Unfaire Löhne gefährden die Gesundheit

Ungerechte Bezahlung ist schlecht fürs Herz. Das ist das Ergebnis einer interdisziplinären Studie, die jetzt in der Fachzeitschrift Management Science erschienen ist. Die Ökonomen Armin Falk und Fabian Kosse (beide briq und IZA) hatten gemeinsam mit einem Team von Medizinsoziologen ein Verhaltensexperiment durchgeführt und die Ergebnisse mit Befragungsdaten verglichen. Demnach wirken sich als unfair empfundene Löhne unmittelbar auf die Herzaktivität aus und führen auch langfristig zu einer Verschlechterung des Gesundheitszustandes.

Für das Laborexperiment hatten die Forscher 80 Studenten in zweiköpfige Teams aus „Chef“ und „Arbeiter“ aufgeteilt. Die Arbeiter mussten 25 Minuten lang eintönige Rechenaufgaben lösen, während sich die Chefs entspannen durften. Je mehr Zahlen die Arbeiter richtig addierten, desto mehr Geld erwirtschaftete das Team. Danach teilten die Chefs den Gewinn willkürlich zwischen beiden auf. In der Regel bedachten sie die Arbeiter mit einem geringeren Gewinnanteil, als von Außenstehenden als fair betrachtet wurde.

Die erlebte Ungerechtigkeit versetzte die Arbeiter in Stress, den die Wissenschaftler anhand der Herzfrequenzvariabilität (HFV) messen konnten. Eine niedrige HFV signalisiert mentale Belastung und deutet auf ein erhöhtes Risiko koronarer Herzerkrankungen hin. Die Auswertung der Versuchsdaten ergab: Je stärker die Bezahlung von einer als fair erachteten Summe abwich, desto ausgeprägter war die körperliche Stresssymptomatik. Erlebte Unfairness wirkt sich demnach unmittelbar auf das autonome Nervensystem aus. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass der menschliche Körper auf soziale und kontextbezogene Informationen reagiert und sie systematisch verarbeitet“, erklärt Fabian Kosse.

Erhöhtes Risiko von Herzerkrankungen

Die Kurzfristeffekte aus dem Laborexperiment decken sich mit den Erkenntnissen aus langfristigen Erhebungen. Anhand von Befragungsdaten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) ermittelten die Forscher einen klaren Zusammenhang zwischen gefühlter Lohnungerechtigkeit und eigenem Gesundheitszustand. Je häufiger die Befragten ihren Lohn als unfair empfanden, desto schlechter schätzten sie ihre Gesundheit ein (siehe Grafik). Eine genauere Analyse zeigte, dass die Betroffenen vor allem häufiger unter Herzkrankheiten litten.


Die Größenordnung des negativen Gesundheitseffekts unfairer Entlohnung ist beträchtlich: Laut Studie entspricht er einer körperlichen Alterung um bis zu zehn Jahre oder einem Einkommensrückgang um monatlich mehr als 1.000 Euro netto. „Faire Bezahlung ist also nicht nur eine Frage der sozialen Gerechtigkeit und der Mitarbeitermotivation, sondern auch der Gesundheit. Dieser Aspekt wird in der politischen und öffentlichen Diskussion bislang vernachlässigt“, so Armin Falk.

Die Autoren sehen zudem die Gefahr, dass die Rückkopplung zwischen dem menschlichen Körper und seinem sozialen Umfeld zum Teufelskreis wird: Verschlechtert unfaire Entlohnung neben der Arbeitsmoral auch den Gesundheitszustand, sinken mit abnehmender Leistungsfähigkeit die Verdienstchancen auf dem Arbeitsmarkt, was die gefühlte Ungerechtigkeit weiter verstärkt.

Download der Studie:

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Gender Care Gap: Frauen leisten 52% mehr unbezahlte Arbeit

Mit Kindererziehung, Pflege von Angehörigen, Ehrenämtern und Hausarbeit leisten Frauen täglich 52,4 Prozent mehr unbezahlte Tätigkeit für andere als Männer. Das geht aus dem Gutachten für den Zweiten Gleichstellungsbericht des Bundesfrauenministeriums hervor. Nach Einschätzung der Sachverständigen, denen auch IZA-Experte Holger Bonin angehört, wird das Ziel der Gleichstellung von Frauen und Männern somit nicht erreicht.

Die Sachverständigenkommission betont, dass Erwerbs- und Sorgearbeit zusammen gedacht werden müssen, um wirksame Maßnahmen zur Förderung der Gleichstellung zu entwickeln. Denn neben dem höheren Anteil an unbezahlter Arbeit im Haushalt und für die Familie führen laut Gutachten auch die im Schnitt geringeren Stundenlöhne und Lebensarbeitseinkommen von Frauen zu ungleichen Verwirklichungschancen.

Die Grafik veranschaulicht den Gender Care Gap, der sich bei Paaren mit Kindern auf über 80 Prozent beläuft:

gender care gap

Quelle: www.gleichstellungsbericht.de, Themenblatt 2.

Weitere Informationen:

Besuchen Sie auch die Themenseite “Gender Divide” der IZA World of Labor!

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Wie sich persönliche Einstellungen zum Thema Zuwanderung formen

Die aktuelle Erfolgswelle von Rechtspopulisten in den USA und einigen europäischen Staaten wird häufig auf wachsende Vorbehalte gegenüber Zuwanderung zurückgeführt. Wie sachlich fundiert sind diese Ängste? Orientieren sich die Menschen im „postfaktischen“ Zeitalter überhaupt noch an belastbaren Daten und Fakten zum Thema Migration und Integration? Diesen und ähnlichen Fragen gehen einige kürzlich erschienene IZA Discussion Papers nach.

Dass Einwanderung aus muslimischen Ländern zunehmend als Bedrohung wahrgenommen wird, ist nicht erst seit Donald Trumps „Travel Ban“ offenkundig. Umfragen zeigen jedoch, dass der Bevölkerungsanteil von Muslimen in vielen Ländern massiv überschätzt wird. Die Grafik veranschaulicht die Diskrepanz zwischen dem durchschnittlich angenommenen und dem tatsächlichen muslimischen Bevölkerungsanteil. Während die Deutschen den Anteil im Schnitt um das Vierfache überschätzen, vermuten die Amerikaner sogar 17mal mehr Muslime in ihrem Land als der Realität entspricht.

Es bestehen also offenbar Informationsdefizite. Aber sind die Menschen auch bereit, ihre Ansichten nach Kenntnis der Fakten zu revidieren? Ein IZA Discussion Paper der Oxford-Ökonomen Alexis Grigorieff und Christopher Roth sowie Diego Ubfal (Bocconi-Universität; IZA) kommt zu einem durchaus ermutigenden Ergebnis. Die Forscher hatten mittels einer Online-Befragung untersucht, ob US-Bürger ihre Einstellung gegenüber Zuwanderung ändern, wenn sie mit aktuellen Statistiken konfrontiert werden.

Aufklärung über Zuwanderung beeinflusst Meinung positiv

Die rund 800 Teilnehmer sollten zunächst Schätzungen zu Zuwanderungszahlen abgeben (z.B. Einwanderung insgesamt, Anteil illegaler/arbeitsloser/inhaftierter Migranten usw.). Erwartungsgemäß lagen die Schätzwerte deutlich über den realen Zahlen. Anschließend wurde die Hälfte der Befragten über die korrekten Daten informiert, so dass sich der „Fakten-Effekt“ messen ließ.

Tatsächlich ging unter den „aufgeklärten“ Probanden die negative Haltung gegenüber Zuwanderern deutlich zurück. So erhöhte sich etwa die Bereitschaft, für eine zuwanderungsfreundliche Wohltätigkeitsorganisation zu spenden, um 30 Prozent. Besonders ausgeprägt war dieser Effekt, der auch bei einer Folgebefragung nach einem Monat anhielt, unter Republikanern. Die Einstellung zu konkreten Politikmaßnahmen, beispielsweise zur Ausweitung der Green-Card-Regelung, änderte sich jedoch nicht maßgeblich.

Die Wirksamkeit von Informationskampagnen konnten auch Giovanni Facchini (University of Nottingham; IZA), Yotam Margalit (Tel Aviv University) und Horiyuki Nakata (University of Leicester; RIETI) nachweisen. Für ihr IZA Discussion Paper analysierten sie Daten aus Japan, einem traditionell eher zuwanderungsfeindlichen Land. Nachdem ein Teil der Befragten über die positiven wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Effekte informiert worden war, stieg unter ihnen die Bereitschaft zur aktiven Unterstützung einer offeneren Zuwanderungspolitik deutlich an.

Öffentliche Präsenz muslimischer Gemeinden beeinflusst Wahlverhalten

Jenseits der offiziellen Statistiken spielt jedoch die subjektive Wahrnehmung von Zuwanderung im Alltag eine entscheidende Rolle. Dass sich die „Sichtbarkeit“ der muslimischen Gemeinde im Wahlverhalten der einheimischen Bevölkerung widerspiegelt, zeigt die Studie der IZA-Forscher Tommaso Colussi, Ingo E. Isphording und Nico Pestel anhand von Daten zum Bau von Moscheen und zum Wahlverhalten auf kommunaler Ebene.

Nach der Errichtung einer Moschee kam es in den betreffenden Kommunen zu einer stärkeren Polarisierung der Wahlbevölkerung: Linke und rechte Parteien konnten zulasten der Mitte zulegen. Besonders ausgeprägt war der Effekt, wenn die Wahlen im zeitlichen Zusammenhang mit dem Fastenmonat Ramadan stattfanden, in dem den muslimischen Gemeinden eine erhöhte öffentliche Aufmerksamkeit zuteil wird.

Download der englischsprachigen Studien:

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IZA und IAB stellen innovativen Datensatz für die Evaluation von Arbeitsmarktpolitik bereit

Um die Wirkung arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen bewerten zu können, braucht die Wissenschaft geeignete Daten. Administrative Daten liefern detailgenaue Informationen zum Erwerbsverlauf, während Befragungsdaten die subjektiven Erfahrungen und Reaktionen der Betroffenen abbilden. Ein Gemeinschaftsprojekt des IZA mit dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) kombiniert nun die Stärken beider Datenquellen in einem einzigartigen Datensatz zu über 15.000 Personen. Der „IZA/IAB Linked Evaluation Dataset 1993-2010“ (LED) ermöglicht beispielsweise eine umfassendere Erforschung des Suchverhaltens von Arbeitslosen.

Auf Basis einer Zufallsstichprobe aus den vom IAB erfassten „Integrierten Erwerbsbiografien“ wurden rund 17.400 Personen, die sich zwischen Juni 2007 und Mai 2008 arbeitslos gemeldet hatten, ermittelt und im Auftrag des IZA telefonisch befragt. Mit Einwilligung der Befragten konnten die Daten von insgesamt 15.173 Personen mit den am IAB vorliegenden Informationen zum tagesgenauen Erwerbsverlauf verknüpft werden. Der auf diese Weise entstandene Datensatz ist anonymisiert und lässt keinerlei Rückschlüsse auf einzelne Personen zu.

Die IAB-Daten umfassen personenbezogene Angaben zu Beschäftigungsverhältnissen aus den Meldungen zur Sozialversicherung sowie Informationen zu Leistungsbezug und Teilnahme an Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik aus den operativen Geschäftsprozessen der Bundesagentur für Arbeit.

Die Befragungsdaten des IZA erstrecken sich über einen Zeitraum von drei Jahren ab Eintritt in die Arbeitslosigkeit und beinhalten detaillierte Informationen zu den Personen und ihren Arbeitsmarktaktivitäten. Die Daten decken auch zahlreiche Merkmale ab, die in anderen Datensätzen typischerweise nicht erfasst sind, aber das Suchverhalten und den Arbeitsmarkterfolg beeinflussen können.

Der LED eröffnet somit neue Perspektiven für die empirische Arbeitsmarktforschung: Einerseits eignen sich die Daten für die Evaluation einzelner Instrumente der aktiven Arbeitsmarktpolitik wie Trainingsmaßnahmen oder Lohnkostenzuschüsse. Andererseits ermöglicht die Kombination aus umfangreichen Personenmerkmalen und Längsschnittinformationen auch empirische Analysen zu vielen Aspekten des Übergangs von Arbeitslosigkeit in Beschäftigung. Die Stichprobe ist allerdings nicht repräsentativ für Arbeitslose insgesamt, sondern konzentriert sich auf Eintritte in Arbeitslosigkeit aus einer vorangegangenen Beschäftigung.

Weitere Informationen zum anonymisierten Datensatz und den Zugangsmöglichkeiten für interessierte Forscher:

Kontakt: idsc@iza.org

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Drei Fragen zum Welttag der sozialen Gerechtigkeit

Am 20. Februar wird der von den Vereinten Nationen ausgerufene Welttag der sozialen Gerechtigkeit begangen. Dass dieses Thema auch den kommenden Bundestagswahlkampf prägen dürfte, hängt damit zusammen, dass Armut und soziale Ungleichheit ungeachtet der wachsenden Terrorismusgefahr noch immer die größte Angst der Deutschen darstellen (siehe Grafik).

Um politische Diskussionen und Entscheidungen auf eine solide wissenschaftliche Grundlage zu stellen, stellt IZA World of Labor die Erkenntnisse der internationalen Wissenschaft zu verschiedenen Faktoren wirtschaftlicher und sozialer Ungleichheit zusammen. Die folgende Aufstellung beleuchtet drei dieser Aspekte: Herkunft, Bildung und Sozialstaat.

1. Welche Rolle spielt die soziale Herkunft?

Wie stark Wohlstand immer noch vom Bildungshintergrund und dem Einkommen der Eltern abhängt, erklärt Jo Blanden in ihrem Artikel für IZA World of Labor. Ihre Analyse konzentriert sich auf den Zusammenhang von sozialer Mobilität und Ungleichheit. Die „Great Gatsby-Kurve“ veranschaulicht, dass Länder, in denen sich das Wohlstandsniveau „persistent“ von einer Generation auf die nächste überträgt, auch eine hohe soziale Ungleichheit aufweisen.

Dass Deutschland bei der Generationengerechtigkeit noch Aufholbedarf hat, zeigt auch eine im September 2016 veröffentlichte Statistik, nach der nur 14 Prozent aller Kinder, deren Eltern keine Universität besucht haben, später ein Gymnasium besuchen. Unter Kindern aus Akademikerhaushalten liegt der Anteil an Gymnasiasten hingegen bei 61 Prozent.

Die Bedeutung von Einkommensmobilität für soziale Gerechtigkeit unterstreicht Lorenzo Cappellari in seinem Artikel. Denn die wahrgenommene Chance, unabhängig von sozialer Herkunft seinen Lebensstandard steigern und wirtschaftlich erfolgreich sein zu können, erfüllt eine wichtige Anreizfunktion, um Humankapital aufzubauen und in den Arbeitsmarkt einzubringen.

2. Welche Rolle spielt das Bildungssystem?

Frühkindliche Bildung ist ein zentrales Instrument zum Abbau sozialer Ungleichheit. So hebt Jane Waldfogel in ihrem Beitrag hervor, dass Kinder aus sozial benachteiligten Familien die Schule oft bereits mit einem Entwicklungsrückstand beginnen, der anschließend nur mühsam wieder aufzuholen ist. Internationale Forschungsergebnisse zeigen, dass öffentlichen Vorschulen und Kindergärten eine hohe Bedeutung zukommt, weil sie Entwicklungslücken schon früh schließen können.

Aber auch im fortgeschrittenen Alter kann  (Weiter-)Bildung einen wichtigen Beitrag zu mehr sozialer Gerechtigkeit leisten. Denn Einkommensungleichheit kommt nicht zuletzt dadurch zustande, dass ungleich verteilte Fähigkeiten unterschiedlich entlohnt werden. Nur wenn auf dem Arbeitsmarkt besonders gefragte Fähigkeiten auch in ausreichendem Maße bereitgestellt werden, lassen sich diese Diskrepanzen abbauen, betont Stijn Broecke in seinem Artikel.

3. Welche Rolle spielt der Sozialstaat?

Der Abbau von Armut und sozialer Ungleichheit erfordert die Umverteilung von Einkommen. Doch nicht jede Art sozialstaatlicher Umverteilung verringert Ungleichheit, wie Alvaro Forteza anhand von Erkenntnissen aus Lateinamerika verdeutlicht. Während beitragsbasierte Sozialversicherungsleistungen den Ärmeren häufig gar nicht oder nur in entsprechend geringem Maße zur Verfügung stehen, können reine Solidarleistungen wiederum mit Fehlanreizen verbunden sein, die sozialer Mobilität eher entgegenwirken. Laut Forteza kommt es daher auf die Ausgestaltung des Sozialstaats mit der richtigen Balance dieser beiden Säulen an.

Lesen Sie mehr auf der englischsprachigen Themenseite von IZA World of Labor:

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Krisenbedingte Jobverluste beeinflussen die Familienplanung

Wie reagieren Frauen, die von Firmenschließungen oder anderen Formen von Massenentlassungen in Deutschland betroffen sind, mit ihrem Kinderwunsch auf die Arbeitslosigkeit? Ob die Mutterschaft verschoben wird oder nicht, hängt laut einer neuen Studie stark von der allgemeinen Wirtschaftslage zum Zeitpunkt des Arbeitsplatzverlustes ab.

Das machen Barbara Hofmann, Michaela Kreyenfeld und Arne Uhlendorff anhand umfassender Daten aus den Jahren 1978 bis 2003 deutlich. Dabei betrachten sie den Sonderfall der Arbeitslosigkeit als Folge von Personalfreisetzungen, die über 30 Prozent der Firmenbelegschaft innerhalb eines Jahres ausmachen.

Der Studie zufolge hat diese Konstellation Langzeitfolgen für die Familienplanung: Auch fünf Jahre nach einem krisenbedingten Arbeitsplatzverlust werden Frauen, die in konjunkturellen Schwächephasen von Massenentlassungen betroffen waren, noch mit 13 Prozent geringerer Wahrscheinlichkeit Mütter als andere Frauen. Im ersten Jahr der Arbeitslosigkeit sinkt die Wahrscheinlichkeit gegenüber nicht arbeitslos gewordenen Frauen sogar um 28 Prozent.

Die Autoren liefern dafür eine einleuchtende Erklärung: Die Verschiebung der Mutterschaft stellt eine rationale Entscheidung in Zeiten größerer materieller Unsicherheit dar. In dem Maße, wie es in wirtschaftlichen Krisenzeiten schwerer fällt, eine neue bzw. vergleichbare Beschäftigung zu finden, tendieren erwerbsorientierte Frauen dazu, die Familiengründung in die Zukunft zu verschieben.

In guten Konjunkturphasen hingegen hält die eigene Arbeitslosigkeit aufgrund von Massenentlassungen die betroffenen Frauen nicht davon ab, sich für die Mutterschaft zu entscheiden, weil sie ihre Wiederbeschäftigungschancen nach der Elternzeit vergleichsweise günstig beurteilen.

Download der englischsprachigen Studie (IZA DP No. 10485):

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Mindestlohnverstöße in Italien – und was sich dagegen tun lässt

Ökonomische Studien zu den Auswirkungen von Mindestlöhnen auf Beschäftigung, Preise, Gewinne und Produktivität basieren in der Regel auf der Annahme, dass sich alle Unternehmen an die geltenden Mindestlohnregelungen halten. In der Realität ist das jedoch nicht immer der Fall, wie jüngst eine medienwirksame Studie zu Minijobbern in Deutschland zeigte, auch wenn deren Aussagekraft mit einigen methodischen Fragezeichen verbunden war.

Die internationale Forschung zur Nichteinhaltung von Mindestlöhnen konzentriert sich bislang primär auf Entwicklungs- und Schwellenländer (siehe Überblick in IZA World of Labor). Ein aktuelles IZA Discussion Paper liefert nun erstmals eine umfassende Analyse von Verstößen gegen Branchenmindestlöhne in Italien. Der OECD-Ökonom Andrea Garnero nutzte dafür neben Befragungen von Unternehmen und Beschäftigten auch amtliche Statistiken und Sozialversicherungsdaten der Jahre 2008 bis 2015.

Zunächst offenbart die Studie die enorme Komplexität der italienischen Tariflandschaft: Statt eines flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohns gibt es über 800 branchenbezogene Tarifvereinbarungen mit Tausenden von Einzelregelungen – bis hin zu eher exotischen Berufsgruppen wie Küstern oder Emotionscoaches.

Im internationalen Vergleich liegen Italiens Mindestlöhne auf hohem Niveau, auch gemessen am Medianlohn. Garnero ermittelt jedoch, dass jeder zehnte Arbeitnehmer unterhalb des geltenden Mindestlohns bezahlt wird. Die Abweichung fällt mit durchschnittlich 20 Prozent bemerkenswert hoch aus. Davon betroffen sind vor allem Frauen und Leiharbeiter sowie Beschäftigte von Kleinbetrieben.

Verstöße gegen den Branchenmindestlohn in Italien nach Region (2015)
Quelle: IZA Discussion Paper No. 10511.

Besonders auffällig sind die Verstöße in den südlichen Regionen Italiens, wohl auch weil hier aufgrund geringerer Lebenshaltungskosten der Reallohn höher ausfällt als im Norden des Landes. Das Fazit des Experten: In seiner jetzigen Form ist das komplexe italienische Tarifsystem nicht in der Lage, gleiche Wettbewerbsbedingungen für Unternehmen zu schaffen und zudem sicherzustellen, dass Geringverdiener von Mindestlohnerhöhungen profitieren. Vielmehr sorgt es für starke Anreize, den jeweiligen Mindestlohn zu umgehen.

Jenseits von schärferen Kontrollen schlägt Garnero ein Maßnahmenbündel vor, das sich ohne hohen Kostenaufwand umsetzen ließe:

  1. Komplexität reduzieren: Um das kaum überschaubare Regelungsdickicht zu lichten, könnten die Anforderungen an den Abschluss gültiger Tarifvereinbarungen erhöht und deren Zahl damit gesenkt werden.
  2. Transparenz steigern: Höhe und Geltungsbereich der Branchenmindestlöhne könnten über eine nutzerfreundliche Online-Datenbank besser bekannt gemacht werden, ergänzt um Hotlines und Beratungsplattformen für Beschäftigte und Unternehmen (als mögliches deutsches Vorbild nennt Garnero hier http://www.der-mindestlohn-wirkt.de).
  3. Bewusstsein schaffen: Durch Informationskampagnen könnte die Öffentlichkeit für Mindestlohnverstöße stäker sensibilisiert werden. Denkbar wären laut Garnero auch „schwarze Listen“ mit Unternehmen, die sich nicht an den Mindestlohn halten.

Download der englischsprachigen Studie (IZA DP No. 10511):

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Drei Wege zu produktiveren Mitarbeitern

Die Produktivität eines Unternehmens zu steigern gehört zu den wichtigsten und zugleich schwierigsten Managementaufgaben. Auch wenn Automatisierung bei diesem Thema in aller Munde ist, kommt es für die meisten Unternehmen dabei immer noch auf den Faktor Mensch an. Drei kürzlich in IZA World of Labor erschienene Artikel widmen sich der Frage, wie sich jenseits rein finanzieller Anreize die Produktivität der Mitarbeiter steigern lässt.

Interaktion mit Kollegen beeinflusst die Produktivität

Der Beitrag von Thomas Cornelissen (University of York & IZA) zeigt, dass die Mitarbeiterproduktivität maßgeblich von der Produktivität der Kolleginnen und Kollegen beeinflusst wird. Selbst wenn Beschäftigte nicht im selben Team arbeiten, wird im sozialen Austausch Wissen übertragen und ein gewisser Gruppendruck erzeugt. Beides kann die Leistung der Belegschaft insgesamt steigern. Die folgende Grafik veranschaulicht diesen Effekt: Steigt die „Qualität“ der Kollegen, weil unproduktive Mitarbeiter das Unternehmen verlassen oder besonders leistungsfähige neu eingestellt werden, erhöht sich insbesondere bei Geringqualifizierten die Produktivität, gemessen am Lohnniveau.

Dieser Befund deutet auf einen Nachteil von Home-Office-Modellen hin, da die positiven Peer-Effekte nur bei regelmäßiger Interaktion mit den Kollegen zum Tragen kommen. Cornelissen empfiehlt daher, auch bei flexiblen Arbeitsplatzmodellen effektive Möglichkeiten zum persönlichen Austausch im Team zu schaffen. Zu hoher sozialer Druck wiederum kann kontraproduktiv wirken, wenn die Jobzufriedenheit darunter leidet.

Glückliche Mitarbeiter sind produktiver

An diesen Aspekt knüpft der Beitrag von Eugenio Proto (University of Warwick & IZA) an, der den Zusammenhang zwischen Mitarbeiterzufriedenheit und Produktivität beleuchtet. Moderne Konzerne wie Google investieren massiv in die Zufriedenheit ihrer Mitarbeiter. Dass diese Unternehmen oft auch wirtschaftlich erfolgreich sind, lässt jedoch noch keine Rückschlüsse auf die Richtung des Effekts zu: Sind zufriedene Mitarbeiter besonders produktiv, oder ist die Belegschaft glücklich, weil das Unternehmen erfolgreich ist?

Sowohl Verhaltensexperimente unter Laborbedingungen als auch empirische Befunde aus der realen Welt deuten darauf hin, dass der Motivationsfaktor eine entscheidende Rolle spielt: Wer in seinem Job besonders zufrieden ist, liefert mehr Leistung bei besserer Qualität und trägt damit zu einem produktiveren Unternehmen bei.

Proto rät daher, diese Erkenntnisse stärker als bisher in die Firmenpolitik einfließen zu lassen. So könnten sich Managerboni auch an der Mitarbeiterzufriedenheit orientieren. Zudem kann es sinnvoll sein, die Belegschaft enger in Unternehmensentscheidungen einzubinden, was tendenziell die Zufriedenheit der Mitarbeiter und damit auch deren Produktivität steigert.

Mitarbeiterbeteiligung erhöht die Leistungsfähigkeit des Unternehmens

Diesen Zusammenhang belegt der Beitrag von Douglas Kruse (Rutgers University & IZA) anhand von Modellen der Mitarbeiterbeteiligung, bei denen Angestellte nicht nur in Entscheidungen eingebunden sind, sondern zu Anteilseignern werden und somit auch finanziell unmittelbar am Unternehmenserfolg partizipieren.

Zwar sind solche Modelle auch mit Risiken verbunden: Mitarbeiter könnten ihre Leistung verringern, weil sie an den Anstrengungen ihrer Kollegen automatisch „mitverdienen“. Zugleich könnten sie bei einem besonders hohen Anteil der Kapitalbeteiligung am Gesamteinkommen zu sehr vom Unternehmenswohl abhängig werden. Kruse zeigt jedoch Wege auf, diese Risiken zu minimieren. Insgesamt steigere Mitarbeiterbeteiligung nicht nur die Produktivität, sondern wirke sich zudem positiv auf Löhne, Beschäftigungsstabilität und das Insolvenzrisiko aus.

Lesen Sie die drei Artikel im englischen Original:

 

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Globalisierung hat Beschäftigungsrückgang in der deutschen Industrie verlangsamt

Der Niedergang des verarbeitenden Gewerbes in den USA hat den dortigen Präsidentschaftswahlkampf geprägt und birgt auch in anderen Industrienationen sozialen Sprengstoff. Als Ursache wird – neben zunehmender Automatisierung und Digitalisierung – häufig die Konkurrenz durch Billigimporte aus China gesehen. Aber gilt dieser Erklärungsansatz für alle westlichen Marktwirtschaften, oder sind die USA mit ihrem massiven Handelsbilanzdefizit gegenüber China ein Sonderfall?

In einem aktuellen IZA Discussion Paper richten Wolfgang Dauth, Sebastian Findeisen und  Jens Suedekum den Fokus auf Deutschland, wo die verarbeitende Industrie traditionell eine Schlüsselrolle spielt. Im Gegensatz zu den USA verzeichnet Deutschland einen aggregierten Leistungsbilanzüberschuss und tendenziell ausgeglichene Handelsbilanzen gegenüber China und Osteuropa, wo ebenfalls das verarbeitende Gewerbe stark wächst.

Inwieweit Deutschland bislang von den wachsenden Handelsverflechtungen mit diesen Staaten profitiert hat, untersuchen die Autoren anhand des sektoralen Strukturwandels von 1993-2014. Dabei betrachten sie die zugrunde liegenden Arbeitsmarktveränderungen auf der Mikroebene und ermitteln schließlich den kausalen Einfluss der Globalisierung auf diese Prozesse.

Auf gesamtwirtschaftlicher Ebene (siehe Abbildung) zeigt sich zunächst auch für Deutschland das typische Muster des strukturellen Wandels: Dienstleistungsjobs befinden sich langfristig im Aufwärtstrend, während die Beschäftigung im verarbeitenden Gewerbe tendenziell abgenommen hat, insbesondere vor der Jahrtausendwende.

Verarbeitendes Gewerbe und Dienstleistungssektor in Deutschland, 1993-2014

Verarbeitendes Gewerbe und Dienstleistungssektor in Deutschland, 1993-2014

Gleichzeitig gab es jedoch auch wichtige Veränderungen innerhalb des Industriesektors. Teilbereiche mit starkem Anstieg der Nettoimporte aus China und Osteuropa schrumpften deutlich schneller als exportorientierte Branchen. Dort ist die Zahl der Arbeitsplätze seit 1997 annähernd stabil, während in Branchen mit starker Importkonkurrenz selbst in der Phase des deutschen „Beschäftigungswunders“ nach dem Jahr 2005 Arbeitsplatzverluste andauerten. Doch dieser Befund legt nur vordergründig Protektionismusüberlegungen nahe, wie sie derzeit in den USA angestellt werden.

Anders als in den USA hat die Globalisierung in Deutschland der Studie zufolge nicht etwa insgesamt zum Rückgang der Industriejobs beigetragen, sondern im Gegenteil den Strukturwandel sogar verlangsamt. Steigende Exporte in die neu erschlossenen Märkte haben Arbeitsplätze hierzulande eher gesichert. Ohne die Intensivierung des Handels mit China und Osteuropa hätte das deutsche verarbeitende Gewerbe im Jahr 2014 bis zu 259.000 Vollzeitarbeitsplätze weniger umfasst.

Allerdings zeigt die Analyse von individuellen Erwerbsbiografien, dass ein reibungsloser Wechsel von Industriebeschäftigten in den Dienstleistungssektor bisher noch die Ausnahme ist. Das Beschäftigungswachstum im Dienstleistungssektor speist sich gegenwärtig fast ausschließlich aus jungen Berufsanfängern und Arbeitslosen, die mangels beruflicher Perspektive die Branche wechseln.

Download der englischsprachigen Studie:

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Behandlung psychischer Erkrankungen hilft den Betroffenen – und spart dem Staat Geld

depressionPsychische Erkrankungen machen in den Industrienationen rund die Hälfte aller Krankheitsfälle von Menschen unter 45 Jahren aus. Die Kosten für die öffentliche Hand in Form von Sozialleistungen und entgangenen Steuereinnahmen gehen in die Milliarden. Eine effektive Behandlung der Betroffenen würde sich daher mehr als selbst finanzieren, schreibt IZA-Fellow Sir Richard Layard (London School of Economics) in einem Beitrag für IZA World of Labor.

Arbeitnehmer, die unter Depressionen oder Angstzuständen leiden, sind im Durchschnitt weniger produktiv, fallen häufiger krankheitsbedingt aus und haben ein deutlich höheres Arbeitslosigkeitsrisiko. Würden sie in gleichem Maße arbeiten wie die übrige Erwerbsbevölkerung, stiege die Gesamtbeschäftigung um mehr als 4%. Entsprechend positiv wären die Auswirkungen auf  Wirtschaftsleistung und Steuereinnahmen.

Massive Produktivitätseinbußen

Hinzu kommt das als „Präsentismus“ bezeichnete Phänomen, dass sich viele Beschäftigte aus Furcht vor dem Jobverlust krank zur Arbeit schleppen. Nach Layards Schätzungen für Großbritannien reduziert die Kombination aus Nichtbeschäftigung, Fehlzeiten und geringerer Produktivität am Arbeitsplatz das Bruttoinlandsprodukt um mindestens 7%. Das entspricht etwa der Höhe des gesamten Bildungsetats.

Zudem nehmen Menschen mit psychischen Problemen etwa 60% mehr ärztliche Leistungen zur Behandlung körperlicher Leiden in Anspruch als psychisch gesunde Patienten mit dem gleichen physischen Krankheitsbild. Dadurch entstehen zusätzliche Gesundheitskosten in Milliardenhöhe. Ausgabensteigernd wirkt darüber hinaus die höhere Kriminalitätsneigung unter psychisch Kranken.

Sparen am falschen Ende

Trotz dieser immensen Kosten gibt keine Nation mehr als 1% des BIP für die Behandlung psychischer Erkrankungen aus, obwohl Patienten mit klinischer Depression oder chronischen Angststörungen dank fortschrittlicher Behandlungsmethoden inzwischen ausgesprochen gute Aussichten auf Heilung haben. Jeder investierte Euro würde daher das Doppelte an Einsparungen im Gesundheits- und Sozialsystem bringen, rechnet Layard vor.

Sein Fazit: „Psychotherapeutische Maßnahmen sind unter dem Aspekt der Wirtschaftlichkeit ein echtes Schnäppchen. Trotzdem stehen sie bei Sparrunden im Gesundheitssystem häufig oben auf der Streichliste. Die Verantwortlichen sollten sich bewusst sein: Gesamtwirtschaftlich gesehen verursacht die Behandlung psychischer Erkrankungen keine Kosten, sondern sie spart im Gegenteil sogar Geld.“

Lesen Sie den vollständigen Artikel (in englischer Sprache):

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