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IZA – Institute of Labor Economics

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Lebenswerte und produktive Arbeitswelten gestalten

July 28, 2025 by Mark Fallak

In der heutigen Zeit wird die Bedeutung von bezahlter Arbeit stark hinterfragt – nicht nur wegen wirtschaftlicher Veränderungen und neuer Technologien, sondern auch aus Sicht der Menschen selbst. Für viele steht dabei einiges auf dem Spiel: Denn Arbeit ist nicht nur Lebensgrundlage, sie prägt auch unseren Alltag, unsere Identität – und sie beeinflusst, wie wir unser Leben außerhalb der Arbeit gestalten.

Wie ich in meinem neuen Buch „The Future of Work Environments: Creating Livable and Productive Working Habitats“ (Edward Elgar, 2025) zeige, wird bezahlte Arbeit auf absehbare Zeit weiter eine zentrale Rolle spielen. Der Kapitalismus wird nicht plötzlich verschwinden – und damit auch nicht das klassische Arbeitsverhältnis. Worüber wir uns also Gedanken machen sollten, ist nicht das Ende der Arbeit, sondern vielmehr die Art der Arbeit und die Bedingungen, unter denen wir sie leisten.

Menschliche Arbeit in Zeiten der Automatisierung

Besonders gefragt ist menschliche Arbeit dort, wo Maschinen an ihre Grenzen stoßen – also da, wo Kreativität, soziale Intelligenz oder Erfahrung zählen. Genau an dieser Schnittstelle zwischen Mensch und Technik wächst die Arbeit der Zukunft. Je mehr sich Maschinen weiterentwickeln, desto wichtiger wird das, was nur Menschen können.

Unsere Arbeitswelt verändert sich entlang dieser Grenze. Wer aktiv an der Gestaltung seiner Arbeit beteiligt ist, wird weniger leicht ersetzbar. Es lohnt sich also, Arbeit bewusst zu formen – sowohl technisch als auch menschlich.

Wie könnte die Zukunft aussehen?

Auch wenn der Kapitalismus bestehen bleibt, ist er nicht in Stein gemeißelt. Es gibt verschiedene Richtungen, in die sich unsere Arbeitswelt entwickeln kann. Eine düstere Variante wäre ein radikaler Kapitalismus mit starker Hierarchie und wenig Spielraum für die Einzelnen – altbekannte Bürokratie trifft auf neue, strenge Menschenführung. Auf der anderen Seite steht das Modell eines menschlicheren Kapitalismus, mit faireren Bedingungen, besseren Organisationen und mehr Möglichkeiten zur persönlichen Entfaltung.

Wahrscheinlich wird es auf eine Mischform hinauslaufen – mit Licht und Schatten. Wichtig ist, dass wir als Gesellschaft mitentscheiden, in welche Richtung es gehen soll.

Drei Ebenen, die sich gegenseitig stärken

Um gute Arbeitsbedingungen zu schaffen, braucht es ein Zusammenspiel von drei Ebenen: Die Politik als Rahmengeberin, die Unternehmen als Gestalter des Arbeitsalltags – und schließlich dei Individuen mit ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen.

Wenn diese drei Ebenen gut zusammenwirken, entsteht ein stabiles Fundament für lebenswerte Arbeitswelten. Eine gerechtere Arbeitswelt mit weniger Ungleichheiten bedeutet auch: Weniger Druck, sich auf Biegen und Brechen durchsetzen zu müssen. Menschen könnten besser leben – ohne Angst vor dem sozialen Abstieg.

Gute Institutionen helfen dabei: Sie schaffen Räume, in denen man arbeiten und leben kann, mit möglichst viel Freiheit – und ohne unnötige Hürden.

Was gute Politik leisten kann

Politik kann die Richtung vorgeben – auch wenn sie nicht jede Entwicklung im Detail steuern kann. Sie kann dafür sorgen, dass es mehr „gute Arbeit“ gibt: Tätigkeiten, die nicht rein maschinell ersetzbar sind, und in denen Menschen sich weiterentwickeln können. Sie kann Machtverhältnisse ausbalancieren, Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtern und soziale Absicherung schaffen.

Gute Rahmenbedingungen – etwa bei Löhnen, Weiterbildung oder Mitbestimmung – stärken nicht nur einzelne Gruppen, sondern die Gesellschaft als Ganzes. Politik ist damit mehr als Verwaltung – sie wird zum Produktivfaktor für die Arbeitswelt.

Unternehmen als Orte gemeinsamer Arbeit

Idealerweise sind Unternehmen Orte, an denen Menschen gemeinsam an etwas arbeiten – ohne starre Hierarchien, mit mehr Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Das funktioniert natürlich nur, wenn Mitarbeitende Verantwortung übernehmen und ihre Fähigkeiten einbringen können. Selbstorganisation ist gefragt – aber auch Unterstützung.

In solchen „Werkstätten der Zukunft“ wird Arbeit zwar nicht weniger anstrengend, aber sie wird sinnvoller. Sie fühlt sich weniger sinnlos oder fremdbestimmt an. Dafür braucht es aber auch faire Bedingungen, breit verteilte Qualifikationen und die passenden politischen Rahmenbedingungen.

Menschliches Kapital: Was jeder mitbringt

In der heutigen Arbeitswelt ist jeder ein Stück weit sein eigener „menschlicher Kapitalist“ – auch wenn der Begriff vielleicht etwas sperrig klingt. Gemeint ist: Jeder bringt Wissen, Fähigkeiten und Selbstorganisation mit, um sich in der Arbeitswelt zurechtzufinden. Das gilt nicht nur im Job, sondern auch an der Grenze zwischen Arbeit und Privatleben.

Gerade diese Grenze ist wichtig: Nicht alles muss Arbeit sein. Es braucht auch Abstand, Auszeiten – ein „Hinterland“, das uns schützt vor Überforderung und Dauerstress. Menschen haben die Fähigkeit, ihre Arbeit aktiv zu gestalten – besonders dann, wenn das Umfeld es zulässt.

Ein hoffnungsvoller Ausblick

Ich bin überzeugt: Wenn Politik, Unternehmen und Individuen gut zusammenwirken, können wir zuversichtlich in die Zukunft schauen. Je besser die Bedingungen sind, desto eher gelingt es Menschen, ihr eigenes Arbeitsumfeld mitzugestalten – und sich dort wohlzufühlen.

Natürlich wird die Zukunft nie genau so aussehen, wie wir sie uns vorstellen. Aber gerade das macht sie spannend. Ungewissheit ist auch ein Zeichen für Offenheit – für Möglichkeiten. Und je mehr auf dem Spiel steht, desto wichtiger ist die Vorstellung eines guten Arbeitslebens.

Ein gutes Arbeitsumfeld – in dem man arbeiten und leben kann – ist eine Art Rettungsanker. Eine Chance, die Zukunft so lebenswert zu gestalten, wie es eben möglich ist.

+++

Filed Under: Opinion Tagged With: future of work

Würden Sie eine Geschichte lesen, die von einer Maschine geschrieben wurde?

March 14, 2025 by Mark Fallak

Von Martin Abel und Reed Johnson

Laut aktueller Studien bevorzugen Menschen kreative Werke von menschlichen Autoren gegenüber solchen von Künstlicher Intelligenz (KI). Doch ob sich diese Aussagen tatsächlich im Konsumverhalten widerspiegeln, ist kaum erforscht. Und wie es so schön heißt: „Talk is cheap.“ Angesichts der kommenden Flut an KI-generierten Werken geht es nicht nur um die Existenzgrundlage von Millionen kreativer Berufstätiger weltweit, sondern auch um die grundlegende Frage, was uns in diesem zutiefst menschlichen Schaffen noch gehört.

Ein Experiment mit KI-generierter Literatur

Um diese Fragen zu untersuchen, ließen wir OpenAIs GPT-4 eine Kurzgeschichte im Stil des preisgekrönten Autors Jason Brown schreiben. Anschließend befragten wir eine national repräsentative Stichprobe von über 650 Personen in den USA, die die Geschichte lesen und bewerten sollten. Dabei erhielt die Hälfte der Teilnehmenden die korrekte Information, dass die Geschichte von einer KI verfasst wurde. Die andere Hälfte wurde bewusst in die Irre geführt und glaubte, es handele sich um ein Werk von Jason Brown. Dieses Studiendesign ermöglichte es uns, den Effekt der (vermeintlichen) Autorschaft isoliert zu betrachten und zu testen, ob Konsumenten tatsächlich menschliche Texte gegenüber KI-generierten bevorzugen.

Nach dem Lesen der ersten Hälfte der KI-generierten Geschichte bewerteten die Teilnehmenden die Qualität des Textes anhand verschiedener Kriterien, darunter Vorhersehbarkeit, emotionale Tiefe und Atmosphäre. Zusätzlich erfassten wir ihre Zahlungsbereitschaft für das Lesen des Endes – sowohl in Geldform (durch einen Verzicht auf einen Teil ihrer Teilnahmevergütung) als auch in Zeitform (durch das Erledigen einer monotonen Transkriptionsaufgabe).

Subjektive Bewertung und tatsächliches Verhalten

Und was zeigte sich? Gab es Unterschiede zwischen den Gruppen? Die kurze Antwort: ja. Doch eine genauere Analyse brachte überraschende Erkenntnisse ans Licht.

Die Gruppe, die wusste, dass die Geschichte von einer KI stammte, bewertete den Text deutlich negativer. Sie empfand ihn als vorhersehbarer, weniger authentisch und atmosphärisch schwächer. Diese Ergebnisse stimmen mit einer wachsenden Zahl von Studien überein, die eine generelle Voreingenommenheit gegenüber KI-generierten Werken in Bereichen wie bildender Kunst, Musik oder Dichtung dokumentieren. Es scheint, dass Konsumenten – zumindest derzeit – reflexartig KI-geschaffene Werke als minderwertig einstufen.

Doch obwohl die Teilnehmenden die KI-Geschichte als schlechter bewerteten, waren sie dennoch bereit, genauso viel Zeit und Geld zu investieren, um das Ende der Geschichte zu lesen – unabhängig davon, ob sie wussten, dass der Text von einer KI geschrieben wurde oder nicht. Auch verbrachten sie nicht weniger Zeit mit dem Lesen der als KI-generiert gekennzeichneten Geschichte. Interessanterweise gaben fast 40 Prozent der Teilnehmenden an, dass sie weniger gezahlt hätten, wenn die gleiche Geschichte von einer KI statt von einem Menschen geschrieben worden wäre. Dies zeigt, dass vielen die Diskrepanz zwischen ihrer subjektiven Bewertung und ihrem tatsächlichen Verhalten nicht bewusst ist.

Was bedeutet das für die Zukunft der Kreativbranche?

Diese Ergebnisse liefern wichtige Hinweise darauf, dass die verbreitete Ablehnung von KI-generierter Kreativität nicht zwingend mit dem tatsächlichen Kaufverhalten übereinstimmt. Dies könnte tiefgreifende Auswirkungen auf die Zukunft menschlicher Kreativarbeit haben, insbesondere in einem Markt, in dem KI-generierte Werke zu einem Bruchteil der Kosten produziert werden können. Schon jetzt überfluten KI-geschriebene Bücher den Markt – eine Entwicklung, die Autorenverbände dazu veranlasst hat, eigene Kennzeichnungsrichtlinien einzuführen. Doch unsere Forschung wirft die Frage auf, ob solche Labels überhaupt eine wirksame Barriere gegen die Verdrängung menschlicher Autoren darstellen.

Natürlich sind die Einstellungen gegenüber KI noch im Wandel, und es ist durchaus möglich, dass eine Gegenbewegung entsteht – ähnlich wie die Arts-and-Crafts-Bewegung als Reaktion auf die Industrialisierung. Eine denkbare Zukunft wäre eine Marktsegmentierung, in der einige Verbraucher bereit sind, für den kreativen Schaffensprozess selbst zu zahlen, während andere sich ausschließlich für das Endprodukt interessieren.

Unabhängig davon, wie sich diese Entwicklungen entfalten, zeigen unsere Ergebnisse, dass der Weg für menschliche Kreativarbeit möglicherweise steiler ist, als bisherige Forschung vermuten ließ. Während viele Menschen überzeugt sind, dass menschliche Arbeit einen intrinsischen Wert hat, sind überraschend wenige bereit, dies auch mit ihrem Geldbeutel zu bestätigen.

Filed Under: Opinion Tagged With: AI, arts, crafts, creative writing, creativity, willingness to pay

IZA/Fable SWIPE-Konsumindikator für November über sechs Prozent im Plus

November 21, 2024 by Mark Fallak

Von Nikos Askitas und Ingo Isphording

Für November 2024 zeigt der IZA/Fable SWIPE Konsumindikator, der private Konsumtrends in Deutschland monatlich auf Basis von Kreditkartenzahlungen abbildet, einen vorläufigen Wert von 6,34 Prozent Wachstum im Vergleich zum Vorjahr. Damit setzt sich die positive Entwicklugn der letzten Monate fort. Diese erste Schätzung liefert einen frühen Einblick in das tatsächliche Konsumverhalten und wird täglich durch aktuelle Daten untermauert. Der Index lässt sich über unsere interaktive, einbettbare Grafik in Echtzeit nachverfolgen.

Innovativer Ansatz

Der IZA/Fable SWIPE-Konsumindikator liefert objektive Kennzahlen auf Grundlage realer Ausgabedaten aus Kreditkartenzahlungen. Als Ergänzung stimmungsbasierter Indikatoren bietet er eine zeitnahe und zuverlässige Einschätzung des Konsumverhaltens. Der Index korreliert eng mit den Konsumausgabendaten von Eurostat und eignet sich somit gut zur Messung von Konsumtrends.

Wie ein aktuelles IZA-Forschungspapier von Winfried Koeniger, Peter Kress und Jonas Lehmann zeigt, deckt der Index die aggregierten Ausgaben umfassend ab, obwohl die Kreditkartennutzungsrate in Deutschland mit 56,5 Prozent im internationalen Vergleich noch relativ gering ausfällt (Platz 18 von 121 Ländern).

Unterschiede zwischen subjektiven und objektiven Werten

Subjektive Stimmungsindikatoren und objektive Ausgabedaten weisen nicht immer übereinstimmende Entwicklungen auf. Beispielsweise können finanzielle Zwänge oder die konstante Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen des täglichen Bedarfs dazu führen, dass Haushalte trotz pessimistischer Einschätzungen weiterhin stabil konsumieren.

Subtilere Verhaltensphänomene, wie zum Beispiel der sogenannte „Lipstick-Effekt“ – bei dem Konsumenten sich in wirtschaftlichen Abschwüngen kleinere Luxusgüter gönnen – oder der durch die wechselseitige Dynamik von Nachrichtenangebot und -nachfrage erzeugte Negativitätsbias in der Berichterstatung, können ebenfalls dazu beitragen, dass tatsächliche Ausgaben von der gemeldeten Stimmung abweichen.

Abbildung 1 zeigt die Korrelation zwischen dem IZA/Fable SWIPE Konsumindex und den Wirtschaftsstimmungsindikatoren von Eurostat, jeweils inflationsbereinigt. Deutlich werden sowohl Phasen der Abkopplung als auch der Parallelentwicklung. So sank die Wirtschaftsstimmung zwischen 2018 und 2019 kontinuierlich, während der Konsum gemäß SWIPE-Index stabil blieb. Dies deutet auf eine beständige Konsumnachfrage trotz pessimistischer Aussichten hin.

Anfang 2023 zeigt sich erneut eine ähnliche Divergenz: Während die Verbraucherstimmung sank und sich 2024 auf einem niedrigeren Niveau stabilisierte, stiegen die Konsumausgaben im Jahresvergleich und wurden 2024 sogar positiv. Diese Muster, zusammen mit der allgemeinen Diskrepanz zwischen wirtschaftlichen Fundamentaldaten und Verbraucherstimmung, könnten auf strukturelle Veränderungen im Konsumverhalten, den Einfluss finanzieller Einschränkungen oder Verhaltensanpassungen hinweisen, die von Stimmungsindikatoren nicht erfasst werden.

In der Zeit von 2020 bis 2022, die von der Pandemie, Erholungsmaßnahmen und der Ukraine-Krise geprägt war, verliefen beide Messgrößen hingegen weitgehend parallel. Dies könnte auf die gemeinsame Reaktion auf externe Einflüsse wie finanzpolitische Eingriffe und globale Unsicherheiten zurückzuführen sein. Eine Studie von Koeniger und Kress untersucht beispielhaft, wie Verbraucher in Deutschland auf die 2020 pandemiebedingt vorübergehend gesenkte Mehrwertsteuer reagierten.

Abb. 1: Vergleich von Stimmungsindikatoren und dem IZA/Fable SWIPE Konsumindex (jeweils inflationsbereinigt). Während die Stimmung in den Jahren 2018–2019 zurückging, blieb der Konsum weitgehend stabil; im Jahr 2024 wuchs der Konsum in fast allen Monaten im Jahresvergleich, trotz pessimistischer Aussichten. Quelle: Eurostat-Datensatz EI_BSCO_M, Variable M.BS-GES-NY.SA.BAL.DE.

Kombination von Messgrößen

Die Muster der Abweichungen und Übereinstimmungen legen nahe, subjektive und objektive Messgrößen zu kombinieren, um das Zusammenspiel von Verbraucherstimmung und tatsächlichem Verhalten sowie deren Einfluss auf die Konjunkturzyklen zu verstehen. Als Ergänzung zu Stimmungsdaten sind Instrumente wie der SWIPE-Index für eine differenzierte wirtschaftliche Analyse somit äußerst hilfreich.

Dennn eine einseitige Orientierung an Stimmungsprognosen birgt das Risiko, die Widerstandsfähigkeit des Konsums zu unterschätzen. So wurde das kürzlich veröffentlichte Wirtschaftswachstum im dritten Quartal 2024 – das vor allem durch privaten und staatlichen Konsum getragen wurde – von den deutschen Medien als „überraschend“ beschrieben. Der SWIPE-Index zeigte jedoch bereits zuvor ein stetiges Wachstum der privaten Ausgaben im Jahresvergleich und könnte daher womöglich auch die Gültigkeit der aktuellen amtlichen Wirtschaftsprognosen für 2024 infragestellen.

Filed Under: Opinion Tagged With: consumption, index

„Die Arbeitskräfte fehlen nicht, sie sind nur woanders“

February 8, 2023 by Mark Fallak

„Mitarbeiter gesucht“ – was Passanten derzeit an vielen Bäckereien, Friseursalons und anderen Betrieben begegnet, ordnet Simon Jäger im SPIEGEL-Interview vom 31. Januar 2023 aus wissenschaftlicher Sicht ein. Der MIT-Ökonom, der seit September 2022 das IZA leitet, hebt die Wirksamkeit eines marktwirtschaftlichen Instruments besonders hervor: höhere Löhne.

Wir wissen aus Studien, dass Menschen auf Arbeitsplätze wechseln, die gute Löhne und Arbeitsbedingungen bieten – und dort auch seltener kündigen.

Zunächst weist Jäger darauf hin, dass die Beschäftigung einen historischen Höchststand erreicht habe, während die Reallöhne zuletzt gesunken seien: „Das passt nicht zu der These des Fachkräftemangels.“ Im Niedriglohnbereich stagnierten die realen Einkommen sogar seit Jahrzehnten. „Gerade dort, wo Löhne niedrig waren, ist nun aber der Druck besonders groß“, so Jäger. Mit Blick auf bessere Arbeit könnten daher „die Preissignale, die der Markt sendet, auch gesellschaftlich erwünscht sein.“

Auch beim Thema Erwerbsmigration sieht Jäger die Unternehmen in der Pflicht. Im Wettbewerb um hochqualifizierte internationale Beschäftige seien gerade diejenigen Standorte attraktiv, die „höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen und langfristige Perspektiven“ anbieten können. Das inländische Potenzial wiederum ieße sich mit einer höheren Erwerbsbeteiligung von Frauen besser nutzen, doch hier stehe der Staat mit dem Ehegattensplitting „selbst auf der Bremse“.

In Zukunft gehe es bei all diesen Fragen aber auch darum, knappe Arbeitskräfte dort einzusetzen, „wo sie den höchsten Mehrwert schaffen.“ Die Gesellschaft müsse für sich entscheiden, ob sie bereit sei, als besonders wichtig erachtete Bereiche wie Bildung und Pflege mit den dafür notwendigen Ressourcen auszustatten. „Es gibt nichts umsonst. Das ist der Kern“, so Jäger.

Die Niedriglohnfalle am unteren Ende der Lohnverteilung hat also auch etwas mit der Transparenz der Löhne zu tun.

Um einen Ausweg aus dem Niedriglohnsektor zu eröffnen, verwies der IZA-Chef auf eigene Forschungsergebnisse, nach denen beispielsweise eine höhere Lohntransparenz helfe. So würden mehr Informationen über Verdienstaussichten in ähnlichen Jobs dazu führen, dass die Beschäftigten nachverhandeln oder verstärkt nach anderen Stellen suchen.

Insgesamt könnte diese erweiterte Flexibilität dazu führen, dass deutschlandweit mehr gearbeitet wird.

Mehr Flexibilität bei der Gestaltung des Arbeitsalltags könne laut Jäger insgesamt eine Aufstockung der Arbeitsstunden begünstigen. Insbesondere Frauen würden davon profitieren. Eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten für ältere Beschäftigte könne auch die Debatte um das Renteneintrittsalter entspannen, wenngleich das Eintrittsalter für die langfristige Stabilisierung des Rentensystems eine relevante Stellschraube bleibe, so der IZA-Chef.

Filed Under: Opinion Tagged With: Germany, labor shortage, skilled labor, wages, working conditions

Sprachenvielfalt: Fluch oder Segen?

September 20, 2022 by Mark Fallak

Ein Auslandsstudium macht sich nicht nur gut im Lebenslauf, sondern erfreut sich auch aus kulturellen Gründen wachsender Beliebtheit. Zudem werden viele Lehrveranstaltungen inzwischen in englischer Sprache gehalten. Allerdings kann das auf Kosten des Lernerfolgs gehen: In einer aktuellen Studie belegen Juliana Bernhofer und Mirco Tonin, dass Studierende in Prüfungen schlechter abschneiden, wenn sie diese nicht in ihrer Muttersprache schreiben können.

Um den Einfluss der Sprache zu messen, machen sich die Forscherin und ihr Kollege eine Besonderheit der Freien Universität Bozen-Bolzano in Südtirol zunutze: Zum einen ist unter den dortigen Studierenden die deutsche und italienische Muttersprache ähnlich verbreitet. Zum anderen müssen im Grundstudium einige verpflichtende Kurse in diesen beiden Sprachen und auf Englisch belegt werden.

Die Analyse zeigt, dass die Prüfungsleistungen in einer der Fremdsprachen im Schnitt um 9,5 Prozent schlechter ausfallen als in der Muttersprache. Auch die Durchfallquote liegt höher. Die Lücke wird mit besserem Sprachniveau kleiner, bleibt jedoch selbst bei hervorragenden Kenntnissen der jeweiligen Fremdsprache bestehen.

In einem Gastbeitrag (englisch) für den IZA Newsroom erläutern Bernhofer und Tonin ihre Erkenntnisse und mögliche Erklärungsansätze im Detail. Das Ergebnis spreche keineswegs gegen ein Studium im Ausland oder englischsprachige Lehrveranstaltungen, stellen die Forscher klar. Allerdings sollte mehr in die Sprachförderung investiert werden, um die Nachteile zu minimieren.

Filed Under: Opinion Tagged With: academic performance, education, language

Die Zeitenwende erreicht den deutschen Arbeitsmarkt

September 6, 2022 by Mark Fallak

Dekarbonisierung und Digitalisierung sind die großen transformativen Kräfte, die – beschleunigt durch die Pandemie und den Ukraine-Krieg – auf den Arbeitsmarkt einwirken und die internationale Arbeitsteilung nachhaltig verändern. Was das für angespannte Arbeitsmarktlage in Deutschland bedeutet, erklären Holger Bonin und Ulf Rinne in einem aktuellen Beitrag für die Zeitschrift Wirtschaftsdienst.

Die beiden IZA-Forscher sehen den deutschen Arbeitsmarkt vor einer Zäsur: Aus dem Fachkräftemangel, der schon vor der Krise die deutsche Wirtschaft ausgebremst habe, sei inzwischen ein ausgewachsener Arbeitskräftemangel geworden, der auch den Niedriglohnsektor erreicht habe.

Die Bewältigung der „Zeitenwende auf dem deutschen Arbeitsmarkt“ erfordere konzertierte Anstrengungen aller Akteure auf der Angebots- und Nachfrageseite, schreiben Bonin und Rinne. So müssten sich die Arbeitgeber noch aktiver um die Gestaltung attraktiver Arbeitsplätze – einschließlich angemessener Entlohnung – sowie um die Aus- und Weiterbildung bemühen.

Beschäftigte und Arbeitslose wiederum seien gefordert, zusätzliche oder auch gänzlich neue berufliche Qualifikationen zu erwerben. Der demografische Wandel könne zudem längere effektive Arbeitszeiten – in der Woche, im Jahr oder über das gesamte Erwerbsleben – erfordern, um das Wohlstandsniveau zu wahren.

Den Staat sehen die Autoren in der Pflicht, geeignete Rahmenbindungen für die notwendigen Anpassungen auf beiden Seiten des Arbeitsmarkts zu schaffen und überall dort korrigierend einzugreifen, wo der Marktmechanismus an seine Grenzen stößt.

Am Ende stehe jedoch eine unangenehme Wahrheit, so das Fazit der Autoren: Für die Bewältigung der massiven Fachkräfteengpässe gebe es keine einfache Lösung – und sie werde dauern. Außerdem werde den Unternehmen, den Bürgerinnen und Bürgern wie auch der Politik die eine oder andere Zumutung auf dem Weg zur nachhaltigen Sicherung des Wohlstands in Deutschland nicht erspart bleiben.

Filed Under: Opinion

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