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Mark Fallak

Nur wenige Europäer machen sich ernsthafte Sorgen um den Klimawandel

September 17, 2020 by Mark Fallak

Laut einem aktuellen IZA-Forschungspapier von Adam Nowakowski (Bocconi-Universität, Mailand) Andrew J. Oswald (Universität Warwick) machen sich nur fünf Prozent der europäischen Bürgerinnen und Bürger ernsthafte Sorgen um die Auswirkungen des Klimawandels. Unter den drängendsten gesellschaftlichen Problemen rangieren Klima und Umwelt erst auf Platz fünf.

Die Analyse basiert auf zwei repräsentativen Umfragen (European Social Survey 2016 und Eurobarometer 2019) mit insgesamt rund 70.000 Befragten. Demnach ist die Sorge vor dem Klimawandel in den kühleren Staaten Nordeuropas geringer ausgeprägt als im wärmeren Süden. Zudem zeigt sich eine verbreitete Skepsis gegenüber gemeinsamen Anstrengungen zur Begrenzung der globalen Erwärmung, etwa durch die Reduzierung des persönlichen Energieverbrauchs.

„Es macht wenig Sinn, über immer ausgefeiltere wirtschaftspolitische Instrumente zur Bekämpfung des Klimawandels nachzudenken, wenn es dafür keine breite Unterstützung in der Wählerschaft gibt. Und die ist derzeit noch nicht in Sicht“, sagt Andrew Oswald, IZA-Sonderbeauftragter für Klimawandel und Arbeitsmarkt.

Die Forscher schlagen daher vor, zunächst die staatlichen Informationskampagnen zu den Folgen des Klimawandels massiv auszuweiten, um den Weg für steuerpolitische Maßnahmen zu ebnen. Diese Strategie habe sich bereits bei der Eindämmung des Tabakkonsums bewährt.

Lesen Sie hier eine ausführlichere englische Fassung.

Filed Under: Research Tagged With: climate change, feelings, global warming, policy interventions, public information

Die Corona-Krise auf dem Arbeitsmarkt: Aktuelle Einblicke aus Österreich

September 15, 2020 by Mark Fallak

Das IZA Crisis Response Monitoring liefert eine unabhängige Bewertung der internationalen politischen Krisenreaktionen. Darüber hinaus haben wir für den IZA Newsroom einige unserer Länderexpertinnen und -experten nach ihren persönlichen Erfahrungen und Einschätzungen zur Arbeitsmarktlage in ihrem Land gefragt. Österreich hat durch den Corona-Hotspot Ischgl, der als europäisches Epizentrum der Pandemie gilt, traurige internationale Berühmtheit erlangt. Zur Lage auf dem österreichischen Arbeitsmarkt einige Fragen an René Böheim (JKU Linz) und Thomas Leoni (WIFO):

Wie hat sich der Arbeitsmarkt in Österreich in den letzten Monaten entwickelt?

RB: Die Arbeitslosenzahlen sind noch immer auf Rekordniveau, ebenso wie die Kurzarbeit, die bis mindestens Ende März 2021 verlängert wurde. Ich fürchte, wir werden noch eine Welle von Unternehmenspleiten erleben, die durch staatliche Rettungsprogramme nur aufgeschoben wurde. Vor allem die Bereiche Kultur und Tourismus wurden hart getroffen. Die Sommersaison hat es nicht besser gemacht.

Ich fürchte, wir werden noch eine Welle von Unternehmenspleiten erleben.

TL: Die enorme Ausweitung der Kurzarbeit hat zweifellos entscheidend zur Stabilisierung der Beschäftigung beigetragen. Inzwischen ist etwa die Hälfte der Arbeitskräfte, die im Lockdown ihren Job verloren hatten, wieder zurück in Beschäftigung. Das lässt hoffen. Allerdings sind die Arbeitsplatzverluste noch längst nicht kompensiert. Hinzu kommt der „Rückstau“ von Arbeitssuchenden aus der Zeit vor der Krise.

Wie wird die Arbeitsmarktlage in sechs bis zwölf Monaten aussehen?

RB: Vor allem für Jüngere und Geringqualifizierte, aber auch für Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen wird das Arbeitslosigkeitsrisiko hoch bleiben.

TL: Wirtschaft und Arbeitsmarkt erholen sich nur sehr langsam und ungleichmäßig vom akuten Lockdown-Schock. Einzelne Sektoren wie der Tourismus und der Transportsektor, aber auch manche Industriebranchen, werden noch einige Monate zu kämpfen haben. Wir sehen Licht am Ende des Tunnels, aber es bleibt ein steiniger Weg, insbesondere für benachteiligte Arbeitsmarktgruppen.

Welche Politikmaßnahmen wären jetzt besonders sinnvoll?

RB: Aus meiner Sicht brauchen wir gezielte Programme für den Beschäftigungsaufbau, wobei es Mitnahmeeffekte zu vermeiden gilt, sowie effektive Qualifizierungsprogramme. Ich wäre auch dafür, Kurzarbeit stärker an Weiterbildungsmaßnahmen zu knüpfen.

Die Krise bietet auch eine Chance zur Umsetzung innovativer Politikansätze.

TL: Die Krise bietet auch eine Chance zur Umsetzung innovativer Politikansätze, beispielsweise gezielte Beschäftigungssubventionen für benachteiligte Arbeitsmarktgruppen oder auch attraktive Modelle zur Arbeitszeitreduzierung. Wichtig wird sein, gemeinsam mit den Sozialpartnern branchenspezifische Maßnahmen zu entwickeln. Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht wird es außerdem darauf ankommen, der Investitionsschwäche entgegenzuwirken, die wir im Privatsektor schon sehen und mit der wir angesichts wegbrechender Steuerreinnahmen auch auf kommunaler Ebene rechnen müssen.

Welche Aspekte der Krisenreaktion in Österreich sind besonders bemerkenswert?

TL: Beeindruckt hat mich, wie schnell und flexibel sich Unternehmen, Organisationen und Individuen an die veränderten Rahmenbedingungen angepasst haben, im Lockdown aber auch danach. Ich denke da vor allem an die Übertragung von Arbeitsprozessen aus der realen in die virtuelle Welt. Das war ein Experiment, das sicherlich die Arbeitsorganisation der Zukunft nachhaltig beeinflussen wird. Persönlich fand ich es übrigens auch spannend zu beobachten, wie schnell Kinder lernen, ihre sozialen Kontakte online weiter zu pflegen.

Filed Under: Opinion Tagged With: Austria, COVID-19

Bremst wirtschaftliche Entwicklung die Auswanderung aus ärmeren Ländern?

September 10, 2020 by Mark Fallak

Das Argument klingt ebenso simpel wie einleuchtend: Gelänge es mit den Mitteln der Entwicklungshilfe, die wirtschaftliche Not der Menschen in den ärmsten Weltregionen zu lindern, nähmen die Migrationsströme in die reicheren Industrienationen ab. Zwei aktuellen IZA-Forschungspapieren zufolge zeigt sich bei genauerer Betrachtung der Faktenlage jedoch ein umgekehrtes Bild: Mehr wirtschaftlicher Erfolg erhöht die Auswanderungsbereitschaft.

Die erste Studie von Michael Clemens und Mariapia Mendola untersucht diesen Zusammenhang auf der Ebene von Haushalten. Anhand von Daten zu 653.613 Personen in 99 Entwicklungsländern stellen die Forscher fest, dass in Haushalten mit höherem Einkommen häufiger aktive Vorbereitungen für die dauerhafte Auswanderung getroffen werden.

Die folgende Abbildung zeigt die Einkommensverteilung für 120.420 Menschen in den ärmsten Ländern der Welt (linke Achse). Die blaue Kurve zeigt für jede Einkommensstufe die Wahrscheinlichkeit, dass konkrete Auswanderungspläne bestehen (rechte Achse).

Das zweite Papier von Michael Clemens untersucht dieselbe Frage auf nationaler Ebene. Je reicher die armen Länder mit der Zeit werden, desto größere Bevölkerungsanteile leben im Ausland. Die folgende Abbildung zeigt anhand der Pfeile, wie sich die Auswanderung aus armen in reiche Länder (senkrechte Achse) mit steigendem Pro-Kopf-Einkommen (waagerechte Achse) von 1970 bis 2019 entwickelt hat. Dabei wird deutlich, dass kaum ein Entwicklungsland in diesem Zeitraum nachhaltiges Wirtschaftswachstum ohne einen Anstieg der Auswanderungsquote verzeichnete.

Diese Befunde, hier nur grob illustriert, werden in den Forschungsarbeiten zahlreichen Tests unterzogen. So berücksichtigt die erste Studie bei der Schätzung der Migrationstendenz neben dem Einkommen auch diverse Faktoren von der Schulbildung bis zur Arbeitsmoral. Zudem wird überprüft, ob die konkreten Auswanderungspläne auch das tatsächliche Migrationsverhalten widerspiegeln. Die zweite Studie wiederum bezieht auch spezifische Ländereigenschaften (etwa die geografische Lage) sowie globale Trends (wie verbesserte Transport- und Kommunikationstechnologien) mit ein.

Zwei unterschiedliche Forschungsansätze mit ähnlichem Ergebnis

Die quantitativen Resultate beider Arbeiten sind trotz ihrer unterschiedlichen Ansätze auffallend ähnlich. In durchschnittlichen Haushalten in Entwicklungsländern ist ein Einkommenszuwachs pro Erwachsenem um 100 Prozent mit einer um 30 Prozent erhöhten Wahrscheinlichkeit konkreter Migrationsvorhaben verbunden. Auf nationaler Ebene bedeutet eine Verdopplung des Pro-Kopf-Einkommens im Zeitverlauf eine Steigerung der Auswanderungshäufigkeit um 35 Prozent. Den Studien zufolge kann wirtschaftliche Entwicklung zwar auf ganz lange Sicht durchaus Migration substituieren, doch auf absehbare Zeit wirkt sie eher komplementär.

Um das scheinbare Paradox zu erklären, dass die Menschen bei schlechteren wirtschaftlichen Möglichkeiten und geringeren Jobchancen eher im Land verbleiben, ziehen die Forscher einen Vergleich zum Bildungssystem. Beides ist zunächst mit hohen Kosten verbunden, um langfristig das Humankapital zu steigern. Wohlhabendere Familien schicken ihre Kinder nicht etwa seltener, sondern häufiger auf die Universität, obwohl für sie die „Notwendigkeit“ einer Einkommenssteigerung geringer ist. Denn mit höheren Einkommen gehen in der Regel bessere Schulbildung und höhere Karriereziele einher. Ähnliches gilt für die Migration. Wirtschaftliche Entwicklung führt auch zu strukturellen Veränderungen in Bereichen Demografie, Schulbildung und Urbanisierung, die wiederum Migration erleichtern und attraktiver erscheinen lassen.

Welche Implikationen ergeben sich daraus für die Entwicklungspolitik? Die Autoren warnen hier vor einer allzu einfachen Interpretation und wollen ihre Ergebnisse nicht als Argument gegen Entwicklungshilfe zur Fluchtursachenbekämpfung interpretiert sehen. Migration aus Afrika könne ebenso durch kurzfristige Krisen bedingt sein wie durch langfristigen wirtschaftlichen Erfolg. Die Massenauswanderung aus Skandinavien vor 1914 beispielsweise sei nicht etwa der wirtschaftlichen Not geschuldet gewesen, sondern vielmehr die Folge der strukturellen Veränderungen einer aufstrebenden Region. Vor diesem Hintergrund sei es wichtig, die politische Debatte – egal von welcher Seite und mit welchen Absichten sie geführt werde – mit empirischen Erkenntnissen zu fundieren.

Filed Under: Research Tagged With: aid, Development, migration

Die Corona-Krise auf dem Arbeitsmarkt: Aktuelle Einblicke aus Schweden

September 1, 2020 by Mark Fallak

Das IZA Crisis Response Monitoring liefert eine unabhängige Bewertung der internationalen politischen Krisenreaktionen. Darüber hinaus haben wir für den IZA Newsroom einige unserer Länderexpertinnen und -experten nach ihren persönlichen Erfahrungen und Einschätzungen zur Arbeitsmarktlage in ihrem Land gefragt. Den Anfang machen Lena Hensvik und Oskar Nordström Skans von der Universität Uppsala mit aktuellen Einblicken aus Schweden. Die vergleichsweise laxe Corona-Politik der schwedischen Regierung wurde lange als Vorbild gehandelt, geriet dann aber zunehmend in die Kritik, als die Todeszahlen stiegen und die Wirtschaft trotzdem einbrach. Wir wollten von Lena und Oskar wissen, wie sich der Arbeitsmarkt entwickelt hat und was für die nächsten Monate zu erwarten ist.

Wie beurteilt ihr die aktuelle Arbeitsmarktlage in Schweden und die Rolle der Politik?

Lena: Wie fast überall war auch in Schweden die Lage anfangs ziemlich dramatisch. Denn auch wenn wir keinen offiziellen Lockdown hatten, sondern dringende „Empfehlungen“ zum Social Distancing, hatte das natürlich massive Auswirkungen auf das Verhalten der Menschen. Beispielsweise blieben die Restaurants zwar mit einigen Einschränkungen geöffnet, aber der Umsatz in der Gastronomie brach binnen einer Woche um 70 Prozent ein. So etwas bleibt nicht ohne ernsten Schaden für die Wirtschaft. Aber es geht langsam wieder bergauf.

Oskar: Die Kurzarbeit-Regelungen, die als Reaktion auf die Krise eingeführt wurden, haben sehr geholfen. Auch dank anderer Maßnahmen wie Kreditgarantien (die allerdings kaum genutzt wurden) konnten die Unternehmen zunächst abwarten, wie sich die Krise entwickelt, ohne gleich ihre Leute entlassen oder Konkurs anmelden zu müssen.

Die gesundheitlichen Folgen waren bei uns gravierender als bei unseren direkten Nachbarn.

Im europäischen Vergleich ist es Schwedens Wirtschaft noch relativ gut ergangen, aber auch nicht viel besser als unseren direkten Nachbarn, die deutlich schärfere Corona-Auflagen hatten. Die gesundheitlichen Folgen waren bei uns zwar gravierender, aber kein Vergleich zu Großbritannien oder einigen südeuropäischen Ländern, die noch restriktivere Maßnahmen hatten als unsere Nachbarn. Zum jetztigen Zeitpunkt lassen sich die Ländererfahrungen aber noch schwer vergleichen, und wir sind auch keine Gesundheitsexperten. Klar ist aber, dass all diese Dinge systematisch evaluiert werden müssen, wenn die Krise vorbei ist.

Wie wird der Arbeitsmarkt in sechs bis zwölf Monaten aussehen?

Lena: Wir gehen davon aus, dass sich die Lage allmählich entspannen wird. Es bleibt zu hoffen, dass viele der Jobs, die unter den Empfehlungen zum Social Distancing besonders gelitten haben, gerettet werden können. Die Wiederaufnahme des regulären Geschäftsbetriebs dürfte in Schweden etwas schleppender verlaufen als anderswo, weil es weniger formelle Restriktionen und dementsprechend auch keine formellen Lockerungen gibt.

Die einzige Hoffnung auf eine rasche Erholung am Arbeitsmarkt ist die Wiederbelebung der bestehenden Betriebe.

Oskar: Einige Branchen – zum Beispiel alles, was mit Veranstaltungen, Kultur und Reisen zu tun hat – werden noch lange zu kämpfen haben. Andere Dienstleistungsbereiche sehen schon wieder Licht am Ende des Tunnels. Das ist ungemein wichtig, denn die einzige Hoffnung auf eine rasche Erholung am Arbeitsmarkt ist die Wiederbelebung der bestehenden Betriebe. Neue Jobs zu schaffen und strukturelle Anpassungen vorzunehmen dauert immer deutlich länger.

Welche Maßnahmen würden dem schwedischen Arbeitsmarkt besonders helfen?

Oskar: Die Unternehmen brauchen mehr aktive Unterstützung, um aus der Krise zu kommen – wobei darauf geachtet werden muss, dass keine Fehlanreize gesetzt werden. Leistungen wie das Kurzarbeitergeld, die nur gezahlt werden, wenn die Produktion runtergefahren wird, bergen immer die Gefahr, dass sich die Rezession künstlich in die Länge zieht, weil Inaktivität subventioniert wird.

Unternehmen, die vorzeitig die Kurzarbeit beenden, sollten steuerlich entlastet werden.

Wir könnten uns stattdessen vorstellen, Unternehmen gezielt steuerlich zu entlasten, die vorzeitig von der Kurzarbeit in den Normalbetrieb zurückkehren. Auch die aktuell sehr großzügigen Regelungen im Krankheitsfall könnten wieder zurückgedreht und auf nachweislich Corona-Infizierte beschränkt werden, um übermäßige Fehlzeiten zu verringern, die den Aufschwung bremsen könnten.

Lena: Ähnliches gilt übrigens auch für die aktive Arbeitsmarktpolitik. Alles, was der Wiederaufnahme produktiver wirtschaftlicher Aktivitäten förderlich ist, sollte Priorität haben.

Welche Aspekte der Krisenreaktion in Schweden findet ihr besonders bemerkenswert?

Oskar: Wie auch andere Länder hat die schwedische Regierung innerhalb kürzester Zeit ein umfangreiches Rettungspaket geschnürt. Aber auch die Unternehmen haben sich äußerst flexibel gezeigt und sind zum Teil sehr konstruktiv mit der Krise umgegangen. Zum Beispiel wurden Flugbegleiterinnen innerhalb von ein, zwei Wochen zu Pflegekräften umgeschult. Daraus können wir für die Zukunft einiges lernen.

Lena: Auch auf die universitäre Pflegeausbildung gab es einen regelrechten Run – die Anmeldungen sind um 30 Prozent gestiegen. Das ist ein gutes Zeichen, denn gerade in diesem Bereich mangelt es akut an qualifizierten Fachkräften.

Arbeitsuchende zeigen sich bereits flexibler und schwenken auf krisenfestere Branchen um.

Für ein aktuelles IZA Discussion Paper habe ich mit zwei Kollegen ausgewertet, wie sich das Jobsuchverhalten in Zeiten von Corona geändert hat. Dabei haben wir festgestellt, dass sich die Arbeitsuchenden bereits deutlich flexibler zeigen und zum Teil auf krisenfestere Branchen umschwenken. Das lässt hoffen, dass sich Angebot und Nachfrage auf dem Stellenmarkt relativ gut zueinander bringen lassen.

Filed Under: Opinion Tagged With: COVID-19, Sweden

Langfristige Arbeitsmarktfolgen für Schulabgänger in der Corona-Krise

August 31, 2020 by Mark Fallak

Die letzten Jahre waren goldene Zeiten für Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger. Angesichts von Rekordbeschäftigung und Fachkräftemangel rissen sich viele Unternehmen geradezu um Nachwuchskräfte. Durch die Corona-Krise sehen sich die aktuellen Abschlussjahrgänge nun unverhofft mit großen Schwierigkeiten konfrontiert, überhaupt auf dem Ausbildungs- oder Arbeitsmarkt Fuß zu fassen – vom Traumberuf ganz zu schweigen.

Dabei hat der Einstiegsjob einen entscheidenden Einfluss auf die späteren Karriereaussichten, wie umfangreiche Forschung aus dem IZA-Netzwerk belegt. Wer aus der Not heraus zunächst eine geringbezahlte Beschäftigung annimmt, muss auch längerfristig mit spürbaren Einkommenseinbußen rechnen. Eine kanadische Studie hat beispielsweise errechnet, dass die Karrierenachteile von Berufseinsteigern in Krisenzeiten erst nach rund zehn Jahren ausgeglichen sind. Am Ende des Erwerbslebens bleibt eine Einkommenslücke von fünf Prozent gegenüber Absolventenjahrgängen in Boomphasen, in denen die Arbeitslosigkeit um drei bis vier Prozentpunkte niedriger lag.

Wie wird sich Corona-Krise auf den Werdegang der diesjährigen Schulabgänger auswirken? Dazu hat das IZA rund 400 Expertinnen und Experten aus seinem internationalen Forschungsnetzwerk befragt. Insgesamt erwarten zwei Drittel der Befragten ernste Probleme beim Übergang von der Schule ins Berufsleben. Auffällig ist, dass in Deutschland wie auch in den USA pessimistische Erwartungen stärker verbreitet sind als beispielsweise in Italien und Spanien. Eine mögliche Erklärung könnte darin bestehen, dass in den Ländern mit extrem robustem Vor-Krisen-Arbeitsmarkt der relative Nachteil gegenüber früheren Einsteigerjahrgängen deutlich höher eingeschätzt wird als etwa in südeuropäischen Ländern mit traditionell hoher Jugendarbeitslosigkeit.

Die Aufnahme eines Hochschulstudiums bietet eine Möglichkeit, krisenbedingte Arbeitslosigkeit zu vermeiden und zugleich die künftigen Karriereaussichten zu verbessern. Diese Option scheint in Großbritannien als besonders aussichtsreich zu gelten: Hier gehen drei von fünf Befragten davon aus, dass sich aufgrund von Corona mehr Schulabgänger für ein Studium entscheiden werden, um drohender Arbeitslosigkeit zu entgehen.

Dass in Deutschland überdurchschnittlich viele Experten dieser Aussage nicht zustimmen, könnte damit zusammenhängen, dass hierzulande die duale Ausbildung einen traditionell hohen Stellenwert hat und in der Krise durch staatliche Ausbildungs- und Übernahmeprämien zusätzlich gefördert wird. Außerdem liegen die Hürden für den Hochschulzugang bei einer Studienberechtigtenquote von nur etwa 50 Prozent vergleichsweise hoch.

Wie sieht es mit den langfristigen Karrierenachteilen aus? Rund die Hälfte der Befragten geht davon aus, dass die diesjährigen Schulabgänger noch im Alter von 30 Jahren deutliche Einbußen gegenüber früheren Jahrgängen verzeichnen werden. Über das gesamte Erwerbsleben betrachtet fallen die Erwartungen etwas optimistischer aus. Ein Drittel der Befragten erwartet sogar keine langfristigen Nachteile aufgrund der Corona-Krise. Die Einschätzungen aus Deutschland liegen hier etwa im internationalen Mittelfeld.

Was können Schulabgänger selbst tun, um das Beste aus der aktuellen Lage zu machen? IZA-Fellow Philip Oreopoulos von der University of Toronto gibt dazu in einem IZA-WoL-Gastbeitrag einige praktische Ratschläge. Unter anderem empfiehlt er, als Alternative zu Ausbildung, Job oder Studium auch eine ehrenamtliche Tätigkeit in Erwägung zu ziehen, die Praxiserfahrung bietet und sich später gut im Lebenslauf macht. Klar ist für ihn allerdings auch: Im Vergleich zu den früheren Jahrgängen werden die heutigen Berufseinsteiger mehr räumliche Mobilität und berufliche Flexibilität mitbringen müssen.

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Mehr zu früheren Ergebnissen des IZA Expert Survey:

  • Kommen Hochqualifizierte und unbefristet Beschäftigte glimpflicher durch die Krise?
  • Experten in Deutschland sehen Kurzarbeit und Liquiditätshilfen als aktuell sinnvollste Maßnahmen gegen die Corona-Krise

Filed Under: IZA News, Research Tagged With: career, COVID-19, education, graduate, school-to-work, youth unemployment

Positiver Glückseffekt des Eigenheims wird offenbar überschätzt

August 19, 2020 by Mark Fallak

Der Lebenstraum vom Eigenheim wird – anekdotischer Evidenz zufolge – nicht selten zum Albtraum. Freizeit und Familienfrieden können unter der finanziellen oder auch der zeitlichen Mehrbelastung etwa durch längere Pendelwege leiden. Treffen Wohnungskäufer und Häuslebauer also womöglich eine falsche Entscheidung, weil sie den positiven Glückseffekt der eigenen vier Wände überschätzen?

Um diese Frage wissenschaftlich fundiert zu beantworten, werteten Reto Odermatt und Alois Stutzer für ihr aktuelles IZA-Forschungspapier repräsentative Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) aus. In der jährlich wiederholten Befragung wird unter anderem die individuelle Lebenszufriedenheit erhoben. Auf einer Skala von 0 bis 10 müssen die Befragten angeben, wie zufrieden sie aktuell sind und wo sie sich auf der Glücksskala in fünf Jahren sehen. Die Forscher konzentrierten sich für ihre Analyse auf über 800 befragte Personen, die vorhatten, eine Immobilie zur Eigennutzung zu erwerben.

Statusdenken macht zu optimistisch

Der Vergleich der erwarteten und realisierten Lebenszufriedenheit zeigt: Zwar macht das Eigenheim im Durchschnitt glücklicher, allerdings längst nicht in dem von den Wohneigentümern selbst prognostizierten Maße. Offenbar ist die Vorstellung vom Wohnglück also tatsächlich zu optimistisch – die Ökonomen sprechen von biased beliefs. Eine Aufschlüsselung der Befragten nach unterschiedlichen Lebenszielen deutet darauf hin, dass vor allem statusorientierte Menschen, denen Geld und Erfolg besonders wichtig sind, den Zugewinn an Lebenszufriedenheit durch den Immobilienerwerb überschätzen.

Den Autoren geht es bei ihrer Forschung weniger um die Frage, ob ein Hauskauf generell Sinn macht oder nicht. Allgemeiner gefasst, stellen sie mit ihrem Befund die klassische ökonomische Theorie in Frage, nach der Entscheidungen auf Grundlage persönlicher Präferenzen getroffen werden, so dass sich die Präferenzen aus dem beobachteten Verhalten ableiten lassen. Vielmehr spielten die – mitunter verzerrten – Vorstellungen von den eigenen Präferenzen eine in ökonomischen Modellen noch nicht ausreichend berücksichtigte Rolle im Entscheidungsprozess. Auch aus politischer Sicht sei es hilfreich, mehr über die Einflüsse auf persönliche Einschätzungen und Entscheidungen zu erfahren, um Manipulationen etwa seitens kommerzieller Akteure entgegenzuwirken.

Filed Under: Research Tagged With: behavior, beliefs, bias, happiness, home ownership, life satisfaction

Schlechte Luftqualität erhöht die Zahl der Todesfälle durch COVID-19

July 3, 2020 by Mark Fallak

Unter der Corona-Krise mit inzwischen über 500.000 Toten weltweit leidet auch die öffentliche Aufmerksamkeit für andere drängende gesellschaftliche Herausforderungen wie Klimawandel und Umweltverschmutzung. Dabei besteht laut einem aktuellen IZA-Forschungspapier von Ingo E. Isphording und Nico Pestel ein bemerkenswerter Zusammenhang zwischen Umweltproblemen und den gesundheitlichen Folgen der Pandemie.

Nach den Erkenntnissen der IZA-Wissenschaftler erhöht eine stärkere lokale Luftverschmutzung die Zahl der mit COVID-19 assoziierten Todesfälle deutlich. Die Autoren nennen dafür zwei mögliche Wirkungskanäle: Zum einen führt die Schadstoffbelastung zu Entzündungsreaktionen und schwächeren Immunantworten auf neue Infektionen, was den Krankheitsverlauf verschlimmert. Zum anderen legen Studien nahe, dass eine höhere Luftverschmutzung die Verweildauer des Virus an der frischen Luft verlängert, wodurch die Zahl der Infektionen zunimmt.

Für ihre Analyse verknüpften die Forscher Daten zur lokalen Luftbelastung deutscher Landkreise und kreisfreier Städte durch Feinstaub (PM10) vor und nach Krankheitsbeginn mit der täglichen Zahl der Todesfälle und neu bestätigten COVID-19-Infektionen zwischen Anfang Februar und Ende Mai. Den kausalen Effekt der Luftverschmutzung konnten die Autoren bestimmen, indem sie sich auf die kurzfristigen Veränderungen der Luftverschmutzung innerhalb eines Kreises konzentrierten, statt Korrelationen im Querschnitt zu betrachten.

Abb. 1: Tageswerte für neu bestätigte COVID-19-(Todes-)Fälle und Luftverschmutzung

Abbildung 1 beschreibt den Grad der Luftverschmutzung im Verlauf der Pandemie in Deutschland. Entgegen der verbreiteten Einschätzung, der Corona-bedingte Rückgang des Verkehrsaufkommens und der Wirtschaftsaktivität habe die Luft sauberer gemacht, blieb die Feinstaubbelastung auf hohem Niveau und erreichte Ende März sogar ihren Höhepunkt. Schuld daran sind die Witterungsbedingungen: Fast zeitgleich mit den Corona-Beschränkungen kam es in Deutschland zu einem plötzlichen Abfall der Niederschlagsmenge und Windgeschwindigkeit, wodurch der Feinstaub länger in der Luft blieb.

Die Regressionsergebnisse zeigen signifikante Auswirkungen der höheren Luftverschmutzung auf die Zahl der Todesfälle pro Tag und Landkreis (Abbildung 2), vor allem bei älteren Patienten. In der Altersgruppe ab 80 Jahren erhöht ein Anstieg der PM10-Konzentration um eine Standardabweichung (6,3 Mikrogramm/m3) drei bis sieben Tage nach Krankheitsbeginn die Zahl der Todesfälle bei männlichen Patienten um 30 Prozent des Ausgangsmittelwerts. Bei den weiblichen Patienten zeigt sich ein ähnliches Bild.

Abb. 2: Auswirkung der Feinstaubbelastung auf die Zahl neuer COVID-19-Todesfälle

Die Autoren schließen daraus, dass sich die Sterblichkeitsrate von COVID-19 möglicherweise verringern ließe, indem ältere Risikopatienten in Gebiete mit besserer Luftqualität verlegt werden. Die Implikationen der Studie könnten noch an Relevanz gewinnen, wenn sich die Pandemie in den weniger entwickelten Weltregionen ausbreitet. Denn dort sind die Gesundheitsrisiken durch Luftverschmutzung besonders hoch, weil fossile Brennstoffe noch häufig zum Kochen und Heizen, auch in Innenräumen, verwendet werden und es zugleich an hochwertiger medizinischer Versorgung mangelt.

Filed Under: Research Tagged With: COVID-19, death, environment, health, particulate matter, pollution

Kommen Hochqualifizierte und unbefristet Beschäftigte glimpflicher durch die Krise?

June 25, 2020 by Mark Fallak

Internationale Arbeitsökonominnen und -ökonomen sehen die kurzfristige Entwicklung der Arbeitsmarktsituation insbesondere von Hochqualifizierten und Arbeitnehmern in unbefristeter Anstellung weniger pessimistisch als die von anderen Beschäftigtengruppen. Im Mitte Mai durchgeführten „IZA Expert Panel“ stuften die Fachleute die erwartete Beschäftigungsentwicklung in ihrem Land auf einer Skala von -5 (starker Rückgang) bis +5 (starker Zuwachs) ein.

Demnach werden zwar für praktisch alle Gruppen Beschäftigungsrückgänge erwartet, aber für Beschäftigte mit geringer Qualifikation und Beschäftigte mit befristetem Arbeitsvertrag fallen diese vergleichsweise stark aus. Im Durchschnitt über alle Länder schlägt sich dies im Hinblick auf die Qualifikation in einer Differenz von 1,5 Skalenpunkten zugunsten der Hochqualifizierten nieder. Ähnliches gilt für Beschäftigte mit einem unbefristeten Arbeitsvertrag im Vergleich zu Beschäftigten in befristeter Anstellung. In Kontinentaleuropa macht die jeweilige Differenz sogar bis zu zwei Punkte aus, in den USA dagegen maximal einen halben Punkt.

Abb. 1: Erwartung der Beschäftigungsentwicklung bis September 2020 nach Gruppen

Quelle: IZA Expert Panel 2020. Anmerkungen: Gefragt wurde nach der erwarteten Beschäftigungsentwicklung auf einer Skala von -5 (starker Rückgang) bis 5 (starker Anstieg). Die Anzahl der Beobachtungen liegt zwischen 47 (Großbritannien, (Un-)befristete Anstellung) und 494 (Gesamt, hohe Qualifikation).

Wie bereits in früheren Wirtschaftskrisen zeigt sich darin die elementare Bedeutung eines guten Bildungsabschlusses. In der aktuellen Krise sind Geringqualifizierte nicht zuletzt deshalb stärker von Job- und Einkommensverlusten betroffen, weil sich die von ihnen ausgeübten Tätigkeiten weniger leicht ins Homeoffice verlagern lassen. Befristet Angestellte sind naturgemäß eher von Beschäftigungsverlust bedroht, da dem Arbeitgeber keine Entlassungskosten entstehen, wenn der Anstellungsvertrag ausläuft.

Obwohl über die Geschlechterungleichheit in der Corona-Krise aktuell intensiv diskutiert wird, erwarten die befragten Expertinnen und Experten vergleichsweise geringe Unterschiede zwischen der Beschäftigungsentwicklung für Männer (-1,5) und Frauen (-1,8). Für Spanien und Italien fallen die Unterschiede etwas stärker aus als im Durchschnitt, was mit einer anderen Verteilung der Geschlechter auf Berufe und Tätigkeitsfelder in diesen Ländern zusammenhängen könnte.

Transatlantische Unterschiede

Dass die Unterschiede in den USA über alle Dimensionen hinweg deutlich geringer ausfallen als in Europa, mag auf den ersten Blick überraschen. Der Hintergrund ist, dass US-Unternehmen sehr schnell mit Entlassungen auf den einsetzenden Nachfrageschock reagiert hatten. Zum Zeitpunkt der Befragung waren diese Entlassungen bereits weitgehend vollzogen, was sich in einem entsprechenden Rekordanstieg der Arbeitslosigkeit in den USA niederschlägt. Insofern ist zu berücksichtigen, dass sich die Einschätzungen für die USA auf eine andere Ausgangssituation beziehen als die für Europa, wo zum Befragungszeitpunkt viele Firmen zunächst einmal von staatlichen Unterstützungsprogrammen zur Beschäftigungssicherung Gebrauch machen konnten.

Inwieweit die in den USA bereits vollzogenen Entlassungen qualifikationsspezifische und geschlechtsspezifische Besonderheiten aufweisen, lässt sich anhand der Befragungsdaten leider nicht ermitteln. Die Einschätzungen für die USA sind unter dem genannten Aspekt stärker von Erwartungen im Hinblick auf die erwartete Erholung geprägt, während sich in den Einschätzungen für Europa eher Erwartungen im Hinblick auf zeitverzögerte Auswirkungen der Pandemie niederschlagen.

Über das IZA Expert Panel

Für das „IZA Expert Panel“ werden die Mitglieder des weltweiten IZA-Forschungsnetzwerks nach ihren Einschätzungen zu den Arbeitsmarktfolgen der Corona-Pandemie in ihren jeweiligen Ländern gefragt. An der Mitte Mai 2020 durchgeführten ersten Befragungswelle nahmen mehr als 500 Ökonominnen und Ökonomen aus rund 50 Ländern teil

Filed Under: IZA News, Research Tagged With: COVID-19, IZA Expert Panel

Masken tragen offenbar deutlich zur Eindämmung der Corona-Pandemie bei

June 9, 2020 by Mark Fallak

Die sogenannte Maskenpflicht, also die allgemeine Pflicht zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes, beispielsweise beim Einkaufen oder in öffentlichen Verkehrsmitteln, trägt offenbar deutlich zur Eindämmung der Corona-Pandemie bei. Zu diesem Ergebnis kommt ein aktuelles IZA-Diskussionspapier von Timo Mitze, Reinhold Kosfeld, Johannes Rode und Klaus Wälde. Für die Studie verglichen die Forscher die Entwicklung der COVID-19-Fallzahlen in Jena mit der Entwicklung in ähnlichen Städten.

Jena hatte die Maskenpflicht bereits am 6. April 2020 eingeführt, wesentlich früher als andernorts in Deutschlands. Daraufhin war die Zahl der registrierten Infektionen in Jena nur noch schwach gestiegen. Doch ist diese Abnahme tatsächlich auf die Maskenpflicht zurückzuführen? Um diese Frage möglichst objektiv beantworten zu können, suchten sie aus den anderen Landkreisen und kreisfreien Städten diejenigen heraus, die mit Jena nach der Entwicklung der COVID-19-Fallzahlen bis Ende März sowie nach bestimmten Strukturmerkmalen am stärksten übereinstimmten. Dazu zählten etwa die Bevölkerungsdichte, das Durchschnittsalter der Bevölkerung sowie das Angebot an Ärzten und Apotheken.

Ausbreitung in den ersten drei Wochen um ein Viertel geringer

Aus den Infektionszahlen dieser Städte und Landkreise berechneten die Forscher dann einen Durchschnitt, der den Infektionszahlen entsprechen könnte, die Jena ohne Einführung der Maskenpflicht zum 6. April möglicherweise gehabt hätte. Dabei zeigte sich eine signifikante Kluft zwischen den Fallzahlen in Jena und der Vergleichsgruppe ohne Maskenpflicht. Während in Jena die Gesamtzahl der dort registrierten COVID-19-Fälle zwanzig Tage nach der Einführung der Maskenpflicht lediglich von 142 auf 158 gestiegen war, wäre sie im „synthetischen Jena“ von 143 auf 205 gestiegen. Die Zunahme der Infektionen im „realen Jena“ entsprach also nur rund 23 Prozent der Zunahme in der Vergleichsgruppe. Bei Personen über 60 Jahren war der Anstieg der kumulierten Fallzahlen in Jena sogar nur noch halb so groß wie im gewichteten Durchschnitt der Vergleichsgruppe.

Da die Wirkung bereits wenige Tage nach Einführung der Maskenpflicht erkennbar ist, vermuten die Autoren, dass Ankündigungseffekte eine Rolle gespielt haben. Gerechnet vom Start der Kampagne „Jena zeigt Maske“ am 30. März zeigen die Ergebnisse (Panel B), dass Unterschiede zwischen Jena und der Vergleichsgruppe nach etwa zehn Tagen zu beobachten sind, was aus epidemiologischer Sicht plausibel erscheint.

Um weitgehend auszuschließen, dass der Jenaer Sonderweg auf unbeobachtete Besonderheiten zurückzuführen ist, untersuchten die Forscher in einem zweiten Schritt die Entwicklung der COVID-19-Fallzahlen in den Städten und Kreisen mit Maskenpflicht ab 22. April bzw. 27. April. Auch hier zeigen sich signifikante Unterschiede. Die Autoren schließen daraus, dass die Einführung der Maskenpflicht zu einer Verlangsamung der Corona-Ausbreitung beigetragen hat.

Dieser Befund decke sich mit der Einschätzung von Epidemiologen und Virologen, dass ein Mund-Nasen-Schutz den Luftstrom beim Sprechen hemme und dadurch die Übertragung infektiöser Partikel eingedämmt werde. Möglich sei auch, dass die Masken eine Art Signalfunktion für die Bevölkerung haben könnten, sich an die Kontaktbeschränkungen zu halten. Die Forscher sehen in der Maskenpflicht daher einen sinnvollen Baustein auch für die weitere Eindämmung von COVID-19.

Filed Under: Research Tagged With: COVID-19, face masks

Experten in Deutschland sehen Kurzarbeit und Liquiditätshilfen als aktuell sinnvollste Maßnahmen gegen die Corona-Krise

June 4, 2020 by Mark Fallak

Neben Kurzarbeit sind Steuerstundungen und andere Liquiditätshilfen für notleidende Unternehmen laut Experteneinschätzungen in der aktuellen Phase der Corona-Pandemie die für Deutschland hilfreichsten Politikinstrumente zur Abfederung der negativen Arbeitsmarkteffekte. Beide Instrumente wurden von jeweils über 80 Prozent der im Rahmen des „IZA Expert Panel“ befragten deutschen Arbeitsökonominnen und -ökonomen als „äußerst nützlich“ oder „sehr nützlich“ beurteilt.

Gegenüber öffentlichen Ausgabenprogrammen zur Stimulierung der Wirtschaft zeigen sich die Fachleute vergleichsweise skeptisch: Weniger als 40 Prozent bescheinigen diesen Maßnahmen einen hohen Nutzen. Sozialtransfers ohne Bedürftigkeitsprüfung (beispielsweise in Form von „Helikoptergeld“) halten sogar nur rund fünf Prozent für besonders geeignet zur Linderung der Corona-Folgen.

Im Vordergrund sollten demnach zum jetzigen Zeitpunkt Maßnahmen zur Beschäftigungssicherung stehen, die darauf abzielen, Firmenpleiten und Entlassungswellen zu verhindern. So beurteilen weniger als 15 Prozent der Befragten eine Aufstockung der Arbeitslosenunterstützung oder eine Intensivierung der aktiven Arbeitsmarktpolitik als aktuell besonders hilfreich.

Tabelle 1: Experteneinschätzungen der Maßnahmen im Ländervergleich

Quelle: IZA Expert Panel 2020. Anm.: Die Prozentwerte zeigen an, wie häufig die jeweilige Maßnahme als „extrem nützlich“ oder „sehr nützlich“ eingeschätzt wird. Die Top-3-Maßnahmen je Land sind farbig markiert. Anzahl der Befragten: 57 (Deutschland), 53 (Großbritannien), 55 (Italien/Spanien), 132 (USA).

Bei der Bewertung der Krisenmaßnahmen für die nationalen Arbeitsmärkte zeigen sich teils deutliche Länderunterschiede (siehe Tabelle 1). Während in Deutschland das Kurzarbeitergeld, das sich schon in der Finanzkrise als probates Mittel zur Beschäftigungssicherung erwiesen hat, die Liste der als nützlich eingeschätzten Maßnahmen anführt, rangieren Liquiditätshilfen für Unternehmen in Großbritannien, Italien und Spanien auf dem ersten Platz. Auch andere staatliche Ausgabenprogramme mit breiterer Streuung werden hier im Durchschnitt positiver bewertet als in Deutschland.

Am gravierendsten fallen jedoch die Unterschiede zwischen Deutschland und den USA aus. Zwei Drittel der US-Fachleute sehen den größten Nutzen in aufgestockten Unterstützungsleistungen für Arbeitslose; knapp die Hälfte beurteilt Sozialtransfers ohne Bedürftigkeitsprüfung als sehr oder sogar äußerst nützlich. Naheliegende Erklärungen sind der schwache Kündigungsschutz und das geringe Niveau sozialer Sicherung in den USA. Da die US-Arbeitslosigkeit infolge massiver Entlassungen zum Zeitpunkt der Befragung bereits drastisch gestiegen war, kommt der Unterstützung von Betroffenen dort eine höhere Bedeutung zu als der Sicherung von Beschäftigung.

Über das IZA Expert Panel

Für das Panel werden die Mitglieder des weltweiten IZA-Forschungsnetzwerks nach ihren Einschätzungen zu den Arbeitsmarktfolgen der Corona-Pandemie in ihren jeweiligen Ländern gefragt. An der Mitte Mai 2020 durchgeführten ersten Befragungswelle nahmen mehr als 500 Ökonominnen und Ökonomen aus rund 50 Ländern teil. Weitere Ergebnisse werden in Kürze veröffentlicht.

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