Wie der China-Schock das Freihandelsmantra relativiert hat

In den klassischen ökonomischen Modellen nützt der freie Außenhandel allen Beteiligten – oder stellt zumindest keinen der Handelspartner schlechter als vorher. Der wachsende Zuspruch für die populistischen Rezepte des Protektionismus zeugt jedoch gerade in den USA davon, dass die Globalisierung auch eine nicht zu vernachlässigende Gruppe von Verlierern hervorgebracht hat.

Der kometenhafte Aufstieg Chinas auf den Weltmärkten seit Anfang der 1990er Jahre hat gezeigt, dass die Globalisierung zwar den gesamtgesellschaftlichen Wohlstand mehrt, aber nicht allen Menschen zugutekommt. Wer seine Beschäftigung aufgrund der starken Konkurrenz durch Billigimporte verloren hat, findet häufig nur mit viel Aufwand oder erheblichen Gehaltseinbußen einen neuen Job in einer anderen Branche. Veränderte Anforderungsprofile bewirken, dass zwar manche Arbeitnehmer dauerhaft vom Freihandel profitieren, andere jedoch langfristige Nachteile in Kauf nehmen müssen.

IZA-Fellow David Autor (MIT) hat diese Problematik eingehend erforscht und den Stand der internationalen Wissenschaft in einem aktuellen Artikel für das Online-Kompendium IZA World of Labor zusammengetragen. Dazu zählt eine Studie, die den Einfluss der chinesischen Importkonkurrenz auf einzelne US-Wirtschaftsregionen (sogenannte Pendlerzonen) im Zeitraum von 1990 bis 2007 analysiert.

Anpassung des Arbeitsmarkts langsamer als gedacht

Demnach kam es überall dort, wo die ortsansässigen Unternehmen der verarbeitenden Industrie besonders unter Billigimporten aus China litten, zu dauerhaften Beschäftigungsrückgängen und Einkommenseinbußen vor allem im unteren Lohnsegment. Selbst nach einem Jahrzehnt war es nicht gelungen, die verlorenen Arbeitsplätze durch Verlagerung in andere Sektoren und höhere Arbeitsmobilität zu kompensieren – obwohl gerade der US-Arbeitsmarkt als besonders flexibel und anpassungsfähig galt.

Die von Ökonomen erwarteten kurzfristigen “Nachfrageschocks” entwickelten sich vielmehr zur anhaltenden Jobkrise in einzelnen Regionen. David Autor plädiert daher dafür, die Betroffenen von Massenentlassungen besser finanziell abzusichern, die regionale Strukturförderung zu stärken und Lohnsubventionen für Geringverdiener auszuweiten.

Lesen Sie den vollständigen Artikel (in englischer Sprache):

Verlierer und Gewinner der Globalisierung in Deutschland

Eine aktuelle Analyse von Wolfgang Dauth, Sebastian Findeisen und Jens Suedekum auf Basis der tagesgenauen Erwerbsbiografien von 2,4 Millionen Arbeitnehmern zeichnet für Deutschland ein ähnliches Bild: Die Konkurrenz durch Billigimporte hat hierzulande zum Abbau vergleichsweise gut bezahlter Industriearbeitsplätze geführt. In der Folge hatten vor allem Geringqualifizierte erhebliche Schwierigkeiten, erneut auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, während Höherqualifizierte von der Globalisierung profitierten. Sie wechseln deutlich häufiger als früher den Arbeitgeber, um lukrativere Jobs anzunehmen.

Download (IZA DP No. 11299):

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