Die ökonomischen Kosten des Klimawandels

In Bonn beraten derzeit Politiker und Experten aus aller Welt auf der COP23-Weltklimakonferenz über Strategien zur Bewältigung des Klimawandels. Dass es sich dabei um eine der größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts handelt, zeigt auch die ökonomische Forschung. So beschäftigt sich Olivier Deschenes, Umweltökonom an der University of California in Santa Barbara und Koordinator des IZA-Programmbereichs Arbeitsmarkt und Umwelt, unter anderem mit den wirtschaftlichen Folgen der Erderwärmung.

In seinem aktuellen IZA Discussion Paper bewertet er gemeinsam mit Peng Zhang, (Hong Kong Polytechnic University) Kyle C. Meng (UC Santa Barbara) und Junjie Zhang (Duke Kunshan University) die Auswirkungen des Klimawandels auf die verarbeitende Industrie in China. Anhand von Produktionsdaten zu rund einer halben Million Fabriken für den Zeitraum 1998-2007 untersuchen die Autoren den Einfluss steigender Temperaturen auf die sogenannte Totale Faktorproduktivität (TFP), die Produktionsmenge und den Einsatz von Kapital und Arbeit.

Klimawandel könnte chinesische Produktion um 12% jährlich reduzieren

Die Analyse zeigt, dass sowohl arbeits- als auch kapitalintensive Unternehmen bei höheren Temperaturen weniger produktiv sind. Jeder Tag mit Höchsttemperaturen über 32 Grad Celsius bedeutet im Durchschnitt einen Rückgang der Faktorproduktivität um 0.56% sowie der Produktionsleistung um 0,45%. Das entspricht finanziellen Einbußen in Höhe von 8.160 US-Dollar (in Dollarwerten von 2007).

Auf Basis historischer Klimadaten und Prognosen gehen die Forscher davon aus, dass die Durchschnittstemperatur in China bis zum Zeitraum 2040-2059 um 2,0 Grad Celsius ansteigen wird, was vor allem im Osten und Süden Chinas vermehrt zu besonders heißen Tagen führen würde (siehe Karte).

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Zunahme der Tage pro Jahr mit Temperaturen über 32 Grad Celsius (2040-2059 im Vergleich zu 1998-2007)

Nach den Berechnungen der Autoren könnte die Industrieproduktion des Landes bis Mitte des 21. Jahrhunderts um bis zu 12% bzw. 39,5 Mrd. US-Dollar jährlich sinken, wenn keine Gegenmaßnahmen ergriffen würden. Für die Gesamtwirtschaft würde dies einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 3,8% pro Jahr bedeuten, sollte der Anteil der verarbeitenden Industrie bei 32% bleiben.

Steigenden Temperaturen verringern Geburtenrate

Neben der wirtschaftlichen Produktivität beeinflusst die Erderwärmung auch die demografische Entwicklung, wie ein weiteres IZA Discussion Paper von Deschenes mit Alan Barreca (Tulane University & IZA) und Melanie Guldi (University of Central Florida) belegt. Am Beispiel der USA zeigt das Forscherteam mittels umfangreicher Daten für den Zeitraum 1931 bis 2010, dass sich eine ungewöhnliche Häufung von heißen Tagen (bereits ab 27 Grad Celsius) in einem messbaren Geburtenrückgang acht bis zehn Monate später widerspiegelt.

Lesen Sie mehr dazu in einem Artikel von Alan Barreca für IZA World of Labor:
Does hot weather affect human fertility?

Klimaanlagen senken das Sterblichkeitsrisiko

Zugleich nehmen die Todesfälle aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen an heißen Tagen zu. Seit den 1960er Jahren ist der Sterblichkeitseffekt hoher Temperaturen in den USA jedoch um 70% zurückgegangen, was laut einem IZA Discussion Paper von Alan Barreca, Karen Clay (Carnegie Mellon University), Olivier Deschênes, Michael Greenstone (University of Chicago) und Joseph S. Shapiro (Yale University) fast ausschließlich auf den flächendeckenden Einsatz von Klimaanlagen zurückzuführen ist.

Den Autoren zufolge können solche technologischen Errungenschaften die negativen Folgen der Erderwärmung für den Menschen also deutlich abfedern. Doch solange die dafür notwendige Energie weltweit zum Großteil aus fossilen Brennstoffen gewonnen wird, werde der Klimawandel noch zusätzlich verstärkt. „Der weitere Ausbau der erneuerbaren Energien und die Förderung energieeffizienter Technologien müssen daher elementare Bestandteile der globalen Klimastrategie sein“, so Olivier Deschenes.

Download der Studien:

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Entsenderichtlinie: Mehr Rechtsunsicherheit

Werner Eichhorst

Die Entsendung von Arbeitnehmern als Ausdruck der Dienstleistungsfreiheit ist seit den 1990er Jahren einer der wichtigsten Konfliktpunkte im Arbeitsrecht auf europäischer Ebene. Bereits damals war umstritten, welche arbeitsrechtlichen Standards auf entsandte Arbeitskräfte, etwa in der Bauwirtschaft, angewendet werden sollten – entweder die des Herkunfts-, die des Aufnahmestaates oder eine Kombination von beiden.

Die Entsendung erhöht den Wettbewerbsdruck auf einheimische Beschäftigte, deren Löhne und Arbeitsbedingungen sowie das Risiko in stark betroffenen Branchen, etwa im Baugewerbe oder der Fleischindustrie, Verdrängungseffekte auszulösen. Auch setzt das Prinzip der Dienstleistungsfreiheit nach diesen Regeln Anreize, Tochtergesellschaften in Ländern mit geringeren Arbeitskosten zu gründen. Insgesamt kann dies die Europaskepsis in den Aufnahmeländern verstärken. Die Entsendung bietet aber auch Chancen für Unternehmen und Arbeitskräfte aus Ländern mit geringeren Arbeitskosten, insbesondere in Mittel- und Osteuropa. Eine stärkere Regulierung entsprechend den Interessen der Aufnahmeländer könnte die Zustimmung zur EU in den Entsendeländern vermindern.

Bedrohung etablierter Lohn- und Sozialstandards

Als Kompromiss zwischen den Regierungen der damaligen Mitgliedstaaten wurde 1996 mit der EU-Entsenderichtlinie vereinbart, dass verbindliche Arbeitsbedingungen des Aufnahmestaates, etwa zu Lohn, Arbeitszeiten und Urlaub, auch für vorübergehend dorthin entsandte Arbeitskräfte angewandt werden sollten. Diese Standards mussten sowohl für Inländer als auch für die Entsandten bzw. deren Arbeitgeber gelten, um eine Diskriminierung von EU-Ausländern zu vermeiden.

In Deutschland galt dies bis zur Einführung des gesetzlichen Mindestlohns nach dem eigens dafür geschaffenen Arbeitnehmerentsendegesetz insbesondere für allgemeinverbindliche Mindestlohn-Tarifverträge, für gesetzliche Höchstarbeitszeiten und den Mindesturlaub. In den Folgejahren entzündeten sich weitere Konflikte an der Um- und Durchsetzung der Entsenderichtlinie und verschiedenen Ausweichreaktionen wie der Beschäftigung von formal selbstständigen Arbeitskräften. Dies wird von Ländern mit hohen Arbeitskosten nach wie vor als eine Bedrohung etablierter Lohn- und Sozialstandards wahrgenommen, da in diesem Fall für die Entsendedauer die Rechtsvorschriften des Herkunftslandes gelten.

Hohe politische Symbolkraft, geringe empirische Bedeutung

Nach der jüngsten, im Wesentlichen auf die Initiative Frankreichs zurückgehenden Vereinbarung der Mitgliedstaaten vom Oktober 2017 sollen jetzt auch geltende Tariflöhne und Zuschläge im Aufnahmeland auf entsandtes Personal angewandt werden. Zusätzlich soll die Entsendung nur noch für zwölf Monate möglich sein, bevor das gesamte Recht des Aufnahmelandes Anwendung findet. Kostendifferenziale bestehen jedoch weiterhin bei den Sozialabgaben, die im Herkunftsland fällig werden. Auch wenn dies noch im Detail konkretisiert werden muss, der wichtige Logistiksektor ausgeklammert bleibt und die neuen Regeln noch unter dem Vorbehalt einer Zustimmung durch das Europäische Parlament stehen, bedeutet dies im Prinzip eine signifikante Verschärfung der bisherigen Regelung.

Grundsätzlich handelt es sich bei der Entsendung um eine rechtlich und politisch schwierige Frage. Verglichen mit der hohen politischen Symbolkraft ist die empirische Bedeutung der Arbeitnehmerentsendung jedoch begrenzt und konzentriert sich auf einige wenige Branchen. Auf europäischer Ebene entfielen 2015 knapp 1% der gesamten Beschäftigung auf entsandte Arbeitnehmer. Welches Recht dort anzuwenden sein soll, lässt sich nicht allein politisch klären – die neuen Regeln müssen auch vor dem Europäischen Gerichtshof Bestand haben können. Vor allem aber dürfte mit der neuen Vereinbarung ein erheblicher Informations- und Kontrollaufwand verbunden sein. Daher wäre es sinnvoller, die bereits jetzt geltenden Regeln im Hinblick auf verbindliche Mindeststandards besser zu implementieren und zu kontrollieren.

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Dieser Beitrag von Werner Eichhorst erschien in: Wirtschaftsdienst, 2017, 97 (11), 762.

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Wie der digitale Wandel die Geburtenrate beeinflusst

https://pixabay.com/en/student-typing-keyboard-text-woman-849828/Die mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird häufig als Grund für die sinkenden Geburtenzahlen in Deutschland genannt. Die fortschreitende Digitalisierung könnte das Problem lösen helfen, indem sie durch Home-Office-Lösungen und andere flexible Arbeitsmodelle die Entscheidung für ein Kind erleichtert. Ob sich ein solcher Effekt in der Realität belegen lässt, untersucht eine aktuelle IZA-Studie der italienischen Ökonomen Francesco C. Billari, Osea Giuntella und Luca Stella.

Die Grundvoraussetzung, um vom digitalen Wandel zu profitieren zu können, ist ein schneller Internetzugang. Die Autoren vergleichen daher regionale Unterschiede bei der Geburtenrate mit Daten zum Breitbandausbau in Deutschland. Um einen kausalen Effekt nachweisen zu können, nutzen sie die Methodik eines früheren IZA-Papers, das sich – vereinfacht gesagt – den Umstand zunutze macht, dass sich der Fortschritt beim DSL-Ausbau an technischen Gegebenheiten und nicht primär am Bedarf orientiert.

Digitalisierung beeinflusst Familienplanung von Akademikerinnen

Auf Basis von Befragungsdaten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) von 2008 bis 2012 zeigt die Analyse: Bei gut ausgebildeten Frauen im Alter von 25 bis 45 erhöht der Zugang zu schnellem DSL-Internet die Geburtenhäufigkeit um 9,3 Prozentpunkte. Der Zuwachs kommt vor allem dadurch zustande, dass sich Mütter häufiger für ein weiteres Kind entscheiden.

Dass die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf der ausschlaggebende Faktor zu sein scheint, lässt sich daran erkennen, dass in Regionen mit DSL-Verfügbarkeit die Häufigkeit von Heim- und Teilzeitarbeit zugenommen hat. Zugleich stieg die mit den Kindern verbrachte Zeit und die Lebenszufriedenheit.

Digitalisierungseffekt hängt vom Bildungsniveau ab

Doch der positive Effekt konzentriert sich vor allem auf Akademikerinnen. Bei Frauen unter 25 Jahren lässt sich kein signifikanter Anstieg der Geburtenhäufigkeit nachweisen. Eine mögliche Erklärung auf Basis früherer Studien sehen die Autoren darin, dass sich junge Frauen durch den schnellen Internetzugang eingehender über Geburtsrisiken und die Kosten von Kindern informieren, was vermehrt zu einem Aufschub der Familienplanung führen könnte.

Auch für Frauen mit niedrigerem Bildungsniveau erleichtert der digitale Wandel die Entscheidung für ein Kind offenbar nicht. Sie arbeiten häufig in Berufen, die sich für flexible Arbeitsformen weniger eignen. Die Forscher sehen daher einen potenziellen Trend zu einem „digitalen Geburtengefälle“ zwischen besser und schlechter ausgebildeten Frauen.

Download der Studie (IZA DP No. 10935):

Bildquelle: Pixabay
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Teenager-Töchter – ein Risikofaktor für Scheidungen?

Töchter im Teenie-Alter können die Ehe ihrer Eltern auf eine harte Probe stellen. Eine Analyse niederländischer Daten zeigt, dass das Scheidungsrisiko bei Paaren mit 15-jährigen Töchtern um 10% höher ist als bei Eltern mit 15-jährigen Söhnen. Bei jüngeren und älteren Kindern spielt das Geschlecht dagegen keine Rolle. Ebenfalls kein Unterschied zeigt sich, wenn die Väter selbst mit weiblichen Geschwistern aufgewachsen sind.

Zusätzlich zu den amtlichen Statistiken werteten die Forscher auch Umfragedaten aus: Demnach sind Eltern von Töchtern häufiger uneins über die richtige Erziehung. Auch berichten Teenager-Töchter häufiger von einem schlechten Verhältnis zu ihren Vätern als Jungen.

Bei Eltern höheren Alters oder mit Migrationshintergrund, die nach Einschätzung der Autoren eher zu traditionellen Geschlechterbildern neigen, erhöht sich das Scheidungsrisiko durch Töchter am deutlichsten. Das spricht laut Studie dafür, dass ein offener Umgang mit Rollenbildern innerhalb der Familie dazu beitragen kann, den Beziehungsstress aufgrund von Problemen mit heranwachsenden Töchtern zu mindern.

Lesen Sie mehr (in englischer Sprache):

Bildquelle: Pixabay
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Teilkrankschreibungen können betriebliche Fehlzeiten und Gesundheitskosten reduzieren

Bei Krankschreibungen gilt in Deutschland bislang die Alles-oder-Nichts-Regelung: Arbeitnehmer sind entweder arbeitsunfähig oder müssen die volle Arbeitsleistung erbringen. In der Realität sind krankgeschriebene Beschäftigte aber häufig willens und in der Lage, schrittweise und mit verringerter Stundenzahl in den Job zurückzukehren. Immer wieder wird daher das Modell der Teilkrankschreibungen diskutiert, das in Deutschland selten und nur auf freiwilliger Basis Anwendung findet.

Wie sich eine gesetzliche Verpflichtung zu Teilkrankschreibungen auf betriebliche Fehlzeiten und das Krankengeld auswirkt, untersucht ein aktuelle Studie von IZA-Fellow Øystein Hernæs (Institute for Social Research, Oslo) auf Basis einer in Norwegen durchgeführten Reform. Dort ist es seit 2004 gesetzlich vorgeschrieben, dass Krankgeschriebene so früh wie möglich, in der Regel nach spätestens acht Wochen, wieder teilweise in den Job zurückkehren.

Da die Reform jedoch in der Praxis nicht konsequent durchgesetzt wurde, entschied sich die Regierung der Region Hedmark, mit einer Reihe von Maßnahmen nachzuhelfen: Sachbearbeiter wurden geschult und Krankgeschriebene regelmäßig ermutigt, ihren Arbeitgeber wegen einer Rückkehr in Teilzeit zu kontaktieren. Zudem wurden Ärzte, Unternehmen und die Öffentlichkeit mit einer Informationskampagne aufgeklärt. Da diese Aktivierungsmaßnahmen regional begrenzt waren, konnte Hernæs die Effekte isoliert betrachten.

Schnellere vollständige Rückkehr in den Job

Die Ergebnisse zeigen deutlich die positiven Effekte des Programms: Betriebliche Fehlzeiten wurden um 12 Prozent verringert und das ausgezahlte Krankengeld reduziert. Die positiven Effekte stellten sich unabhängig von Geschlecht, Alter und Branche ein – nur nur im Baugewerbe fielen sie geringer aus. Am stärksten waren die positiven Arbeitszeiteffekte bei Arbeitnehmern mit Muskel-Skelett-Erkrankungen. Die positiven Effekte blieben jedoch nicht nur auf die in Teilzeit geleisteten Stunden beschränkt: Teilkrankgeschriebene Arbeitnehmer kehrten schneller wieder vollständig in den Job zurück.

Die Studienergebnisse zeigen somit die positiven Potenziale von Teilkrankschreibungen. In Deutschland besteht zwar mit dem sogenannten Hamburger Modell bereits jetzt die Möglichkeit, nach sechs Wochen Krankheit auf freiwilliger Basis wieder einige Stunden zur Arbeit zu gehen und in dieser Zeit weiterhin Krankengeld zu erhalten. Vorschläge zur Einführung einer gesetzlichen Grundlage zur Teilarbeitsunfähigkeit wurden jedoch bislang nicht weiter verfolgt.

Download der Studie (IZA DP No. 10991):

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IZA/XING-Studie: Beschäftigte in Deutschland haben keine Angst vor der Digitalisierung

Nur jeder achte Arbeitnehmer in Deutschland befürchtet, dass der eigene Arbeitsplatz durch Automatisierung bedroht sein könnte. Das geht aus einer aktuellen Auswertung der Studie „Arbeiten in Deutschland“ von IZA und XING hervor. In einer repräsentativen Befragung gaben 12,6 Prozent von 1.272 Beschäftigten zwischen 25 und 54 Jahren an, ihre aktuelle Tätigkeit könnte in den nächsten fünf Jahren durch den Einsatz moderner Technologien wegfallen. Unter den zusätzlich befragten 4.219 XING-Mitgliedern hielten sogar nur 2,3 Prozent ein solches Szenario für wahrscheinlich.

Die aktuelle Diskussion um ein „Ende der Arbeit“ aufgrund der fortschreitenden Digitalisierung wird insbesondere durch eine Studie der Universität Oxford (Frey und Osborne, 2013) befeuert, nach der in den USA jeder zweite Job durch Automatisierung bedroht sei. Auf Basis der gleichen Berechnungsmethode könnten in Deutschland rund 42% der bestehenden Arbeitsplätze durch den Einsatz von Robotern und Computern wegfallen. Berücksichtigt man jedoch, dass die Tätigkeitsprofile innerhalb einzelner Berufsgruppen stark variieren können und nicht gleichermaßen automatisierbar sind, sinkt der Anteil potenziell gefährdeter Jobs auf 12% (Bonin et al., 2015).

Männer sehen sich eher durch Automatisierung bedroht

Dieser weniger dramatische Befund deckt sich offenbar mit der Einschätzung der Arbeitnehmer selbst. In der IZA/XING-Studie schätzen Männer das Automatisierungsrisiko allerdings deutlich höher ein (16%) als Frauen (9,1%). Die Forscher führen diese Diskrepanz darauf zurück, dass Männer häufiger in körperlich anstrengenden Jobs tätig sind, in denen das Potenzial für den Einsatz von Maschinen noch am höchsten ist. Weibliche und männliche XING-Mitglieder, bei denen es sich überwiegend um „moderne Wissensarbeiter“ handeln dürfte, schätzten das Automatisierungsrisiko gleichermaßen gering ein.

Auffällige Unterschiede zeigten sich mit Blick auf das individuelle Problemlösungsverhalten. Nur 5,8% der Befragten, die nach eigenem Bekunden bei unvorhergesehenen Störungen der Arbeitsroutine selbst nach Lösungen suchen, sehen sich einem Automatisierungsrisiko ausgesetzt. Eher bedroht fühlen sich Arbeitnehmer, die im Störungsfall üblicherweise Vorgesetzte bzw. Kollegen verständigen. Hier gaben 15,5% bzw. 29,7% der Befragten an, ihr Job könnte der Automatisierung zum Opfer fallen.

Wandlungsfähig bleiben, Chancen nutzen

IZA-Chef Hilmar Schneider sieht durch die Studienergebnisse bestätigt, dass die Beschäftigten dem Wandel der Arbeitswelt mit Zuversicht begegnen sollten, statt sich von Schreckensszenarien verunsichern zu lassen: „Die Menschheit hat bis heute jeden technologischen Wandel – vom Webstuhl bis zum Internet – bewältigt, obwohl die Auswirkungen vorher kaum vorhersehbar waren. Wichtig ist, dass wir wandlungsfähig bleiben und die Chancen nutzen, statt uns vor den Risiken zu fürchten.“

Der Blick auf die Automatisierung werde oft durch eine asymmetrische Wahrnehmung verzerrt. Diejenigen Tätigkeiten, die durch neue Technologien überflüssig werden, seien recht einfach zu erkennen. „Die menschliche Fantasie versagt aber regelmäßig, wenn es darum geht, sich neue Tätigkeitsfelder und Bedürfnisse vorzustellen“, so Schneider. Bislang hätten sich untergehende und entstehende Jobs noch immer die Waage gehalten. Der IZA-Chef sieht aber auch das Bildungs- und Ausbildungssystem in der Pflicht, sich noch stärker auf die Vermittlung von Zukunftskompetenzen zu konzentrieren. Neben rein fachlichen Qualifikationen sind dabei immer mehr auch sogenannte „Soft Skills“ wie beispielsweise Kreativität, soziale Intelligenz, Verantwortungsbewusstsein und unternehmerisches Denken von Bedeutung.

Lesen Sie hier ein ausführlichere Analyse mit weiteren Grafiken (PDF).

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Steuerkonzepte der Parteien entlasten Privathaushalte höchst unterschiedlich

Die Konzepte zur Reform der Einkommensteuer und des Solidaritätszuschlags in Deutschland driften je nach politischem Lager weit auseinander. Die privaten Haushalte hierzulande sind davon äußerst unterschiedlich betroffen: Die Wirkung der steuerlichen Gesamtentlastung schwankt zwischen 1,5 Milliarden Euro und 34,6 Milliarden Euro, die verfügbaren Einkommen privater Haushalte steigen in einer Spanne zwischen 107 Euro und 905 Euro pro Jahr. Bei sämtlichen Reformvorschlägen wächst die absolute Entlastung (in Euro-Beträgen) über weite Teile mit dem Einkommen.

Dies sind wesentliche Ergebnisse einer gemeinsamen Studie von IZA und ZEW im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi). Die an der Studie beteiligten Wissenschaftler haben die Reformvorschläge auf dem Gebiet von Einkommensteuer und Solidaritätszuschlag  untersucht, wie sie in den Regierungsprogrammen von CDU/CSU und SPD enthalten sind. Ebenfalls simuliert wurden die Vorschläge des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) und des bayrischen Finanzministeriums, der sogenannte „Bayern-Tarif“. Das Mikrosimulationsmodell von ZEW und IZA fußt auf der Erhebungswelle der Faktisch Anonymisierten Lohn- und Einkommensteuerstatistik (FAST) aus dem Jahr 2010 sowie auf Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) von 2015.

Von den Vorschlägen der Union würden Haushalte mit einem zu versteuernden Einkommen zwischen 150.000 Euro und 250.000 Euro in absoluter Betrachtung am stärksten profitieren. Bezogen auf das Einkommen, ist die relative Entlastung bei zu versteuernden Einkommen zwischen 100.000 Euro und 150.000 Euro am größten. Auch die Vorschläge der SPD und des DGB kommen der oberen Mittelschicht tendenziell stärker zugute als Geringverdienern. Hier liegt der Schwerpunkt der Entlastungswirkung jedoch bereits bei einem zu versteuernden Einkommen zwischen 55.000 Euro und 80.000 Euro beziehungsweise – bezogen auf das verfügbare Einkommen – bei 40.000 Euro bis 55.000 Euro. Für Haushalte mit zu versteuernden Einkommen jenseits von 150.000 Euro führen die Vorschläge von SPD und DGB dagegen zu beträchtlichen Einkommensverlusten. Haushalte, die mehr als 250.000 Euro jährlich versteuern, würden im SPD-Vorschlag mit etwa 7.500 Euro und beim DGB-Vorschlag sogar mit gut 20.000 Euro pro Jahr zusätzlich belastet.

Die Studie zeigt weiter, dass die Entlastungswirkungen bei der beabsichtigten Reform von Einkommensteuer und Solidaritätszuschlag insgesamt für den DGB-Vorschlag bei zwei Milliarden Euro, für den SPD-Reformvorschlag bei 6,1 Milliarden Euro und für den CDU/CSU-Vorschlag bei 21,2 Milliarden Euro liegen. Die reinen Einkommensteuerkomponenten des Bayern-Tarifs belaufen sich auf 8,2 Milliarden Euro. Würde die von CDU und CSU in Aussicht gestellte Abschaffung des Solidaritätszuschlags bereits heute umgesetzt, fiele die Entlastungswirkung mit 22,6 Milliarden Euro (CSU) beziehungsweise 34,6 Milliarden Euro (CDU) deutlich höher aus.

Positive Effekte auf das Arbeitsangebot

Sämtliche Reformkonzepte führen dazu, dass sich das Arbeitsangebot ausdehnt, da durch die Entlastungen ein größerer Anteil des Mehrverdienstes beim Arbeitnehmer ankommt. Die stärksten positiven Arbeitsangebotseffekte gehen von den Vorschlägen der Union aus (bis zu 400.000 Vollzeitäquivalente). Werden die Effekte ins Verhältnis zur fiskalischen Entlastungswirkung gesetzt, liegt der DGB-Vorschlag mit 7,3 Vollzeitäquivalenten pro 100.000 Euro Entlastung vorne, gefolgt vom Bayern-Tarif mit 2,4 Vollzeitäquivalenten und dem SPD-Vorschlag mit 1,9 Vollzeitäquivalenten.

Treffen diese positiven Arbeitsangebotseffekte auf eine entsprechende Nachfrage, entstehen Gegenfinanzierungseffekte. Diese belaufen sich nach den Vorschlägen von SPD und DGB auf jeweils rund zwei Milliarden Euro, bei Zugrundelegung des Bayern-Tarifs auf 4,5 Milliarden Euro sowie bei Umsetzung des Konzepts von CDU/CSU beziehungsweise der CDU/CSU-Mittelstandsvereinigung auf etwa sieben Milliarden Euro.

„Derzeit wird oft beklagt, dass sich die Konzepte der etablierten Parteien kaum noch unterscheiden. Bei den steuerpolitischen Vorstellungen trifft das das aber nicht zu. Hier bedienen die Parteien nach wie vor unterschiedliche Einkommensgruppen“, kommentiert Holger Stichnoth, kommissarischer Leiter der ZEW-Forschungsgruppe „Internationale Verteilungsanalysen“ und Mitautor der Studie, die Ergebnisse. Die Verteilungswirkungen der Konzepte, so Stichnoth, seien für viele Bürgerinnen und Bürger aber nicht leicht zu durchschauen. So profitierten von einer Beseitigung des Mittelstandsbauchs nicht nur die Haushalte der Mittelschicht, sondern auch Haushalte mit hohem Einkommen. Die von der SPD geforderte Abschaffung des Solidaritätszuschlags für Einkommen unter 52.000 Euro würde auch Wohlhabende besser stellen.

Holger Bonin, Forschungsdirektor am IZA, sagt zu der Studie: „Wenn die Politik  die Mittelschicht und Geringverdiener  entlasten will, bringen Änderungen am Tarif der Einkommensteuer oder beim Solidaritätszuschlag relativ wenig. Mehrwertsteuersenkungen würden diesen Zielgruppen deutlich mehr bringen.“ Bonin warnt zudem davor,  durch Steuersenkungen staatliche Gestaltungsspielräume zu stark einzuschränken. „Auch wenn eine Steuerreform in dieser Legislaturperiode sicher notwendig ist: Die öffentliche Hand sollte auch danach noch genügend Geld für die dringenden Investitionen in Bildung und Infrastruktur behalten.“

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Die Studie „Ökonomische Bewertung verschiedener Reformoptionen im deutschen Steuer- und Transfersystem“ von ZEW und IZA ist Teil eines Rahmenvertrags für das BMWi. Neben dem IZA kooperiert das ZEW dabei auch mit dem Wirtschaftsforschungs- und Beratungsunternehmen Prognos AG.

Download (PDF, 5 MB):

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Das deutsche Arbeitsmarktwunder: Eine Bilanz

Arbeitslosigkeit in Deutschland (1960-2016)

Einst „kranker Mann Europas“, heute der Star unter den großen Volkswirtschaften: Der deutsche Arbeitsmarkt glänzt mit den besten Zahlen seit Jahrzehnten. Welchen Anteil die Hartz-Reformen am „deutschen Arbeitsmarktwunder“ haben, ist jedoch nicht nur in der Politik, sondern auch unter Ökonomen umstritten. Manche halten ihn für maßgeblich, andere für maßlos überbewertet.

Ohne Ideologie und Emotionen sei diese Frage tatsächlich schwer zu beantworten, meint IZA-Fellow Michael C. Burda (Humboldt-Universität zu Berlin). „Zum einen ist streng kausale Evidenz fast unmöglich zu erzeugen. Zum anderen gibt es mehrere alternative Narrative, die auch plausibel erscheinen.“

Gemeinsam mit seiner Koautorin Stefanie Seele hat Burda daher die Rolle der Hartz-Reformen für die Beschäftigungserfolge auf dem deutschen Arbeitsmarkt analysiert. Die daraus resultierende Studie ist jetzt in der Reihe „IZA Standpunkte“ erschienen und wird in Kürze im Fachjournal Perspektiven der Wirtschaftspolitik veröffentlicht.

Die Autoren stellen zunächst fest: Bezogen auf Erwerbsbeteiligungs-, Beschäftigten- oder Arbeitslosenquoten verlief der Arbeitsmarkt im vereinten Deutschland noch nie so gut wie im Jahr 2017. Dies gelte vor allem für Frauen, Ältere und Menschen in den neuen Bundesländern. Trotz des massiven Abschwungs im Zuge der Wirtschaftskrise 2008/2009 habe sich die deutsche Arbeitsmarktverfassung als bemerkenswert robust und anpassungsfähig erwiesen.

Starke Lohnspreizung, aber Ungleichheit der Haushaltseinkommen stabil

Als Preis des Arbeitsmarktwunders wird jedoch häufig die starke Lohnspreizung angeführt, insbesondere durch die Beschäftigungszunahme im unteren Lohnbereich und bei der Teilzeitarbeit. Die Autoren bestätigen, dass die Bedeutung des unteren Lohnsegments zwischen 2003 und 2010 massiv anstiegen ist. Dies gelte insbesondere für Stundenlöhne im Teilzeitbereich. Die Ungleichheit der Haushaltseinkommen nach Steuern und Transfers habe sich seit 2003 aber als stabil erwiesen.

Die nachhaltigen Beschäftigungserfolge, die weit über die üblichen konjunkturellen Schwankungen hinausgehen, werden mit mehreren Ursachen in Verbindung gebracht. Dazu zählen eine gemäßigte und beschäftigungskonforme Lohnentwicklung, die ertragsschwache Unternehmen vor geschmälerten Gewinnen oder Entlassungen bewahren sollte, eine günstige Lage der Weltnachfrage nach deutschen Produkten mit entsprechendem Außenhandelsüberschuss, aber auch die angebotsaktivierende Wirkung der Arbeitsmarktreformen im Rahmen der Agenda 2010.

Dass die Erholung auf dem Arbeitsmarkt selbst der großen Rezession nach der globalen Finanzkrise getrotzt habe, deute auf eine zentrale Rolle der Hartz-Reformen hin, so die Autoren. Empirisch belegen sie die Hypothese, die Lohnmoderation der Tarifparteien sei eine „notwendige, jedoch nicht hinreichende Bedingung“ für den Erfolg des deutschen Arbeitsmarktes seit 2005. Auch wenn die demographische Entwicklung zum Anstieg der Erwerbs- und Erwerbstätigenquoten beigetragen habe, fällt die Aktivierung von Erwerbsfähigen stärker ins Gewicht, gerade bei der Teilzeitbeschäftigung in Westdeutschland.

Insbesondere die Reform der Arbeitslosenunterstützung habe zwar einerseits die Zunahme des unteren Lohnsegments erst ermöglicht, andererseits aber eben auch den Anstieg der sozialversicherungspflichtigen Teil- und Vollzeitarbeit. Die starken Rückgänge der Realstundenlöhne ab 2004 zeigten den entscheidenden Einfluss des Arbeitsangebots auf das „Arbeitsmarktwunder“ in Deutschland. „Ein Rückbau der Reformen könnte diesen Erfolg gefährden“, befürchten die Autoren.

Download der Studie (IZA Standpunkte Nr. 89):

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Attraktives Aussehen steigert die Wahlchancen von Politikern

Auf die Inhalte kommt es an – aber nicht nur. Dass an der Wahlurne mitunter auch das Aussehen der Kandidaten entscheiden kann, hat Panu Poutvaara (ifo, Universität München & IZA) anhand umfangreicher internationaler Studien analysiert, deren Ergebnisse er in einem Artikel für IZA World of Labor und einem aktuellen Gastbeitrag zusammengefasst hat.

Demnach können Äußerlichkeiten inbesondere bei Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen weniger bekannten Kontrahenten das Zünglein an der Waage sein. Davon profitieren in den meisten Fällen konservative Politiker rechts von der Mitte, die in Befragungen durchschnittlich als attraktiver bewertet werden.

Am Beispiel der Parlamentswahlen in Finnland (siehe Grafik) ermittelte Poutvaara, dass Schönheit einen deutlich größeren Wettbewerbsvorteil darstellt als Kompetenz und Vertrauenswürdigkeit, wenn andere Faktoren wie Prominenz oder Amtsbonus keine Rolle spielen.

Vorteile durch Aussehen, Kompetenz und Vertrauenswürdigkeit bei Wahlen in Finnland

Dieser Befund deckt sich mit Erkenntnissen aus anderen europäischen Ländern, den USA und Australien. Dabei geht es weniger um die Schönheit an sich, sondern um positive Charaktereigenschaften, die attraktiven Menschen zugeschrieben werden. Allerdings lassen sich die Anhänger etablierter Parteien selten von Äußerlichkeiten leiten. Der Schönheitsbonus kommt primär bei Wechselwählern und politisch weniger Interessierten zum Tragen.

Aussehen in der Politik noch wichtiger als auf dem Arbeitsmarkt

Dass gutes Aussehen die individuellen Arbeitsmarktchancen und Lohnaussichten steigert, ist wissenschaftlich bereits vielfach belegt. In der Politik dürfte der Effekt laut Poutvaara sogar noch größer sein. Denn während sich Personalentscheider im Vorstellungsgespräch von den Qualitäten der Bewerbenden überzeugen können, kommen Wähler nur selten mit den Kandidaten in persönlichen Kontakt und entscheiden häufiger anhand oberflächlicher Kriterien.

Zwar seien die Parteien gut beraten, auch auf das Äußere ihrer Kandidaten zu achten, wenn sie ihren Wahlerfolg maximieren wollen. Dennoch betont Poutvaara: „Gutes Aussehen ist weder Garant noch Voraussetzung für den Wahlerfolg.“ Den Wählerinnen und Wählern empfiehlt er, sich vor dem Urnengang bewusst zu machen, inwieweit sie sich womöglich vom Aussehen des Kandidaten leiten lassen.

Lesen Sie den englischsprachigen Artikel in IZA World of Labor:

Hinweis:
Als Service für unsere deutschsprachigen Leser bietet IZA World of Labor zu den rund 400 bislang erschienenen Artikeln sukzessive auch deutsche Kurzzusammenfassungen an.
Eine Auswahl ist über die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) abrufbar.

Wir würden uns freuen, wenn Sie eine kurze Online-Umfrage dazu ausfüllen!

 

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Studierende der VWL und BWL bewerten weibliche Lehrkräfte systematisch schlechter

Obwohl immer mehr Frauen Wirtschaftswissenschaften studieren, schlagen nur wenige von ihnen die universitäre Laufbahn ein. Als Grund wird häufig eine systematische Diskriminierung vermutet, die sich jedoch in der Praxis schwer nachweisen lässt. Die schwelende Sexismus-Debatte wurde zuletzt durch eine Studie von Alice Wu befeuert, nach der Frauen in einem anonymen Internetforum für Nachwuchsökonomen in erschreckender Regelmäßigkeit mit abfälligem Vokabular belegt werden.

Ein aktuelles IZA Discussion Paper liefert nun empirische Befunde aus der realen Welt, die ebenfalls für eine verbreitete Ungleichbehandlung der Geschlechter in der akademischen Welt sprechen. Das Autorenteam Friederike Mengel, Jan Sauermann und Ulf Zölitz nutzte dafür Daten aus rund 20.000 Bewertungen von Lehrkräften durch Studierende der School of Business and Economics an der Universität Maastricht, einer der renommiertesten Business Schools in Europa.

Die Auswertung zeigt, dass weibliche Lehrkräfte am Semesterende systematisch schlechter bewertet wurden, obwohl sich die Qualität der Lehre – gemessen am Arbeitsaufwand der Studierenden und ihren Leistungen in zentral durchgeführten Prüfungen – nicht nennenswert unterschied und die Kursteilnehmer den Lehrenden per Losverfahren zugeordnet werden. Selbst identisches Lehrmaterial wie Fachbücher und Online-Lernplattformen wurden schlechter bewertet, wenn eine Frau den Kurs geleitet hatte. Die Negativbewertungen kamen hauptsächlich, aber nicht ausschließlich von männlichen Studenten.

Evaluationen durch Studierende sind für Professoren, Dozenten und Tutoren durchaus beförderungsrelevant und werden auch bei Neueinstellungen und Vertragsverlängerungen immer häufiger herangezogen. Aus den beobachteten Bewertungen dürften sich daher Karrierenachteile und demotivierende Effekte insbesondere für junge Doktorandinnen ergeben, so die Einschätzung der Autoren.

Die Erkenntnisse sind jedoch nicht nur für den Wissenschaftsbetrieb relevant. „Viele Absolventen dieser Business School übernehmen später Führungspositionen in Politik, Wirtschaft und Verwaltung, wo sie dann auch selbst Personalentscheidungen treffen. Auf Basis unserer Ergebnisse muss man also leider davon ausgehen, dass sich die Ungleichbehandlung von Frauen dort fortsetzt“, erklärt Ulf Zölitz vom briq Institute on Behavior & Inequality.

Download der Studie (IZA DP No. 11000):

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