaft nicht im Stich lassen.“

In die Fachkräfte von übermorgen investieren

Um die Fachkräfte von übermorgen zu fördern und gleichzeitig dem demografischen Wandel zu begegnen, müssten sowohl die Unternehmen als auch der Staat gezielt in die Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen, Langzeitarbeitslosen und Menschen ohne Ausbildung investieren. Die Politik müsse auch bereit sein, dafür viel Geld in die Hand zu nehmen. Denn wenn die Arbeitsmarktintegration scheitert, würde dies nicht nur gesellschaftspolitisch gefährlich, sondern auch fiskalisch teuer, warnte Spermann.

Die vollständige Präsentation finden Sie hier als PDF-Datei:
Arbeitsmarktintegration statt Sammellager

Lesen Sie auch das Interview mit Alexander Spermann im IHK-Magazin Ruhr Wirtschaft:
„Hilfe ist ein längerer Prozess!“

 

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