Langzeitarbeitslose mit neuen Konzepten zielorientierter fördern: „Wir brauchen keine Parallelwelt“

looking-for-a-job-68958_640-1Die Jobcenter haben das Angebot an öffentlich geförderten Beschäftigungsverhältnissen für Langzeitarbeitslose seit 2010 um mehr als die Hälfte abgebaut. Vor vier Jahren wurden noch über 350.000 Langzeitarbeitslose mit sogenannter Bürgerarbeit oder anderen Modellen auf eine neue Beschäftigung vorbereitet, jetzt sind es nur noch rund 135.000. Im Gespräch mit WDR5-Moderator Oliver Thoma kritisiert Alexander Spermann diese Entwicklung. Der IZA-Direktor Arbeitsmarktpolitik Deutschland plädiert für eine Neukonzeption der sozialintegrativen Maßnahmen – und die Einführung von konkreten Zwischenzielen mit Erfolgsmessung.

Herr Spermann, warum fördert die Bundesregierung Langzeitarbeitslose immer weniger? Die Zahl der Menschen, die so lange keine Arbeit mehr haben, ist zuletzt doch sogar gestiegen.

Leider sind die Langzeitarbeitslosen etwas in Vergessenheit geraten. Uns ging es in den letzten Jahren, was den Arbeitsmarkt betrifft, von Jahr zu Jahr immer besser. Wir haben auf die höhere Beschäftigung geguckt und auf die sinkenden Arbeitslosenzahlen. Dass dabei die Langzeitarbeitslosenzahlen seit mehreren Jahren bei einer Million in etwa konstant sind, haben wir schlicht und ergreifend verdrängt.

Glaubt die Bundesregierung denn, dass ihnen gar nicht mehr zu helfen ist und stellen sich damit auf Dauer auf einen Sockel von Langzeitarbeitslosen ein?

Wir dürfen nicht akzeptieren, dass es eine Million Langzeitarbeitslose in Deutschland gibt. Da müssen wir ran an dieses Thema. Die Bundesregierung hat sich entsprechend geäußert. Die Bundesagentur für Arbeit ist auch sensibilisiert. Jetzt muss etwas passieren!

Aber was genau muss passieren? Ministerin Andrea Nahles hat ein Förderprogramm für nächstes Jahr angekündigt – mit 30.000 Plätzen. Bei einer Million Langzeitarbeitslosen klingt das nicht viel.

Das ist ein Tropfen auf den heißen Stein, das bringt so wenig. Was aber auch nichts bringt, ist schlicht und ergreifend mehr Geld auszugeben. Wir müssen konzeptionell neu ran an dieses Thema. Wir müssen akzeptieren, dass es einen erheblichen Teil dieser einen Million Langzeitarbeitslosen gibt, die man mit den traditionellen Instrumenten nicht in Beschäftigung bekommt. Da muss neu gedacht werden.

Aber die Bundesregierung hat da offenbar keine Mittel, sonst hätte sie die Förderung nicht so stark eingeschränkt.

Die Regierung denkt eher in Geldkategorien: „Mehr Geld ist gut.“ Das trifft hier aber nicht zu. Nehmen Sie mal Langzeitarbeitslose, die seit mehreren Jahren Arbeitslosengeld II beziehen. Das sind häufig Menschen mit sogenannten multiplen Vermittlungshemnissen. Die brauchen Suchtberatung, die brauchen Schuldnerberatung, die brauchen psychosoziale Beratung. Und dann geht es langsam Schritt für Schritt in Richtung Beschäftigung. Um hier wirklich weiterzukommen, brauchen wir Zwischenziele. Wir dürfen das Ziel der Vollbeschäftigung nicht aufgeben – auch nicht für die Langzeitarbeitslosen – aber wir müssen erreichbare Zwischenziele einbauen. Dann geht es auch einen Schritt weiter, ohne unbedingt wesentlich mehr Geld in die Hand zu nehmen.

Das heißt, die sozialbegleitenden Maßnahmen, die Sie aufgezählt haben, kosten nichts?

Die kosten etwas, aber es ist eben die Frage, wie man das Geld einsetzt. Was im Moment gemacht wird: Wir geben hier und da ein bisschen Geld aus. Ob das irgendetwas bringt, wissen wir häufig nicht. Das gilt insbesondere für die sozialintegrativen Maßnahmen. Wir müssen die soziale Teilhabe von Langzeitarbeitslosen ganz konkret aufzeigen und messen. Wir müssen hier ein Erfolgsmodell fahren, etwa nach dem Motto: „Dein Netzwerk hat sich in den letzten Monaten etwas verbessert“ oder „Du bist verstärkt tagesstrukturiert unterwegs“, sprich „Du hast ein Ehrenamt aufgenommen“. Das sind kleinere Erfolgserlebnisse für Menschen, die seit vielen Jahren in Langzeithilfebezug sind. Diese positiven Erfolgserlebnisse müssen wir an dieser Stelle produzieren. Das wird im Moment thematisch viel zu wenig gemacht. Da fehlen Konzepte.

Motivation scheint mir da das Thema zu sein. Nun heißt es immer wieder, viele Langzeitarbeitslose sind sowieso weiterbildungsresistent. Die kann man ansprechen und dann sagen sie: „Bringt doch sowieso nichts.“ Gibt es das auch?

Das gibt es natürlich. Wenn Sie mir jetzt einen vierwöchigen Kurs anbieten würden in abgedunkelten Räumen mit Kaffeepausen ab und zu – ob ich da im Anschluss einen Job bekomme, weiß ich auch nicht. Es ist eine Weiterbildung, die nicht unbedingt motiviert. Wir müssen Weiterbildungen konzipieren, die den Menschen Perspektiven bieten, die spannend sind, die arbeitsmarktorientiert sind. Dann kommt auch die Motivation.

Die Grünen, die diese Anfrage gestellt haben, gehen sogar noch einen Schritt weiter. Sie sagen, wir brauchen einen richtigen sozialen Arbeitsmarkt. Könnten Sie sich das auch vorstellen?

Nein, einen sozialen Arbeitsmarkt kann ich mir nicht vorstellen. Wir brauchen keine Parallelwelt, wir brauchen keine Beschäftigungsgesellschaft, wir brauchen keine Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Wir brauchen ein langsames, systematisches, schrittweises Hinführen von Langzeitarbeitslosen an den realen Arbeitsmarkt. Das machen wir im Moment nicht. Wir müssen Zwischenziele einbauen mit Blick auf die soziale Teilhabe von Menschen, wir müssen ihnen Erfolgserlebnisse verschaffen und wir müssen ihnen sagen: „Irgendwann schaffst du es auch in Richtung ersten Arbeitsmarkt.“ Da wollen sie hin, und dieses Ziel dürfen wir nicht aufgeben.

Bisher hat man das mit den Ein-Euro-Jobs versucht, bei denen man sagt: „Arbeiten Sie mal und bekommen so ein bisschen von der Arbeitswelt mit.“ Aber das ist auch kein Erfolgsprojekt. Weniger als 10% bekommen danach eine sozialversicherungspflichtige Arbeit. Kann man das Modell um diese sozialen Begleitmaßnahmen, die Sie schon geschildert haben, erweitern?

Die Ein-Euro-Jobs, so wie sie im Moment aufgesetzt sind, führen nicht in die richtige Richtung. Sie müssen zusätzlich sein, müssen im öffentlichen Interesse sein und müssen wettbewerbsneutral sein – das sind die drei Voraussetzungen. Im Moment schaffen sie eine Parallelwelt, die brauchen wir nicht. Wir brauchen eine langsame Hinführung an den realen Arbeitsmarkt. Über Ein-Euro-Jobs, so wie sie im Moment konzipiert sind, funktioniert dies nicht. Ähnliches gilt für die Bürgerarbeit, die ja zum Ende des Jahres auslaufen soll. Wir müssen uns diese Instrumente noch einmal genauer angucken. Wir müssen sagen: Einen Teil der Langzeitarbeitslosen kriegen wir über Eingliederungszuschüsse in den ersten Arbeitsmarkt, und einen Teil bekommen wir auch über Qualifizierungsmaßnahmen näher an den Arbeitsmarkt. Aber dann gibt es einen erheblichen Teil, für den wir Neues denken, Zwischenziele einbauen, Erfolgserlebnisse produzieren und sagen müssen: „In der mittleren Frist ist der Weg zum ersten Arbeitsmarkt noch möglich.“

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