Frauenquote in Führungsetagen: Mehr Chancen als Risiken?

Die Karriere von qualifizierten Frauen endet häufig an der „gläsernen Decke“. Diese steht metaphorisch für die Hindernisse, vor denen Frauen in ihrem beruflichen Umfeld stehen, sobald sie versuchen, in höhere Management-Etagen aufzusteigen. Vorurteile, Stereotypen und männlich dominierte Unternehmensstrukturen bewirken, dass bei der Besetzung von Vorstandsposten auch qualifizierte Frauen oft außen vor bleiben.

Um dieser Diskriminierung entgegenzuwirken, gilt in Deutschland seit 2016 für die Aufsichtsräte großer börsennotierter Unternehmen eine Frauenquote von 30 Prozent. Für Vorstandsposten wurde bislang keine verbindliche Quote festgelegt. Kritiker befürchten, dass zu wenige Frauen für diese spezifischen Führungsaufgaben qualifziert seien und die nötige Berufserfahrung in solchen Positionen mitbrächten. Eine starre Frauenquote könne somit das durchschnittliche Qualifikations- und Erfahrungsniveau der Vorstände herabsetzen und damit potenziell auch die Performance der Unternehmen in Mitleidenschaft ziehen.

Männerquote in der Elternzeit statt Frauenquote im Vorstand

Ein 2014 erschienener Artikel in IZA World of Labor, der die bis dahin vorliegenden Erkenntnisse der internationalen Wissenschaft auswertete, ließ diese Bedenken nicht ungerechtfertigt erscheinen. Unter Effizienzgesichtspunkten sprächen die empirischen Erkenntnisse jedenfalls nicht für eine Frauenquote. Sinnvoller sei es, so das Fazit der dänischen Ökonomin und Aufsichtsrätin Nina Smith (Universität Aarhus & IZA), auf anderen Ebenen wie der Familienpolitik – etwa durch eine Männerquote in der Elternzeit – darauf hinzuwirken, dass Frauen die gleichen Karrierechancen wie Männer erhielten.

Zu einer deutlich positiveren Einschätzung von Frauenquoten auf Führungsebene gelangt nun eine aktuelle Studie aus Italien. Sie attestiert der dort im Jahr 2011 eingeführten Frauenquote für Vorstände und Aufsichtsräte durchweg positive Effekte. Ein Forscherinnenteam um Chiara Pronzato (Universität Turin & IZA) analysierte dazu die Veränderungen in den italienischen Vorstandsetagen sowie die Gewinn- und Aktienkursentwicklung vor und nach Inkrafttreten der Quote (2007-2014).

Der Studie zufolge kam es in Italien seit Einführung der Quote, deren Nichteinhaltung hart sanktioniert wird, zu einem deutlichen Zuwachs des Anteils von Frauen in Vorstandspositionen. Dabei wurde nicht nur die gesetzliche Vorgabe von einem Drittel in der Regel deutlich übertroffen, sondern es stiegen gleichzeitig auch mehr Frauen an die oberste Unternehmensspitze auf.

Besser qualifizierte Männer und Frauen an der Spitze

Die Frauenquote habe in Italien außerdem zu einem insgesamt verbesserten Auswahlprozess für Führungskräfte beigetragen, erklären die Wissenschaftlerinnen. Vorstandsposten würden seither im Schnitt durch jüngeres und besser ausgebildetes – männliches wie weibliches – Personal besetzt.

Im gleichen Zeitraum konnte die Studie im Übrigen keinen signifikanten Einfluss der Frauenquote auf Gewinn oder Verlust der Unternehmen ermitteln. Wohl aber nahmen Aktienkursschwankungen nach Einführung der Quote ab – die Autorinnen führen diesen Effekt auf die stärker ausgeprägte Risikoaversion von Frauen zurück. Damit widersprechen sie am Beispiel Italiens der These eines Negativeffekts von Frauenquoten auf den wirtschaftlichen Erfolg der Unternehmen.

Eine Bestätigung dieser Forschungsergebnisse durch Langzeitanalysen steht zwar noch aus. Doch die bisherigen Erkenntnisse könnten auch die Diskussion um eine Frauenquote in deutschen Vorständen neu entfachen.

Lesen Sie die Studie (in englischer Sprache):

Bildquelle: gemphoto via Shutterstock
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