Automatische Stabilisatoren: Relikt oder effektives Kriseninstrument?

https://pixabay.com/en/stones-stacking-rock-balance-678557/Im Zuge der letzten Weltwirtschaftskrise haben sich Forschung und Politik wieder stärker mit der Bedeutung so genannter automatischer Stabilisatoren auseinandergesetzt, die seit den 1970er Jahren in Verruf geraten waren. Gemeint sind fiskalische Mechanismen, mit denen die Konjunktur automatisch und antizyklisch gedämpft oder stimuliert wird. Dazu zählt etwa die Arbeitslosenversicherung mit ihren je nach Konjunkturverlauf schwankenden Einnahmen und Auszahlungen.

Gerade in einer Rezession können automatische Stabilisatoren eine Schlüsselrolle für das Funktionieren moderner Sozialstaaten einnehmen: Wenn die Wirtschaft schrumpft, steigen Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit, was dazu führt, dass ein größerer Teil der Bevölkerung Anspruch auf Arbeitslosen- oder Sozialhilfe erhält und niedrigeren Einkommensteuersätzen unterliegt. Davon gehen tendenziell wiederum positive Effekte für die Gesamtnachfrage aus.

Politische Eingriffe in die Konjunktur

Automatische Stabilisatoren stellen somit prinzipiell eine Einflussmöglichkeit einer aktiven Fiskalpolitik auf den Wirtschaftsverlauf dar. Im Rahmen einer solchen aktiven Steuerpolitik können Sozialleistungen und Steuererleichterungen als Gegenmaßnahmen gegen eine drohende Krise beschlossen werden, um die Nachfrage und damit die Wirtschaft weiter anzukurbeln.

Was in der Theorie gut klingt, muss in der Praxis allerdings nicht (immer) funktionieren: Zahlreiche Politikmaßnahmen mit dem Ziel dieses „Nachfragemanagements“ sind in der Vergangenheit fehlgeschlagen. Statt dessen wurden in jüngerer Zeit im Rahmen von strukturellen Arbeitsmarktreformen, wie beispielsweise den Hartz-Reformen in Deutschland, in einigen Ländern die beschäftigungsbezogenen Steuern sowie die Arbeitslosenunterstützung gekürzt, um die Arbeitsanreize zu steigern.

An dieser Stelle prallen zwei politische Denkrichtungen aufeinander: Soll zur Abwehr einer Krise die Generosität von Arbeitslosenversicherungen erhöht werden, um die Wirkung der automatischen Stabilisatoren zu erhöhen? Oder ist es sinnvoller, die Generosität einzuschränken, um Erwerbsarbeit attraktiver zu machen und die Liquidität des Arbeitsmarktes zu erhöhen?

Zwischen Anreizorientierung und Risikoabsicherung

Ein kürzlich im IZA Journal of European Labor Studies erschienener Artikel des dänischen Arbeitsökonomen Torben M. Andersen (Universität Aarhus und IZA) zeigt, dass sich dieser Glaubensstreit längst überlebt hat. Arbeitsmarktreformen sind vor allem dann erfolgreich, wenn sie einen klugen Kompromiss zwischen Anreizorientierung und Risikoabsicherung finden.

Befürworter der automatischen Stabilisatoren vernachlässigten häufig die zunehmende Schwierigkeit des “Matchings” zwischen Arbeitssuchenden und offenen Stellen. Mit einer darauf abgestimmten Arbeitsmarktpolitik sei es möglich die automatischen Stabilisatoren zu stärken, ohne dabei vorhandene Anreizstrukturen für Beschäftigung und Arbeitssuche zu beeinträchtigen.

Gemeinsame europäische Arbeitslosenversicherung

In derselben Ausgabe des IZA Journal of European Labor Studies befasst sich auch der ehemalige EU-Kommissar für Beschäftigung, Soziales und Integration, László Andor (Mercator Senior Fellow der Hertie School of Governance) mit diesem Thema. Er warnt davor, dass ohne automatische Stabilisatoren eine Währungsunion nur schlecht funktionieren und auf lange Sicht nicht nachhaltig sein könne.

Zudem spricht sich Andor für eine gemeinsame europäische Arbeitslosenversicherung aus, bei der ein Teil der nationalen Arbeitslosenunterstützung durch eine vergemeinschaftete Versicherung ersetzt wird. Dies würde sich seiner Einschätzung nach sowohl wirtschaftlich positiv auswirken als auch die Bürger Europas direkter einbinden. Hinsichtlich der Durchsetzbarkeit einer Reform der Wirtschafts- und Währungsunion, durch die Kosten und Nutzen gerechter verteilt werden könnten, zeigt sich Andor allerdings skeptisch.

Lesen Sie die beiden Artikel im Volltext:

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Wie die Börse auf Änderungen beim Mindestlohn reagiert

stockDie wirtschaftlichen Folgen der Einführung gesetzlicher Lohnuntergrenzen sind nicht nur in Deutschland (wo der allgemeine Mindestlohn erst seit dem 1. Januar 2015 gilt) Gegenstand kontroverser Debatten. Sorgen Mindestlöhne für Einbußen bei den Unternehmensgewinnen und demzufolge für Rationalisierung und Beschäftigungsabbau?

Zahlreiche ökonomische Untersuchungen, darunter aktuelle IZA-Diskussionspapiere wie Bazen/Marimouto (2016), Lin/Yun (2016), Muravyev/Oshchepkov (2015) oder Kabátek (2015), gehen dieser Frage nach und analysieren die Folgen von Mindestlöhnen für den Arbeitsmarkt, das Lohngefälle oder die Produktivität einzelner Unternehmen. Darüber hinaus kann die Einführung eines Mindestlohns jedoch auch an den Aktienmärkten erhebliche Folgewirkungen haben – ein bislang wenig untersuchter Effekt.

Kursverluste nach überraschender Mindestlohn-Ankündigung

Um wissenschaftlich belegen zu können, wie sich Änderungen an der Lohnuntergrenze auf den Börsenwert eines Unternehmens auswirken können, müssen Schwankungen des Aktienpreises eindeutig auf die Mindestlohn-Ankündigung zurückzuführen sein. Das wird in der Praxis dadurch erschwert, dass die Einführung oder Erhöhung des Mindestlohns meist im Vorfeld diskutiert wird und insofern nicht völlig unerwartet kommt.

Mit einer Ausnahme: Im Juli 2015 kündigte die britische Regierung überraschend an, den seit 1999 bestehenden Mindestlohn (National Minimum Wage) durch die landesweite Einführung eines neuen “existenzsichernden” Lohnes (National Living Wage) zu ergänzen. Dadurch sollte die Lohnuntergrenze für alle Arbeitnehmer über 25 Jahren ab April 2016 um satte 11 Prozent steigen.

Da diese Politikänderung – zumal von einer konservativen Regierung – weder von politischen Beobachtern noch von der Börse erwartet worden war, schlug sie sich unmittelbar in den Aktienkursen nieder. Die britischen Ökonomen Brian Bell (University of Oxford) und IZA-Fellow Stephen Machin (University College London) analysieren die Auswirkungen in einem neuen IZA Discussion Paper.

Bell und Machin beobachteten minutengenau, wie sich der Börsenwert einzelner Unternehmen ab dem Zeitpunkt veränderte, als der britische Finanzminister die Einführung des “National Living Wage” in seiner Haushaltsrede am 8. Juli 2015 ankündigte. Tatsächlich waren schon nach wenigen Minuten deutliche Kursverluste erkennbar.

Die Forscher unterschieden dabei zwischen Unternehmen mit hohem Anteil an Geringverdienern, die vom neuen NLW begünstigt werden sollten (NLW Firms), und solchen mit Durchschnittslöhnen deutlich über Mindestlohnniveau (Non-NMW Firms), die durch die Gesetzesänderung kaum betroffen sein würden.

Keine negativen Beschäftigungseffekte zu erwarten

Während sich der Wert der Firmen mit höheren Löhnen (Non-NMW) schnell wieder erholte, hielt der Kursrückgang bei den NLW-Unternehmen an. Einen Tag nach der Ankündigung hatten die Aktien der Niedriglohnfirmen um 1,2 Prozent an Wert verloren, fünf Tage nach der Ankündigung stabilisierte sich der Wertverlust zwischen zwei und drei Prozent.

Damit entsprach der notierte Börsenwertverlust in etwa den Einbußen an Profitabilität, die die Firmen aufgrund des angekündigten “Lohnschocks” hinnehmen müssen. Dennoch planen die betroffenen Unternehmen den Autoren zufolge keinen Stellenabbau, sondern wollen die Mehrkosten primär über Preiserhöhungen und Effizienzsteigerungen kompensieren.

Die Studie von Bell und Machin verdeutlicht, dass allein die bloße Ankündigung von einschneidenden politischen Eingriffen in den Arbeitsmarkt schon vor deren eigentlicher Umsetzung erhebliche Nebeneffekte haben kann.

Download der englischsprachigen Studie:

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Strategien zur Förderung von Unternehmensgründungen

https://pixabay.com/en/business-plan-startup-strategy-891339/Neu gegründete Unternehmen tragen überproportional zur Schaffung von Arbeitsplätzen bei und fördern zudem Wettbewerb, Wachstum und Innovationen. Im Jahr 2014 wurden durch Neugründungen 745.000 neue Vollzeitstellen geschaffen, von denen mehr als ein Drittel in den neuen Unternehmen selbst beschäftigt waren. Politikmaßnahmen zur Förderung von Existenzgründern und positiven Unternehmensentwicklung haben folglich eine hohe Arbeitsmarktrelevanz.

Allerdings besteht dabei auch die Gefahr, den Wettbewerb, in dem die Unternehmen letztlich bestehen müssen, durch staatliche Eingriffe zu verzerren. Wissenschaftliche Evaluationen von Existenzgründungsprogrammen sind deshalb ein wichtiger Baustein einer nachhaltigen Politik. Drei kürzlich veröffentlichte Beiträge des Online-Kompendiums IZA World of Labor (IZA WoL) und ein neues IZA Discussion Paper liefern Einblicke in aktuelle Forschungserkenntnisse, die sich mit Bedingungen und Strategien zur Förderung erfolgreicher Unternehmensgründungen beschäftigen.

Kreative Zerstörung und Startup-Finanzierung

Ramana Nanda (Harvard Business School) weist in seinem  IZA WoL-Beitrag darauf hin, dass ein großer Teil der neu entstehenden Arbeitsplätze aus dem stetigen Prozess des Scheiterns und Neugründens von Unternehmen resultiert. In diesem Prozess der „kreativen Zerstörung“, in dem bestehende Unternehmen durch effizientere ersetzt werden, spielen junge Unternehmen eine wichtige Rolle, da sie einerseits besonders häufig scheitern, aber auch überdurchschnittlich viele neue Jobs schaffen.

Nanda empfiehlt Regierungen, sich weniger auf die Förderung einzelner „Champions“ zu fokussieren, sondern stattdessen ein günstiges Umfeld sowohl für Unternehmen als auch für Banken und Investoren zu schaffen. Als zentrale Elemente nennt er einen hohen Rechtsschutz für Investoren und Unternehmer, einen flexiblen Arbeitsmarkt, geringe bürokratische Hürden für Unternehmensgründer und gute soziale Sicherungssysteme, die Unternehmer im Fall des Scheiterns auffangen können.

Auch der Zugang zu Startkapital durch Banken und andere komplementäre Institutionen spielt für Anzahl und Erfolg von Neugründungen eine wichtige Rolle. So habe in Deutschland das stark auf Banken ausgerichtete Finanzsystem, in dem Venture-Capital-Finanzierung eher schwach ausgeprägt ist, dazu beigetragen, dass die Biotech-Industrie hierzulande nur relativ schwach vertreten ist.

Körperschaftssteuer beeinflusst Unternehmensdichte

Jörn Block (Universität Trier) untersucht in seinem Beitrag für IZA WoL den Einfluss des Körperschaftssteuersatzes auf Unternehmensgründungen. Erwartungsgemäß zeigt seine Analyse weltweiter Daten, dass ein höherer Körperschaftssteuersatz zu einer geringeren Unternehmensdichte und weniger Neugründungen führt. Allerdings gehen damit nicht zwingend nur  negative Effekte einher: Ein höherer Steuersatz wirkt auch als Zugangsbarriere, so dass sich nur „gesunde“, mit mehr Kapital ausgestattete Unternehmen am Markt etablieren können.

Potenzial weiblicher Unternehmensgründerinnnen besser nutzen

Der WoL-Beitrag von Siri Terjesen befasst sich mit weiblichen Unternehmensgründern und der Frage, wie sich ihre Potenziale besser nutzen lassen. Als zentrales Element sieht Terjesen die Stärkung des Sozialkapitals der Gründerinnen. Durch Mentorenprogramme und Unternehmernetzwerke könnten sie gezielten Zugang zu Wissen, Erfahrung und Kontakten bekommen, die bei der eigenen Unternehmensgründung helfen können.

Ein kritischer Punkt für Existenzgründerinnen sind Benachteiligungen beim Zugang zu Kapital. Sie sind häufiger auf informelle Quellen, d.h. auf eigene Rücklagen oder Geld von Freunden oder Bekannten angewiesen. Terjesen empfiehlt, Frauen besseren Zugang zu Finanzierung durch Banken, Business Angels und Venture-Capital-Unternehmen ermöglichen. Nur so könnedas ökonomische Potenzial weiblichen Unternehmertums, das in der Regel sehr innovativ und exportorientiert ist, ausgeschöpft und durch Vorbildeffekte für andere potenzielle Gründerinnenen noch erweitert werden.

Auswirkung von Persönlichkeit auf Unternehmertum

Dass die Persönlichkeit von Existenzgründern und ihre Eigenschaften wie Kreativität, Risikobereitschaft und Führungsstärke eine wesentliche Rolle mit Blick auf den Unternehmenserfolg spielen, haben Studien wiederholt deutlich gemacht. Das IZA Discussion Paper eines Forscherteams um Jutta Viinikainen (Jyväskylä University) untersucht, wie sich die bei Jugendlichen gemessenen “Typ-A”-Persönlichkeitsmerkmale (Aggressivität, Führung, Verantwortung und Eifer/Energie) im Erwachsenenalter auf die Entscheidung für die Selbstständigkeit und den unternehmerischen Erfolg auswirken. Die Ergebnisse zeigen, dass von den vier genannten Merkmalen offenbar nur die Eigenschaft „Führung“ für die unternehmerische Neigung im Erwachsenenalter tatsächlich relevant ist.

Die Studie untermauert zudem, wie stark der Unternehmerstatus von Eltern sich auf das Existenzgründungsverhalten ihrer Kinder auswirkt. Neben potenziellen finanziellen Vorteilen oder der Möglichkeit das Familienunternehmen zu übernehmen, übertragen Eltern ihren Kindern häufig auch Fähigkeiten, die für eine erfolgreiche Unternehmensführung wichtig sind.

Die Fachbeiträge im Überblick:

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IZA-Preis 2016 geht an die Harvard-Ökonomin Claudia Goldin

Goldin

Claudia Goldin

Der diesjährige IZA Prize in Labor Economics geht an Claudia Goldin. Die Wirtschaftsprofessorin an der Harvard University erhält die mit 60.000 Euro dotierte Auszeichnung für ihr Lebenswerk zur Rolle der Frau in der Geschichte von Wirtschaft, Bildung und Arbeitsmarkt. Die Entscheidung traf das sechsköpfige IZA-Preiskomitee aus international führenden Ökonomen, darunter fünf ehemalige Preisträger. Die offizielle Preisverleihung findet im Rahmen der Jahrestagung des Ökonomenverbands AEA am 6. Januar 2017 in Chicago statt.

Weitere Informationen über den akademischen Werdegang der Preisträgerin, ihre “Detektivarbeit” als Wirtschaftshistorikerin und Arbeitsökonomin sowie ihre Forschungserkenntnisse zur geschlechtsspezifischen Ungleichheit finden Sie hier:

[mehr über den IZA-Preis]

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Soziales Engagement im Lebenslauf signalisiert Teamfähigkeit

MHeinz

Matthias Heinz

Karriereberater stellen gern die Bedeutung von sozialem Engagement und freiwilliger Arbeit für den eigenen Lebenslauf heraus. Wer sich außerhalb der Berufsausbildung und der Arbeit engagiere, signalisiere positive Charaktereigenschaften, die von Personalern als wertvoll angesehen würden. Eine aktuelle Studie von Matthias Heinz (Universität Köln) und Heiner Schumacher (KU Leuven) stellt den Wahrheitsgehalt dieser landläufigen Meinung auf den Prüfstand.

Über die Ergebnisse sprachen wir mit Matthias Heinz anlässlich seiner Präsentation im IZA-Forschungsseminar.

IZA: Soziales Engagement von Mitarbeitern hat keinen direkten Mehrwert für das Unternehmen. Warum interessieren sich Personaler trotzdem dafür?

MH: Ein wachsender Anteil der Wertschöpfung in Firmen findet in Teams statt. Die Arbeit in Teams ermöglicht es, verschiedene Sichtweisen, Fähigkeiten und Erfahrung zu nutzen, um Produkte zu kreieren, die ein einzelnes Individuum nicht hervorbringen könnte. Daher ist es wenig verwunderlich, dass viele Firmen von ihren Bewerbern „Teamfähigkeit“ verlangen. Soziales Engagement zu zeigen, erlaubt darauf einen gewissen Rückschluss.

Was heißt denn eigentlich Teamfähigkeit?

Ein wichtiger Aspekt ist die Bereitschaft, sich selbst dann aktiv an einem Teamprojekt zu beteiligen, wenn sich daraus keine persönlichen Vorteile ergeben. Jeder hat schon einmal im Studium, im Verein oder im Betrieb erlebt, dass sich ein Kollege vor der Teamarbeit gedrückt hat und alle anderen dafür mehr arbeiten mussten. „Trittbrettfahrer“ sind ein Ärgernis für alle Beteiligten, weil sie die Motivation der Kollegen senken und womöglich den Erfolg des Projekts gefährden.

Nun wird sich ja in der Bewerbung wohl niemand als Trittbrettfahrer outen… Wie beweise ich denn, dass ich ein „echter“ Teamplayer bin?

In unserem Forschungsprojekt zeigen wir, dass Bewerber mit intensivem sozialen Engagement im Lebenslauf glaubhaft signalisieren können, dass sie bereit sind, sich bei Teamprojekten aktiv zu beteiligen – auch wenn sich hieraus kein direkter persönlicher Vorteil ergibt. Außerdem zeigen wir, dass Personalmanager Informationen über soziales Engagement in einem Lebenslauf effektiv nutzen, um die „Teamfähigkeit“ eines Bewerbers einzuschätzen.

Spielt es eine Rolle, wo sich junge Menschen engagieren und in welchem Umfang? 

Es spielt sogar eine große Rolle: Insbesondere Menschen, die über mehrere Jahre ehrenamtlich eine Leitungsfunktion in einer sozialen Einrichtung ausüben (etwa als Jugendleiter in der Kirchengemeinde) oder sich für Menschen mit Behinderungen engagieren, können hiermit signalisieren, dass sie bei Teamprojekten bereit und in der Lage sind, sich aktiv zu beteiligen.

Können Studierende also ihre späteren Berufschancen erhöhen, indem sie sich strategisch sozial engagieren?

Das kann durchaus in gewissem Maße zielführend sein. Unsere Ergebnisse zeigen, dass Personaler auch bei jungen Menschen mit geringem sozialen Engagement eine etwas höhere Bereitschaft zur Teamarbeit annehmen. Wer jedoch wirklich klar signalisieren will, sich in Teams kooperativ zu verhalten, muss schon über mehrere Jahre intensiv engagiert sein. Die dafür nötige Zeit und Mühe zu investieren ist natürlich nicht jedermanns Sache.

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Gibt es einen Markt für Krankschreibungen?

In Deutschland müssen Arbeitnehmer spätestens ab dem dritten Krankheitstag ein ärztliches Attest vorlegen. Zuständig für die Überprüfung und Bescheinigung der Arbeitsunfähigkeit ist der behandelnde Arzt, der zugleich mit der Betreuung der Patienten seinen Lebensunterhalt verdient. Dass sich aus dieser Doppelfunktion Widersprüche im Hinblick auf ökonomische Anreize ergeben können, ist offenkundig.

Denn bei freier Arztwahl liegt es einerseits nahe, dass sich Arbeitnehmer tendenziell für Ärzte entscheiden, die dem Vernehmen nach großzügiger krankschreiben. Umgekehrt unterliegen Ärzte der Versuchung, dies bei ihrem Bemühen um die Gewinnung neuer Patienten einzukalkulieren.

Ob sich dieser Effekt in der Praxis nachweisen lässt, untersuchen Knut Røed und Simen Markussen (Ragnar Frisch Centre for Economic Research, Oslo) in einem aktuellen IZA Discussion Paper am Beispiel Norwegens. Die Ökonomen kombinierten verschiedene Datensätze und berechneten für einzelne Ärzte einen „Großzügigkeitsindikator“ in Bezug auf Krankschreibungen. Die Analyse ergab, dass sich Patienten, die etwa nach einem Umzug einen neuen Arzt suchten, tatsächlich häufiger für freizügig krankschreibende Ärzte entschieden.

Großzügige Krankschreibungen bringen neue Patienten

Zudem stellten die Forscher einen Zusammenhang zwischen der Großzügigkeit der Ärzte und dem Wettbewerbsdruck fest. Je weniger Patienten ein Arzt hatte, desto freigiebiger zeigte er sich beim Krankschreiben. Aufgrund der Größe Norwegens herrscht auf dem dortigen Ärztemarkt jedoch ein relativ geringer Konkurrenzdruck. Daher gehen die Forscher davon aus, dass sich wirtschaftlich orientiertes Krankschreiben in dichter besiedelten Ländern wie Deutschland noch deutlicher zeigen würde.

Der Bedarf an Krankschreibungen ist in Deutschland jedenfalls hoch. Laut einer Studie von Medizinern der Universität Magdeburg kommen die Deutschen auf einen internationalen Spitzenwert von durchschnittlich 17,1 Arztkontakten pro Jahr, während Norweger im Schnitt nur fünf Mal im Jahr zum Arzt gehen. Vorstöße zur Lockerung der Attestpflicht finden jedoch in Politik und Wirtschaft wenig Unterstützung.

Lesen Sie die englischsprachige Studie aus Norwegen (IZA DP No. 9825):

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Frauen in Führungspositionen führen zu mehr Gleichbehandlung am Arbeitsplatz

female-bossAuch wenn bei der Gleichstellung der Geschlechter in den letzten Jahrzehnten viele Fortschritte gemacht wurden, sind Frauen in Führungspositionen nach wie vor stark unterrepräsentiert und bekommen im Durchschnitt für die gleiche Arbeit weniger Geld als ihre männlichen Kollegen. Dass sich ein Gleichgewicht der Geschlechter für ein Unternehmen in vielen Bereichen positiv auswirkt, haben Forscher wiederholt bestätigt.

In einem aktuellen IZA Discussion Paper untersuchen Claudio Lucifora (Università Cattolica del Sacro Cuore and IZA) und Daria Vigani (Università Cattolica del Sacro Cuore) nun, ob sich eine weibliche Führungskraft auch über die eigene Position hinaus positiv auf die Geschlechtergerechtigkeit im Unternehmen auswirkt.

Für ihre Studie werteten Lucifora und Vigani Daten aus 30 europäischen Ländern aus den Jahren 1995 bis 2010 aus und untersuchten die Zusammenhänge zwischen Frauen in Führungspositionen, den Arbeitsbedingungen und der im Unternehmen wahrgenommenen Geschlechtergerechtigkeit.

Frauen profitieren, Männer fühlen sich benachteiligt

Demnach weisen Unternehmen mit Frauen in leitenden Positionen ein geringeres Maß an wahrgenommener Geschlechterdiskriminierung auf als Firmen mit männlich dominierter Führungsebene. Die Forscher erklären dies unter anderem damit, dass Frauen die nicht direkt messbare Produktivität bei anderen Frauen besser einschätzen können als bei Männern. Dieses Ergebnis kann als Bestätigung eines bekannten Verhaltensmusters angesehen werden, nach dem sich Frauen im Arbeitsleben, besonders in weiblich dominierten Jobs, häufig untereinander fördern.

Männer hingegen fühlen sich in Gegenwart einer Chefin eher diskriminiert – wobei sich nicht belegen lässt, ob dies tatsächlich auf aktive Benachteiligung oder lediglich auf den Verlust gewohnter Vorteile zurückzuführen ist. In jedem Fall fällt der negative Effekt für Männer deutlich geringer aus als der positive Effekt für Frauen.

Bessere Bedingungen auf allen Hierarchieebenen

Die Autoren weisen allerdings darauf hin, dass der “Chefinnen-Effekt” nur dort zu beobachten ist, wo weibliche Führungskräfte auf allen Hierarchieebenen zu finden sind. Ein höherer Frauenanteil auf Vorstandsebene hat der Analyse zufolge keinen messbaren Effekt, was nach Einschätzung der Forscher damit zusammenhängt, dass sich Frauen an der Unternehmensspitze im Führungsstil oft nicht wesentlich von ihren männlichen Kollegen unterscheiden.

Auf der Ebene des Gesamtunternehmens unterstreicht die Studie die Wichtigkeit frauenfreundlicher Arbeitsbedingungen: Lange und starre Arbeitszeiten, das Belohnen von Überstunden bei gleichzeitigem Mangel an Kinderbetreuungsangeboten und eine geringere Work-Life-Balance benachteiligen Frauen in der Regel stärker als Männer. Eine effektive Frauenförderung muss an diesen Stellen noch weit konsequenter ansetzen, um mehr geschlechtsunabhängige Chancen- und damit letztlich auch Einkommensgleichheit zu erreichen.

Die englischsprachige Studie ist als IZA Discussion Paper No. 9737 erschienen:

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Führt technischer Fortschritt zu früherem Renteneintritt?

Die Menschen in den westlichen Industrienationen leben imhttps://pixabay.com/en/people-group-groups-activities-218843/ Durchschnitt gesünder und länger als früher. Trotzdem bleibt der frühe Ruhestand für viele eine attraktive Option. Zwar zeigt die Erwerbskurve der Älteren insgesamt nach oben, doch noch immer ist in Deutschland nur etwa die Hälfte der 60- bis 64-jährigen am Arbeitsmarkt aktiv. Wie die aktuelle Diskussion um das künftige Rentenniveau und dessen Finanzierbarkeit zeigt, kann der Generationenvertrag auf Dauer nur bei einer tragfähigen Relation zwischen aktiven Erwerbstätigen und Rentenbeziehern funktionieren.

Bei einem  frühen Ausscheiden aus dem Arbeitsmarkt spielen neben gesundheitlichen Gründen viele andere Faktoren eine Rolle. Eine der weniger häufig beachteten Ursachen ist die zunehmende Technisierung und Digitalisierung der Arbeitswelt, die für ältere Menschen zu Problemen führen und gegebenenfalls auch die Rentenentscheidung beeinflussen kann.

Technischer Wandel kann in beide Richtungen wirken

In einem aktuellen Forschungsbeitrag, der gerade im IZA Journal of Labor Policy erschienen ist, haben Lorenzo Burlon (Banca d’Italia und IZA) und Montserrat Vilalta-Bufí (Universität Barcelona) am Beispiel der USA untersucht, wie sich der technologische Wandel auf das Renteneintrittsalter auswirkt. Überraschenderweise zeigen ihre Ergebnisse, dass neue Technologien nicht nur zu einem kürzeren, sondern unter bestimmten Bedingungen auch zu einem längeren Verbleib im Arbeitsleben führen können.

Anhand von allgemeinen Arbeitsmarkt- und Umfragedaten die zwischen 1992 und 2010 erhoben wurden, ermitteln die Autoren, wie stark der technische Fortschritt in verschiedenen Berufszweigen Einzug gehalten hat. Sie kombinieren diese Informationen mit Rentendaten und können so berechnen, wie der technologische Wandel die Wahrscheinlichkeit zur Frühverrentung beeinflusst hat.

Sie stellen fest, dass diese Wahrscheinlichkeit in erster Linie vom Grad des technischen Wandels abhängt. Mit steigender Rate technischer Neuerungen fällt es älteren Arbeitnehmern der Studie zufolge zunehmend schwer, sich mit den neuen, technischeren Arbeitsbedingungen zurechtzufinden. Da ihre vor langer Zeit erworbenen Kompetenzen immer weniger gebraucht werden, entscheiden sich mehr für den Vorruhestand.

Höhere Löhne sind Anreiz zu späterem Renteneintritt

Wenn der Grad des technologischen Fortschritts jedoch eine bestimmte Schwelle überschritten hat, sinkt die Wahrscheinlichkeit zur Frühverrentung wieder. Burlon und Vilalta-Bufí erklären dies mit dem motivierenden Einfluss höherer Gehälter. Sie stellen fest, dass in den Berufen, in denen sich neue Technologien besonders stark durchgesetzt haben, in der Regel auch die Produktivität und damit die Löhne stark angestiegen sind. Dies wiederum steigert, so die Autoren, den Anreiz für ältere Arbeitnehmer, den Umgang mit neuen Technologien zu lernen und sich schließlich auch für einen längeren Verbleib im Arbeitsleben zu entscheiden.

In Zeiten des demografischen Wandels lassen sich aus diesen Ergebnisses wertvolle Erkenntnisse ziehen. Politik und Wirtschaft können durch finanzielle Anreize und Schulungsprogramme dafür sorgen, dass ältere Arbeitnehmer länger im Arbeitsmarkt bleiben. Auch weniger stark technologiebasierte Firmen, in denen sich der technische Wandel nur langsam einstellt, sollten nicht davor zurückschrecken, ihre älteren Arbeitnehmer mit neuen Technologien zu konfrontieren, sondern sie im Sinne des „aktiven Alterns“ an die Nutzung heranführen und so länger im Arbeitsmarkt halten.

Lesen Sie hier den kompletten Artikel im IZA Journal of Labor Policy:

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Deutschland braucht ein Einwanderungsgesetz

Bundesrepublik DeutschlandDie Zahl der neu in Deutschland eintreffenden Flüchtlinge geht derzeit stark zurück. Damit können zwei zentrale Aufgaben in den Fokus der Politik rücken – neben der Integration anerkannter Flüchtlinge ist dies vor allem die Neuorganisation der Zuwanderungspolitik unter ökonomischen Vorzeichen.

Warum Deutschland dringend ein Einwanderungsgesetz braucht, das Fachkräfte anzieht, aber auch die Asylverfahren entlasten könnte, erläutern die IZA-Migrationsexperten Holger Hinte und Ulf Rinne in einem soeben erschienenen Gastbeitrag für die Frankfurter Rundschau.

Detailliertere Überlegungen enthält ein aktueller Beitrag der Autoren in den Perspektiven der Wirtschaftspolitik.

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Chancengleichheit: Wie sich prosoziales Verhalten bei Kindern fördern lässt

balu-und-du“Prosoziale” Eigenschaften wie Altruismus und Vertrauen wirken sich positiv auf den individuellen Berufs- und Lebensweg aus. Sie prägen auch das solidarische Zusammenleben innerhalb der Gesellschaft. Diese Eigenschaften sind bei Kindern aus Familien mit geringerem Einkommen und Bildungsstand im Durchschnitt unterentwickelt, wie ein aktuelles IZA-Paper von Fabian Kosse, Thomas Deckers, Hannah Schildberg-Hörisch und Armin Falk belegt. Das behindert Chancengleichheit und vertieft die soziale Spaltung.

Die gute Nachricht: Diese Lücke lässt sich schließen, wenn sozial benachteiligte Kinder frühzeitig in ihrer Persönlichkeit gestärkt werden. Darauf zielt das Mentorenprogramm “Balu und Du” ab, das die Bonner Forscher unter die Lupe nahmen. In Bonn und Köln begleiteten sie rund 700 Familien mit unterschiedlichem sozioökonomischem Hintergrund über einen Zeitraum von mehreren Jahren.

Anhand von Fragebögen, Interviews und Verhaltensexperimenten konnten die Ökonomen das prosoziale Verhalten von Kindern und deren Eltern erstmals ganzheitlich messen. Die Auswertung ergab, dass Grundschulkinder aus Familien mit höherem Einkommen und Bildungsstand im Schnitt deutlich prosozialer agieren als sozial benachteiligte Gleichaltrige.

Eine Gruppe von zufällig ausgewählten Kindern mit niedrigem sozioökonomischem Status nahm ein Jahr lang an “Balu und Du” teil. Jedes teilnehmende Kind erhielt einmal pro Woche Besuch von einem freiwilligen Mentor, der mit den Kindern verschiedene interaktive Aktivitäten unternahm – von Gesprächen über gemeinsames Lesen, Sport und Kochen bis hin zum Zoobesuch. Ziel des Programms war nicht die Verbesserung der schulischen Leistungen, sondern die Entwicklung und Stärkung der Persönlichkeit.

Nach einem Jahr zeigte sich, dass die am Mentorenprogramm teilnehmenden Kinder wesentlich prosozialer agierten und zu ihren Altersgenossen mit höherem sozioökonomischem Status aufgeschlossen hatten. Dieser Effekt blieb auch zwei Jahre nach Ende des Mentorenprogramms nachweisbar. Die Autoren schließen daraus, dass das Programm geeignet ist, einen fehlenden “prosozialen Stimulus” aus dem Elternhaus auszugleichen.

“Unsere Ergebnisse bestätigen das enorme Potenzial frühkindlicher Förderung für mehr Chancengleichheit und die Überwindung sozialer Spaltung”, sagt Armin Falk, Leiter des von der Deutschen Post-Stiftung neu gegründeten Behavior and Inequality Research Institute (briq). Zwar spiele auch die Vererbung von Persönlichkeitsmerkmalen eine gewisse Rolle, doch lasse sich die soziale Kluft durch Interventionen, die das soziale Umfeld von benachteiligten Kindern bereichern, deutlich verringern.

Die englischsprachige Studie ist als IZA Discussion Paper No. 9861 erschienen:

Lesen Sie dazu auch den Artikel in der Süddeutschen Zeitung (5. April 2016):

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