Warum verdienen Frauen weniger als Männer?

In Deutschland können Beschäftigte größerer Unternehmen nach dem neuen Entgelttransparenzgesetz die Durchschnittsgehälter von Arbeitnehmergruppen erfragen, die eine vergleichbare Tätigkeit ausüben. Island geht noch einen Schritt weiter: Hier müssen Arbeitgeber seit diesem Jahr nachweisen, dass sie gleiches Geld für gleichwertige Arbeit zahlen. Inwieweit solche gesetzlichen Regelungen tatsächlich für mehr Lohngleichheit zwischen den Geschlechtern sorgen können, bleibt jedoch in Politik und Wissenschaft umstritten.

Denn die Gründe für unterschiedliche Bezahlung sind vielschichtig. Beispielsweise sind Frauen in geringer bezahlten Branchen und Tätigkeiten überrepräsentiert, steigen seltener in Führungspositionen auf, nehmen längere berufliche Auszeiten zur Kinderbetreuung und entscheiden sich häufiger für Teilzeitarbeit. Aktuelle Forschungspapiere aus dem IZA-Netzwerk beschäftigen sich mit den unterschiedlichen Facetten des so genannten „Gender Pay Gap“.

Lohndiskriminierung in Neuseeland

Eine Studie aus Neuseeland kommt auf Basis umfangreicher Lohn- und Produktivitätsdaten zu dem Schluss, dass Frauen bei der Entlohnung systematisch benachteiligt werden, ohne dass Produktivitätsunterschiede eine Ungleichbehandlung ökonomisch rechtfertigen würden.

Für eine bewusste Diskriminierung durch Arbeitgeber spreche auch die Beobachtung, dass die Lohnlücke größer werde, wenn sich Unternehmen angesichts günstiger Arbeitsmarkt- und Wettbewerbsbedingungen eine ungleiche Bezahlung eher „leisten“ könnten, so die Analyse von Isabelle Sin (Motu Economic and Public Policy Research) IZA-Fellow Steven Stillman (Freie Universität Bozen) und Richard Fabling. Die Autoren halten strengere gesetzliche Regelungen zur Entgeltgleichheit daher für durchaus geboten.

Download der Studie (IZA DP No. 10975):

Lohnlücke wächst mit dem Alter

Unterschiedliche Karrierewege und Aufstiegschancen sorgen laut einer Untersuchung von IZA-Fellow Erling Barth (Institute for Social Research), Sari Pekkala Kerr (Wellesley College) und Claudia Olivetti (Boston College) dafür, dass die geschlechtsspezifische Lohnschere mit steigendem Alter weiter auseinanderklafft. Das gilt insbesondere für Akademiker, wie die Autoren anhand von US-Daten zeigen (siehe Grafik).

Die Studie erforscht die Häufigkeit und Qualität von Jobwechseln, die mit höherem Einkommen verbunden sind. Demnach wechseln Frauen sowohl innerhalb als auch zwischen Unternehmen seltener in besser bezahlte Jobs. Hinzu komme, so die Autoren, dass bei verheirateten Paaren ein Ortswechsel meist aufgrund besserer beruflicher Aussichten des Ehemanns erfolge. So erklärt sich, dass bei alleinstehenden Frauen keine substanziellen Lohnnachteile erkennbar sind.

Download der Studie (IZA DP No. 10974):

Nachteile von Teilzeitarbeit

Ebenfalls der klassischen familiären Arbeitsteilung ist geschuldet, dass Frauen häufiger in Teilzeitjobs arbeiten, in denen die Stundenlöhne in der Regel geringer sind als für vergleichbare Vollzeitstellen. Dieser Teilzeit-Lohnnachteil kommt jedoch primär für Hochqualifizierte zum Tragen und kann maximal ein Zehntel der Entgeltlücke erklären, so die Ergebnisse eines Forschungspapiers von IZA-Fellow Kai Liu (Norwegian School of Economics), das in der Fachzeitschrift Quantitative Economics erschienen ist.

Entscheidender sei der Nachteil, der sich aus der im Durchschnitt geringeren Arbeitsplatzsicherheit von Teilzeitjobs ergebe, so Liu. Statt gleiche Stundenlöhne für Voll- und Teilzeitbeschäftigung gesetzlich zu verordnen („Equal Pay“), sei es daher zielführender, die Jobsicherheit von Teilzeitstellen zu verbessern („Equal Protection“), wie seine Simulation entsprechender Politikmaßnahmen zeigt (siehe Grafik).

Potenzielle Auswirkungen gesetzlicher Regelungen auf die Teilzeit-Entgeltlücke

Download der Studie (IZA DP No. 9255):

Wettbewerbsbereitschaft beeinflusst Karriereentscheidungen

Würde sich die Lohnlücke also schließen, wenn es keine Diskriminierung gäbe und Frauen im gleichen Umfang auf dem Arbeitsmarkt aktiv wären wie Männer? Vermutlich nicht, denn Geschlechterunterschiede bei der Wettbewerbsbereitschaft tragen schon im Kindesalter dazu bei, spätere Karrierewege vorzuzeichnen. Zu diesem Schluss kommt eine Studie von Thomas Buser (Universität Amsterdam), Noemi Peter (Universität Groningen) und IZA-Fellow Stefan Wolter (Universität Bern).

Anhand eines Verhaltensexperiments mit rund 1.500 Achtklässlern in der Schweiz fanden die Autoren heraus: Jungen und Mädchen mit schwächeren schulischen Leistungen unterscheiden sich kaum in ihrer Präferenz für Wettbewerbssituationen. Doch mit steigendem individuellen Leistungsniveau klafft die Lücke zwischen den Geschlechtern immer weiter auseinander.

Die Forscher beobachteten auch den weiteren Werdegang der Schülerinnen und Schüler. Jungen mit hoher Wettbewerbsbereitschaft entschieden sich deutlich häufiger für eine Spezialisierung auf MINT-Fächer bzw. für betriebswirtschaftlich orientierte Ausbildungsplätze und waren bei der Bewerbung um Lehrstellen erfolgreicher als Mädchen mit jeweils vergleichbaren schulischen Leistungen. Der Einfluss dieser Unterschiede auf spätere Karriereentscheidungen und Verdienstaussichten sei nicht zu unterschätzen.

Download der Studie (IZA DP No. 10976):

Welches Gewicht die unterschiedlichen Erklärungsansätze für den „Gender Pay Gap“ haben, ist unter Ökonomen nach wie vor umstritten. Weitgehende Einigkeit besteht jedoch darin, dass Maßnahmen zur Förderung einer gleichberechtigten Erwerbsbeteiligung (etwa durch bessere Kinderbetreuungsangebote und geringere steuerliche Anreize für das Alleinverdienermodell) mehr zum Schließen der Geschlechterlücke beitragen können als gesetzliche Regelungen zur Entgeltgleichheit.

Weitere Informationen dazu auch auf der „IZA World of Labor“-Themenseite:

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Warum gesunde Neujahrsvorsätze oft von kurzer Dauer sind

Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert, weiß der Volksmund. Mit dem Rauchen aufhören, mehr Sport treiben, gesünder essen – auch in diesem Jahr werden sich viele von uns wieder hehre Ziele setzen, um sie schon nach kurzer Zeit wieder aus den Augen verloren zu haben. Aber warum ist das eigentlich so?

Psychologen und Ökonomen haben dafür eine wissenschaftliche Antwort parat: Mangelnde Selbstkontrolle führt dazu, dass wir manchmal Entscheidungen treffen, von denen wir wissen, dass wir sie später bereuen werden. Ungesunde Ernährung ist ein klassisches Beispiel. Bislang gibt es allerdings kaum empirisch gesichterte Erkenntnisse darüber, wie sich die Ernährungsgewohnheiten im Jahresverlauf verändern, welche individuellen Unterschiede es dabei gibt und welche Einflussfaktoren eine Rolle spielen.

In einem aktuellen IZA Discussion Paper gehen Laurens Cherchye (University of Leuven), Bram De Rock (University of Leuven), Rachel Griffth (University of Manchester), Martin O’Connell (Institute for Fiscal Studies), Kate Smith (Institute for Fiscal Studies) und Frederic Vermeulen (University of Leuven & IZA) diesen Fragen nach und liefern eine umfassende Datenanalyse, die sie anhand eines ökonomischen Modells einordnen.

Neujahrsvorsätze zeigen sich in Suchanfragen

Ein Blick auf das Google-Suchverhalten britischer und amerikanischer Nutzer offenbart: Suchbegriffe, die mit gesunder Ernährung assoziiert werden, haben zu Jahresbeginn Hochkonjunktur, bevor das Interesse in den Folgemonaten regelmäßig wieder verpufft.

Google-Suchanfragen (USA und UK)  für die Begriffe “diet” und “healthy food”

 

Um zu ermitteln, wie sich dieser Trend im Kaufverhalten widerspiegelt, greifen die Wissenschaftler auf Daten des Kantar Worldpanels zurück, in dem die Lebensmitteleinkäufe von rund 25.000 repräsentativen britischen Haushalten erfasst sind. Neben Art und Preis der Waren (einschließlich Informationen über Sonderangebote) geben die Daten auch Aufschluss über die demografischen Merkmale der Konsumenten.

Um haushaltsinterne Verteilungseffekte auszuschließen, konzentriert sich die Studie auf eine Stichprobe von mehr als 3.600 Singles, deren Kaufverhalten im Zeitraum 2005-2011 über mindestens 24 Monate systematisch aufgezeichnet wurde. Mittels einer anerkannten, nährstoffbasierten Punkteskala werden sämtliche Lebensmittel grob in “gesund” bzw. “ungesund” unterteilt.

Gesunder Januar, ungesunder Dezember

Tatsächlich zeigt sich hier ein ähnlicher Trend wie bei den Google-Suchergebnissen: Im Januar ist die Nachfrage nach gesunden Lebensmitteln am höchsten, bevor sie zunächst deutlich abnimmt, sich zur Jahresmitte auf einem relativ stabilen Niveau einpendelt – und am Ende des Jahres ihren Tiefstand erreicht.

Anteil gesunder Ernährung von 3.645 Personen im Zeitraum 2005 bis 2011

Diese Beobachtungen erklären die Ökonomen anhand eines “Dual Self”-Modells: Demnach resultiert die individuelle Kaufentscheidung aus einem Kompromiss zwischen dem “gesunden” und dem “ungesunden” Ich. Während das erstere im Supermarkt nach Obst, Gemüse und Vollkornprodukten greifen will, verlangt das letztere nach Limonade, Chips und Süßigkeiten. Der relative Einflussgewinn des “ungesunden Ich” ist ein Indikator für mangelnde Selbstkontrolle.

Große Unterschiede in der Ernährungsweise

Das Kaufverhalten variiert nicht nur individuell im Zeitverlauf, sondern auch zwischen den Konsumentengruppen: Während der als gesund eingestufte Warenkorb im Durchschnitt 53% aller Lebensmitteleinkäufe ausmacht, ernähren sich jeweils 5% der untersuchten Personen zu mehr als 70% bzw. zu weniger als 35% von gesunder Kost.

Hier spielen persönliche Präferenzen und die Fähigkeit, Versuchungen zu widerstehen, ebenso eine Rolle wie die individuelle wirtschaftliche Situation. Der Studie zufolge variiert die Ernährungsweise bei Geringverdienern – unabhängig von Preis- und Einkommensschwankungen – besonders stark. Zudem ist das Kaufverhalten bei jüngeren Menschen weniger konstant als bei älteren.

Ernährungsrelevante Ereignisse im Jahresverlauf

Ein Bruch in den individuellen Ernährungsgewohnheiten lässt sich auch an anderen Tagen im Jahr erkennen. Vor dem Osterfest und dem eigenen Geburtstag werden überwiegend ungesunde Lebensmittel eingekauft, bevor der reuige Konsument wieder zu seiner gewohnten Ernährungsweise zurückkehrt.

Anteil gesunder Nahrungsmittel um Ostern und Geburtstage herum (2005 bis 2011)

Download der Studie (IZA DP No. 11205):

Bildquelle: pixabay
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Das Persönliche Erwerbstätigenkonto: Mehr Individualität in der Sozialpolitik?

Um eine erwerbsorientierte Sozialpolitik im Lebensverlauf sicherzustellen und stärker auf die individuellen Bedürfnisse auszurichten, schlägt das Bundesarbeitsministerium (BMAS) im „Weißbuch Arbeiten 4.0“ das Persönliche Erwerbstätigenkonto als Konzept vor. Die Idee: Jeder Berufseinsteiger erhält ein frei verfügbares Budget, um beispielsweise Erwerbsunterbrechungen oder Teilzeit-Phasen abzufedern, Weiterbildungsangebote zu  nutzen oder einen beruflichen Neustart zu wagen. Das dreifache Ziel besteht darin, Leistungsansprüche übertragbar zu machen bzw. vom Arbeitsverhältnis zu entkoppeln, Eigeninitiative zu stärken und soziale Gerechtigkeit zu fördern.

Im Auftrag des BMAS hat ein IZA-Forscherteam um Werner Eichhorst die internationalen Modelle und Erfahrungen mit Erwerbstätigenkonten analysiert, um daraus Hinweise für eine mögliche Gestaltung eines deutschen Modells abzuleiten. Die fünf in Europa bislang realisierten Modelle unterscheiden sich klar in der Ausrichtung: In den Niederlanden, Belgien oder Österreich etwa werden die individuellen Konten zur Altersvorsorge und Ruhestandregelung genutzt. Die Kontenmodelle in Großbritannien bzw. Schottland sowie in Frankreich zielen vor allem auf berufliche Weiterbildung ab.

Das niederländische Kontenmodell strebte beispielsweise eine flexiblere Verteilung von Einkommen über den Lebenslauf an. Das Laufbahnunterbrechungsprogramm in Belgien erlaubt kürzere Arbeitszeiten oder bezahlte Auszeiten mit Kündigungsschutz und kommt damit familienpolitischen Maßnahmen wie der Elternzeit sehr nahe. Ein deutsches Modell würde sich vor allem an das französische, noch sehr junge und relativ komplexe Konzept eines persönlichen Tätigkeitskontos anlehnen. Dieses besteht aus drei Teilkonten: einem persönlichen Weiterbildungskonto, einem Konto für ehrenamtliche Tätigkeiten und einem Teilkonto für arbeitsplatzbezogene Risiken.

Lehren aus den internationalen Erfahrungen

Bei der Ausgestaltung ist zunächst die grundsätzliche Frage zu klären: Sollen vorhandene staatliche Leistungen ersetzt oder erweitert werden? Denkbar sind sowohl eine „große“ Lösung unter Einschluss vieler anderer Leistungen als auch eine „kleine“ Lösung durch eine partielle Erweiterung vorhandener Leistungen. Berührt würden im deutschen Kontext zumindest das Elterngeld und die Elternzeit, Pflegezeit, BAföG, Bildungsurlaub oder auch die geförderte Altersvorsorge. Sollen solche bedarfsorientierten Leistungen fortbestehen, ist der Spielraum für individuelle Konten deutlich eingeschränkt.

An den fünf analysierten Modellen fällt vor allem auf, dass die individuelle Gestaltungsfreiheit durch strikte Vorgaben über die konkrete Nutzung der Konten stark beschnitten ist. Hinzu kommen Verteilungs- und Akzeptanzfragen: So wäre davon auszugehen, dass Erwerbstätige mit langfristigen Arbeitsverhältnissen, in größeren Unternehmen, mit höherer Bildung und höheren Einkommen zu den Hauptnutzern zählen würden. Eine gezielte Förderung würde eine öffentliche Kofinanzierung, etwa durch direkte, steuerfinanzierte Einzahlungen auf die Konten erfordern.

Die Kurzexpertise ist als IZA Research Report No. 78 abrufbar:

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Profitieren Jungen von männlichen Grundschullehrern?

Männer? Höchstens im Hausmeisterkabuff“, befand DIE ZEIT angesichts des schwindenden Anteils männlicher Lehrer an Grundschulen. Manche Bildungsexperten beklagen, Jungen fehle es heute an männlichen Identifikationsfiguren außerhalb der Familie. Andere sehen die „Feminisierung der Grundschule“ (SZ) gar mitverantwortlich dafür, dass Mädchen beim Bildungserfolg inzwischen die Nase vorn haben. Aber führt das Aussterben männlicher Lehrer wirklich zu einem „Nachteil Junge“ (taz)?

Dieser Frage widmet sich IZA-Fellow Patrick A. Puhani (Leibniz Universität Hannover) in einem aktuellen IZA Discussion Paper. Um einen möglichen Einfluss des Lehrergeschlechts auf die Bildungskarriere der Schüler zu messen, analysierte er administrative Daten zu fast 200.000 Viertklässlern und rund 12.000 Lehrern an hessischen Grundschulen (Männeranteil: 10%) im Zeitraum 2007-2012.

In Deutschland spielt der Übergang ins mehrgliedrige Schulsystem eine entscheidende Rolle für den späteren Bildungs- und Arbeitsmarkterfolg. Puhani untersuchte daher, ob sich das Geschlecht des Lehrers auf die Wahrscheinlichkeit einer Gymnasialempfehlung für Jungen auswirkt. Dabei berücksichtigte er mögliche Unterschiede zwischen den Schulen und Lehrern hinsichtlich Qualifikation, Alter, Bezahlung, Stundenzahl und unterrichteter Fächer.

Kein Einfluss auf Schulwahl und Bildungserfolg

Zwar zeigt die Analyse, dass Jungen von männlichen Lehrern minimal häufiger eine Gymnasialempfehlung erhalten. Dies hat jedoch keine messbaren Auswirkungen auf die tatsächliche Schulentscheidung, die letztlich bei den Eltern liegt. Ebenso wenig beeinflusst dass Geschlecht des Grundschullehrers die Wahrscheinlichkeit, dass die späteren Gymnasiasten eine Jahrgangsstufe wiederholen oder die Schule wechseln müssen.

Puhani plädiert daher dafür, den Schwund an männlichen Grundschullehrern nicht zu dramatisieren. Der weitere Bildungsverlauf zeige keine Benachteiligung von Jungen. Zu möglichen negativen Auswirkungen etwa auf die Persönlichkeitsentwicklung lässt sich anhand der Daten jedoch keine Aussage treffen.

Download der Studie (IZA DP No. 11139):

Bildquelle: pixabay
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Die ökonomischen Kosten des Klimawandels

In Bonn beraten derzeit Politiker und Experten aus aller Welt auf der COP23-Weltklimakonferenz über Strategien zur Bewältigung des Klimawandels. Dass es sich dabei um eine der größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts handelt, zeigt auch die ökonomische Forschung. So beschäftigt sich Olivier Deschenes, Umweltökonom an der University of California in Santa Barbara und Koordinator des IZA-Programmbereichs Arbeitsmarkt und Umwelt, unter anderem mit den wirtschaftlichen Folgen der Erderwärmung.

In seinem aktuellen IZA Discussion Paper bewertet er gemeinsam mit Peng Zhang, (Hong Kong Polytechnic University) Kyle C. Meng (UC Santa Barbara) und Junjie Zhang (Duke Kunshan University) die Auswirkungen des Klimawandels auf die verarbeitende Industrie in China. Anhand von Produktionsdaten zu rund einer halben Million Fabriken für den Zeitraum 1998-2007 untersuchen die Autoren den Einfluss steigender Temperaturen auf die sogenannte Totale Faktorproduktivität (TFP), die Produktionsmenge und den Einsatz von Kapital und Arbeit.

Klimawandel könnte chinesische Produktion um 12% jährlich reduzieren

Die Analyse zeigt, dass sowohl arbeits- als auch kapitalintensive Unternehmen bei höheren Temperaturen weniger produktiv sind. Jeder Tag mit Höchsttemperaturen über 32 Grad Celsius bedeutet im Durchschnitt einen Rückgang der Faktorproduktivität um 0.56% sowie der Produktionsleistung um 0,45%. Das entspricht finanziellen Einbußen in Höhe von 8.160 US-Dollar (in Dollarwerten von 2007).

Auf Basis historischer Klimadaten und Prognosen gehen die Forscher davon aus, dass die Durchschnittstemperatur in China bis zum Zeitraum 2040-2059 um 2,0 Grad Celsius ansteigen wird, was vor allem im Osten und Süden Chinas vermehrt zu besonders heißen Tagen führen würde (siehe Karte).

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Zunahme der Tage pro Jahr mit Temperaturen über 32 Grad Celsius (2040-2059 im Vergleich zu 1998-2007)

Nach den Berechnungen der Autoren könnte die Industrieproduktion des Landes bis Mitte des 21. Jahrhunderts um bis zu 12% bzw. 39,5 Mrd. US-Dollar jährlich sinken, wenn keine Gegenmaßnahmen ergriffen würden. Für die Gesamtwirtschaft würde dies einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 3,8% pro Jahr bedeuten, sollte der Anteil der verarbeitenden Industrie bei 32% bleiben.

Steigenden Temperaturen verringern Geburtenrate

Neben der wirtschaftlichen Produktivität beeinflusst die Erderwärmung auch die demografische Entwicklung, wie ein weiteres IZA Discussion Paper von Deschenes mit Alan Barreca (Tulane University & IZA) und Melanie Guldi (University of Central Florida) belegt. Am Beispiel der USA zeigt das Forscherteam mittels umfangreicher Daten für den Zeitraum 1931 bis 2010, dass sich eine ungewöhnliche Häufung von heißen Tagen (bereits ab 27 Grad Celsius) in einem messbaren Geburtenrückgang acht bis zehn Monate später widerspiegelt.

Lesen Sie mehr dazu in einem Artikel von Alan Barreca für IZA World of Labor:
Does hot weather affect human fertility?

Klimaanlagen senken das Sterblichkeitsrisiko

Zugleich nehmen die Todesfälle aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen an heißen Tagen zu. Seit den 1960er Jahren ist der Sterblichkeitseffekt hoher Temperaturen in den USA jedoch um 70% zurückgegangen, was laut einem IZA Discussion Paper von Alan Barreca, Karen Clay (Carnegie Mellon University), Olivier Deschênes, Michael Greenstone (University of Chicago) und Joseph S. Shapiro (Yale University) fast ausschließlich auf den flächendeckenden Einsatz von Klimaanlagen zurückzuführen ist.

Den Autoren zufolge können solche technologischen Errungenschaften die negativen Folgen der Erderwärmung für den Menschen also deutlich abfedern. Doch solange die dafür notwendige Energie weltweit zum Großteil aus fossilen Brennstoffen gewonnen wird, werde der Klimawandel noch zusätzlich verstärkt. „Der weitere Ausbau der erneuerbaren Energien und die Förderung energieeffizienter Technologien müssen daher elementare Bestandteile der globalen Klimastrategie sein“, so Olivier Deschenes.

Download der Studien:

Bildquelle: pixabay
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Entsenderichtlinie: Mehr Rechtsunsicherheit

Werner Eichhorst

Die Entsendung von Arbeitnehmern als Ausdruck der Dienstleistungsfreiheit ist seit den 1990er Jahren einer der wichtigsten Konfliktpunkte im Arbeitsrecht auf europäischer Ebene. Bereits damals war umstritten, welche arbeitsrechtlichen Standards auf entsandte Arbeitskräfte, etwa in der Bauwirtschaft, angewendet werden sollten – entweder die des Herkunfts-, die des Aufnahmestaates oder eine Kombination von beiden.

Die Entsendung erhöht den Wettbewerbsdruck auf einheimische Beschäftigte, deren Löhne und Arbeitsbedingungen sowie das Risiko in stark betroffenen Branchen, etwa im Baugewerbe oder der Fleischindustrie, Verdrängungseffekte auszulösen. Auch setzt das Prinzip der Dienstleistungsfreiheit nach diesen Regeln Anreize, Tochtergesellschaften in Ländern mit geringeren Arbeitskosten zu gründen. Insgesamt kann dies die Europaskepsis in den Aufnahmeländern verstärken. Die Entsendung bietet aber auch Chancen für Unternehmen und Arbeitskräfte aus Ländern mit geringeren Arbeitskosten, insbesondere in Mittel- und Osteuropa. Eine stärkere Regulierung entsprechend den Interessen der Aufnahmeländer könnte die Zustimmung zur EU in den Entsendeländern vermindern.

Bedrohung etablierter Lohn- und Sozialstandards

Als Kompromiss zwischen den Regierungen der damaligen Mitgliedstaaten wurde 1996 mit der EU-Entsenderichtlinie vereinbart, dass verbindliche Arbeitsbedingungen des Aufnahmestaates, etwa zu Lohn, Arbeitszeiten und Urlaub, auch für vorübergehend dorthin entsandte Arbeitskräfte angewandt werden sollten. Diese Standards mussten sowohl für Inländer als auch für die Entsandten bzw. deren Arbeitgeber gelten, um eine Diskriminierung von EU-Ausländern zu vermeiden.

In Deutschland galt dies bis zur Einführung des gesetzlichen Mindestlohns nach dem eigens dafür geschaffenen Arbeitnehmerentsendegesetz insbesondere für allgemeinverbindliche Mindestlohn-Tarifverträge, für gesetzliche Höchstarbeitszeiten und den Mindesturlaub. In den Folgejahren entzündeten sich weitere Konflikte an der Um- und Durchsetzung der Entsenderichtlinie und verschiedenen Ausweichreaktionen wie der Beschäftigung von formal selbstständigen Arbeitskräften. Dies wird von Ländern mit hohen Arbeitskosten nach wie vor als eine Bedrohung etablierter Lohn- und Sozialstandards wahrgenommen, da in diesem Fall für die Entsendedauer die Rechtsvorschriften des Herkunftslandes gelten.

Hohe politische Symbolkraft, geringe empirische Bedeutung

Nach der jüngsten, im Wesentlichen auf die Initiative Frankreichs zurückgehenden Vereinbarung der Mitgliedstaaten vom Oktober 2017 sollen jetzt auch geltende Tariflöhne und Zuschläge im Aufnahmeland auf entsandtes Personal angewandt werden. Zusätzlich soll die Entsendung nur noch für zwölf Monate möglich sein, bevor das gesamte Recht des Aufnahmelandes Anwendung findet. Kostendifferenziale bestehen jedoch weiterhin bei den Sozialabgaben, die im Herkunftsland fällig werden. Auch wenn dies noch im Detail konkretisiert werden muss, der wichtige Logistiksektor ausgeklammert bleibt und die neuen Regeln noch unter dem Vorbehalt einer Zustimmung durch das Europäische Parlament stehen, bedeutet dies im Prinzip eine signifikante Verschärfung der bisherigen Regelung.

Grundsätzlich handelt es sich bei der Entsendung um eine rechtlich und politisch schwierige Frage. Verglichen mit der hohen politischen Symbolkraft ist die empirische Bedeutung der Arbeitnehmerentsendung jedoch begrenzt und konzentriert sich auf einige wenige Branchen. Auf europäischer Ebene entfielen 2015 knapp 1% der gesamten Beschäftigung auf entsandte Arbeitnehmer. Welches Recht dort anzuwenden sein soll, lässt sich nicht allein politisch klären – die neuen Regeln müssen auch vor dem Europäischen Gerichtshof Bestand haben können. Vor allem aber dürfte mit der neuen Vereinbarung ein erheblicher Informations- und Kontrollaufwand verbunden sein. Daher wäre es sinnvoller, die bereits jetzt geltenden Regeln im Hinblick auf verbindliche Mindeststandards besser zu implementieren und zu kontrollieren.

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Dieser Beitrag von Werner Eichhorst erschien in: Wirtschaftsdienst, 2017, 97 (11), 762.

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Wie der digitale Wandel die Geburtenrate beeinflusst

https://pixabay.com/en/student-typing-keyboard-text-woman-849828/Die mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird häufig als Grund für die sinkenden Geburtenzahlen in Deutschland genannt. Die fortschreitende Digitalisierung könnte das Problem lösen helfen, indem sie durch Home-Office-Lösungen und andere flexible Arbeitsmodelle die Entscheidung für ein Kind erleichtert. Ob sich ein solcher Effekt in der Realität belegen lässt, untersucht eine aktuelle IZA-Studie der italienischen Ökonomen Francesco C. Billari, Osea Giuntella und Luca Stella.

Die Grundvoraussetzung, um vom digitalen Wandel zu profitieren zu können, ist ein schneller Internetzugang. Die Autoren vergleichen daher regionale Unterschiede bei der Geburtenrate mit Daten zum Breitbandausbau in Deutschland. Um einen kausalen Effekt nachweisen zu können, nutzen sie die Methodik eines früheren IZA-Papers, das sich – vereinfacht gesagt – den Umstand zunutze macht, dass sich der Fortschritt beim DSL-Ausbau an technischen Gegebenheiten und nicht primär am Bedarf orientiert.

Digitalisierung beeinflusst Familienplanung von Akademikerinnen

Auf Basis von Befragungsdaten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) von 2008 bis 2012 zeigt die Analyse: Bei gut ausgebildeten Frauen im Alter von 25 bis 45 erhöht der Zugang zu schnellem DSL-Internet die Geburtenhäufigkeit um 9,3 Prozentpunkte. Der Zuwachs kommt vor allem dadurch zustande, dass sich Mütter häufiger für ein weiteres Kind entscheiden.

Dass die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf der ausschlaggebende Faktor zu sein scheint, lässt sich daran erkennen, dass in Regionen mit DSL-Verfügbarkeit die Häufigkeit von Heim- und Teilzeitarbeit zugenommen hat. Zugleich stieg die mit den Kindern verbrachte Zeit und die Lebenszufriedenheit.

Digitalisierungseffekt hängt vom Bildungsniveau ab

Doch der positive Effekt konzentriert sich vor allem auf Akademikerinnen. Bei Frauen unter 25 Jahren lässt sich kein signifikanter Anstieg der Geburtenhäufigkeit nachweisen. Eine mögliche Erklärung auf Basis früherer Studien sehen die Autoren darin, dass sich junge Frauen durch den schnellen Internetzugang eingehender über Geburtsrisiken und die Kosten von Kindern informieren, was vermehrt zu einem Aufschub der Familienplanung führen könnte.

Auch für Frauen mit niedrigerem Bildungsniveau erleichtert der digitale Wandel die Entscheidung für ein Kind offenbar nicht. Sie arbeiten häufig in Berufen, die sich für flexible Arbeitsformen weniger eignen. Die Forscher sehen daher einen potenziellen Trend zu einem „digitalen Geburtengefälle“ zwischen besser und schlechter ausgebildeten Frauen.

Download der Studie (IZA DP No. 10935):

Bildquelle: Pixabay
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Teenager-Töchter – ein Risikofaktor für Scheidungen?

Töchter im Teenie-Alter können die Ehe ihrer Eltern auf eine harte Probe stellen. Eine Analyse niederländischer Daten zeigt, dass das Scheidungsrisiko bei Paaren mit 15-jährigen Töchtern um 10% höher ist als bei Eltern mit 15-jährigen Söhnen. Bei jüngeren und älteren Kindern spielt das Geschlecht dagegen keine Rolle. Ebenfalls kein Unterschied zeigt sich, wenn die Väter selbst mit weiblichen Geschwistern aufgewachsen sind.

Zusätzlich zu den amtlichen Statistiken werteten die Forscher auch Umfragedaten aus: Demnach sind Eltern von Töchtern häufiger uneins über die richtige Erziehung. Auch berichten Teenager-Töchter häufiger von einem schlechten Verhältnis zu ihren Vätern als Jungen.

Bei Eltern höheren Alters oder mit Migrationshintergrund, die nach Einschätzung der Autoren eher zu traditionellen Geschlechterbildern neigen, erhöht sich das Scheidungsrisiko durch Töchter am deutlichsten. Das spricht laut Studie dafür, dass ein offener Umgang mit Rollenbildern innerhalb der Familie dazu beitragen kann, den Beziehungsstress aufgrund von Problemen mit heranwachsenden Töchtern zu mindern.

Lesen Sie mehr (in englischer Sprache):

Bildquelle: Pixabay
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Teilkrankschreibungen können betriebliche Fehlzeiten und Gesundheitskosten reduzieren

Bei Krankschreibungen gilt in Deutschland bislang die Alles-oder-Nichts-Regelung: Arbeitnehmer sind entweder arbeitsunfähig oder müssen die volle Arbeitsleistung erbringen. In der Realität sind krankgeschriebene Beschäftigte aber häufig willens und in der Lage, schrittweise und mit verringerter Stundenzahl in den Job zurückzukehren. Immer wieder wird daher das Modell der Teilkrankschreibungen diskutiert, das in Deutschland selten und nur auf freiwilliger Basis Anwendung findet.

Wie sich eine gesetzliche Verpflichtung zu Teilkrankschreibungen auf betriebliche Fehlzeiten und das Krankengeld auswirkt, untersucht ein aktuelle Studie von IZA-Fellow Øystein Hernæs (Institute for Social Research, Oslo) auf Basis einer in Norwegen durchgeführten Reform. Dort ist es seit 2004 gesetzlich vorgeschrieben, dass Krankgeschriebene so früh wie möglich, in der Regel nach spätestens acht Wochen, wieder teilweise in den Job zurückkehren.

Da die Reform jedoch in der Praxis nicht konsequent durchgesetzt wurde, entschied sich die Regierung der Region Hedmark, mit einer Reihe von Maßnahmen nachzuhelfen: Sachbearbeiter wurden geschult und Krankgeschriebene regelmäßig ermutigt, ihren Arbeitgeber wegen einer Rückkehr in Teilzeit zu kontaktieren. Zudem wurden Ärzte, Unternehmen und die Öffentlichkeit mit einer Informationskampagne aufgeklärt. Da diese Aktivierungsmaßnahmen regional begrenzt waren, konnte Hernæs die Effekte isoliert betrachten.

Schnellere vollständige Rückkehr in den Job

Die Ergebnisse zeigen deutlich die positiven Effekte des Programms: Betriebliche Fehlzeiten wurden um 12 Prozent verringert und das ausgezahlte Krankengeld reduziert. Die positiven Effekte stellten sich unabhängig von Geschlecht, Alter und Branche ein – nur nur im Baugewerbe fielen sie geringer aus. Am stärksten waren die positiven Arbeitszeiteffekte bei Arbeitnehmern mit Muskel-Skelett-Erkrankungen. Die positiven Effekte blieben jedoch nicht nur auf die in Teilzeit geleisteten Stunden beschränkt: Teilkrankgeschriebene Arbeitnehmer kehrten schneller wieder vollständig in den Job zurück.

Die Studienergebnisse zeigen somit die positiven Potenziale von Teilkrankschreibungen. In Deutschland besteht zwar mit dem sogenannten Hamburger Modell bereits jetzt die Möglichkeit, nach sechs Wochen Krankheit auf freiwilliger Basis wieder einige Stunden zur Arbeit zu gehen und in dieser Zeit weiterhin Krankengeld zu erhalten. Vorschläge zur Einführung einer gesetzlichen Grundlage zur Teilarbeitsunfähigkeit wurden jedoch bislang nicht weiter verfolgt.

Download der Studie (IZA DP No. 10991):

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IZA/XING-Studie: Beschäftigte in Deutschland haben keine Angst vor der Digitalisierung

Nur jeder achte Arbeitnehmer in Deutschland befürchtet, dass der eigene Arbeitsplatz durch Automatisierung bedroht sein könnte. Das geht aus einer aktuellen Auswertung der Studie „Arbeiten in Deutschland“ von IZA und XING hervor. In einer repräsentativen Befragung gaben 12,6 Prozent von 1.272 Beschäftigten zwischen 25 und 54 Jahren an, ihre aktuelle Tätigkeit könnte in den nächsten fünf Jahren durch den Einsatz moderner Technologien wegfallen. Unter den zusätzlich befragten 4.219 XING-Mitgliedern hielten sogar nur 2,3 Prozent ein solches Szenario für wahrscheinlich.

Die aktuelle Diskussion um ein „Ende der Arbeit“ aufgrund der fortschreitenden Digitalisierung wird insbesondere durch eine Studie der Universität Oxford (Frey und Osborne, 2013) befeuert, nach der in den USA jeder zweite Job durch Automatisierung bedroht sei. Auf Basis der gleichen Berechnungsmethode könnten in Deutschland rund 42% der bestehenden Arbeitsplätze durch den Einsatz von Robotern und Computern wegfallen. Berücksichtigt man jedoch, dass die Tätigkeitsprofile innerhalb einzelner Berufsgruppen stark variieren können und nicht gleichermaßen automatisierbar sind, sinkt der Anteil potenziell gefährdeter Jobs auf 12% (Bonin et al., 2015).

Männer sehen sich eher durch Automatisierung bedroht

Dieser weniger dramatische Befund deckt sich offenbar mit der Einschätzung der Arbeitnehmer selbst. In der IZA/XING-Studie schätzen Männer das Automatisierungsrisiko allerdings deutlich höher ein (16%) als Frauen (9,1%). Die Forscher führen diese Diskrepanz darauf zurück, dass Männer häufiger in körperlich anstrengenden Jobs tätig sind, in denen das Potenzial für den Einsatz von Maschinen noch am höchsten ist. Weibliche und männliche XING-Mitglieder, bei denen es sich überwiegend um „moderne Wissensarbeiter“ handeln dürfte, schätzten das Automatisierungsrisiko gleichermaßen gering ein.

Auffällige Unterschiede zeigten sich mit Blick auf das individuelle Problemlösungsverhalten. Nur 5,8% der Befragten, die nach eigenem Bekunden bei unvorhergesehenen Störungen der Arbeitsroutine selbst nach Lösungen suchen, sehen sich einem Automatisierungsrisiko ausgesetzt. Eher bedroht fühlen sich Arbeitnehmer, die im Störungsfall üblicherweise Vorgesetzte bzw. Kollegen verständigen. Hier gaben 15,5% bzw. 29,7% der Befragten an, ihr Job könnte der Automatisierung zum Opfer fallen.

Wandlungsfähig bleiben, Chancen nutzen

IZA-Chef Hilmar Schneider sieht durch die Studienergebnisse bestätigt, dass die Beschäftigten dem Wandel der Arbeitswelt mit Zuversicht begegnen sollten, statt sich von Schreckensszenarien verunsichern zu lassen: „Die Menschheit hat bis heute jeden technologischen Wandel – vom Webstuhl bis zum Internet – bewältigt, obwohl die Auswirkungen vorher kaum vorhersehbar waren. Wichtig ist, dass wir wandlungsfähig bleiben und die Chancen nutzen, statt uns vor den Risiken zu fürchten.“

Der Blick auf die Automatisierung werde oft durch eine asymmetrische Wahrnehmung verzerrt. Diejenigen Tätigkeiten, die durch neue Technologien überflüssig werden, seien recht einfach zu erkennen. „Die menschliche Fantasie versagt aber regelmäßig, wenn es darum geht, sich neue Tätigkeitsfelder und Bedürfnisse vorzustellen“, so Schneider. Bislang hätten sich untergehende und entstehende Jobs noch immer die Waage gehalten. Der IZA-Chef sieht aber auch das Bildungs- und Ausbildungssystem in der Pflicht, sich noch stärker auf die Vermittlung von Zukunftskompetenzen zu konzentrieren. Neben rein fachlichen Qualifikationen sind dabei immer mehr auch sogenannte „Soft Skills“ wie beispielsweise Kreativität, soziale Intelligenz, Verantwortungsbewusstsein und unternehmerisches Denken von Bedeutung.

Lesen Sie hier ein ausführlichere Analyse mit weiteren Grafiken (PDF).

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