IZA/XING-Studie: Verbreiteter Optimismus in der Rentenfrage

Trotz der häufiger gezeichneten Horrorszenarien von wachsender Altersarmut und kollabierendem Rentensystem sieht eine große Mehrheit der deutschen Bevölkerung ihre künftige Rentensituation recht entspannt. Allerdings erwartet rund ein Viertel der Personen mittleren Alters, ihren Lebensstandard im Alter stark einschränken zu müssen. Das sind zentrale neue Ergebnisse der breit angelegten Studie „Arbeiten in Deutschland“, die das IZA gemeinsam mit der XING AG durchführt. Die aktuelle Auswertung basiert auf einer repräsentativen Stichprobe von rund 1.650 Befragten zwischen 25 und 54 Jahren – also einer Personengruppe, die noch „mitten im Erwerbsleben“ steht.

Der Traum vom frühen Ruhestand lebt weiter

Dabei zeigt sich zunächst, dass 83% der Befragten noch keine konkreten Pläne haben, wann sie in Rente gehen werden. Bei den jüngeren Personen im Alter von 25 bis 39 Jahren liegt dieser Anteil sogar bei fast 90%, während er in der älteren Altersgruppe von 40 bis 54 Jahren immer noch 78% beträgt.

Der Traum vom frühen Ruhestand scheint allerdings nach wie vor weit verbreitet. Bei den Personen, die dazu Angaben gemacht haben, liegt das geplante Renteneintrittsalter im Durchschnitt bei 62,6 Jahren. Hier gibt es keine auffallenden Unterschiede zwischen den betrachteten Altersgruppen. Nach Ansicht der Forscher zeigt dieser Befund, dass sich die vorgesehene Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre noch nicht in den individuellen Planungen und Erwartungen der betroffenen Arbeitnehmer widerspiegelt.

Die Jugend baut fürs Alter vor

Die jüngere Generation ist sich jedoch bewusst, dass die gesetzliche Rente keine ausreichende finanzielle Absicherung im Alter bieten wird. Nur jeder vierte Befragte gibt an, bei den Alterseinkünften ausschließlich auf die gesetzliche Rente zu setzen. Unter den 25- bis 39-Jährigen beträgt dieser Anteil 20%. Gleichzeitig erwarten in dieser Altersgruppe mehr als 40% der Befragten, dass die gesetzliche Rente nur  eine untergeordnete Rolle bei ihren Alterseinkünften spielen wird. Bei den Personen im Alter von 40 bis 54 Jahren beläuft sich dieser Anteil auf etwa 35%.

Somit wird die gesetzliche Rente zwar mehrheitlich weiterhin als zentraler Baustein für die Altersvorsorge angesehen, doch mehr als ein Drittel der Menschen geht inzwischen nicht mehr davon aus, ihre Einkünfte im Alter ausschließlich oder überwiegend daraus zu beziehen.

Mehrheit erwartet kaum Einschränkungen im Alter

Trotz des verbreiteten Wunsches nach einem frühen Renteneintritt und der Skepsis gegenüber der gesetzlichen Rente ist die jüngere Generation grundsätzlich optimistisch und vertritt mehrheitlich die Auffassung, ihren Lebensstandard im Alter voll oder annähernd erhalten zu können. Insgesamt 74% der Personen im Alter von 25 bis 54 Jahre gehen davon aus, sich nach ihrem Ruhestand materiell nicht stark einschränken zu müssen. Umgekehrt heißt das aber auch, dass etwa jeder vierte Befragte starke Einschränkungen beim Lebensstandard im Alter erwartet. Dies gilt insbesondere für Haushalte mit geringem Einkommen, wobei Frauen in dieser Frage insgesamt pessimistischer sind als Männer.

Darüber hinaus zeigt sich, dass Personen im Alter von 25 bis 39 Jahren die Entwicklung ihres Lebensstandards grundsätzlich positiver einschätzen als die Gruppe im Alter von 40 bis 54 Jahren. So fällt der Anteil der Personen, die vom Erhalt ihres Lebensstandards im Alter ausgehen, in der jüngeren Altersgruppe um rund 10 Prozentpunkte höher aus als bei älteren Personen.

Konzentration auf wirkliche Problemlagen geboten

Nicht die gesamte Gesellschaft ist also von materiellen Verlustängsten im Alter betroffen, und auch die verbreiteten Katastrophenszenarien führen nicht zu einer allgemeinen Verunsicherung der Bevölkerung in der Rentenfrage. Dennoch deuten sich Probleme an, die genau analysiert werden müssen.

Prof. Dr. Hilmar Schneider, Leiter des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA): „Die Konzentration auf wirkliche Problemlagen ist das Gebot der Stunde. Unsere Ergebnisse zeigen deutlich, dass nicht die Gesellschaft insgesamt mit Blick auf ihre finanzielle Lage im Alter verunsichert ist, sondern dass dies tatsächlich nur einen eher kleinen Personenkreis betrifft. Genau für diese Menschen gilt es, Lösungen zu entwickeln.“

Weitere Ergebnisse der IZA/XING-Studie:

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Verantwortung, Flexibilität und neue Freiräume im Job werden geschätzt – aber nicht von allen

Passt das Job-Profil nicht zum Naturell eines Arbeitnehmers, leidet die Arbeitszufriedenheit. Der Unterschied in der Zufriedenheit gegenüber einem Job, bei dem Verantwortung, Autonomie, Arbeitszeit- und Homeoffice-Regelungen den individuellen Präferenzen entsprechen, ist etwa vergleichbar mit dem Unterschied in der Lebenszufriedenheit zwischen Erwerbstätigen und Arbeitslosen. Das ist ein erstes Ergebnis der Studie „Arbeiten in Deutschland“, die das IZA und die XING AG jetzt in Berlin vorgestellt haben.

Zu den Folgen der Digitalisierung, die mit ihren verschiedenen Facetten den Wandel der Arbeitswelt vorantreibt, zählen die zunehmende Verlagerung unternehmerischer Risiken auf Arbeitnehmer und ein wachsender Qualifikationsdruck. Dadurch entstehen sowohl Chancen durch mehr Entscheidungs-spielräume als auch Gefahren durch Überforderung. Wie sieht die arbeitende Bevölkerung in Deutschland vor diesem Hintergrund ihre Zukunft? Dazu haben IZA und XING unter dem Titel „Arbeiten in Deutschland“ eine breit angelegte Studie mit mehr als 8.000 befragten Personen auf den Weg gebracht.

Flexibles Arbeiten inzwischen weit verbreitet

Erste Ergebnisse zeigen ein hohes Maß an individuellen Freiräumen bei den abhängig Beschäftigten. Unter den befragten Arbeitnehmern haben 21% keine festen Arbeitszeiten, 32% können zumindest teilweise mobil oder im Homeoffice arbeiten, 72% tragen nach eigener Einschätzung ein hohes Maß an Verantwortung, und 60% können den Ablauf ihrer Arbeit grundsätzlich selbst bestimmen. Wer mehr zeitliche und räumliche Flexibilität, Verantwortung und Autonomie hat, ist im Durchschnitt auch zufriedener mit dem Job.

Die moderne Arbeitswelt kommt also den Wünschen vieler Menschen entgegen. Dennoch bleibt ein nicht zu vernachlässigender Anteil von Beschäftigten, die feste Strukturen und Vorgaben in ihrem Job bevorzugen und sich von „weicheren“ Vorgaben eher herausgefordert oder sogar überfordert fühlen. Mehr Freiräume entsprechen also nicht dem Naturell aller Menschen, was sich auf die Arbeitszufriedenheit auswirkt.

Das Beispiel der Verantwortungsdelegation verdeutlicht diesen Zusammenhang: 57% der abhängig Beschäftigten tragen viel Verantwortung und fühlen sich damit wohl. 19% tragen wenig Verantwortung und sind damit ebenfalls zufrieden bzw. finden sich damit ab, da ihr Job in dieser Hinsicht keine Veränderung erlaubt. Für diese beiden Gruppen entspricht also das ihnen übertragene Ausmaß an Verantwortung – ob viel oder wenig – dem jeweiligen Naturell.

Mehr Freiheit im Job macht nicht immer glücklich

Allerdings sind 15% der Beschäftigten mit ihrer hohen Verantwortung unzufrieden, während 9% nach eigener Einschätzung wenig Verantwortung tragen und gerne mehr hätten. Bei jedem vierten Beschäftigten passt also das tatsächliche nicht zum gewünschten Maß an Verantwortung.

Ähnlich verhält es sich mit Arbeitszeitflexibilität und Autonomie, wo bei 23% bzw. 25% der Beschäftigten das vorhandene Ausmaß nicht den individuellen Präferenzen entspricht. Die Möglichkeiten zum mobilen Arbeiten oder Homeoffice kommen sogar zu 55% nicht den Wünschen der Arbeitnehmer nach.

In diesen Fällen liegt also ein „Mismatch“ zwischen Job-Profil und individuellen Präferenzen vor, der sich in einer deutlich geringeren Arbeitszufriedenheit ausdrückt: Auf einer 5-Punkte-Zufriedenheitsskala macht es im Durchschnitt einen ganzen Punkt aus, ob jemand gerne oder ungerne flexibel arbeitet. Diese Diskrepanz entspricht etwa dem in anderen Studien gemessenen Unterschied in der Lebenszufriedenheit zwischen Erwerbstätigen und Arbeitslosen – nach Einschätzung der Forscher ein „alarmierendes Ergebnis“.

Bedürfnisse der Arbeitnehmer stärker berücksichtigen

Die allgemeine Arbeitszufriedenheit hängt also nicht allein von den Eigenschaften eines Jobs ab, sondern auch davon, wie sehr diese Eigenschaften den Präferenzen des jeweiligen Arbeitnehmers entsprechen. Beschäftigte mit engen Vorgaben und wenig Verantwortung können grundsätzlich genauso zufrieden mit ihrer Arbeit sein wie Arbeitnehmer mit viel Flexibilität und viel Verantwortung.

Vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse sollten Arbeitgeber daher einerseits Bewerber noch sorgfältiger auswählen und verstärkt darauf achten, dass das Stellenprofil auch in Aspekten wie Flexibilität, Verantwortung und Autonomie den individuellen Präferenzen entspricht. Andererseits könnten Coaching- und Mentoring-Angebote einem „Mismatch“ entgegenwirken, wenn etwa einem Arbeitnehmer mehr Verantwortung oder Autonomie übertragen werden soll.

IZA-Chef Hilmar Schneider: „Der Trend zu mehr Verantwortung, Flexibilität und Autonomie ist nicht pauschal als positiv oder negativ zu bewerten. Unsere Ergebnisse zeigen: In der Arbeitswelt der Zukunft mit immer vielfältigeren Erwerbsformen und Tätigkeitsprofilen wird es noch mehr als bislang darauf ankommen, dass die Ausgestaltung des Jobs zu den individuellen Wünschen und Bedürfnissen passt.“

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Lohnlücke zwischen Männern und Frauen: Diskriminierung oder strukturelle Unterschiede?

Anlässlich des heutigen Equal Pay Day, der symbolisch den Tag markiert, bis zu dem Frauen statistisch gesehen “umsonst” arbeiten, während Männer seit dem 1. Januar für ihre Arbeit bezahlt werden, wird vermehrt über das Ausmaß der Entgeltlücke und mögliche Maßnahmen zu ihrem Abbau diskutiert. Tatsächlich suggeriert der “Gender Pay Gap” von zuletzt immer noch 21 Prozent ein beträchtliches Maß an Ungleichbehandlung auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Doch Diskriminierung durch Arbeitgeber taugt nur bedingt als Erklärungsansatz.

Denn laut Statistischem Bundesamt lassen sich drei Viertel des unbereinigten Gender Pay Gap auf strukturelle Unterschiede zurückführen: Die wichtigsten Gründe für die Differenzen der durchschnittlichen Bruttostundenverdienste sind Unterschiede in den Branchen und Berufen, in denen Frauen und Männer tätig sind, sowie ungleich verteilte Arbeitsplatzanforderungen hinsichtlich Führung und Qualifikation. Darüber hinaus sind Frauen häufiger als Männer in Teilzeit oder geringfügig beschäftigt.

Auszeiten vom Arbeitsmarkt kommen teuer zu stehen

Aus diesem Grunde stoßen gesetzliche Regelungen zur Lohngleichheit auch an ihre Grenzen, wie IZA-Fellow Solomon W. Polachek in einem Gastbeitrag verdeutlicht. Der Professor der Binghamton University im US-Bundesstaat New York gilt als einer der weltweit anerkanntesten Experten zum Thema. Am Beispiel der USA, wo die Lohnlücke mit 22 Prozent ähnlich ausgeprägt ist wie in Deutschland, erklärt Polachek, wie sich die Lücke je nach Alter und Familienstand unterscheidet. Demnach verdienen vollzeitbeschäftigte junge Single-Frauen in Metropolregionen teils sogar deutlich mehr als ihre männlichen Kollegen.

Ehe und Kinder führen hingegen zu einem drastischen Anwachsen der Lohnlücke. Laut Polachek zählen unterbrochene Erwerbsbiografien aufgrund familienbedingter Auszeiten zu den Hauptgründen für Lohnnachteile, da sich die entgangene Arbeitserfahrung negativ auf Produktivität und Verdienstchancen auswirke. Bessere Kinderbetreuungsangebote und steuerliche Anreize für eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen seien geeignet, die Geschlechterlücke bei der Lebensarbeitszeit – und damit auch bei den Löhnen – zu reduzieren, so Polachek. Lohngleichheitsgesetze seien vergleichsweise wenig effektiv.

Lesen Sie auch den Übersichtsartikel von Solomon Polachek bei IZA World of Labor:
Equal pay legislation and the gender wage gap

Kurze Wege und flexible Zeiten statt hoher Löhne

Mit der gleichen Thematik beschäftigt sich ein Artikel von Boris Hirsch (Leuphana Universität Lüneburg und IZA). Er verweist auf aktuelle Studien, nach denen ein Teil der Lohnlücke damit zu erklären ist, dass Arbeitgeber ihre stärkere Verhandlungsposition gegenüber Frauen ausnutzen. Denn aufgrund familiärer Verpflichtungen, so Hirsch, legten Frauen tendenziell mehr Wert auf kurze Arbeitswege und flexible Arbeitszeiten als auf hohe Löhne. Der Experte sieht daher ebenfalls mehr Potenzial in der Förderung von Kinderbetreuung und flexiblen Arbeitszeitmodellen als in gesetzlichen Regelungen zur Lohngleichheit.

Weniger offensives Auftreten in Vertrags- und Gehaltsverhandlungen

Ein weiterer gängiger Erklärungsansatz für die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen sind Geschlechterunterschiede beim Wettbewerbsverhalten. Laut Mario Lackner (Johannes Kepler Universität Linz) legen zahlreiche Labor- und Feldexperimente nahe, dass Frauen zurückhaltender beim Einfordern von Lohnerhöhungen sind und sich seltener um Stellen mit flexiblen, verhandelbaren Gehältern bewerben.

Sein Artikel weist zudem darauf hin, dass sich Unterschiede in der Durchsetzungsfähigkeit bereits in der frühen Kindheit entwickeln und einen prägenden Einfluss auf die spätere berufliche Laufbahn haben. Maßnahmen zur Stärkung des Wettbewerbsverhaltens müssten daher bereits früh im Bildungssystem ansetzen. Allerdings gibt Lackner zu bedenken, dass der Einfluss auf die Lohnungleichheit wissenschaftlich umstritten sei. Fraglich sei auch, ob ein Anpassen der Frauen an das Konkurrenzdenken und die bei Männern häufig zu beobachtende Selbstüberschätzung überhaupt erstrebenswert sei.

Lesen Sie mehr auf der Themenseite von IZA World of Labor:

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Unfaire Löhne gefährden die Gesundheit

Ungerechte Bezahlung ist schlecht fürs Herz. Das ist das Ergebnis einer interdisziplinären Studie, die jetzt in der Fachzeitschrift Management Science erschienen ist. Die Ökonomen Armin Falk und Fabian Kosse (beide briq und IZA) hatten gemeinsam mit einem Team von Medizinsoziologen ein Verhaltensexperiment durchgeführt und die Ergebnisse mit Befragungsdaten verglichen. Demnach wirken sich als unfair empfundene Löhne unmittelbar auf die Herzaktivität aus und führen auch langfristig zu einer Verschlechterung des Gesundheitszustandes.

Für das Laborexperiment hatten die Forscher 80 Studenten in zweiköpfige Teams aus „Chef“ und „Arbeiter“ aufgeteilt. Die Arbeiter mussten 25 Minuten lang eintönige Rechenaufgaben lösen, während sich die Chefs entspannen durften. Je mehr Zahlen die Arbeiter richtig addierten, desto mehr Geld erwirtschaftete das Team. Danach teilten die Chefs den Gewinn willkürlich zwischen beiden auf. In der Regel bedachten sie die Arbeiter mit einem geringeren Gewinnanteil, als von Außenstehenden als fair betrachtet wurde.

Die erlebte Ungerechtigkeit versetzte die Arbeiter in Stress, den die Wissenschaftler anhand der Herzfrequenzvariabilität (HFV) messen konnten. Eine niedrige HFV signalisiert mentale Belastung und deutet auf ein erhöhtes Risiko koronarer Herzerkrankungen hin. Die Auswertung der Versuchsdaten ergab: Je stärker die Bezahlung von einer als fair erachteten Summe abwich, desto ausgeprägter war die körperliche Stresssymptomatik. Erlebte Unfairness wirkt sich demnach unmittelbar auf das autonome Nervensystem aus. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass der menschliche Körper auf soziale und kontextbezogene Informationen reagiert und sie systematisch verarbeitet“, erklärt Fabian Kosse.

Erhöhtes Risiko von Herzerkrankungen

Die Kurzfristeffekte aus dem Laborexperiment decken sich mit den Erkenntnissen aus langfristigen Erhebungen. Anhand von Befragungsdaten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) ermittelten die Forscher einen klaren Zusammenhang zwischen gefühlter Lohnungerechtigkeit und eigenem Gesundheitszustand. Je häufiger die Befragten ihren Lohn als unfair empfanden, desto schlechter schätzten sie ihre Gesundheit ein (siehe Grafik). Eine genauere Analyse zeigte, dass die Betroffenen vor allem häufiger unter Herzkrankheiten litten.


Die Größenordnung des negativen Gesundheitseffekts unfairer Entlohnung ist beträchtlich: Laut Studie entspricht er einer körperlichen Alterung um bis zu zehn Jahre oder einem Einkommensrückgang um monatlich mehr als 1.000 Euro netto. „Faire Bezahlung ist also nicht nur eine Frage der sozialen Gerechtigkeit und der Mitarbeitermotivation, sondern auch der Gesundheit. Dieser Aspekt wird in der politischen und öffentlichen Diskussion bislang vernachlässigt“, so Armin Falk.

Die Autoren sehen zudem die Gefahr, dass die Rückkopplung zwischen dem menschlichen Körper und seinem sozialen Umfeld zum Teufelskreis wird: Verschlechtert unfaire Entlohnung neben der Arbeitsmoral auch den Gesundheitszustand, sinken mit abnehmender Leistungsfähigkeit die Verdienstchancen auf dem Arbeitsmarkt, was die gefühlte Ungerechtigkeit weiter verstärkt.

Download der Studie:

Lesen Sie auch:

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Gender Care Gap: Frauen leisten 52% mehr unbezahlte Arbeit

Mit Kindererziehung, Pflege von Angehörigen, Ehrenämtern und Hausarbeit leisten Frauen täglich 52,4 Prozent mehr unbezahlte Tätigkeit für andere als Männer. Das geht aus dem Gutachten für den Zweiten Gleichstellungsbericht des Bundesfrauenministeriums hervor. Nach Einschätzung der Sachverständigen, denen auch IZA-Experte Holger Bonin angehört, wird das Ziel der Gleichstellung von Frauen und Männern somit nicht erreicht.

Die Sachverständigenkommission betont, dass Erwerbs- und Sorgearbeit zusammen gedacht werden müssen, um wirksame Maßnahmen zur Förderung der Gleichstellung zu entwickeln. Denn neben dem höheren Anteil an unbezahlter Arbeit im Haushalt und für die Familie führen laut Gutachten auch die im Schnitt geringeren Stundenlöhne und Lebensarbeitseinkommen von Frauen zu ungleichen Verwirklichungschancen.

Die Grafik veranschaulicht den Gender Care Gap, der sich bei Paaren mit Kindern auf über 80 Prozent beläuft:

gender care gap

Quelle: www.gleichstellungsbericht.de, Themenblatt 2.

Weitere Informationen:

Besuchen Sie auch die Themenseite “Gender Divide” der IZA World of Labor!

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Wie sich persönliche Einstellungen zum Thema Zuwanderung formen

Die aktuelle Erfolgswelle von Rechtspopulisten in den USA und einigen europäischen Staaten wird häufig auf wachsende Vorbehalte gegenüber Zuwanderung zurückgeführt. Wie sachlich fundiert sind diese Ängste? Orientieren sich die Menschen im „postfaktischen“ Zeitalter überhaupt noch an belastbaren Daten und Fakten zum Thema Migration und Integration? Diesen und ähnlichen Fragen gehen einige kürzlich erschienene IZA Discussion Papers nach.

Dass Einwanderung aus muslimischen Ländern zunehmend als Bedrohung wahrgenommen wird, ist nicht erst seit Donald Trumps „Travel Ban“ offenkundig. Umfragen zeigen jedoch, dass der Bevölkerungsanteil von Muslimen in vielen Ländern massiv überschätzt wird. Die Grafik veranschaulicht die Diskrepanz zwischen dem durchschnittlich angenommenen und dem tatsächlichen muslimischen Bevölkerungsanteil. Während die Deutschen den Anteil im Schnitt um das Vierfache überschätzen, vermuten die Amerikaner sogar 17mal mehr Muslime in ihrem Land als der Realität entspricht.

Es bestehen also offenbar Informationsdefizite. Aber sind die Menschen auch bereit, ihre Ansichten nach Kenntnis der Fakten zu revidieren? Ein IZA Discussion Paper der Oxford-Ökonomen Alexis Grigorieff und Christopher Roth sowie Diego Ubfal (Bocconi-Universität; IZA) kommt zu einem durchaus ermutigenden Ergebnis. Die Forscher hatten mittels einer Online-Befragung untersucht, ob US-Bürger ihre Einstellung gegenüber Zuwanderung ändern, wenn sie mit aktuellen Statistiken konfrontiert werden.

Aufklärung über Zuwanderung beeinflusst Meinung positiv

Die rund 800 Teilnehmer sollten zunächst Schätzungen zu Zuwanderungszahlen abgeben (z.B. Einwanderung insgesamt, Anteil illegaler/arbeitsloser/inhaftierter Migranten usw.). Erwartungsgemäß lagen die Schätzwerte deutlich über den realen Zahlen. Anschließend wurde die Hälfte der Befragten über die korrekten Daten informiert, so dass sich der „Fakten-Effekt“ messen ließ.

Tatsächlich ging unter den „aufgeklärten“ Probanden die negative Haltung gegenüber Zuwanderern deutlich zurück. So erhöhte sich etwa die Bereitschaft, für eine zuwanderungsfreundliche Wohltätigkeitsorganisation zu spenden, um 30 Prozent. Besonders ausgeprägt war dieser Effekt, der auch bei einer Folgebefragung nach einem Monat anhielt, unter Republikanern. Die Einstellung zu konkreten Politikmaßnahmen, beispielsweise zur Ausweitung der Green-Card-Regelung, änderte sich jedoch nicht maßgeblich.

Die Wirksamkeit von Informationskampagnen konnten auch Giovanni Facchini (University of Nottingham; IZA), Yotam Margalit (Tel Aviv University) und Horiyuki Nakata (University of Leicester; RIETI) nachweisen. Für ihr IZA Discussion Paper analysierten sie Daten aus Japan, einem traditionell eher zuwanderungsfeindlichen Land. Nachdem ein Teil der Befragten über die positiven wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Effekte informiert worden war, stieg unter ihnen die Bereitschaft zur aktiven Unterstützung einer offeneren Zuwanderungspolitik deutlich an.

Öffentliche Präsenz muslimischer Gemeinden beeinflusst Wahlverhalten

Jenseits der offiziellen Statistiken spielt jedoch die subjektive Wahrnehmung von Zuwanderung im Alltag eine entscheidende Rolle. Dass sich die „Sichtbarkeit“ der muslimischen Gemeinde im Wahlverhalten der einheimischen Bevölkerung widerspiegelt, zeigt die Studie der IZA-Forscher Tommaso Colussi, Ingo E. Isphording und Nico Pestel anhand von Daten zum Bau von Moscheen und zum Wahlverhalten auf kommunaler Ebene.

Nach der Errichtung einer Moschee kam es in den betreffenden Kommunen zu einer stärkeren Polarisierung der Wahlbevölkerung: Linke und rechte Parteien konnten zulasten der Mitte zulegen. Besonders ausgeprägt war der Effekt, wenn die Wahlen im zeitlichen Zusammenhang mit dem Fastenmonat Ramadan stattfanden, in dem den muslimischen Gemeinden eine erhöhte öffentliche Aufmerksamkeit zuteil wird.

Download der englischsprachigen Studien:

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IZA und IAB stellen innovativen Datensatz für die Evaluation von Arbeitsmarktpolitik bereit

Um die Wirkung arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen bewerten zu können, braucht die Wissenschaft geeignete Daten. Administrative Daten liefern detailgenaue Informationen zum Erwerbsverlauf, während Befragungsdaten die subjektiven Erfahrungen und Reaktionen der Betroffenen abbilden. Ein Gemeinschaftsprojekt des IZA mit dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) kombiniert nun die Stärken beider Datenquellen in einem einzigartigen Datensatz zu über 15.000 Personen. Der „IZA/IAB Linked Evaluation Dataset 1993-2010“ (LED) ermöglicht beispielsweise eine umfassendere Erforschung des Suchverhaltens von Arbeitslosen.

Auf Basis einer Zufallsstichprobe aus den vom IAB erfassten „Integrierten Erwerbsbiografien“ wurden rund 17.400 Personen, die sich zwischen Juni 2007 und Mai 2008 arbeitslos gemeldet hatten, ermittelt und im Auftrag des IZA telefonisch befragt. Mit Einwilligung der Befragten konnten die Daten von insgesamt 15.173 Personen mit den am IAB vorliegenden Informationen zum tagesgenauen Erwerbsverlauf verknüpft werden. Der auf diese Weise entstandene Datensatz ist anonymisiert und lässt keinerlei Rückschlüsse auf einzelne Personen zu.

Die IAB-Daten umfassen personenbezogene Angaben zu Beschäftigungsverhältnissen aus den Meldungen zur Sozialversicherung sowie Informationen zu Leistungsbezug und Teilnahme an Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik aus den operativen Geschäftsprozessen der Bundesagentur für Arbeit.

Die Befragungsdaten des IZA erstrecken sich über einen Zeitraum von drei Jahren ab Eintritt in die Arbeitslosigkeit und beinhalten detaillierte Informationen zu den Personen und ihren Arbeitsmarktaktivitäten. Die Daten decken auch zahlreiche Merkmale ab, die in anderen Datensätzen typischerweise nicht erfasst sind, aber das Suchverhalten und den Arbeitsmarkterfolg beeinflussen können.

Der LED eröffnet somit neue Perspektiven für die empirische Arbeitsmarktforschung: Einerseits eignen sich die Daten für die Evaluation einzelner Instrumente der aktiven Arbeitsmarktpolitik wie Trainingsmaßnahmen oder Lohnkostenzuschüsse. Andererseits ermöglicht die Kombination aus umfangreichen Personenmerkmalen und Längsschnittinformationen auch empirische Analysen zu vielen Aspekten des Übergangs von Arbeitslosigkeit in Beschäftigung. Die Stichprobe ist allerdings nicht repräsentativ für Arbeitslose insgesamt, sondern konzentriert sich auf Eintritte in Arbeitslosigkeit aus einer vorangegangenen Beschäftigung.

Weitere Informationen zum anonymisierten Datensatz und den Zugangsmöglichkeiten für interessierte Forscher:

Kontakt: idsc@iza.org

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Drei Fragen zum Welttag der sozialen Gerechtigkeit

Am 20. Februar wird der von den Vereinten Nationen ausgerufene Welttag der sozialen Gerechtigkeit begangen. Dass dieses Thema auch den kommenden Bundestagswahlkampf prägen dürfte, hängt damit zusammen, dass Armut und soziale Ungleichheit ungeachtet der wachsenden Terrorismusgefahr noch immer die größte Angst der Deutschen darstellen (siehe Grafik).

Um politische Diskussionen und Entscheidungen auf eine solide wissenschaftliche Grundlage zu stellen, stellt IZA World of Labor die Erkenntnisse der internationalen Wissenschaft zu verschiedenen Faktoren wirtschaftlicher und sozialer Ungleichheit zusammen. Die folgende Aufstellung beleuchtet drei dieser Aspekte: Herkunft, Bildung und Sozialstaat.

1. Welche Rolle spielt die soziale Herkunft?

Wie stark Wohlstand immer noch vom Bildungshintergrund und dem Einkommen der Eltern abhängt, erklärt Jo Blanden in ihrem Artikel für IZA World of Labor. Ihre Analyse konzentriert sich auf den Zusammenhang von sozialer Mobilität und Ungleichheit. Die „Great Gatsby-Kurve“ veranschaulicht, dass Länder, in denen sich das Wohlstandsniveau „persistent“ von einer Generation auf die nächste überträgt, auch eine hohe soziale Ungleichheit aufweisen.

Dass Deutschland bei der Generationengerechtigkeit noch Aufholbedarf hat, zeigt auch eine im September 2016 veröffentlichte Statistik, nach der nur 14 Prozent aller Kinder, deren Eltern keine Universität besucht haben, später ein Gymnasium besuchen. Unter Kindern aus Akademikerhaushalten liegt der Anteil an Gymnasiasten hingegen bei 61 Prozent.

Die Bedeutung von Einkommensmobilität für soziale Gerechtigkeit unterstreicht Lorenzo Cappellari in seinem Artikel. Denn die wahrgenommene Chance, unabhängig von sozialer Herkunft seinen Lebensstandard steigern und wirtschaftlich erfolgreich sein zu können, erfüllt eine wichtige Anreizfunktion, um Humankapital aufzubauen und in den Arbeitsmarkt einzubringen.

2. Welche Rolle spielt das Bildungssystem?

Frühkindliche Bildung ist ein zentrales Instrument zum Abbau sozialer Ungleichheit. So hebt Jane Waldfogel in ihrem Beitrag hervor, dass Kinder aus sozial benachteiligten Familien die Schule oft bereits mit einem Entwicklungsrückstand beginnen, der anschließend nur mühsam wieder aufzuholen ist. Internationale Forschungsergebnisse zeigen, dass öffentlichen Vorschulen und Kindergärten eine hohe Bedeutung zukommt, weil sie Entwicklungslücken schon früh schließen können.

Aber auch im fortgeschrittenen Alter kann  (Weiter-)Bildung einen wichtigen Beitrag zu mehr sozialer Gerechtigkeit leisten. Denn Einkommensungleichheit kommt nicht zuletzt dadurch zustande, dass ungleich verteilte Fähigkeiten unterschiedlich entlohnt werden. Nur wenn auf dem Arbeitsmarkt besonders gefragte Fähigkeiten auch in ausreichendem Maße bereitgestellt werden, lassen sich diese Diskrepanzen abbauen, betont Stijn Broecke in seinem Artikel.

3. Welche Rolle spielt der Sozialstaat?

Der Abbau von Armut und sozialer Ungleichheit erfordert die Umverteilung von Einkommen. Doch nicht jede Art sozialstaatlicher Umverteilung verringert Ungleichheit, wie Alvaro Forteza anhand von Erkenntnissen aus Lateinamerika verdeutlicht. Während beitragsbasierte Sozialversicherungsleistungen den Ärmeren häufig gar nicht oder nur in entsprechend geringem Maße zur Verfügung stehen, können reine Solidarleistungen wiederum mit Fehlanreizen verbunden sein, die sozialer Mobilität eher entgegenwirken. Laut Forteza kommt es daher auf die Ausgestaltung des Sozialstaats mit der richtigen Balance dieser beiden Säulen an.

Lesen Sie mehr auf der englischsprachigen Themenseite von IZA World of Labor:

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Krisenbedingte Jobverluste beeinflussen die Familienplanung

Wie reagieren Frauen, die von Firmenschließungen oder anderen Formen von Massenentlassungen in Deutschland betroffen sind, mit ihrem Kinderwunsch auf die Arbeitslosigkeit? Ob die Mutterschaft verschoben wird oder nicht, hängt laut einer neuen Studie stark von der allgemeinen Wirtschaftslage zum Zeitpunkt des Arbeitsplatzverlustes ab.

Das machen Barbara Hofmann, Michaela Kreyenfeld und Arne Uhlendorff anhand umfassender Daten aus den Jahren 1978 bis 2003 deutlich. Dabei betrachten sie den Sonderfall der Arbeitslosigkeit als Folge von Personalfreisetzungen, die über 30 Prozent der Firmenbelegschaft innerhalb eines Jahres ausmachen.

Der Studie zufolge hat diese Konstellation Langzeitfolgen für die Familienplanung: Auch fünf Jahre nach einem krisenbedingten Arbeitsplatzverlust werden Frauen, die in konjunkturellen Schwächephasen von Massenentlassungen betroffen waren, noch mit 13 Prozent geringerer Wahrscheinlichkeit Mütter als andere Frauen. Im ersten Jahr der Arbeitslosigkeit sinkt die Wahrscheinlichkeit gegenüber nicht arbeitslos gewordenen Frauen sogar um 28 Prozent.

Die Autoren liefern dafür eine einleuchtende Erklärung: Die Verschiebung der Mutterschaft stellt eine rationale Entscheidung in Zeiten größerer materieller Unsicherheit dar. In dem Maße, wie es in wirtschaftlichen Krisenzeiten schwerer fällt, eine neue bzw. vergleichbare Beschäftigung zu finden, tendieren erwerbsorientierte Frauen dazu, die Familiengründung in die Zukunft zu verschieben.

In guten Konjunkturphasen hingegen hält die eigene Arbeitslosigkeit aufgrund von Massenentlassungen die betroffenen Frauen nicht davon ab, sich für die Mutterschaft zu entscheiden, weil sie ihre Wiederbeschäftigungschancen nach der Elternzeit vergleichsweise günstig beurteilen.

Download der englischsprachigen Studie (IZA DP No. 10485):

Bildquelle: Pixabay
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Mindestlohnverstöße in Italien – und was sich dagegen tun lässt

Ökonomische Studien zu den Auswirkungen von Mindestlöhnen auf Beschäftigung, Preise, Gewinne und Produktivität basieren in der Regel auf der Annahme, dass sich alle Unternehmen an die geltenden Mindestlohnregelungen halten. In der Realität ist das jedoch nicht immer der Fall, wie jüngst eine medienwirksame Studie zu Minijobbern in Deutschland zeigte, auch wenn deren Aussagekraft mit einigen methodischen Fragezeichen verbunden war.

Die internationale Forschung zur Nichteinhaltung von Mindestlöhnen konzentriert sich bislang primär auf Entwicklungs- und Schwellenländer (siehe Überblick in IZA World of Labor). Ein aktuelles IZA Discussion Paper liefert nun erstmals eine umfassende Analyse von Verstößen gegen Branchenmindestlöhne in Italien. Der OECD-Ökonom Andrea Garnero nutzte dafür neben Befragungen von Unternehmen und Beschäftigten auch amtliche Statistiken und Sozialversicherungsdaten der Jahre 2008 bis 2015.

Zunächst offenbart die Studie die enorme Komplexität der italienischen Tariflandschaft: Statt eines flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohns gibt es über 800 branchenbezogene Tarifvereinbarungen mit Tausenden von Einzelregelungen – bis hin zu eher exotischen Berufsgruppen wie Küstern oder Emotionscoaches.

Im internationalen Vergleich liegen Italiens Mindestlöhne auf hohem Niveau, auch gemessen am Medianlohn. Garnero ermittelt jedoch, dass jeder zehnte Arbeitnehmer unterhalb des geltenden Mindestlohns bezahlt wird. Die Abweichung fällt mit durchschnittlich 20 Prozent bemerkenswert hoch aus. Davon betroffen sind vor allem Frauen und Leiharbeiter sowie Beschäftigte von Kleinbetrieben.

Verstöße gegen den Branchenmindestlohn in Italien nach Region (2015)
Quelle: IZA Discussion Paper No. 10511.

Besonders auffällig sind die Verstöße in den südlichen Regionen Italiens, wohl auch weil hier aufgrund geringerer Lebenshaltungskosten der Reallohn höher ausfällt als im Norden des Landes. Das Fazit des Experten: In seiner jetzigen Form ist das komplexe italienische Tarifsystem nicht in der Lage, gleiche Wettbewerbsbedingungen für Unternehmen zu schaffen und zudem sicherzustellen, dass Geringverdiener von Mindestlohnerhöhungen profitieren. Vielmehr sorgt es für starke Anreize, den jeweiligen Mindestlohn zu umgehen.

Jenseits von schärferen Kontrollen schlägt Garnero ein Maßnahmenbündel vor, das sich ohne hohen Kostenaufwand umsetzen ließe:

  1. Komplexität reduzieren: Um das kaum überschaubare Regelungsdickicht zu lichten, könnten die Anforderungen an den Abschluss gültiger Tarifvereinbarungen erhöht und deren Zahl damit gesenkt werden.
  2. Transparenz steigern: Höhe und Geltungsbereich der Branchenmindestlöhne könnten über eine nutzerfreundliche Online-Datenbank besser bekannt gemacht werden, ergänzt um Hotlines und Beratungsplattformen für Beschäftigte und Unternehmen (als mögliches deutsches Vorbild nennt Garnero hier http://www.der-mindestlohn-wirkt.de).
  3. Bewusstsein schaffen: Durch Informationskampagnen könnte die Öffentlichkeit für Mindestlohnverstöße stäker sensibilisiert werden. Denkbar wären laut Garnero auch „schwarze Listen“ mit Unternehmen, die sich nicht an den Mindestlohn halten.

Download der englischsprachigen Studie (IZA DP No. 10511):

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