Bildungsentscheidungen erklären einen Teil der Lohnungleichheit in Deutschland

vocational trainingDie Ursachen der wachsenden Einkommensungleichheit in Deutschland werden kontrovers diskutiert. Eine neue Studie der Ökonomen Albrecht Glitz (UPF Barcelona und IZA) und Daniel Wissmann (LMU München) geht der Frage nach, wie sich Veränderungen bei der Qualifikationsrendite („skill premium“) auf die Lohnunterschiede zwischen besser und schlechter ausgebildeten Arbeitskräften auswirken.

Steigender Lohnunterschied zwischen Mittel- und Geringqualifizierten

Auf Basis von Arbeitsmarkt- und Mikrozensusdaten ermitteln die Autoren, dass in Deutschland die Lohndifferenz zwischen Arbeitnehmern mit mittlerem (Berufsausbildung und/oder Abitur) und geringem Qualifikationsniveau (Realschule oder weniger) in den 1980er Jahren leicht zurückging, aber seit dem Ende der 1980er Jahre um ein Drittel, von 18 auf 24 Prozent, gestiegen ist (siehe durchgezogene Linie in der Grafik).

Der Lohnunterschied zwischen Hochqualifizierten (Fachhochschule oder Universität) und Mittelqualifizierten entwickelte sich im gleichen Zeitraum u-förmig (siehe gestrichelte Linie). In den frühen 1980er und späten 2000er Jahren betrug sie jeweils 51 Prozent, Mitte der 1990er Jahre etwa 47 Prozent.

skill premiums

Entwicklung der Qualifikationsrenditen in Deutschland (1980-2008)

Während also der Lohnunterschied zwischen Mittel- und Hochqualifizierten heute wieder auf dem Niveau der 1980er Jahre liegt, ist die Differenz zwischen Mittel- und Niedrigqualifizierten um ein Drittel gewachsen. Dieser Anstieg, so die Autoren, lässt sich primär durch eine starke Zunahme der Qualifikationsrendite unter jungen Arbeiternehmern (30 und jünger) mit mittlerer Qualifikation erklären.

Bei der Untersuchung von Ausbildungsdaten zu den Geburtsjahrgängen 1950 bis 1981 stellten Glitz und Wissmann ab Jahrgang 1965 einen Bruch in der (west-)deutschen Ausbildungsentwicklung fest: Im Vergleich zu vorherigen Trends erhöhte sich sowohl der Anteil der Akademiker als auch der Anteil von Gerinqualifizierten. Das knappere Angebot in den Ausbildungsberufen führte zu einem relativen Lohnanstieg in dieser Gruppe und erklärt damit den Anstieg der Rendite gegenüber Geringqualifizierten.

Wachsende Anteile von Akademikern und Geringqualifizierten

Im Ergebnis zeigt sich, dass ein Teil der Lohnunterschiede zwischen den verschiedenen Qualifikationsgruppen in Deutschland auf veränderte Ausbildungsentscheidungen zurückgeführt werden kann. Nach 1965 entschieden sich im Verhältnis wesentlich weniger Deutsche für eine Ausbildung, während gleichzeitig die Anteile der Akademiker und der Geringqualifizierten zunahmen.

Neben Veränderungen der Nachfrage nach bestimmten Qualifikationsprofilen im Zuge von Digitalisierung und Globalisierung spielt demnach die Struktur des Arbeitskräfteangebots, die sich aus langfristigen Trends bei den individuellen Ausbildungsentscheidungen ergibt, eine nicht zu unterschätzende Rolle für die Entwicklung der Lohnlücke zwischen den verschiedenen Qualifikationsgruppen.

Download der kompletten Studie (IZA DP No. 10901):

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Praktikum nach dem Studium: Karrierekick oder Karriereknick?

internshipUnbezahlte Praktika nach erfolgreichem Studienabschluss gelten in vielen Ländern als Türöffner für eine erfolgreiche Karriere in Wirtschaft oder Politik. Auch in der Kreativbranche und im wissenschaftlichen Bereich sind Einstiegspraktika durchaus verbreitet. Umstritten ist jedoch, ob sich die gesammelten Erfahrungen und Kontakte tatsächlich auszahlen oder der direkte Einstieg in einen bezahlten Job, wenn auch bei vielleicht weniger prestigeträchtigen Unternehmen, die bessere Wahl wäre.

Angus Holford (University of Essex & IZA) ist dieser Frage anhand von Daten zu Absolventen britischer Universitäten nachgegangen und hat seine Ergebnisse in einem aktuellen IZA Discussion Paper veröffentlicht. Der Bildungsökonom verglich die Gehälter von Direkteinsteigern mit solchen, die nach dem Studium erst ein sechsmonatiges Praktikum absolviert hatten. Um andere Einflussfaktoren auszuschließen, verglich er jeweils Individuen, die sich in demografischen und sonstigen Merkmalen ähnlich waren.

Die Praktikanten hatten drei Jahre nach dem Studium ein um rund 3.500 Pfund (mehr als 3.000 Euro) geringeres Jahresgehalt als die Direkteinsteiger in bezahlte Jobs. Einbußen ergaben sich auch im Vergleich zu Kommilitonen, die ein Aufbaustudium angeschlossen hatten. Nur im Vergleich zu denjenigen, die nach dem Studium anderen Aktivitäten (z.B. Reisen) nachgingen oder zunächst arbeitslos waren, schnitten die ehemaligen Praktikanten besser ab und waren im Schnitt um 6,4 Prozentpunkte eher „sehr zufrieden“ mit der eigenen Karriere.

Nicht jeder hat Zugang zu den „guten“ Praktika

Die Studie weist zudem auf demografische Unterschiede innerhalb der Gruppe der Praktikanten hin. Beispielsweise fallen die potenziellen Nachteile für Absolventen von Elite-Universitäten sowie Kinder beruflich erfolgreicher Eltern deutlich geringer aus. Der Autor schließt daraus, dass diese Gruppen einen besseren Zugang zu den „guten“ (sprich: karrieredienlichen) Praktika haben.

Holford plädiert daher dafür, die Studierenden transparenter über die Vor- und Nachteile aufzuklären und Praktika während des Studiums stärker zu fördern. Ein früheres IZA-Paper hatte für studienbegleitende Praktika eindeutig positive Effekte auf die späteren Gehalts- und Karrierechancen ermittelt. In Deutschland sind längere unbezahlte Praktika für Berufseinsteiger ohnehin nicht mehr möglich, seit für sie der Mindestlohn gilt.

Download der Studie:

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Fachkräfte für Deutschland gewinnen

Holger Hinte | Ulf Rinne

In einem Gutachten für die Friedrich-Naumann-Stiftung analysieren Holger Hinte und Ulf Rinne die Defizite der deutschen Zuwanderungspolitik im Hinblick auf die Gewinnung von Fachkräften. Sie entwickeln einen konkreten Gestaltungsvorschlag für eine Reform der Erwerbsmigration im Rahmen eines aktiven Auswahlsystems.

Bewerber mit besonders guten beruflichen oder akademischen Qualifikationen können unter bestimmten Voraussetzungen ein sofortiges Daueraufenthaltsrecht erhalten, andere über einen „Pool“ in späteren Bewerberrunden zum Zuge kommen, bis eine verbindliche Jahresquote ausgeschöpft ist.

Die Studie sieht zugleich ein Regelwerk für temporäre Arbeitsmigration vor. Die Anerkennung ausländischer Bildungsabschlüsse soll nach den Empfehlungen der Autoren bereits im Vorfeld der Zuwanderung stattfinden. Für qualifizierte Flüchtlinge soll ein Übergang zur regulären Zuwanderung möglich sein, allerdings nur auf Grundlage einer behördlichen Empfehlung.

Mit einem Einwanderungsgesetz müsse nicht mehr Zuwanderung verbunden sein, betonen Hinte und Rinne. Es sorge vielmehr für die notwendige Berechenbarkeit und gesellschaftliche Akzeptanz einer bedarfsorientierten Erwerbsmigration. So könne sich Deutschland im Wettbewerb um kluge Köpfe endlich besser positionieren. Dieses Ziel sei ohne eine Reform der Zuwanderungspolitik kaum zu erreichen und ein Einwanderungsgesetz daher überfällig.

Das vollständige Gutachten ist als IZA Research Report No. 77 (PDF-Download) erhältlich und steht auch unter freiheit.org/einwanderungsgesetz zur Verfügung.

Lesen Sie außerdem ein Interview von FOCUS ONLINE mit den Autoren.

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GLM|LIC: Kooperation mit DFID wird fortgesetzt, neue Homepage online

Bereits seit 2011 koordiniert das Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA) im Auftrag des britischen Ministeriums für Internationale Entwicklung (DFID – Department for International Development), das Programm „Growth and Labour Markets in Low Income Countries“ (GLM|LIC programme). Ziel des Programms ist die Förderung von Forschungsprojekten, die wichtige Erkenntnisse und Politikempfehlungen zu den Arbeitsmärkten in Niedriglohnländern liefern. Innerhalb von fünf thematisch fokussierten Schwerpunkten haben bislang 31 Projekte eine substanzielle finanzielle Förderung von GLM|LIC erhalten und mehr als 150 Veröffentlichungen vorgelegt.

Der neue Internetauftritt von GLM|LIC bietet neben einem besonders leichten Zugang zu den Programminhalten, Publikationen und Veranstaltungen auch zahlreiche neue Funktionen, mit denen sich Projekte und Forschungsresultate intuitiv erschließen lassen. Unter anderem bietet eine interaktive Weltkarte die Möglichkeit, Inhalte länderspezifisch zu filtern und sich einen raschen Überblick zu den vorliegenden GLM|LIC-Aktivitäten zu verschaffen.

Parallel zum Start der neuen Homepage wurde die Kooperation zwischen DFID und IZA bis zum Jahr 2020 verlängert. Ein aktueller Call for Proposals gibt Forschungsteams ab 1. August 2017 die Gelegenheit, sich um eine Förderung im Rahmen von GLM|LIC zu bewerben.

glmlic launch

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Langzeitarbeitslose aus Sicht von Personalverantwortlichen: Geringere Motivation gilt als Hauptproblem

Mit der Dauer der Arbeitslosigkeit sinken in der Regel auch die Wiederbeschäftigungschancen der Betroffenen. Denn wer sich mit dem „Makel“ der Langzeitarbeitslosigkeit bewirbt, wird häufig gar nicht erst zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Ein belgisches Forscherteam um IZA-Fellow Stijn Baert (Universität Gent) hat in einem aktuellen IZA Discussion Paper genauer untersucht, wie die Arbeitslosigkeitsdauer von Stellenbewerbern die Einschätzungen von Personalverantwortlichen beeinflusst.

Lange Arbeitslosigkeitsdauer signalisiert mangelnde Motivation

Für die Studie mussten 219 Personaler jeweils fünf fiktive Bewerbungen mit Blick auf Jobchancen und persönliche Eigenschaften wie Motivation, kognitive und soziale Fähigkeiten beurteilen. Die Bewerbungen unterschieden sich unter anderem in der Dauer der vorangegangenen Arbeitslosigkeit, die von einem Monat bis drei Jahre reichte.

Um zu entscheiden, wer zum Vorstellungsgespräch eingeladen wird, müssen Personalverantwortliche anhand von begrenzten Informationen Rückschlüsse auf die Produktivität der Bewerber ziehen. Dabei wird Langzeitarbeitslosigkeit meist als „Signal für geringe Motivation“ gewertet, so das zentrale Ergebnis der Studie. Auch andere Faktoren spielten eine Rolle. So wurden den fiktiven Langzeitarbeitslosen geringere kognitive und soziale Kompetenzen sowie Probleme im Umgang mit neuen Technologien und eine geringere Lernfähigkeit zugeschrieben.

Personaler folgen dem negativen Urteil ihrer Kollegen

Hinzu kommt ein weiteres Phänomen, das Ökonomen als „rationales Herdenverhalten“ bezeichnen: Längere Phasen der Arbeitslosigkeit implizieren, dass auch andere Arbeitgeber den betreffenden Bewerber bereits aufgrund mangelnder Eignung abgelehnt hatten, was Personalverantwortliche tendenziell dazu veranlasst, dieser Einschätzung zu folgen und im Sinne eines effizienten Auswahlverfahrens von einer Einladung abzusehen.

Die Forscher empfehlen Langzeitarbeitslosen daher, die persönliche Motivation für die ausgeschriebene Stelle in den Vordergrund zu stellen und möglichst konkret zu erläutern. Denn der Hinweis auf allgemeine Leistungsbereitschaft oder soziale Kompetenzen – beispielsweise durch ehrenamtliches Engagement – konnte laut Studie die negativen Auswirkungen der langen Arbeitslosigkeitsdauer nicht aufwiegen.

Download der englischsprachigen Studie:

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Religiöse und kulturelle Traditionen beeinflussen die Kindergesundheit

chen

Xi Chen

Frühkindliche Ernährung und Gesundheit haben einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die späteren Bildungs- und Arbeitsmarktchancen. Der Grundstein für die gesundheitliche Entwicklung wird bereits vor der Geburt gelegt: In zwei IZA Discussion Papers zeigt der Yale-Ökonom Xi Chen, dass Ernährungsdefizite der Mütter aufgrund religiöser und kultureller Traditionen langfristige negative Folgen für die Kinder haben.

Fasten während der Schwangerschaft

Beispielsweise leiden Kinder, die im Mutterleib mit Nährstoffen unterversorgt waren, weil die entscheidende Phase der Schwangerschaft in den Fastenmonat Ramadan fiel, im späteren Leben häufiger an Nierenerkrankungen, Diabetes, Herzproblemen sowie Fettleibigkeit. Chen erklärt den Befund damit, dass der Stoffwechsel mangelernährter Säuglinge auf das kurzfristige Überleben ausgerichtet ist und sich nur unzureichend an eine spätere Normalisierung der Ernährung anpasst.

Geschenke auf Kosten der Ernährung

Für eine weitere Analyse nutzt Chen die chinesische Tradition, anlässlich von Festivitäten wie Geburtstagen, Hochzeiten und Beerdigungen kostspielige Geschenke zu machen. Wer sich nicht an diesen Brauch hält, riskiert die gesellschaftliche Isolation. Da sich in den ländlichen Regionen Chinas viele Familien die teuren Geschenke kaum leisten können, investieren sie in Jahren mit einer Häufung von Festen zu wenig in die eigene Ernährung. Das führt zu langfristigen negativen Auswirkungen auf die Gesundheit der betroffenen Kinder.

Chen plädiert daher dafür, das Bewusstsein für die Langzeitfolgen von Mangelernährung bereits während der Schwangerschaft zu schärfen und die Erkenntnisse zu den kulturellen Faktoren in Aufklärungskampagnen und Gesundheitsprogramme einfließen zu lassen.

Lesen Sie mehr zu diesem Thema im englischen Newsroom.

Download der Studien:

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Bildungspolitik als Schlüssel zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit in der EU

Seit der globalen Finanzkrise ist die Jugendarbeitslosigkeit im Süden und Osten der EU auf hohem Niveau von teils über 40% verharrt, während andere Mitgliedsstaaten die Krisenfolgen in dieser Hinsicht deutlich besser gemeistert haben. Ein aktuelles Policy Paper von IZA-Fellow Francesco Pastore (Università della Campania Luigi Vanvitelli) geht den Ursachen dieses Auseinanderdriftens nach und zeigt politische Lösungswege auf.

An der Bereitschaft zur Flexibilisierung der rigiden Arbeitsmärkte mangelte es vielen der Krisenstaaten nicht. Doch die Reformen tragen bislang kaum Früchte, weil das Wirtschaftswachstum nur langsam in Fahrt kommt. Eine der Hauptursachen sieht Pastore in den gegenläufigen Wachstumsphilosophien der Verträge von Maastricht und Lissabon: Während der Maastricht-Vertrag finanzielle Stabilität in den Vordergrund stellt, erkennt der Lissabon-Vertrag die Notwendigkeit nachhaltiger Investitionen an.

Pastore schlägt daher vor, den Maastricht-Vertrag flexibler zu gestalten, um mehr wachstumsfördernde Investitionen zu ermöglichen, die jedoch konsequent auf ihre Wirksamkeit überprüft werden müssten. Den wichtigsten Ansatzpunkt sieht er in der Bildungspolitik, die bislang in vielen Staaten zu wenig an den Anforderungen des Arbeitsmarktes orientiert ist.

Insbesondere der Übergang von der Schule in den Beruf müsse erleichtert werden. Hier könnten drei internationale Modelle als Vorbilder dienen: Deutschlands duale Ausbildung, das japanische Modell einer engen Kooperation der Unternehmen mit Schulen und Universitäten sowie die angelsächsische Praxis einer intensiven Jobvermittlung durch die Bildungsinstitutionen.

Lesen Sie eine ausführliche Zusammenfassung in englischer Sprache.

Download der Studie:

Lesen Sie auch:

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Verhaltensauffälligkeiten in der Schule können sich im Berufsleben auszahlen

Nicht-kognitive Fähigkeiten wie Kommunikationsverhalten und Kooperationsbereitschaft spielen in der Arbeitswelt eine immer größere Rolle. Daher werden bereits im Bildungssystem die sogenannten „soft skills“ gefördert. Verhaltensauffälligkeiten gelten hingegen als hinderlich für den schulischen Erfolg und somit auch die späteren Arbeitsmarktchancen. Doch das muss nicht immer so sein, wie ein aktuelles IZA Discussion Paper zeigt.

Für die Studie hat Nicholas Papageorge (Johns Hopkins University und IZA) mit zwei Kollegen einen umfangreichen Datensatz ausgewertet, der die schulischen Leistungen von rund 18.000 gleichaltrigen britischen Schulkindern erfasst und mit ihren beruflichen Erfolgen im Erwachsenenalter vergleicht. Als die Schüler elf Jahre alt waren, wurde ihr Schulverhalten von den Lehrern bewertet. Auf den ersten Blick entsprechen die Resultate der Lehrmeinung: Kinder, denen Verhaltensprobleme attestiert wurden, schnitten bei den Noten wie auch beim späteren Arbeitsmarkterfolg schlechter ab.

Unterscheidet man jedoch nach Art der Verhaltensauffälligkeit, so zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen „externalisierendem“ Verhalten (Aggressivität, Impulsivität, Unaufmerksamkeit) und „internalisierendem“ Verhalten (Zurückgezogenheit, Verschlossenheit). Aggressivere Schüler, insbesondere Mädchen, waren im Erwachsenenalter häufiger beschäftigt, arbeiteten mehr und erzielten höhere Löhne als ihre „normalen“ Klassenkameraden.

Zwar ergab sich für Kinder aus den unteren sozialen Schichten kein nennenswerter Vorteil, so dass sich die Ergebnisse nicht verallgemeinern lassen. Zudem wurde nicht untersucht, inwieweit Mitschüler unter dem schwierigen Verhalten anderer litten. Dennoch plädieren die Autoren dafür, normabweichende Verhaltensweisen nicht unbedingt durch Strafe oder Kontrolle zu unterbinden. Derartige Versuche durch die Lehrer wirkten sich nämlich laut Studie eher negativ auf die spätere Karriere der betroffenen Schüler aus.

Lesen Sie dazu auch einen umfangreicheren Beitrag in englischer Sprache.

Die Studie zum Download (IZA DP No. 10822):

Bildquelle: pixabay
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Kürzung von Forschungsgeldern: Wer sind die Leidtragenden?

Bruce A. WeinbergVon Bruce A. Weinberg (Ohio State University und IZA)

Die staatliche Förderung wissenschaftlicher Forschung dient der Generierung von Wissen und Ideen, die den technologischen und medizinischen Fortschritt vorantreiben und zugleich die Wirtschaft stärken. Einer der Vordenker auf diesem Gebiet war der US-Ingenieur Vannevar Bush, der während des Zweiten Weltkriegs das Amt für wissenschaftliche Forschung und Entwicklung (OSRD) der amerikanischen Regierung leitete. Aktuelle Studien stützen seine Thesen zu den positiven Effekten auf den Wirtschaftsstandort.

Denn in der Praxis finanziert die Wissenschaftsförderung nicht nur spezifische Projekte, sondern auch die beteiligten Mitarbeiter sowie externe Unternehmen, die Materialien und unterstützende Dienstleistungen liefern. Angesichts der restriktiven Forschungspolitik der amtierenden US-Regierung – so plant Präsident Trump beispielsweise eine Mittelkürzung um 20 Prozent bei den National Institutes of Health – lohnt ein Blick auf die Konsequenzen und die Leidtragenden dieser Entwicklung.

Bislang werden solche Auswirkungen meist am Forschungsoutput in Form von Publikationen oder Patenten gemessen, nicht an der Beschäftigungsentwicklung. Die von mir mitgegründete Initiative UMETRICS stellt dagegen den Menschen in den Mittelpunkt. Denn Menschen sind Ausführende, Vermittler und nicht zuletzt auch „Produkte“ von Wissenschaft.

UMETRICS trägt Informationen zu Beteiligten an universitären Forschungsprojekten und den für die Projekte getätigten Anschaffungen zusammen. Die Personen werden ihren jeweiligen Institutionen zugeordnet und die Anschaffungen den zuliefernden Unternehmen. Da sich UMETRICS ausschließlich auf administrative Daten der inzwischen rund 50 kooperierenden Universitäten sowie des U.S. Census Bureau und anderer „natürlicher“ Quellen stützt, ist der Datensatz aus statistischer Sicht weit zuverlässiger als Umfragen.

Wer profitiert von Forschungsförderung?

Unsere administrativen Daten umfassen nicht nur die Autoren von Fachveröffentlichungen und Projektberichten, sondern alle Projektbeteiligten einschließlich studentischer Hilfskräfte und Verwaltungsmitarbeiter. Deren Rolle als Zielgruppe von Forschungsförderung ist nicht zu vernachlässigen, denn wie bei einem Unternehmen geht es nicht allein um die Führungskräfte.

Wir verglichen die Verteilung der Mitarbeiter an Forschungsprojekten der großen Einrichtungen und Abteilungen der National Science Foundation (NSF) und der National Institutes of Health (NIH), auf die zusammen fast 70 Prozent der Bundesmittel für akademische Forschung und Entwicklung entfallen.

Der auffälligste Befund ist, dass der Großteil der Projektbeteiligten noch im Ausbildungsstadium ist, darunter Studierende und Doktoranden bzw. Postdocs. Während Verwaltungsmitarbeiter bei den NIH oft über 40% ausmachen, entfällt bei beiden Institutionen nur ein geringer Anteil der Stellen auf Professoren und festangestellte Forscher. Eine Kürzung von Forschungsgeldern trifft somit insbesondere den wissenschaftlichen Nachwuchs.

Daher haben wir uns bei unserer Analyse primär auf Doktoranden konzentriert:

Die Karte zeigt die betrachteten Universitäten und den Anteil von Doktoranden (ein Jahr nach Promotion) pro Bundesstaat. Laut unseren Daten tragen viele von ihnen maßgeblich zur regionalen Wirtschaft bei – 12,7% bleiben im Radius von 50 Meilen um die Universität, an der sie ihren Abschluss gemacht haben. Zwar sind Ost- und Westküste sowie die Staaten Illinois und Texas beliebte Ziele für die weitere Karriere, doch ein beachtlicher Teil bleibt der ausbildenden Fakultät im Anschluss erhalten.

Die Doktoranden in unserer Stichprobe wechseln auch häufig in Unternehmen der sogenannten Knowledge Economy. Sie sind stark überrepräsentiert in Branchen wie Elektronik, Halbleiter, Computer und Pharma, dagegen kaum präsent in Branchen wie Handel und Gastronomie. Eine Promotion erhöht die Wahrscheinlichkeit um das Vierfache, für ein Unternehmen mit hohem F&E-Anteil tätig zu sein (44%), das zudem deutlich höhere Durchschnittsgehälter bezahlt.

Die besten Verdienstaussichten bestehen in den Bereichen Ingenieurswesen, Mathematik/Informatik und Physik. Unter den MINT-Fächern sind Biologie und Gesundheitswesen am geringsten entlohnt, doch viele der Postdoc-Stellen in diesen Bereichen dienen als Sprungbretter in besser bezahlte Positionen. Frauen verdienen deutlich weniger als Männer, wobei diese Unterschiede fast ausschließlich auf Studienfachwahl, Familienstand und Mutterschaft zurückzuführen sind.

Insgesamt zeigt sich, dass die in staatlich geförderten Forschungsprojekten ausgebildeten Wissenschaftler das Rückgrat der Unternehmen in der neuen Knowledge Economy bilden.

Welche Anschaffungen werden in den Forschungsprojekten getätigt?

Geförderte Forschungsprojekte haben auch auf andere Weise einen Einfluss auf den Wirtschaftsstandort, nämlich durch die Beschaffung von Geräten, Materialien und Dienstleistungen. Die Ökonomin Paula Stephan hat diese Transaktionen umfassend beschrieben. Dazu zählen etwa Anschaffungen von Computern und Software, Reagenzien, medizinischen Bilddiagnostikgeräten und Teleskopen, bis hin zu Labormäusen und -ratten.

Eine noch unveröffentlichte Studie zu den Zulieferern geförderter Forschungsprojekte an Universitäten zeigt, dass es sich bei vielen von ihnen um Mittelständler im High-Tech-Bereich handelt, die oft auch Niederlassungen in Campus-Nähe haben. Insofern stärken Forschungsprojekte auf besondere Weise die Wirtschaft vor Ort.

Bei der Forschungsförderung geht es also nicht nur um die Generierung neuen Wissens, sondern insbesondere auch um die Ausbildung hochqualifizierten Fachpersonals im MINT-Bereich und die Förderung der unternehmerischen Aktivität auf diesem Gebiet. Das UMETRICS-Projekt liefert einen detaillierten Überblick über die Menschen und Unternehmen, die von staatlicher Forschungsförderung bzw. deren Kürzung betroffen sind, wobei sich daraus sowohl kurzfristige Effekte als auch langfristige Konsequenzen für die Volkswirtschaft ableiten lassen.

theconversation

Eine englische Fassung erschien in The Conversation.
Lesen Sie hier das Original.The Conversation

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Computer für Kinder – Fluch oder Segen?

Computer erobern nicht nur die Klassenräume, sondern zusehends auch die Kinderzimmer. Diese Entwicklung wird in Öffentlichkeit und Wissenschaft kontrovers diskutiert. Denn einerseits können Computer beim Lernen unterstützen und wichtige technische Fertigkeiten vermitteln. Andererseits besteht die Gefahr, dass Kinder zu viel Zeit mit Computerspielen und in sozialen Netzwerken verbringen. In der Realität fallen jedoch positive wie negative Effekte mitunter anders aus als erwartet. Das zeigen drei aktuelle IZA Discussion Papers anhand internationaler Erkenntnisse zu unterschiedlichen Aspekten der Computernutzung von Kindern.

Computerspiele verstärken Geschlechterunterschiede in den MINT-Fächern

Yann Algan (Sciences Po & IZA) und Nicole Fortin (University of British Columbia & IZA) gehen auf Basis von PISA-Daten der Jahre 2000-2012 der Frage nach, wie sich die regelmäßige Nutzung von Computerspielen auf das Abschneiden bei Mathematik-Tests auswirkt. Laut den Daten von 2012 spielten 42% der Jungen und 12% der Mädchen täglich am Computer und nutzten dabei vor allem die als MMOs bezeichneten Online-Spiele mit interaktivem Charakter. Der Studie zufolge konnten Jungen auf diese Weise ihre mathematischen Fähigkeiten verbessern, während bei Mädchen keine oder sogar negative Effekte zu verzeichnen waren. Die Autoren sehen in Computerspielen daher ein mögliches Hindernis für das Schließen der Geschlechterlücke in den mathematischen Fächern.

Kostenlose Laptops für benachteiligte Kinder nicht immer sinnvoll

Gustavo Yamada (Universidad del Pacífico & IZA), Pablo Lavado (Universidad del Pacifico) und Guadalupe Montenegro (GRADE) untersuchen anhand des peruanischen OLPC-Programms („One Laptop per Child“) die Auswirkungen von daheim genutzten Computern auf die schulischen Leistungen. Im Rahmen des Programms wurden speziell entwickelte Laptops an Schulen in besonders von Armut betroffenen Regionen des Landes ausgegeben. Obwohl das OLPC-Programm international überwiegend positive Resultate nach sich zog, zeigten sich im Falle Perus deutliche Negativeffekte. Insbesondere litten die sprachlichen Fertigkeiten von Viertklässlern darunter, dass die Lehrer den Einsatz von gruppenbasierten Methoden im Unterricht zugunsten der individuellen Computerarbeit reduzierten. Zudem verringerten viele Schülerinnen und Schüler ihren Einsatz im Haushalt bei einer gleichzeitigen Verstärkung des Fernsehkonsums.

Soziale Netzwerke gehen nicht auf Kosten des persönlichen Kontakts

Robert Fairlie (University of California, Santa Cruz & IZA) und Ariel Kalil (University of Chicago) analysieren am Beispiel von Schulen in Kalifornien den Einfluss der Bereitstellung von Computern auf das Sozialverhalten der Schüler. Die Studie gelangt zu durchaus überraschenden, positiven Resultaten: Zwar wurde ein erhöhtes Zeitbudget für die Computernutzung verbraucht, das sich jedoch gleichmäßig auf Spiele, Schularbeiten und die Nutzung von E-Mails sowie sozialen Netzwerken verteilte. Zudem wurde kein Beleg für eine Einschränkung von sportlichen oder anderen außerschulischen Freizeitaktivitäten und keine Tendenz zu sozialer Isolation gefunden. Im Gegenteil erhöhte sich bei den befragten Schülern die Intensität der Kommunikation und die Häufigkeit der persönlichen Kontakte mit Freunden.

Download der englischsprachigen Studien:

Bildquelle: pixabay
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