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IZA – Institute of Labor Economics

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Höhe des Mindestlohns wirkt sich auf individuelle Bildungsentscheidungen aus

May 11, 2021 by Mark Fallak

Bei der Diskussion um Mindestlöhne stehen meist die Einkommens- und Beschäftigungseffekte im Vordergrund. Nicht minder relevant sind jedoch die Auswirkungen von Mindestlohnerhöhungen auf individuelle Bildungsentscheidungen, wie ein aktuelles IZA-Forschungspapier von Diana Alessandrini und Joniada Milla zeigt. Die Forscherinnen betrachten die Einschreibungsquoten an Hochschulen und stellen bei höheren Mindestlöhnen eine Verschiebung von akademischer zu berufspraktischer Ausbildung fest.

Ähnlich wie in den USA gliedert sich das kanadische Hochschulsystem in akademisch geprägte, oft mit hohen Studiengebühren verbundene Universitäten und die kostengünstigeren Community Colleges mit Schwerpunkt auf praxisorientierten Bildungsabschlüssen. Da es in Kanada besonders häufig zu regionalen Anpassungen des Mindestlohns kommt, konnten die Ökonominnen die Effekte von insgesamt 136 Mindestlohnerhöhungen auf die eingeschlagenen Bildungswege messen.

Geringere Bildungsmobilität

Der Analyse zufolge führt eine Anhebung des Mindestlohn um zehn Prozent dazu, dass die Einschreibungen an Universitäten um fünf Prozent zurückgehen, während sie an Community Colleges um sechs Prozent steigen. Insbesondere junge Menschen aus einkommensschwachen Elternhäusern mit geringerem Bildungsstand entscheiden sich bei höherem Mindestlohn häufiger gegen ein akademisches Studium, was die Bildungsungleichheit weiter verschärfen könnte.

Dass die Community Colleges zugleich mehr Zulauf verzeichnen, ist primär einer größeren Anzahl älterer Studierender geschuldet. Nach Einschätzung der Autorinnen führt der wachsende Konkurrenzdruck am unteren Ende der Lohnskala dazu, dass die Studienabbruchquoten sinken und mehr Erwerbstätige ans College zurückkehren, um ihre Arbeitsmarktchancen durch einen zusätzlichen berufspraktischen Abschluss zu verbessern.

Sinkende Bildungsrenditen

Die Erkenntnisse aus Kanada sind nicht unmittelbar auf Länder mit anderem Ausbildungssystem übertragbar, doch zeigen sich gewisse Parallelen durchaus zu Beobachtungen aus Deutschland. In einer früheren Studie hatten Terry Gregory und Ulrich Zierahn die langfristigen Mindestlohneffekte im Dachdeckergewerbe untersucht. Bei einem vergleichsweise hohen Mindestlohn stiegen die Verdienstmöglichkeiten von Gering- und Mittelqualifizierten, allerdings auf Kosten der Löhne von Hochqualifizierten. Die Folge waren eine verringerte Bildungsrendite sowie weniger hochqualifizierte Berufseinsteiger, was laut Studie den von der Branche beklagten Fachkräftemangel mitverursacht haben könnte (mehr dazu in einem Ökonomenstimme-Gastbeitrag).

Filed Under: Research Tagged With: college, education, minimum wage, university

Vollzeit, Teilzeit oder Kinderbetreuung?

May 10, 2021 by Mark Fallak

Zwar verschieben sich die Geschlechterrollen innerhalb von Familien bereits seit einiger Zeit, doch das klassische Rollenmuster mit dem Vater als Allein- oder Hauptverdiener bleibt nach wie vor verbreitet. So betrug 2019 der Anteil der Mütter mit Kindern unter sechs Jahren in Elternzeit beinahe ein Viertel, bei Männern waren es gerade mal 1,6 Prozent. Aber wovon hängt die Arbeitsentscheidung der Mutter eigentlich ab?  Und wie nehmen (potenzielle) Eltern die Vor- und Nachteile von verschieden Arbeitszeitmodellen wahr?

Diesen Fragen widmen sich Teodora Boneva, Katja Kaufmann und Christopher Rauh in einem aktuellen IZA-Forschungspapier. Sie befragten deutschlandweit rund 4.000 Erwachsene zwischen 20 und 45 Jahren zu ihren hypothetischen Entscheidungen in einer Reihe fiktiver Situationen, die sich vor allem in den Arbeitszeiten der Mutter unterschieden. Auch die Ansichten zur öffentlichen Kinderbetreuung wurden detailliert abgefragt.

Hohe Einkommensverluste erwartet

Auffällig ist zunächst, dass die Befragten zwar deutliche Einkommensverluste (bis zu 6.000 Euro im Jahr) in späteren Erwerbsleben erwarten, wenn die Mutter bis zum fünften Lebensjahr des Kindes aus dem Arbeitsmarkt aussteigt. Doch diese finanziellen Einbußen spielen für die Arbeitsentscheidung der Mutter keine nennenswerte Rolle, obwohl die Befragen sogar annahmen, auch die Väter verdienten mehr, wenn beide Elternteile arbeiten.

Ein wichtiger Faktor, der für eine zeitige Rückkehr der Mutter in Beschäftigung spricht, sind die wahrgenommenen Vorteile der gemeinschaftlichen Kinderbetreuung als stimulierendes soziales Umfeld: Die sozialen und intellektuellen Fähigkeiten von Kita-Kindern, deren Mutter in Vollzeit arbeitet, werden um bis 28 Prozentpunkte höher eingeschätzt als die Fähigkeiten vergleichbarer Kinder, die zu Hause betreut werden. Die Entscheidung für eine Teilzeit-Tätigkeit scheint vor allem darauf zu gründen, dass hier das größte Potenzial für die Zufriedenheit von Mutter und Kind gesehen wird.

Großer Einfluss sozialer und kultureller Normen

Viele Mütter lassen sich bei der Entscheidung jedoch von ihrem sozialen Umfeld beeinflussen. Glaubt die Mutter beispielsweise, dass ihre Freunde und Familie eher der traditionellen Rollenverteilung anhängen, reduziert sich dadurch die Wahrscheinlichkeit einer Berufstätigkeit um 6,1 Prozentpunkte. Umgekehrt nehmen Mütter mit 12,7 Prozentpunkten höherer Wahrscheinlichkeit eine Vollzeitstelle an, wenn sie dafür in ihrem Umfeld eine hohe Zustimmung vermuten. Der starke Einfluss sozialer und kultureller  Normen zeigt sich auch daran, dass die Vollzeitarbeit für Mütter in Ostdeutschland deutlich positiver eingeschätzt wird.

Die Ergebnisse scheinen jedoch nicht deutschlandspezifisch zu sein: Eine kanadische Stichprobe mit den gleichen Fragen brachte sehr ähnliche Ergebnisse. Bemerkenswert ist außerdem, dass der sozioökonomische Hintergrund der Befragten keinen nennenswerten Einfluss auf die Antworten hatte.

Neben den gesellschaftlichen Implikationen liefert die Studie auch einen deutlichen Fingerzeig für die Politik. Befragte mit Kindern gaben die Wahrscheinlichkeit, einen öffentlichen Kita-Platz zu finden, im Schnitt mit 62 Prozent an, eine Ganztagsbetreuung mit 54 Prozent. Ein verbessertes Betreuungsangebot würde die Wahrscheinlichkeit unter den befragten Müttern, eine Teilzeit-Tätigkeit aufzunehmen, um 15 Prozentpunkte auf 59 Prozent erhöhen.

Filed Under: Research

Relative Vergleiche beeinflussen Leistung und Entscheidungen im Studium

May 5, 2021 by Mark Fallak

Entscheidungen über die Wege der eigenen Bildungskarriere sind oft mit erheblicher Unsicherheit verbunden. Bin ich ausreichend vorbereitet, um die Prüfung zu bestehen? Bin ich gut genug, um eine Hochschulausbildung zu absolvieren? Für Studierende sind solche Fragen oft nicht leicht zu beantworten.

Eine Möglichkeit zur Einordnung des eigenen Leistungspotenzials ist der Vergleich mit Bezugsgruppen wie Freunden oder Kommilitoninnen. Wer innerhalb der eigenen Gruppe überdurchschnittlich gut abschneidet, neigt zu mehr Selbstbewusstsein und schätzt die eigene Fähigkeit tendenziell höher ein als jemand, der von lauter Überfliegern umgeben ist. Dieses Phänomen wird auch als „Fischteicheffekt“ bezeichnet: Man fühlt sich wie der große Fisch im kleinen Teich (big fish in a little pond).

Insbesondere im ersten Jahr des Studiums sind solche relativen Leistungsvergleiche von großer Bedeutung. Nach vielen gemeinsamen Schuljahren mit denselben Klassenkameraden interagiert man nun mit Studierenden aus aller Welt. Die eigene Leistungsfähigkeit muss innerhalb der ungewohnten Umgebung neu bewertet werden, was zu Veränderungen des Selbstbilds führen kann.

In einem aktuellen IZA-Forschungspapier, das demnächst im Economic Journal erscheint, zeigen Benjamin Elsner, Ingo Isphording und Ulf Zölitz, wie entsprechende soziale Vergleiche die Entscheidungen und die Leistung von Erstsemestern beeinflussen.

Rangposition beeinflusst eigene Erwartungen und Leistungen

Die Autoren nutzen dabei die zufällige Einteilung von Studierenden einer niederländischen Universität in verschiedene Tutoriumsgruppen. Sie messen die relativen Fähigkeiten der Studierenden anhand des „ordinalen Rangs“ innerhalb eines Tutoriums, also ob jemand gemäß dem vorab erzielten Notendurchschnitt an erster, zweiter, dritter oder weiterer Stelle steht. Dem Fischteicheffekt zufolge nehmen sich Studierende mit höherem Rang als kompetenter wahr, aber auch Lehrer oder Mitstudierende könnten auf andere Weise mit ihnen interagieren.

Tatsächlich finden die Autoren einen ausgeprägten Effekt auf die erzielte Leistung: Wer auf der Rangliste weiter oben steht, neigt weniger zum Abbruch des Kurses und erreicht bessere Noten in standardisierten, anonym bewerteten Prüfungen. Zudem wirkt sich der Rang auf die erwarteten zukünftigen Noten aus, was dafür spricht, dass die höher eingeordneten Studierenden sich selbst für fähiger halten als ihre Kommilitonen.

Studierende reagieren nur auf „gute Nachrichten“

Der Rang eines Studenten scheint gerade zu Beginn des ersten Jahres besonders wichtig zu sein, wo die Unsicherheit in einer völlig neuen Umgebung besonders hoch ist. Entscheidend für den Einfluss auf das Verhalten ist jedoch die Veränderung des Ranges im Vergleich zur Vorperiode: Erhöht sich die eigene Position gegenüber der durchschnittlichen Position der Vorperiode, verbessert sich die Leistung signifikant, während eine Verringerung des Ranges keinen Effekt hat. Die Forscher sehen darin einen Beleg für den Good-news-bad-news-Effekt: Menschen neigen dazu, auf positive Signale zu reagieren und negative zu ignorieren.

Anhaltende Effekte

Darüber hinaus sind die Auswirkungen des Rangs im Erstsemester-Tutorium längerfristiger Natur: Studierende mit hohem Rang in einem bestimmten Erstsemesterkurs – etwa Statistik oder Marketing – wählen mit größerer Wahrscheinlichkeit einen verwandten Folgekurs und spezialisieren sich im weiteren Studium auf den Bereich, in dem sie offenbar einen komparativen Vorteil gegenüber anderen wahrnehmen.

Die Ergebnisse liefern wichtige Einblicke in die Entscheidungsfindung von Studierenden. Ob jemand ein „big fish in a little pond“ ist oder nicht, hängt stark vom Zufall ab. Die daraus resultierenden sozialen Vergleiche scheinen jedoch erhebliches Gewicht bei wichtigen Karriereentscheidungen zu haben. Nach Einschätzung der Autoren könnte ein verbessertes Informationsangebot über die eigenen Leistungen Studierenden in einer solchen Situation helfen, fundiertere Entscheidungen über den weiteren Karriereweg zu treffen.

Filed Under: Research Tagged With: higher education, peer effects, rank, social comparisons

Wann sind Menschen bereit zu Mehrarbeit für mehr Geld?

April 29, 2021 by Mark Fallak

In Zeiten, in denen sich viel verdienen lässt, arbeiten Menschen kaum mehr als in anderen Zeiten. Reagieren wir also nur schwach auf Lohnanreize? Das hätte wichtige Konsequenzen für die Wirtschaftspolitik. So wäre es nur sehr begrenzt möglich, Menschen über Steuersenkungen zu Mehrarbeit zu bewegen. Staatliche Konjunkturpakete verliefen weitgehend im Sande, wenn Unternehmen ihre Produktion trotz höherer Nachfrage nicht ankurbeln könnten, weil sie mit erhöhten Löhnen keine wesentliche Steigerung der geleisteten Arbeitsstunden bewirken können.

Gegen diese Sicht sprechen jedoch eine Reihe von Argumenten. Progressive Steuersysteme oder das Streben nach Beförderungen können den gemessenen Zusammenhang zwischen Arbeitsstunden und Bezahlung schwächen, selbst wenn Arbeitnehmende grundsätzlich bereit sind, für mehr Geld auch mehr zu arbeiten. Ein aktuelles IZA-Diskussionspapier von Christian Bredemeier, Jan Gravert und Falko Jüßen weist auf einen weiteren Grund hin: Veränderungen des eigenen Einkommens verändern das Gleichgewicht der Kräfte in der Familie und führen zu neuen Entscheidungen, wieviel die einzelnen Familienmitglieder arbeiten.

Die Studie baut auf einer umfangreichen wissenschaftlichen Literatur auf, die nachgewiesen hat, dass Familien auf einen bestimmten Betrag an Einkommen unterschiedlich reagieren, je nachdem, welches Familienmitglied diesen Betrag verdient hat. Einkommensveränderungen eines Familienmitglieds scheinen sich auf dessen Einfluss in der innerfamiliären Entscheidungsfindung auszuwirken. Ein Karriererückschritt etwa führt tendenziell dazu, dass man in der Familie weniger zu sagen hat. Man kann dann versuchen, seine alte Position im sprichwörtlichen „Familienrat“ wiederherzustellen, etwa indem man (bezahlte) Überstunden macht, auf die man als Single eher verzichten würde.

Konsum gibt Aufschluss über Einfluss in der Familie

Die Forscher entwickeln eine statistische Methode, wie die durch Lohnänderungen bewirkten Änderungen der innerfamiliären Verhandlungspositionen herausgerechnet werden können, wenn man die Bereitschaft von Arbeitnehmenden messen möchte, bei besserer Bezahlung mehr zu arbeiten. Die Methode nutzt Informationen zum Konsumverhalten der jeweiligen Familie, also welche Produkte und Dienstleistungen gekauft werden. Diese Daten lassen Rückschlüsse zu, welches Familienmitglied gerade großen Einfluss auf die Entscheidungen der Familie nimmt.

Der Studie zufolge sind Arbeitnehmer bereit, etwa sieben Prozent mehr zu arbeiten, wenn ihr Verdienst pro Stunde zehn Prozent höher ist. Das entspricht für einen Arbeitnehmer in Vollzeit knapp drei (bezahlten) Überstunden pro Woche. Diese Zahl ist deutlich größer als die Ergebnisse der meisten vorangegangenen Studien, die die Wirkungen von Lohnänderungen auf innerfamiliäre Verhandlungspositionen nicht berücksichtigen.

Diese Wirkung herauszurechnen ist aufschlussreich für die Einschätzung der Effekte von Maßnahmen, die die Verdienstmöglichkeiten verschiedener Familienmitglieder ähnlich verändern und daher keine wesentlichen Wirkungen auf die innerfamiliären Verhandlungspositionen haben. So könnten Beschäftigte durch temporäre Steuersenkungen oder Erhöhungen des allgemeinen Lohnniveaus durchaus zu einer – wenn auch moderaten – Erhöhung der Arbeitszeit bewegt werden, schlussfolgern die Autoren.

Filed Under: Research Tagged With: consumption, intra-family bargaining, labor-supply elasticity, wages, working hours

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