IZA-Preis 2016 geht an die Harvard-Ökonomin Claudia Goldin

Goldin

Claudia Goldin

Der diesjährige IZA Prize in Labor Economics geht an Claudia Goldin. Die Wirtschaftsprofessorin an der Harvard University erhält die mit 60.000 Euro dotierte Auszeichnung für ihr Lebenswerk zur Rolle der Frau in der Geschichte von Wirtschaft, Bildung und Arbeitsmarkt. Die Entscheidung traf das sechsköpfige IZA-Preiskomitee aus international führenden Ökonomen, darunter fünf ehemalige Preisträger. Die offizielle Preisverleihung findet im Rahmen der Jahrestagung des Ökonomenverbands AEA am 6. Januar 2017 in Chicago statt.

Weitere Informationen über den akademischen Werdegang der Preisträgerin, ihre “Detektivarbeit” als Wirtschaftshistorikerin und Arbeitsökonomin sowie ihre Forschungserkenntnisse zur geschlechtsspezifischen Ungleichheit finden Sie hier:

[mehr über den IZA-Preis]

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Soziales Engagement im Lebenslauf signalisiert Teamfähigkeit

MHeinz

Matthias Heinz

Karriereberater stellen gern die Bedeutung von sozialem Engagement und freiwilliger Arbeit für den eigenen Lebenslauf heraus. Wer sich außerhalb der Berufsausbildung und der Arbeit engagiere, signalisiere positive Charaktereigenschaften, die von Personalern als wertvoll angesehen würden. Eine aktuelle Studie von Matthias Heinz (Universität Köln) und Heiner Schumacher (KU Leuven) stellt den Wahrheitsgehalt dieser landläufigen Meinung auf den Prüfstand.

Über die Ergebnisse sprachen wir mit Matthias Heinz anlässlich seiner Präsentation im IZA-Forschungsseminar.

IZA: Soziales Engagement von Mitarbeitern hat keinen direkten Mehrwert für das Unternehmen. Warum interessieren sich Personaler trotzdem dafür?

MH: Ein wachsender Anteil der Wertschöpfung in Firmen findet in Teams statt. Die Arbeit in Teams ermöglicht es, verschiedene Sichtweisen, Fähigkeiten und Erfahrung zu nutzen, um Produkte zu kreieren, die ein einzelnes Individuum nicht hervorbringen könnte. Daher ist es wenig verwunderlich, dass viele Firmen von ihren Bewerbern „Teamfähigkeit“ verlangen. Soziales Engagement zu zeigen, erlaubt darauf einen gewissen Rückschluss.

Was heißt denn eigentlich Teamfähigkeit?

Ein wichtiger Aspekt ist die Bereitschaft, sich selbst dann aktiv an einem Teamprojekt zu beteiligen, wenn sich daraus keine persönlichen Vorteile ergeben. Jeder hat schon einmal im Studium, im Verein oder im Betrieb erlebt, dass sich ein Kollege vor der Teamarbeit gedrückt hat und alle anderen dafür mehr arbeiten mussten. „Trittbrettfahrer“ sind ein Ärgernis für alle Beteiligten, weil sie die Motivation der Kollegen senken und womöglich den Erfolg des Projekts gefährden.

Nun wird sich ja in der Bewerbung wohl niemand als Trittbrettfahrer outen… Wie beweise ich denn, dass ich ein „echter“ Teamplayer bin?

In unserem Forschungsprojekt zeigen wir, dass Bewerber mit intensivem sozialen Engagement im Lebenslauf glaubhaft signalisieren können, dass sie bereit sind, sich bei Teamprojekten aktiv zu beteiligen – auch wenn sich hieraus kein direkter persönlicher Vorteil ergibt. Außerdem zeigen wir, dass Personalmanager Informationen über soziales Engagement in einem Lebenslauf effektiv nutzen, um die „Teamfähigkeit“ eines Bewerbers einzuschätzen.

Spielt es eine Rolle, wo sich junge Menschen engagieren und in welchem Umfang? 

Es spielt sogar eine große Rolle: Insbesondere Menschen, die über mehrere Jahre ehrenamtlich eine Leitungsfunktion in einer sozialen Einrichtung ausüben (etwa als Jugendleiter in der Kirchengemeinde) oder sich für Menschen mit Behinderungen engagieren, können hiermit signalisieren, dass sie bei Teamprojekten bereit und in der Lage sind, sich aktiv zu beteiligen.

Können Studierende also ihre späteren Berufschancen erhöhen, indem sie sich strategisch sozial engagieren?

Das kann durchaus in gewissem Maße zielführend sein. Unsere Ergebnisse zeigen, dass Personaler auch bei jungen Menschen mit geringem sozialen Engagement eine etwas höhere Bereitschaft zur Teamarbeit annehmen. Wer jedoch wirklich klar signalisieren will, sich in Teams kooperativ zu verhalten, muss schon über mehrere Jahre intensiv engagiert sein. Die dafür nötige Zeit und Mühe zu investieren ist natürlich nicht jedermanns Sache.

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Gibt es einen Markt für Krankschreibungen?

In Deutschland müssen Arbeitnehmer spätestens ab dem dritten Krankheitstag ein ärztliches Attest vorlegen. Zuständig für die Überprüfung und Bescheinigung der Arbeitsunfähigkeit ist der behandelnde Arzt, der zugleich mit der Betreuung der Patienten seinen Lebensunterhalt verdient. Dass sich aus dieser Doppelfunktion Widersprüche im Hinblick auf ökonomische Anreize ergeben können, ist offenkundig.

Denn bei freier Arztwahl liegt es einerseits nahe, dass sich Arbeitnehmer tendenziell für Ärzte entscheiden, die dem Vernehmen nach großzügiger krankschreiben. Umgekehrt unterliegen Ärzte der Versuchung, dies bei ihrem Bemühen um die Gewinnung neuer Patienten einzukalkulieren.

Ob sich dieser Effekt in der Praxis nachweisen lässt, untersuchen Knut Røed und Simen Markussen (Ragnar Frisch Centre for Economic Research, Oslo) in einem aktuellen IZA Discussion Paper am Beispiel Norwegens. Die Ökonomen kombinierten verschiedene Datensätze und berechneten für einzelne Ärzte einen „Großzügigkeitsindikator“ in Bezug auf Krankschreibungen. Die Analyse ergab, dass sich Patienten, die etwa nach einem Umzug einen neuen Arzt suchten, tatsächlich häufiger für freizügig krankschreibende Ärzte entschieden.

Großzügige Krankschreibungen bringen neue Patienten

Zudem stellten die Forscher einen Zusammenhang zwischen der Großzügigkeit der Ärzte und dem Wettbewerbsdruck fest. Je weniger Patienten ein Arzt hatte, desto freigiebiger zeigte er sich beim Krankschreiben. Aufgrund der Größe Norwegens herrscht auf dem dortigen Ärztemarkt jedoch ein relativ geringer Konkurrenzdruck. Daher gehen die Forscher davon aus, dass sich wirtschaftlich orientiertes Krankschreiben in dichter besiedelten Ländern wie Deutschland noch deutlicher zeigen würde.

Der Bedarf an Krankschreibungen ist in Deutschland jedenfalls hoch. Laut einer Studie von Medizinern der Universität Magdeburg kommen die Deutschen auf einen internationalen Spitzenwert von durchschnittlich 17,1 Arztkontakten pro Jahr, während Norweger im Schnitt nur fünf Mal im Jahr zum Arzt gehen. Vorstöße zur Lockerung der Attestpflicht finden jedoch in Politik und Wirtschaft wenig Unterstützung.

Lesen Sie die englischsprachige Studie aus Norwegen (IZA DP No. 9825):

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Frauen in Führungspositionen führen zu mehr Gleichbehandlung am Arbeitsplatz

female-bossAuch wenn bei der Gleichstellung der Geschlechter in den letzten Jahrzehnten viele Fortschritte gemacht wurden, sind Frauen in Führungspositionen nach wie vor stark unterrepräsentiert und bekommen im Durchschnitt für die gleiche Arbeit weniger Geld als ihre männlichen Kollegen. Dass sich ein Gleichgewicht der Geschlechter für ein Unternehmen in vielen Bereichen positiv auswirkt, haben Forscher wiederholt bestätigt.

In einem aktuellen IZA Discussion Paper untersuchen Claudio Lucifora (Università Cattolica del Sacro Cuore and IZA) und Daria Vigani (Università Cattolica del Sacro Cuore) nun, ob sich eine weibliche Führungskraft auch über die eigene Position hinaus positiv auf die Geschlechtergerechtigkeit im Unternehmen auswirkt.

Für ihre Studie werteten Lucifora und Vigani Daten aus 30 europäischen Ländern aus den Jahren 1995 bis 2010 aus und untersuchten die Zusammenhänge zwischen Frauen in Führungspositionen, den Arbeitsbedingungen und der im Unternehmen wahrgenommenen Geschlechtergerechtigkeit.

Frauen profitieren, Männer fühlen sich benachteiligt

Demnach weisen Unternehmen mit Frauen in leitenden Positionen ein geringeres Maß an wahrgenommener Geschlechterdiskriminierung auf als Firmen mit männlich dominierter Führungsebene. Die Forscher erklären dies unter anderem damit, dass Frauen die nicht direkt messbare Produktivität bei anderen Frauen besser einschätzen können als bei Männern. Dieses Ergebnis kann als Bestätigung eines bekannten Verhaltensmusters angesehen werden, nach dem sich Frauen im Arbeitsleben, besonders in weiblich dominierten Jobs, häufig untereinander fördern.

Männer hingegen fühlen sich in Gegenwart einer Chefin eher diskriminiert – wobei sich nicht belegen lässt, ob dies tatsächlich auf aktive Benachteiligung oder lediglich auf den Verlust gewohnter Vorteile zurückzuführen ist. In jedem Fall fällt der negative Effekt für Männer deutlich geringer aus als der positive Effekt für Frauen.

Bessere Bedingungen auf allen Hierarchieebenen

Die Autoren weisen allerdings darauf hin, dass der “Chefinnen-Effekt” nur dort zu beobachten ist, wo weibliche Führungskräfte auf allen Hierarchieebenen zu finden sind. Ein höherer Frauenanteil auf Vorstandsebene hat der Analyse zufolge keinen messbaren Effekt, was nach Einschätzung der Forscher damit zusammenhängt, dass sich Frauen an der Unternehmensspitze im Führungsstil oft nicht wesentlich von ihren männlichen Kollegen unterscheiden.

Auf der Ebene des Gesamtunternehmens unterstreicht die Studie die Wichtigkeit frauenfreundlicher Arbeitsbedingungen: Lange und starre Arbeitszeiten, das Belohnen von Überstunden bei gleichzeitigem Mangel an Kinderbetreuungsangeboten und eine geringere Work-Life-Balance benachteiligen Frauen in der Regel stärker als Männer. Eine effektive Frauenförderung muss an diesen Stellen noch weit konsequenter ansetzen, um mehr geschlechtsunabhängige Chancen- und damit letztlich auch Einkommensgleichheit zu erreichen.

Die englischsprachige Studie ist als IZA Discussion Paper No. 9737 erschienen:

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Führt technischer Fortschritt zu früherem Renteneintritt?

Die Menschen in den westlichen Industrienationen leben imhttps://pixabay.com/en/people-group-groups-activities-218843/ Durchschnitt gesünder und länger als früher. Trotzdem bleibt der frühe Ruhestand für viele eine attraktive Option. Zwar zeigt die Erwerbskurve der Älteren insgesamt nach oben, doch noch immer ist in Deutschland nur etwa die Hälfte der 60- bis 64-jährigen am Arbeitsmarkt aktiv. Wie die aktuelle Diskussion um das künftige Rentenniveau und dessen Finanzierbarkeit zeigt, kann der Generationenvertrag auf Dauer nur bei einer tragfähigen Relation zwischen aktiven Erwerbstätigen und Rentenbeziehern funktionieren.

Bei einem  frühen Ausscheiden aus dem Arbeitsmarkt spielen neben gesundheitlichen Gründen viele andere Faktoren eine Rolle. Eine der weniger häufig beachteten Ursachen ist die zunehmende Technisierung und Digitalisierung der Arbeitswelt, die für ältere Menschen zu Problemen führen und gegebenenfalls auch die Rentenentscheidung beeinflussen kann.

Technischer Wandel kann in beide Richtungen wirken

In einem aktuellen Forschungsbeitrag, der gerade im IZA Journal of Labor Policy erschienen ist, haben Lorenzo Burlon (Banca d’Italia und IZA) und Montserrat Vilalta-Bufí (Universität Barcelona) am Beispiel der USA untersucht, wie sich der technologische Wandel auf das Renteneintrittsalter auswirkt. Überraschenderweise zeigen ihre Ergebnisse, dass neue Technologien nicht nur zu einem kürzeren, sondern unter bestimmten Bedingungen auch zu einem längeren Verbleib im Arbeitsleben führen können.

Anhand von allgemeinen Arbeitsmarkt- und Umfragedaten die zwischen 1992 und 2010 erhoben wurden, ermitteln die Autoren, wie stark der technische Fortschritt in verschiedenen Berufszweigen Einzug gehalten hat. Sie kombinieren diese Informationen mit Rentendaten und können so berechnen, wie der technologische Wandel die Wahrscheinlichkeit zur Frühverrentung beeinflusst hat.

Sie stellen fest, dass diese Wahrscheinlichkeit in erster Linie vom Grad des technischen Wandels abhängt. Mit steigender Rate technischer Neuerungen fällt es älteren Arbeitnehmern der Studie zufolge zunehmend schwer, sich mit den neuen, technischeren Arbeitsbedingungen zurechtzufinden. Da ihre vor langer Zeit erworbenen Kompetenzen immer weniger gebraucht werden, entscheiden sich mehr für den Vorruhestand.

Höhere Löhne sind Anreiz zu späterem Renteneintritt

Wenn der Grad des technologischen Fortschritts jedoch eine bestimmte Schwelle überschritten hat, sinkt die Wahrscheinlichkeit zur Frühverrentung wieder. Burlon und Vilalta-Bufí erklären dies mit dem motivierenden Einfluss höherer Gehälter. Sie stellen fest, dass in den Berufen, in denen sich neue Technologien besonders stark durchgesetzt haben, in der Regel auch die Produktivität und damit die Löhne stark angestiegen sind. Dies wiederum steigert, so die Autoren, den Anreiz für ältere Arbeitnehmer, den Umgang mit neuen Technologien zu lernen und sich schließlich auch für einen längeren Verbleib im Arbeitsleben zu entscheiden.

In Zeiten des demografischen Wandels lassen sich aus diesen Ergebnisses wertvolle Erkenntnisse ziehen. Politik und Wirtschaft können durch finanzielle Anreize und Schulungsprogramme dafür sorgen, dass ältere Arbeitnehmer länger im Arbeitsmarkt bleiben. Auch weniger stark technologiebasierte Firmen, in denen sich der technische Wandel nur langsam einstellt, sollten nicht davor zurückschrecken, ihre älteren Arbeitnehmer mit neuen Technologien zu konfrontieren, sondern sie im Sinne des „aktiven Alterns“ an die Nutzung heranführen und so länger im Arbeitsmarkt halten.

Lesen Sie hier den kompletten Artikel im IZA Journal of Labor Policy:

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Deutschland braucht ein Einwanderungsgesetz

Bundesrepublik DeutschlandDie Zahl der neu in Deutschland eintreffenden Flüchtlinge geht derzeit stark zurück. Damit können zwei zentrale Aufgaben in den Fokus der Politik rücken – neben der Integration anerkannter Flüchtlinge ist dies vor allem die Neuorganisation der Zuwanderungspolitik unter ökonomischen Vorzeichen.

Warum Deutschland dringend ein Einwanderungsgesetz braucht, das Fachkräfte anzieht, aber auch die Asylverfahren entlasten könnte, erläutern die IZA-Migrationsexperten Holger Hinte und Ulf Rinne in einem soeben erschienenen Gastbeitrag für die Frankfurter Rundschau.

Detailliertere Überlegungen enthält ein aktueller Beitrag der Autoren in den Perspektiven der Wirtschaftspolitik.

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Chancengleichheit: Wie sich prosoziales Verhalten bei Kindern fördern lässt

balu-und-du“Prosoziale” Eigenschaften wie Altruismus und Vertrauen wirken sich positiv auf den individuellen Berufs- und Lebensweg aus. Sie prägen auch das solidarische Zusammenleben innerhalb der Gesellschaft. Diese Eigenschaften sind bei Kindern aus Familien mit geringerem Einkommen und Bildungsstand im Durchschnitt unterentwickelt, wie ein aktuelles IZA-Paper von Fabian Kosse, Thomas Deckers, Hannah Schildberg-Hörisch und Armin Falk belegt. Das behindert Chancengleichheit und vertieft die soziale Spaltung.

Die gute Nachricht: Diese Lücke lässt sich schließen, wenn sozial benachteiligte Kinder frühzeitig in ihrer Persönlichkeit gestärkt werden. Darauf zielt das Mentorenprogramm “Balu und Du” ab, das die Bonner Forscher unter die Lupe nahmen. In Bonn und Köln begleiteten sie rund 700 Familien mit unterschiedlichem sozioökonomischem Hintergrund über einen Zeitraum von mehreren Jahren.

Anhand von Fragebögen, Interviews und Verhaltensexperimenten konnten die Ökonomen das prosoziale Verhalten von Kindern und deren Eltern erstmals ganzheitlich messen. Die Auswertung ergab, dass Grundschulkinder aus Familien mit höherem Einkommen und Bildungsstand im Schnitt deutlich prosozialer agieren als sozial benachteiligte Gleichaltrige.

Eine Gruppe von zufällig ausgewählten Kindern mit niedrigem sozioökonomischem Status nahm ein Jahr lang an “Balu und Du” teil. Jedes teilnehmende Kind erhielt einmal pro Woche Besuch von einem freiwilligen Mentor, der mit den Kindern verschiedene interaktive Aktivitäten unternahm – von Gesprächen über gemeinsames Lesen, Sport und Kochen bis hin zum Zoobesuch. Ziel des Programms war nicht die Verbesserung der schulischen Leistungen, sondern die Entwicklung und Stärkung der Persönlichkeit.

Nach einem Jahr zeigte sich, dass die am Mentorenprogramm teilnehmenden Kinder wesentlich prosozialer agierten und zu ihren Altersgenossen mit höherem sozioökonomischem Status aufgeschlossen hatten. Dieser Effekt blieb auch zwei Jahre nach Ende des Mentorenprogramms nachweisbar. Die Autoren schließen daraus, dass das Programm geeignet ist, einen fehlenden “prosozialen Stimulus” aus dem Elternhaus auszugleichen.

“Unsere Ergebnisse bestätigen das enorme Potenzial frühkindlicher Förderung für mehr Chancengleichheit und die Überwindung sozialer Spaltung”, sagt Armin Falk, Leiter des von der Deutschen Post-Stiftung neu gegründeten Behavior and Inequality Research Institute (briq). Zwar spiele auch die Vererbung von Persönlichkeitsmerkmalen eine gewisse Rolle, doch lasse sich die soziale Kluft durch Interventionen, die das soziale Umfeld von benachteiligten Kindern bereichern, deutlich verringern.

Die englischsprachige Studie ist als IZA Discussion Paper No. 9861 erschienen:

Lesen Sie dazu auch den Artikel in der Süddeutschen Zeitung (5. April 2016):

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Vom Arbeitslosen zum Unternehmensgründer? Das Potenzial von Gründungsförderung

https://pixabay.com/en/startup-start-up-notebooks-creative-593332/Um Arbeitslosigkeit einzudämmen, haben OECD-Staaten in den letzten Jahren enorme Summen (0,6% des BIP in 2011) für aktive arbeitsmarktpolitische Maßnahmen ausgegeben. Dabei griffen sie in erster Linie auf klassische Weiterbildungs-, Umschulungs- und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen zurück, die in der Vergangenheit jedoch nicht immer den gewünschten Erfolg lieferten.

Eine vielversprechende Alternative stellen Förderprogramme für Existenzgründungen aus Arbeitslosigkeit dar. Diese Programme unterstützen Erwerbslose bei der Gründung ihres eigenen Unternehmens, das im Idealfall nicht nur ihnen selbst, sondern auch anderen einen Arbeitsplatz bieten kann. In einem neuen Artikel für das Online-Kompendium IZA World of Labor fasst Marco Caliendo (Universität Potsdam) den Forschungsstand zur Effektivität solcher Programme zusammen und gibt auf Grundlage internationaler Erfahrungen Handlungsempfehlungen für die Politik.

Förderprogramme schaffen Arbeitsplätze und fördern Benachteiligte

Die Forschungserkenntnisse aus den industrialisierten OECD-Staaten zeigen die Potenziale der Förderprogramme für Existenzgründungen aus der Arbeitslosigkeit auf. Von Erwerbslosen gegründete Unternehmen schaffen Arbeitsplätze und zeichnen sich durch eine hohe Überlebensdauer aus. Zusätzlich erhöhen die Programme aber auch über die Unternehmensgründung hinaus die Arbeitsmarktchancen der Programmteilnehmer. Selbst wenn das gegründete Unternehmen scheiterte, hatten ehemalige Programmteilnehmer danach immer noch bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt als vergleichbare Arbeitslose ohne Programmteilnahme. Caliendo macht deutlich, dass sich die positiven Effekte besonders stark bei Frauen und Gruppen einstellen, die am Arbeitsmarkt vor Eingliederungsproblemen stehen (wie z.B. junge und schlecht ausgebildete Arbeitslose).

Allerdings wirkt öffentliche Förderung für Existenzgründer nicht durchgehend positiv: Im Vergleich zu anderen Startups weisen staatlich geförderte Unternehmensgründungen aus Arbeitslosigkeit durchschnittlich eine schlechtere Performance bei betrieblichem Wachstum und Innovationen auf. Wenn Politiker also zum Ziel haben, wachstumsstarke Unternehmen mit hohem Beschäftigungspotenzial hervorzubringen, sind Startup-Förderprogramme für Arbeitslose nicht das beste Mittel. Ist das Hauptziel jedoch die Integration von Arbeitslosen in den Arbeitsmarkt, können Förderprogramme für Existenzgründungen eine sinnvolle Ergänzung zu klassischen Programmen sein.

Höhe und Zeitrahmen der Förderung müssen richtig bemessen sein

Damit die Gründung aus der Arbeitslosigkeit gelingt, empfiehlt Caliendo, bei der Ausgestaltung der Programme auf bestimmte Elemente zu achten. Zunächst muss der Zeitrahmen der Förderung klug bemessen sein. Unternehmensgründern sollte genügend Zeit gegeben werden, um die anfänglichen Probleme einer Firmengründung zu meistern; sie dürfen aber auch nicht zu lange unterstützt werden, da sonst die Gefahr von zu großer Abhängigkeit und mangelndem Einsatz steigt.

Die Höhe der Förderung sollte hoch genug sein, um Wohn- und Lebenskosten sowie Sozialbeiträge in der Anfangsphase zu decken. Zudem sollte in einem Screening-Prozess geprüft werden, ob die potenziellen Programmteilnehmer über ausreichende Kenntnisse und die Motivation für eine Unternehmensgründung verfügen. Für den Erfolg der Förderprogramme ist es außerdem wichtig, die bei der Bewerbung vorgelegten Businesspläne von unabhängigen Dritten prüfen zu lassen.

Ob die Programme erfolgreich sind, hängt letztlich von der Frage ab, ob die Gründer in der Lage sind, wirtschaftlich stabile Unternehmen aufzubauen. Daher sollten Coaching- und Mentorenprogramme die Förderprogramme ergänzen und sowohl vor als auch nach der Gründung die Jungunternehmer bei der Etablierung wirtschaftlich erfolgreicher Unternehmen unterstützen. Wenn dies gelingt, haben Förderprogramme für Existenzgründungen aus der Arbeitslosigkeit auch das Potenzial für eine so genannte „doppelte Dividende“, indem sie sowohl Arbeitsplätze für den Gründer als auch für potenzielle zusätzliche Mitarbeiter schaffen. Gleichzeitig können Sie auch einen positiven Einfluss auf Strukturwandel, Innovationskraft und Technologieverbreitung haben.

Lesen Sie hier den englischsprachigen Beitrag in IZA World of Labor:

Bildquelle: Pixabay
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Demografie und Staatshaushalt: Neue Studie sieht Grund für mehr Optimismus

Die meisten hochentwickelten Volkswirtschaften der westlichen Welt sehen sich mit einem gravierenden demografischen Wandel konfrontiert, der nicht nur zu deutlichen gesellschaftlichen Alterungsprozessen führen, sondern insbesondere das Erwerbspersonenpotenzial in den kommenden Jahrzehnten zusehends schrumpfen lassen wird.

Jüngste Prognosen der OECD stützen die weit verbreitete Einschätzung, nach der die öffentlichen Haushalte durch das Altern der Gesellschaft massiv unter Druck geraten werden: So liegt es auf den ersten Blick nahe, dass ein wachsendes Missverhältnis zwischen Rentenbeziehern und arbeitender Bevölkerung den Generationenvertrag in der Gesetzlichen Rentenversicherung destabilisiert, während zugleich auch ein kontinuierlicher Anstieg der öffentlichen Gesundheitsausgaben erwartet werden kann. Aus dieser pessimistischen Perspektive resultiert die Annahme, der Staat könne in seiner Fähigkeit, den Sozialstaat und andere zentrale öffentliche Güter zu finanzieren, künftig erheblich eingeschränkt werden.

Doch es gibt auch Grund für mehr Optimismus, wie eine neue Studie von Mathias Dolls (ZEW), Karina Doorley (LISER), Alari Paulus (Universität Essex), Hilmar Schneider (IZA), Sebastian Siegloch (Universität Mannheim) und Eric Sommer (IZA) zeigt. Die bekannten Negativprognosen unterschätzen nach Ansicht der Autoren mögliche vorteilhafte Entwicklungen auf der Einnahmenseite öffentlicher Haushalte und ignorieren damit die Wechselwirkung zwischen demografischen Entwicklungen und den Reaktionen der Arbeitsmärkte.

So wird beispielsweise eine schrumpfende Arbeitsbevölkerung neben einer Erhöhung des Renteneintrittsalters nahezu zwangsläufig auch einen Anstieg des Ausbildungsniveaus nach sich ziehen, was wiederum zu Lohnwachstum führen und die Steuereinnahmen stabilisieren, im günstigsten Fall sogar trotz schrumpfender Bevölkerung sogar vergrößern dürfte.

Die aktuelle Studie untersucht die langfristige Tragfähigkeit öffentlicher Haushalte in allen EU-Staaten unter verschiedenen demografischen Szenarien. Projektionen zur Bevölkerungsentwicklung werden dabei mit Schätzungen zu Angebotselastizitäten (der Grad, zu dem ein Individuum sein Arbeitsangebot an sich ändernde Löhne anpasst) und Nachfrageelastizitäten (der Grad, zu dem die Arbeitsnachfrage der Unternehmen auf den Lohnsatz reagiert) verknüpft.

Die Ergebnisse der Studie bestätigen: Während die Erwerbsbevölkerung in der EU immer älter wird, ist sie gleichzeitig auch immer besser ausgebildet (Abbildung 1), was einen Anstieg der Durchschnittslöhne in ganz Europa zur Folge hat.

Abbildung 1Abbildung 1Diese Veränderungen in Größe und Bildungsniveau der Erwerbsbevölkerung haben erhebliche fiskalische Konsequenzen. Am Beispiel der Staatshaushalte Frankreichs, Deutschlands, Italiens und Großbritanniens in den Jahren 2010-2030 werden die massiven Auswirkungen auf direkte Steuern (TAX), Sozialversicherungsbeiträge von Arbeitgebern, Arbeitnehmern und Selbstständigen (SIC), Sozialtransfers und Renten (BEN) sowie andere altersbezogene öffentliche Ausgaben für Bildung, Kinderbetreuung und Gesundheit (EXP) deutlich (Abbildung 2, basierend auf Abbildung 7 im IZA Discussion Paper [1]).

Abbildung 2balancedot_newsroom_fr

Die reinen demografischen Effekte, ohne Beachtung der Arbeitsmarkteffekte (linker Balken für jedes Land), sorgen für einen erheblichen Ausgabenzuwachs und führen in allen vier betrachteten Ländern zu einem negativen Haushaltssaldo (markiert durch den orangefarbenen Punkt). Dieses fiskalische Resultat ist jedoch eine rein rechnerische Größe und letztlich unrealistisch, denn es lässt die Veränderungen auf den Arbeitsmärkten außen vor, die sich aus der sich wachsenden Arbeitskräfteknappheit ergeben. Werden hingegen die zu erwartenden Lohnsteigerungen berücksichtigt (mittlerer Balken), lassen höhere Einnahmen aus Steuern und Sozialbeiträgen den Haushaltssaldo gegen oder gar über Null steigen, wobei der Umfang von Sozialleistungen weitgehend unverändert bleibt.

Die Autoren nehmen weiterhin an, dass die Politik als Reaktion auf den demografischen Wandel das gesetzliche Renteneintrittsalter erhöhen wird. Das hier gewählte Szenario beinhaltet eine Erhöhung um einheitlich fünf Jahre zwischen 2010 und 2030 (d.h. für Deutschland eine Erhöhung von 65 auf 70 Jahre) Daraus ergibt sich eine zusätzliche Verbesserung des Haushaltssaldos in den meisten EU-Staaten, was in erster Linie auf die dann geringeren Sozialleistungen und höheren Einkommensteuereinnahmen zurückzuführen wäre (rechter Balken). Allerdings kann dabei auch eine dämpfende Wirkung eintreten, wie das Beispiel Großbritanniens veranschaulicht. Hier würde ein höheres Renteneintrittsalter zwar die Zahl der Erwerbstätigen steigern, jedoch nähme gleichzeitig auch das durchschnittliche Einkommen ab, was wiederum zu geringeren Steuereinnahmen führen würde.

Im Falle Deutschlands sorgen mehrere Besonderheiten dafür, dass der Haushalt auch bei Berücksichtigung von fiskalischen Rentenreformeffekten noch knapp unausgeglichen bleibt. Auf Grundlage von EU-Projektionen (Europop 2010) gehen die Autoren zunächst davon aus, dass, der Bevölkerungsrückgang in Deutschland stärker ausfällt als in den meisten anderen EU-Staaten. Dieser überträgt sich zudem besonders deutlich auf die Größe der Erwerbsbevölkerung, was zu geringeren Steuereinnahmen führt. Weiterhin erwarten die Autoren, dass die ‘Bildungsexpansion’, die fiskalisch positive Lohnsteigerungen zur Folge hat, in Deutschland vergleichsweise gering ausfallen wird.

Trotz dieser Einschränkungen zeichnen die Ergebnisse der neuen Studie auch für Deutschland ein insgesamt deutlich weniger beunruhigendes Bild der haushaltspolitischen Auswirkungen des demografischen Wandels als bislang vorgelegte Analysen, die den Lohnentwicklungen, also der Einnahmenseite, zu wenig Beachtung schenken. Die Kombination aus einem besseren Bildungsniveau und einem höheren Renteneintrittsalter kann den Haushalt in Zukunft spürbar entlasten. Kommen ein durch Arbeitskräfteverknappung bedingter Lohnanstieg und vorausschauende Reformen mit dem Ziel der Verlängerung der Lebensarbeitszeit zusammen, erscheint auch bei schrumpfender Erwerbsbevölkerung eine verträgliche Entwicklung der öffentlichen Haushalte möglich.

“Darüber hinaus sind zusätzliche entlastende Effekte etwa in Form von technologischem Fortschritt oder Fachkräfte-Zuwanderung in Rechnung zu stellen, die das Gesamtbild weiter aufhellen dürften. Eine schrumpfende Erwerbsbevölkerung muss keineswegs mit einem Kollaps der öffentlichen Haushalte einhergehen”, so IZA-Chef Hilmar Schneider.

Download der englischsprachigen Studie (IZA Discussion Paper No. 9618):

[1] Dolls et al. (2015): Fiscal Sustainability and Demographic Change: A Micro Approach for 27 EU Countries. IZA Discussion Paper 9618. Dezember 2015.
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Wie Schlafmangel unser soziales und wirtschaftliches Verhalten beeinflusst

Man muss nicht besonders ausgeschlafen sein, um zu ahnen, dass Schlafmangel mehr als nur einen gesundheitlichen Aspekt hat. So beschäftigen sich auch Ökonomen mit der Frage, inwieweit Schlaf diverse menschliche Verhaltensweisen beeinflusst, die für Bildung, Arbeitsmarkt und soziale Interaktionen von Bedeutung sind. Einige aktuelle Studien aus dem IZA-Netzwerk wollen wir anlässlich des heutigen Welt-Schlaftags näher beleuchten.

Schlaf, Vertrauen und Risikopräferenzen

In einem kürzlich erschienenen IZA Discussion Paper untersuchen die Forscher David L. Dickinson (Appalachian State University, IZA) und Todd Mc Elroy (Florida Gulf Coast University) mittels eines kontrollierten Laborexperiments, wie sich Schlafmangel auf das zwischenmenschliche Vertrauen auswirkt.

Den 184 Teilnehmern des Experiments wurden für einen Zeitraum von drei Wochen zwei unterschiedliche Schlafpläne vorgegeben. Die eine Gruppe bekam nur fünf bis sechs Stunden Schlaf pro Nacht, während die andere acht bis neun Stunden schlafen durfte. Außerdem berücksichtigten die Forscher den Schlaf-Wach-Rhythmus der Testpersonen, indem sie erfassten, ob eine Person eher Früh- oder Spätaufsteher ist.

Die Probanden wurden dann zufällig Versuchsgruppen zugeordnet, die entweder morgens, mittags oder abends so genannte „trust games“ absolvieren mussten. Dabei konnten die Forscher messen, wieviel Vertrauen die Versuchsteilnehmer ihren Mitmenschen zum jeweiligen Zeitpunkt entgegenbrachten.

Die Ergebnisse zeichneten ein klares Bild: Müdigkeit, verursacht durch Schlafmangel oder aber durch einen ungewohnten Schlafrhythmus, führte zu einem deutlich niedrigeren Grad an zwischenmenschlichem Vertrauen, das als Voraussetzung für prosoziales Verhalten gilt.

In einem ähnlichen Experiment untersuchte Dickinson gemeinsam mit Marco Castillo und Ragan Petrie von der George Mason University, wie sich Schlafmangel auf individuelles Risikoverhalten und die Konsistenz von Entscheidungen auswirkt. Auch hier analysierten die Forscher in Spielsituationen, ob sich ausgeschlafene Versuchsteilnehmer anders verhielten als diejenigen, die ungewohnten Schlafrhythmen ausgesetzt waren. Die Resultate waren ähnlich: Müde Versuchsteilnehmer agierten weniger rational und trafen risikoreichere Entscheidungen als ausgeschlafene.

Schlaf, kognitive Fähigkeiten und Gesundheit

Wie ein aktuelles IZA Discussion Paper von Osea Giuntella (Univeristät Oxford, IZA), Wei Han (Oxford) und Fabrizio Mazzonna (Università della Svizzera Italiana) zeigt, kann der Einfluss mangelnden Schlafs auf die kognitiven Fähigkeiten auch außerhalb des Labors beobachtet werden. Dazu analysierten die Forscher umfangreiche chinesische Bevölkerungsdaten und nutzten den Umstand aus, dass die Sonne aufgrund der breiten Zeitzone Chinas in den unterschiedlichen Landesteilen zu unterschiedlichen Zeiten auf- und untergeht.

Die Idee dahinter: Da der menschliche Körper sehr lichtsensibel ist und im Dunkeln mehr schlafförderndes Melatonin produziert, gehen Menschen in der Regel später ins Bett, wenn die Sonne länger scheint. So zeigt sich auch anhand dieser Daten, dass Schlaf die mentalen und numerischen Fähigkeiten befördert. Personen mit einer Stunde mehr Schlaf schnitten bei kognitiven Tests um 0,4 bis 0,6 Standardabweichungen besser ab. Die Autoren führen dieses Ergebnis in erster Linie auf die unflexiblen Arbeitszeiten der Stadtbevölkerung zurück, die sich nicht nach der biologischen Uhr der Menschen richten.

In einer ähnlichen Studie ermittelten Guintella und Mazzonna, dass US-Amerikaner eher zu Übergewicht und einem schlechteren Gesundheitszustand neigen, wenn sie ganz im Osten einer Zeitzone leben und daher bei gleichen Arbeitszeiten tendenziell später ins Bett gehen als die Menschen am westlichen Ende der gleichen Zeitzone. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass bei vielen Menschen die biologische Zeit nicht mit der sozialen Zeit im Einklang steht. Dieses Missverhältnis wird durch Verhaltensweisen wie spätes Abendessen und Bewegungsmangel zusätzlich verstärkt.

Den Gesundheitseffekten der Sommerzeit widmen sich Lawrence Jin (Cornell University) und IZA-Fellow Nicolas R. Ziebarth (beide Cornell University) in ihrem IZA Discussion Paper, das die Anzahl von Krankenhausaufenthalten in Deutschland und den USA untersucht. Während die Umstellung von Winter- auf Sommerzeit praktisch keine Auswirkungen hat, stellt sich bei der umgekehrten Umstellung ein positiver Effekt ein. Ein bis vier Tage nach der Zeitumstellung, bei der eine Stunde „gewonnen“ wird, gehen die Einlieferungen ins Krankenhaus um acht Personen pro 100.000 zurück.

Schlaf und Schule

Das frühe Aufstehen wird vor allem für Schulkinder im Teenageralter häufig zur Qual. Wie sich Schlafmangel durch zu frühen Schulbeginn auf die Lernleistung auswirkt, wurde bereits in zahlreichen Studien untersucht. Die wichtigsten Erkennnisse fasst ein aktueller IZA World of Labor Artikel von Teny Maghakian Shapiro (Santa Clara University) zusammen.

Die Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Jugendliche, bei denen die Schule morgens erst später beginnt, bessere Noten erzielen, emotional stabiler sind und sogar weniger Autounfälle verursachen. Shapiro plädiert daher für einen späteren Schulbeginn, auch wenn damit durchaus nennenswerte Kosten verbunden wären.

Schlaf und Arbeitsmarkt

Dass sich Schlafmangel negativ auf die individuelle Arbeitsleistung auswirkt, wurde in zahlreichen Studien bereits belegt. Christian Pfeifer (Leuphana University Lüneburg) wechselt die Perspektive und analysiert, wie sich Arbeitsbedingungen auf die Schlafqualität auswirken: Arbeitnehmer, die ihr Gehalt als unangemessen oder unfair empfinden, schlafen öfter schlecht [lesen Sie mehr].

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