Gegen den Akademisierungswahn

Hilmar Schneider

Die steigende Zahl von Studiengängen führt nicht zu besseren Jobchancen. Nötig sei ein stärker nachfrageorientiertes System der beruflichen Bildung, fordert IZA-Chef Hilmar Schneider in einem Gastbeitrag für die Wirtschaftswoche.

Während das duale Ausbildungssystem relativ passgenau den im Markt benötigten Qualifikationsbedarf abdecke, sei die Expansion und zunehmende Spezialisierung der akademischen Ausbildung weitgehend angebotsgetrieben, kritisiert der Arbeitsmarktexperte.

Für den Zertifizierungsprozess neuer Studiengänge sei „leider unerheblich“, ob es für den Abschluss überhaupt eine Nachfrage am Arbeitsmarkt gebe. So fänden sich an deutschen Hochschulen inzwischen „illustre“ Bachelorabschlüsse in Alternativem Tourismus, Angewandten Kindheitswissenschaften oder Baustellenmanagement. „Es darf bezweifelt werden, dass eine derartige Horizontverengung den Einstieg ins Berufsleben erleichtert“, so Schneider.

Schneiders Vorschlag: „Es müsste nach Hochschule und Studiengang offen zugänglich gemacht werden, was aus den Absolventen später geworden ist.“ Auf diese Weise entstünde Markttransparenz, die einen heilsamen Qualitätswettbewerb der Hochschulen in Gang setzen und junge Menschen vor Fehlentscheidungen bewahren könne.

Lesen Sie den Gastbeitrag im Volltext:

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Akzeptanz von Staatsausgaben sinkt mit steigender Kenntnis

Die schwäbische Hausfrau gilt gemeinhin als Vorbild für deutsche Sparsamkeit. Spätestens seit sich die Bundesregierung dieses Bild zu eigen gemacht hat, kennt jeder die Maxime, nach der der Staat nicht mehr ausgeben soll als er einnimmt. Aber weiß der Bürger überhaupt, wie viel der deutsche Staat tatsächlich für öffentliche Aufgaben ausgibt?

Viele Ökonomen blicken mit Skepsis auf einen Trend steigender Staatsausgaben, der sich nicht nur in Deutschland beobachten lässt. In den OECD-Staaten belief sich die Staatsquote, also der Anteil öffentlicher Ausgaben am Bruttoinlandsprodukt, im Jahr 2014 auf durchschnittlich 22 Prozent, Tendenz steigend:

SOCX2014

Anteil öffentlicher Ausgaben am BIP (in Prozent) für 2007 und 2014 sowie zwischenzeitliche Höchststände.
Quelle: OECD Social Expenditure Database.

Aus politökonomischer Sicht ist die Höhe der Staatsquote Ergebnis des Wählerwunsches. Fraglich ist alerdings, ob die Bürger sich der Ausgabenentwicklung bewusst sind und diese mittragen. Daher untersuchten die Forscher Philipp Lergetporer, Guido Schwerdt, Katharina Werner und Ludger Woessmann (LMU, ifo & IZA) in einem neuen IZA Discussion Paper, ob die öffentliche Meinung über staatliche Ausgaben auf realistischen Annahmen beruht. Sie wollten herausfinden, ob eine bessere Kenntnis der tatsächlichen Höhe der deutschen Staatsausgaben die Zustimmung der Bürger dazu beeinflusst.

Im Rahmen ihrer Studie wurden über 4.000 Bundesbürger nach ihrer Meinung zu einer Erhöhung der deutschen Staatsausgaben gefragt. Dabei wurden die Befragten zufällig in zwei Gruppen eingeteilt. Die erste Gruppe erhielt vor der Befragung aktuelle Zahlen über die öffentlichen Ausgaben nach Aufgabenbereichen: 227 Milliarden Euro für Arbeit und Soziales, 95 Milliarden Euro für Bildung, 38 Milliarden Euro für die öffentliche Sicherheit, 27 Milliarden Euro für Verteidigung und 10 Milliarden Euro für Kulturausgaben. Die Kontrollgruppe erhielt keine Informationen und musste ihre Meinung auf Grundlage der eigenen Einschätzung äußern.

Das Ergebnis: Die informierten Befragten waren weitaus weniger bereit, einer Erhöhung der öffentlichen Ausgaben zuzustimmen als die uninformierten Befragten. Wie Diagramm 1 zeigt, konnten die Forscher in allen abgefragten Haushaltsfeldern einen eindeutigen Zusammenhang zwischen den zur Verfügung gestellten Informationen und der Akzeptanz höherer staatlicher Ausgaben feststellen.

Die Tatsache, dass die Kenntnis der tatsächlichen Staatsausgaben zu deutlich anderen Ergebnissen führt, legt den Schluss nahe, dass viele Bundesbürger die tatsächliche Höhe der öffentlichen Ausgaben unterschätzen. Diesen Befund überprüften die Forscher anhand einer Folgebefragung. Hier zeigte sich, dass tatsächlich nur diejenigen Befragten ihre Meinung aufgrund der Informationen änderten, die auch vorher die staatlichen Ausgaben geringer eingeschätzt hatten.

Zweitens zeigt sich, dass die Akzeptanz öffentlicher Ausgaben zu großen Teilen auf falschen oder verzerrten Informationen beruht. Je besser die Bürger über die tatsächliche Höhe öffentlicher Ausgaben informiert sind, desto weniger unterstützen sie weitere Erhöhungen. Besonders beim Bildungsetat sinkt die Bereitschaft für eine Ausgabensteigerung, je genauer die Befragten informiert sind.

Lesen Sie das komplette englischsprachige Paper (IZA DP No. 9968):

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Ein Tor vor der Halbzeit würde dem Spiel gut tun… oder nicht?

https://pixabay.com/en/the-ball-stadion-football-the-pitch-488700/Die Fußball-Europameisterschaft geht in ihre entscheidende Phase. Viele Spiele wurden mit nur wenigen Toren entschieden, die obendrein erst sehr spät oder gar in der Nachspielzeit erzielt worden sind. Die Reporter hatten häufig genug Gelegenheit, eine alte Fußballerweisheit wieder auszugraben: Ein Tor kurz vor der Halbzeitpause bringt einen psychologischen Vorteil und steigert die Siegchancen. Aber hält dieser Mythos dem Praxistest stand? Dieser Frage gehen Stijn Baert und Simon Amez in einem aktuellen IZA Discussion Paper auf den Grund.

Die Forscher der belgischen Universität untersuchten 1.179 Spiele der Champions League und Europa League aus den Jahren 2008-2014. Für ihre Analyse berücksichtigten sie neben dem Spielverlauf auch diverse Einflussfaktoren wie zum Beispiel rote Karten.

Das Ergebnis: Im Vergleich zu Treffern während des restlichen Spiels bringt ein Last-Minute-Tor vor der Halbzeit keinen nennenswerten Vorteil. Für Heimmannschaften wirkt es sich sogar nachteilig aus.

“Schießt die Heimmannschaft ein Tor in der 45. Minute, dann fällt der Endstand für sie um durchschnittlich ein halbes Tor ungünstiger aus, als wenn der Treffer zu einem anderem Zeitpunkt erzielt wurde”, erläutert IZA-Fellow Stijn Baert.

Abnehmender Druck, Selbstüberschätzung und Taktikfehler

Die Sportpsychologie liefert dazu drei Erklärungsansätze:

  1. Ein Tor kurz vor der Pause kann die gesunde Anspannung der Spieler bewusst oder unbewusst reduzieren und zu Konzentrationsschwächen im restlichen Spielverlauf führen. Diese Erklärung deckt sich mit weiteren Ergebnissen des belgischen Forscherteams: Ein Tor der Heimmannschaft kurz vor der Pause erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass das erste Tor der zweiten Halbzeit ein Gegentreffer ist.
  2. Unter dem Eindruck des jubelnden Publikums gehen die Heimmannschaften womöglich allzu siegessicher in die Kabine und neigen zur Selbstüberschätzung. Denkbar ist ebenso, dass die Erfolgserwartung einen negativen Druck aufbaut.
  3. Auch der objektive Blick des Trainer könnte durch den positiven Spielverlauf getrübt sein und ihn dazu verleiten, die Mannschaft für die zweite Halbzeit zu defensiv einzustellen.

Ähnliche Effekte zeigen sich übrigens auch für ein Tor kurz nach der Halbzeitpause. Ein Treffer in den ersten fünf Minuten nach Wiederanpfiff bringt (im Vergleich zu Toren im restlichen Spielverlauf) keinen statistisch messbaren Vorteil für den Endstand.

Fußball und Ökonomie

Warum beschäftigen sich Ökonomen mit Fußball? Nicht nur aus rein sportlichem Interesse – oder weil der Fußball längst ein Milliardengeschäft ist. Auch für die Personalökonomik liefert der Sport mit seinen präzisen und umfangreichen Leistungsdaten wertvolle Erkenntnisse zu Aspekten wie Motivation, Teamwork, Leistungsdruck und Produktivität.

Lesen Sie die englischsprachige Studie im Original (IZA DP No. 9980):

Bildquelle: Pixabay
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Rekordverdächtig: Über 10.000 IZA Discussion Papers online

DP_TriviaSeit 1998 sind die IZA Discussion Papers das Flaggschiff des IZA. Hier stellen die mehr als 1.400 Mitglieder des weltweiten IZA-Netzwerks ihre neuesten Forschungsarbeiten zur Diskussion, schon bevor sie in Fachzeitschriften eingereicht und publiziert werden. Auf diese Weise beschleunigen die online kostenlos verfügbaren IZA Discussion Papers die fachliche Debatte um die Zukunft der Arbeit und erzielen eine enorme weltweite Reichweite. Kaum eine andere vergleichbare Schriftenreihe kann eine solche Resonanz vorweisen. Das thematische Spektrum spiegelt dabei alle Facetten der Arbeitsökonomie wieder.

Im soeben erschienenen IZA-Diskussionspapier Nr. 10000 liefern Nobelpreisträger James J. Heckman und Rasmus Landersø einen aufschlussreichen Vergleich zur sozialen Mobilität in Dänemark und den USA:

Ein effizienter Publikationsprozess sorgt dafür, dass inzwischen rein rechnerisch alle zehn Stunden ein neues IZA-Diskussionspapier erscheint. Auch die Zahl von mehr als 33 Millionen Downloads von Volltexten seit Beginn unserer Datenerfassung im Jahr 2002 spricht für sich – das erfolgreichste IZA Discussion Paper wurde 215.000 Mal abgerufen.

IZA-Chef Hilmar Schneider und Netzwerk-Koordinator Dan Hamermesh betonen den hohen Wert, den das IZA dem kontinuierlichen Ausbau der Schriftenreihe beimisst:

“The IZA discussion paper series has had an enormous impact on establishing IZA’s reputation as a top-level research institution in labor economics – and it will continue to play a key role. Providing an efficient platform for researchers to disseminate their work at an early stage, the IZA discussion papers stimulate constructive feedback from peers. They serve as an invaluable device of scientific quality control, and I dare say this series has its own merits in shaping labor economics as an important sub-discipline within economics.”
Hilmar Schneider (CEO of IZA)

hamermesh“The first IZA Discussion Paper appeared in April 1998.  While not there yet, the IZA Discussion Paper series is now much nearer to being, “… as the stars of the heaven, and as the sand which is upon the seashore….” [Genesis 22:17] And like the stars of the heaven, the Discussion Papers have illuminated very wide areas. They are central to the lives of professional economists, experts on labor and increasingly journalists and policy makers, and are a testimony to the usefulness of the IZA Network of scholars and experts.”
Daniel S. Hamermesh (Chief Coordinator of the IZA Network)

Lesen Sie außerdem, was Mitglieder des IZA-Netzwerks zur Erfolgsgeschichte der IZA Discussion Papers sagen:

jjh“Throughout its history, the IZA Discussion Paper series has been a major outlet for new research in labor economics and related fields such as family economics, demographic economics and the methodology that supports serious empirical research. It provides an opportunity for very diverse scholars and methodologies to share ideas, to take fresh approaches to old problems and to pose new problems free of the threat of censoring, publication bias, or club membership bias. The series deserves the highest praise for disseminating a variety of good ideas and path-breaking analyses, and helping make economics an open and vigorous field.”
James J. Heckman (University of Chicago), 84 IZA DPs

machin“Over the years the IZA Discussion Paper series has been an invaluable resource for labour economists worldwide, and many papers have subsequently appeared in the economics profession’s leading academic journals.  To me, they have proven to be a great outlet both for my own work and for getting early previews of cutting edge research being undertaken in labour economics.”
Stephen Machin (University College London & LSE)

“The IZA Discussion Paper series has been instrumental in ensuring that my work always has the greatest visibility among the world’s best economists.  Over time, the stock of knowledge contained in this series has become quite extraordinary.  It’s an invaluable resource when reviewing what is happening not only in labor economics research, but in economics research more generally.”
Deborah A. Cobb-Clark (University of Sydney)

vanours“The IZA DP series is an ever growing ocean of knowledge about labor economics issues. The series is interesting for students who want to learn about state of the art research. The series is also interesting for experienced researchers who want to remain up-to-date with the research output of colleagues. Contributing to the series means that your work will be read and cited. I think the IZA DP series is an asset for the research community in support for the advancement of science.”
Jan C. van Ours (Tilburg University)

vivarelli“The IZA DP series is both a prompt and permanent way to disseminate your research outcomes. It is prompt since your fresh research results can be immediately transmitted to the relevant scientific community within a few weeks; it is permanent since IZA DPs are so well diffused and reputed globally that they keep on being read and downloaded for years, sometimes more read and cited than regular journal articles.”
Marco Vivarelli (Università Cattolica del Sacro Cuore – Milano),
co-author of the all-time top downloaded IZA DP

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Automatische Stabilisatoren: Relikt oder effektives Kriseninstrument?

https://pixabay.com/en/stones-stacking-rock-balance-678557/Im Zuge der letzten Weltwirtschaftskrise haben sich Forschung und Politik wieder stärker mit der Bedeutung so genannter automatischer Stabilisatoren auseinandergesetzt, die seit den 1970er Jahren in Verruf geraten waren. Gemeint sind fiskalische Mechanismen, mit denen die Konjunktur automatisch und antizyklisch gedämpft oder stimuliert wird. Dazu zählt etwa die Arbeitslosenversicherung mit ihren je nach Konjunkturverlauf schwankenden Einnahmen und Auszahlungen.

Gerade in einer Rezession können automatische Stabilisatoren eine Schlüsselrolle für das Funktionieren moderner Sozialstaaten einnehmen: Wenn die Wirtschaft schrumpft, steigen Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit, was dazu führt, dass ein größerer Teil der Bevölkerung Anspruch auf Arbeitslosen- oder Sozialhilfe erhält und niedrigeren Einkommensteuersätzen unterliegt. Davon gehen tendenziell wiederum positive Effekte für die Gesamtnachfrage aus.

Politische Eingriffe in die Konjunktur

Automatische Stabilisatoren stellen somit prinzipiell eine Einflussmöglichkeit einer aktiven Fiskalpolitik auf den Wirtschaftsverlauf dar. Im Rahmen einer solchen aktiven Steuerpolitik können Sozialleistungen und Steuererleichterungen als Gegenmaßnahmen gegen eine drohende Krise beschlossen werden, um die Nachfrage und damit die Wirtschaft weiter anzukurbeln.

Was in der Theorie gut klingt, muss in der Praxis allerdings nicht (immer) funktionieren: Zahlreiche Politikmaßnahmen mit dem Ziel dieses „Nachfragemanagements“ sind in der Vergangenheit fehlgeschlagen. Statt dessen wurden in jüngerer Zeit im Rahmen von strukturellen Arbeitsmarktreformen, wie beispielsweise den Hartz-Reformen in Deutschland, in einigen Ländern die beschäftigungsbezogenen Steuern sowie die Arbeitslosenunterstützung gekürzt, um die Arbeitsanreize zu steigern.

An dieser Stelle prallen zwei politische Denkrichtungen aufeinander: Soll zur Abwehr einer Krise die Generosität von Arbeitslosenversicherungen erhöht werden, um die Wirkung der automatischen Stabilisatoren zu erhöhen? Oder ist es sinnvoller, die Generosität einzuschränken, um Erwerbsarbeit attraktiver zu machen und die Liquidität des Arbeitsmarktes zu erhöhen?

Zwischen Anreizorientierung und Risikoabsicherung

Ein kürzlich im IZA Journal of European Labor Studies erschienener Artikel des dänischen Arbeitsökonomen Torben M. Andersen (Universität Aarhus und IZA) zeigt, dass sich dieser Glaubensstreit längst überlebt hat. Arbeitsmarktreformen sind vor allem dann erfolgreich, wenn sie einen klugen Kompromiss zwischen Anreizorientierung und Risikoabsicherung finden.

Befürworter der automatischen Stabilisatoren vernachlässigten häufig die zunehmende Schwierigkeit des “Matchings” zwischen Arbeitssuchenden und offenen Stellen. Mit einer darauf abgestimmten Arbeitsmarktpolitik sei es möglich die automatischen Stabilisatoren zu stärken, ohne dabei vorhandene Anreizstrukturen für Beschäftigung und Arbeitssuche zu beeinträchtigen.

Gemeinsame europäische Arbeitslosenversicherung

In derselben Ausgabe des IZA Journal of European Labor Studies befasst sich auch der ehemalige EU-Kommissar für Beschäftigung, Soziales und Integration, László Andor (Mercator Senior Fellow der Hertie School of Governance) mit diesem Thema. Er warnt davor, dass ohne automatische Stabilisatoren eine Währungsunion nur schlecht funktionieren und auf lange Sicht nicht nachhaltig sein könne.

Zudem spricht sich Andor für eine gemeinsame europäische Arbeitslosenversicherung aus, bei der ein Teil der nationalen Arbeitslosenunterstützung durch eine vergemeinschaftete Versicherung ersetzt wird. Dies würde sich seiner Einschätzung nach sowohl wirtschaftlich positiv auswirken als auch die Bürger Europas direkter einbinden. Hinsichtlich der Durchsetzbarkeit einer Reform der Wirtschafts- und Währungsunion, durch die Kosten und Nutzen gerechter verteilt werden könnten, zeigt sich Andor allerdings skeptisch.

Lesen Sie die beiden Artikel im Volltext:

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Wie die Börse auf Änderungen beim Mindestlohn reagiert

stockDie wirtschaftlichen Folgen der Einführung gesetzlicher Lohnuntergrenzen sind nicht nur in Deutschland (wo der allgemeine Mindestlohn erst seit dem 1. Januar 2015 gilt) Gegenstand kontroverser Debatten. Sorgen Mindestlöhne für Einbußen bei den Unternehmensgewinnen und demzufolge für Rationalisierung und Beschäftigungsabbau?

Zahlreiche ökonomische Untersuchungen, darunter aktuelle IZA-Diskussionspapiere wie Bazen/Marimouto (2016), Lin/Yun (2016), Muravyev/Oshchepkov (2015) oder Kabátek (2015), gehen dieser Frage nach und analysieren die Folgen von Mindestlöhnen für den Arbeitsmarkt, das Lohngefälle oder die Produktivität einzelner Unternehmen. Darüber hinaus kann die Einführung eines Mindestlohns jedoch auch an den Aktienmärkten erhebliche Folgewirkungen haben – ein bislang wenig untersuchter Effekt.

Kursverluste nach überraschender Mindestlohn-Ankündigung

Um wissenschaftlich belegen zu können, wie sich Änderungen an der Lohnuntergrenze auf den Börsenwert eines Unternehmens auswirken können, müssen Schwankungen des Aktienpreises eindeutig auf die Mindestlohn-Ankündigung zurückzuführen sein. Das wird in der Praxis dadurch erschwert, dass die Einführung oder Erhöhung des Mindestlohns meist im Vorfeld diskutiert wird und insofern nicht völlig unerwartet kommt.

Mit einer Ausnahme: Im Juli 2015 kündigte die britische Regierung überraschend an, den seit 1999 bestehenden Mindestlohn (National Minimum Wage) durch die landesweite Einführung eines neuen “existenzsichernden” Lohnes (National Living Wage) zu ergänzen. Dadurch sollte die Lohnuntergrenze für alle Arbeitnehmer über 25 Jahren ab April 2016 um satte 11 Prozent steigen.

Da diese Politikänderung – zumal von einer konservativen Regierung – weder von politischen Beobachtern noch von der Börse erwartet worden war, schlug sie sich unmittelbar in den Aktienkursen nieder. Die britischen Ökonomen Brian Bell (University of Oxford) und IZA-Fellow Stephen Machin (University College London) analysieren die Auswirkungen in einem neuen IZA Discussion Paper.

Bell und Machin beobachteten minutengenau, wie sich der Börsenwert einzelner Unternehmen ab dem Zeitpunkt veränderte, als der britische Finanzminister die Einführung des “National Living Wage” in seiner Haushaltsrede am 8. Juli 2015 ankündigte. Tatsächlich waren schon nach wenigen Minuten deutliche Kursverluste erkennbar.

Die Forscher unterschieden dabei zwischen Unternehmen mit hohem Anteil an Geringverdienern, die vom neuen NLW begünstigt werden sollten (NLW Firms), und solchen mit Durchschnittslöhnen deutlich über Mindestlohnniveau (Non-NMW Firms), die durch die Gesetzesänderung kaum betroffen sein würden.

Keine negativen Beschäftigungseffekte zu erwarten

Während sich der Wert der Firmen mit höheren Löhnen (Non-NMW) schnell wieder erholte, hielt der Kursrückgang bei den NLW-Unternehmen an. Einen Tag nach der Ankündigung hatten die Aktien der Niedriglohnfirmen um 1,2 Prozent an Wert verloren, fünf Tage nach der Ankündigung stabilisierte sich der Wertverlust zwischen zwei und drei Prozent.

Damit entsprach der notierte Börsenwertverlust in etwa den Einbußen an Profitabilität, die die Firmen aufgrund des angekündigten “Lohnschocks” hinnehmen müssen. Dennoch planen die betroffenen Unternehmen den Autoren zufolge keinen Stellenabbau, sondern wollen die Mehrkosten primär über Preiserhöhungen und Effizienzsteigerungen kompensieren.

Die Studie von Bell und Machin verdeutlicht, dass allein die bloße Ankündigung von einschneidenden politischen Eingriffen in den Arbeitsmarkt schon vor deren eigentlicher Umsetzung erhebliche Nebeneffekte haben kann.

Download der englischsprachigen Studie:

Bildquelle: pixabay
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Strategien zur Förderung von Unternehmensgründungen

https://pixabay.com/en/business-plan-startup-strategy-891339/Neu gegründete Unternehmen tragen überproportional zur Schaffung von Arbeitsplätzen bei und fördern zudem Wettbewerb, Wachstum und Innovationen. Im Jahr 2014 wurden durch Neugründungen 745.000 neue Vollzeitstellen geschaffen, von denen mehr als ein Drittel in den neuen Unternehmen selbst beschäftigt waren. Politikmaßnahmen zur Förderung von Existenzgründern und positiven Unternehmensentwicklung haben folglich eine hohe Arbeitsmarktrelevanz.

Allerdings besteht dabei auch die Gefahr, den Wettbewerb, in dem die Unternehmen letztlich bestehen müssen, durch staatliche Eingriffe zu verzerren. Wissenschaftliche Evaluationen von Existenzgründungsprogrammen sind deshalb ein wichtiger Baustein einer nachhaltigen Politik. Drei kürzlich veröffentlichte Beiträge des Online-Kompendiums IZA World of Labor (IZA WoL) und ein neues IZA Discussion Paper liefern Einblicke in aktuelle Forschungserkenntnisse, die sich mit Bedingungen und Strategien zur Förderung erfolgreicher Unternehmensgründungen beschäftigen.

Kreative Zerstörung und Startup-Finanzierung

Ramana Nanda (Harvard Business School) weist in seinem  IZA WoL-Beitrag darauf hin, dass ein großer Teil der neu entstehenden Arbeitsplätze aus dem stetigen Prozess des Scheiterns und Neugründens von Unternehmen resultiert. In diesem Prozess der „kreativen Zerstörung“, in dem bestehende Unternehmen durch effizientere ersetzt werden, spielen junge Unternehmen eine wichtige Rolle, da sie einerseits besonders häufig scheitern, aber auch überdurchschnittlich viele neue Jobs schaffen.

Nanda empfiehlt Regierungen, sich weniger auf die Förderung einzelner „Champions“ zu fokussieren, sondern stattdessen ein günstiges Umfeld sowohl für Unternehmen als auch für Banken und Investoren zu schaffen. Als zentrale Elemente nennt er einen hohen Rechtsschutz für Investoren und Unternehmer, einen flexiblen Arbeitsmarkt, geringe bürokratische Hürden für Unternehmensgründer und gute soziale Sicherungssysteme, die Unternehmer im Fall des Scheiterns auffangen können.

Auch der Zugang zu Startkapital durch Banken und andere komplementäre Institutionen spielt für Anzahl und Erfolg von Neugründungen eine wichtige Rolle. So habe in Deutschland das stark auf Banken ausgerichtete Finanzsystem, in dem Venture-Capital-Finanzierung eher schwach ausgeprägt ist, dazu beigetragen, dass die Biotech-Industrie hierzulande nur relativ schwach vertreten ist.

Körperschaftssteuer beeinflusst Unternehmensdichte

Jörn Block (Universität Trier) untersucht in seinem Beitrag für IZA WoL den Einfluss des Körperschaftssteuersatzes auf Unternehmensgründungen. Erwartungsgemäß zeigt seine Analyse weltweiter Daten, dass ein höherer Körperschaftssteuersatz zu einer geringeren Unternehmensdichte und weniger Neugründungen führt. Allerdings gehen damit nicht zwingend nur  negative Effekte einher: Ein höherer Steuersatz wirkt auch als Zugangsbarriere, so dass sich nur „gesunde“, mit mehr Kapital ausgestattete Unternehmen am Markt etablieren können.

Potenzial weiblicher Unternehmensgründerinnnen besser nutzen

Der WoL-Beitrag von Siri Terjesen befasst sich mit weiblichen Unternehmensgründern und der Frage, wie sich ihre Potenziale besser nutzen lassen. Als zentrales Element sieht Terjesen die Stärkung des Sozialkapitals der Gründerinnen. Durch Mentorenprogramme und Unternehmernetzwerke könnten sie gezielten Zugang zu Wissen, Erfahrung und Kontakten bekommen, die bei der eigenen Unternehmensgründung helfen können.

Ein kritischer Punkt für Existenzgründerinnen sind Benachteiligungen beim Zugang zu Kapital. Sie sind häufiger auf informelle Quellen, d.h. auf eigene Rücklagen oder Geld von Freunden oder Bekannten angewiesen. Terjesen empfiehlt, Frauen besseren Zugang zu Finanzierung durch Banken, Business Angels und Venture-Capital-Unternehmen ermöglichen. Nur so könnedas ökonomische Potenzial weiblichen Unternehmertums, das in der Regel sehr innovativ und exportorientiert ist, ausgeschöpft und durch Vorbildeffekte für andere potenzielle Gründerinnenen noch erweitert werden.

Auswirkung von Persönlichkeit auf Unternehmertum

Dass die Persönlichkeit von Existenzgründern und ihre Eigenschaften wie Kreativität, Risikobereitschaft und Führungsstärke eine wesentliche Rolle mit Blick auf den Unternehmenserfolg spielen, haben Studien wiederholt deutlich gemacht. Das IZA Discussion Paper eines Forscherteams um Jutta Viinikainen (Jyväskylä University) untersucht, wie sich die bei Jugendlichen gemessenen “Typ-A”-Persönlichkeitsmerkmale (Aggressivität, Führung, Verantwortung und Eifer/Energie) im Erwachsenenalter auf die Entscheidung für die Selbstständigkeit und den unternehmerischen Erfolg auswirken. Die Ergebnisse zeigen, dass von den vier genannten Merkmalen offenbar nur die Eigenschaft „Führung“ für die unternehmerische Neigung im Erwachsenenalter tatsächlich relevant ist.

Die Studie untermauert zudem, wie stark der Unternehmerstatus von Eltern sich auf das Existenzgründungsverhalten ihrer Kinder auswirkt. Neben potenziellen finanziellen Vorteilen oder der Möglichkeit das Familienunternehmen zu übernehmen, übertragen Eltern ihren Kindern häufig auch Fähigkeiten, die für eine erfolgreiche Unternehmensführung wichtig sind.

Die Fachbeiträge im Überblick:

Bildquelle: pixabay
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IZA-Preis 2016 geht an die Harvard-Ökonomin Claudia Goldin

Goldin

Claudia Goldin

Der diesjährige IZA Prize in Labor Economics geht an Claudia Goldin. Die Wirtschaftsprofessorin an der Harvard University erhält die mit 60.000 Euro dotierte Auszeichnung für ihr Lebenswerk zur Rolle der Frau in der Geschichte von Wirtschaft, Bildung und Arbeitsmarkt. Die Entscheidung traf das sechsköpfige IZA-Preiskomitee aus international führenden Ökonomen, darunter fünf ehemalige Preisträger. Die offizielle Preisverleihung findet im Rahmen der Jahrestagung des Ökonomenverbands AEA am 6. Januar 2017 in Chicago statt.

Weitere Informationen über den akademischen Werdegang der Preisträgerin, ihre “Detektivarbeit” als Wirtschaftshistorikerin und Arbeitsökonomin sowie ihre Forschungserkenntnisse zur geschlechtsspezifischen Ungleichheit finden Sie hier:

[mehr über den IZA-Preis]

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Soziales Engagement im Lebenslauf signalisiert Teamfähigkeit

MHeinz

Matthias Heinz

Karriereberater stellen gern die Bedeutung von sozialem Engagement und freiwilliger Arbeit für den eigenen Lebenslauf heraus. Wer sich außerhalb der Berufsausbildung und der Arbeit engagiere, signalisiere positive Charaktereigenschaften, die von Personalern als wertvoll angesehen würden. Eine aktuelle Studie von Matthias Heinz (Universität Köln) und Heiner Schumacher (KU Leuven) stellt den Wahrheitsgehalt dieser landläufigen Meinung auf den Prüfstand.

Über die Ergebnisse sprachen wir mit Matthias Heinz anlässlich seiner Präsentation im IZA-Forschungsseminar.

IZA: Soziales Engagement von Mitarbeitern hat keinen direkten Mehrwert für das Unternehmen. Warum interessieren sich Personaler trotzdem dafür?

MH: Ein wachsender Anteil der Wertschöpfung in Firmen findet in Teams statt. Die Arbeit in Teams ermöglicht es, verschiedene Sichtweisen, Fähigkeiten und Erfahrung zu nutzen, um Produkte zu kreieren, die ein einzelnes Individuum nicht hervorbringen könnte. Daher ist es wenig verwunderlich, dass viele Firmen von ihren Bewerbern „Teamfähigkeit“ verlangen. Soziales Engagement zu zeigen, erlaubt darauf einen gewissen Rückschluss.

Was heißt denn eigentlich Teamfähigkeit?

Ein wichtiger Aspekt ist die Bereitschaft, sich selbst dann aktiv an einem Teamprojekt zu beteiligen, wenn sich daraus keine persönlichen Vorteile ergeben. Jeder hat schon einmal im Studium, im Verein oder im Betrieb erlebt, dass sich ein Kollege vor der Teamarbeit gedrückt hat und alle anderen dafür mehr arbeiten mussten. „Trittbrettfahrer“ sind ein Ärgernis für alle Beteiligten, weil sie die Motivation der Kollegen senken und womöglich den Erfolg des Projekts gefährden.

Nun wird sich ja in der Bewerbung wohl niemand als Trittbrettfahrer outen… Wie beweise ich denn, dass ich ein „echter“ Teamplayer bin?

In unserem Forschungsprojekt zeigen wir, dass Bewerber mit intensivem sozialen Engagement im Lebenslauf glaubhaft signalisieren können, dass sie bereit sind, sich bei Teamprojekten aktiv zu beteiligen – auch wenn sich hieraus kein direkter persönlicher Vorteil ergibt. Außerdem zeigen wir, dass Personalmanager Informationen über soziales Engagement in einem Lebenslauf effektiv nutzen, um die „Teamfähigkeit“ eines Bewerbers einzuschätzen.

Spielt es eine Rolle, wo sich junge Menschen engagieren und in welchem Umfang? 

Es spielt sogar eine große Rolle: Insbesondere Menschen, die über mehrere Jahre ehrenamtlich eine Leitungsfunktion in einer sozialen Einrichtung ausüben (etwa als Jugendleiter in der Kirchengemeinde) oder sich für Menschen mit Behinderungen engagieren, können hiermit signalisieren, dass sie bei Teamprojekten bereit und in der Lage sind, sich aktiv zu beteiligen.

Können Studierende also ihre späteren Berufschancen erhöhen, indem sie sich strategisch sozial engagieren?

Das kann durchaus in gewissem Maße zielführend sein. Unsere Ergebnisse zeigen, dass Personaler auch bei jungen Menschen mit geringem sozialen Engagement eine etwas höhere Bereitschaft zur Teamarbeit annehmen. Wer jedoch wirklich klar signalisieren will, sich in Teams kooperativ zu verhalten, muss schon über mehrere Jahre intensiv engagiert sein. Die dafür nötige Zeit und Mühe zu investieren ist natürlich nicht jedermanns Sache.

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Gibt es einen Markt für Krankschreibungen?

In Deutschland müssen Arbeitnehmer spätestens ab dem dritten Krankheitstag ein ärztliches Attest vorlegen. Zuständig für die Überprüfung und Bescheinigung der Arbeitsunfähigkeit ist der behandelnde Arzt, der zugleich mit der Betreuung der Patienten seinen Lebensunterhalt verdient. Dass sich aus dieser Doppelfunktion Widersprüche im Hinblick auf ökonomische Anreize ergeben können, ist offenkundig.

Denn bei freier Arztwahl liegt es einerseits nahe, dass sich Arbeitnehmer tendenziell für Ärzte entscheiden, die dem Vernehmen nach großzügiger krankschreiben. Umgekehrt unterliegen Ärzte der Versuchung, dies bei ihrem Bemühen um die Gewinnung neuer Patienten einzukalkulieren.

Ob sich dieser Effekt in der Praxis nachweisen lässt, untersuchen Knut Røed und Simen Markussen (Ragnar Frisch Centre for Economic Research, Oslo) in einem aktuellen IZA Discussion Paper am Beispiel Norwegens. Die Ökonomen kombinierten verschiedene Datensätze und berechneten für einzelne Ärzte einen „Großzügigkeitsindikator“ in Bezug auf Krankschreibungen. Die Analyse ergab, dass sich Patienten, die etwa nach einem Umzug einen neuen Arzt suchten, tatsächlich häufiger für freizügig krankschreibende Ärzte entschieden.

Großzügige Krankschreibungen bringen neue Patienten

Zudem stellten die Forscher einen Zusammenhang zwischen der Großzügigkeit der Ärzte und dem Wettbewerbsdruck fest. Je weniger Patienten ein Arzt hatte, desto freigiebiger zeigte er sich beim Krankschreiben. Aufgrund der Größe Norwegens herrscht auf dem dortigen Ärztemarkt jedoch ein relativ geringer Konkurrenzdruck. Daher gehen die Forscher davon aus, dass sich wirtschaftlich orientiertes Krankschreiben in dichter besiedelten Ländern wie Deutschland noch deutlicher zeigen würde.

Der Bedarf an Krankschreibungen ist in Deutschland jedenfalls hoch. Laut einer Studie von Medizinern der Universität Magdeburg kommen die Deutschen auf einen internationalen Spitzenwert von durchschnittlich 17,1 Arztkontakten pro Jahr, während Norweger im Schnitt nur fünf Mal im Jahr zum Arzt gehen. Vorstöße zur Lockerung der Attestpflicht finden jedoch in Politik und Wirtschaft wenig Unterstützung.

Lesen Sie die englischsprachige Studie aus Norwegen (IZA DP No. 9825):

Bildquelle: pixabay
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