Unterschiedliche Formen der Kinderbetreuung und ihre Tücken

Bei der Organisation der Kinderbetreuung sind Eltern allzu oft mit Problemen konfrontiert, die auch ihre Arbeitsmarktaktivitäten negativ beeinflussen. Wer keinen Platz in einer Kindertagesstätte ergattert, zieht häufig die eigene Verwandtschaft heran – oder bleibt selbst zu Hause. Welche Form der Betreuung für das Kind am besten ist, bleibt auch in der Wissenschaft umstritten. Ein aktuelles IZA Discussion Paper liefert dazu neue Erkenntnisse, während zwei weitere internationale Studien die Auswirkungen auf die Lebenszufriedenheit der betreuenden (Groß-)Eltern beleuchten.

Hemmt oder fördert Kita-Betreuung die kognitive Entwicklung?

Die Nachfrage nach professioneller frühkindlicher Betreuung ist in allen OECD-Staaten während der letzten Jahre stetig gestiegen, primär aufgrund der immer stärkeren Erwerbstätigkeit von Müttern.

Margherita Fort, Andrea Ichino und Giulio Zanella von der Universität Bologna untersuchen in ihrem aktuellen IZA Discussion Paper, welchen Einfluss die frühkindliche Betreuung von Kindern unter drei Jahren auf deren spätere kognitive Fähigkeiten hat. Dazu führten sie IQ-Tests bei Kindern im Alter von 8 bis 14 Jahren durch und kombinierten die Resultate mit Daten der städtischen Kindertagesstätten in Bologna.

Das Ergebnis: Mit jedem zusätzlichen Monat, den Kinder in der Kita verbrachten, reduzierte sich der bei den Kindern später gemessene IQ-Wert um durchschnittlich 0,5%, wobei der negative Effekt bei Mädchen, insbesondere aus wohlhabenderen Elternhäusern, noch stärker ausfällt.

Das italienische Forscherteam verweist zur Erklärung darauf, dass die Kinder in der Kita meist weniger Gelegenheit zur unmittelbaren Interaktion mit Erwachsenen haben, die als wichtiger Stimulus der frühkindlichen kognitiven Entwicklung gilt. Mädchen profitieren davon aufgrund ihrer allgemein rascheren geistigen Entwicklung im Kindesalter stärker als Jungen.

Unwillige Großeltern büßen an Lebenszufriedenheit ein

Viele Familien setzen – freiwillig oder unfreiwillig – auf die Großeltern als verlässliche und nicht zuletzt kostengünstige Möglichkeit der Kinderbetreuung. Die steigende Lebenserwartung und Gesundheit im Alter macht dies auch perspektivisch immer plausibler. Für die Großeltern gehen damit aber häufig erhebliche Belastungen einher, die ihr Wohlbefinden trüben können.

Darauf weisen Giorgio Brunello und Lorenzo Rocco von der Universität Padua in einem aktuellen IZA Discussion Paper hin. Sie werteten die SHARE-Studie aus, die europaweite Umfragedaten von über 25.000 Personen im Alter von über 50 Jahren enthält. Demnach führen bereits zehn zusätzliche Stunden Kinderbetreuung pro Monat zu einer um rund vier Prozentpunkte höheren Wahrscheinlichkeit an einer Depression zu erkranken. Dabei zeigten sich Großväter fast doppelt so anfällig wie Großmütter.

Eine hohe Wahrscheinlichkeit depressive Symptome zu entwickeln zeigten Großeltern mit hohen „Opportunitätskosten“, also mit einer geringen Bereitschaft ihre Zeit für die Kinderbetreuung zu „opfern“. Dies war insbesondere bei Großvätern aus Italien, Spanien und Polen der Fall, die sich aufgrund ihres traditionellen Rollenverständnisses oft nicht für die Kinderbetreuung zuständig fühlen.

“Intensive Mutterschaft” für gebildete Mütter weniger erfüllend

Statt die Kinder den Großeltern oder einer Kita zu überlassen, kümmern sich viele Mütter lieber selbst ganztägig um ihre Kinder. Dem unter anderem in den USA verbreiteten Prinzip des „intensive mothering“ zufolge ist die intensive Betreuung durch die Mutter besonders förderlich für die Entwicklung der Kinder.

Während die tatsächlichen Vor- und Nachteile für Kinder in der Wissenschaft nach wie vor kontrovers diskutiert werden, sind die Auswirkungen auf die Mütter selbst bislang kaum erforscht. J. Ignacio Gimenez-Nadal (Universidad Zaragoza) und Almudena Sevilla (Queen Mary University London & IZA) liefern hierzu in ihrem aktuellen IZA Discussion Paper neue Erkenntnisse. Ihre Analyse von Umfragedaten aus den USA ergibt, dass das subjektive Erleben des „intensive mothering“ je nach Bildungsniveau der Mütter stark variiert.

So stellen sich Gefühle von Glück und Erfüllung bei gebildeteren Müttern seltener ein, während sie häufiger über Stress klagen als Mütter mit geringerer beruflicher Qualifikation. Die Forscher führen dies darauf zurück, dass gebildete Mütter zeitintensivere Formen der Kinderbetreuung wählen, um in ihrer subjektiven Wahrnehmung ein Optimum an Erziehung zu gewährleisten.

Qualität der Betreuung wichtiger als die Form

Welche Form der Kinderbetreuung Eltern wählen, bleibt eine persönliche Entscheidung, die von individuellen, aber auch von vorgefundenen strukturellen Faktoren abhängt. Staatlicherseits kann mit einem besseren Betreuungsschlüssel die kognitive Entwicklung der Kinder gefördert werden. Umgekehrt birgt eine ungünstige Betreuungssituation in den Kitas die Gefahr einer nicht adäquaten Förderung.

Die häusliche Kinderbetreuung muss sich des Risikos bewusst sein, dass die eigene Lebenszufriedenheit je nach Konstellation nicht nur positiv beeinflusst wird und sowohl auf die Qualität der Betreuung als auch die eigene Gesundheit negativ ausstrahlen kann. Wer seine Kinder privat betreut, sollte darüber das eigene Wohlbefinden nicht vernachlässigen – oft leichter gesagt als getan.

Lesen Sie die vollständigen Studien (in englischer Sprache):

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Soziales Umfeld beeinflusst Arbeitsmarktbeteiligung von Frauen

Die Beschäftigungslücke zwischen Männern und Frauen ist in den meisten Ländern noch nicht geschlossen. Zwar befinden sich die Frauen in vielen hochentwickelten Volkswirtschaften auf der Überholspur, was ihr Bildungsniveau angeht, aber mangelnde Kinderbetreuungs- und Teilzeitangebote hemmen nach wie vor die Arbeitsmarktbeteiligung von Frauen.

Zudem sorgen soziale und kulturelle Einflüsse dafür, dass selbst hochqualifizierte Frauen oft dem Arbeitsmarkt gar nicht oder nur stark eingeschränkt zur Verfügung stehen. Zuletzt hat sich der Aufholprozess bei der weiblichen Erwerbsbeteiligung sogar wieder verlangsamt.

Vor dem Hintergrund der demografischen Veränderungen, die in den meisten Industrienationen zu einer Schrumpfung der Erwerbsbevölkerung führen werden, sind Strategien zur weiteren Aktivierung von Frauen von großer Bedeutung. Ihr Erfolg wird dabei in doppelter Hinsicht von institutionellen Gegebenheiten wie flexiblen Arbeitszeiten oder ausgebauter Kinderbetreuung abhängen.

Neben der unmittelbaren Wirkung auf das Erwerbsverhalten beeinflussen institutionelle Reformen indirekt auch das jeweilige soziale Umfeld, indem dort der Anteil der berufstätigen Frauen zu- oder abnimmt. Wie stark dieses Umfeld auf die Erwerbsentscheidungen von Frauen einwirkt, verdeutlichen zwei kürzlich erschienene IZA Discussion Papers.

Vorbilder im Bekanntenkreis

Die Studie von Nuno Mota (Fannie Mae), Eleonora Patacchini (Cornell University & IZA) und Stuart S. Rosenthal (Syracuse University) zieht umfangreiche Daten aus den USA heran, die Rückschlüsse auf den ökonomischen Effekt von Vorbildern und Informationsflüssen innerhalb der privaten Netzwerke von Frauen zulassen. Demnach passen sich insbesondere Mütter relativ stark an das Erwerbsverhalten von Frauen aus dem direkten Umfeld an, die Kinder im gleichen Alter haben.

Jede zusätzliche erwerbstätige Mutter im sozialen Umfeld erhöht rein rechnerisch die Wahrscheinlichkeit um 4,5 Prozentpunkte, dass eine bislang nicht berufstätige Mutter auf dem Arbeitsmarkt aktiv wird. Der gegenteilige Effekt ist offenbar sogar doppelt so groß: Je fehlendem Vorbild in Form einer erwerbstätigen Bekannten oder Freundin verringert sich die Wahrscheinlichkeit selbst einen Job anzunehmen um 9 Prozentpunkte.

Bei Männern sind diese Effekte viel schwächer ausgeprägt. Mit anderen Worten: Eine nachhaltige Politik zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf kann dafür sorgen, dass über den Umweg des sozialen Umfelds eine nochmals verstärkte Arbeitsmarktaktivierung von Frauen gelingt.

Einfluss von Verwandten

Zu ähnlichen Resultaten gelangen auch Cheti Nicoletti und Emma Tominey (beide Universität New York) und Kjell G. Salvanes (NHH Bergen & IZA) in ihrem aktuellen IZA Discussion Paper. Während berufstätige Nachbarinnen der Studie zufolge einen vergleichsweise geringen Einfluss auf die Erwerbsentscheidung von Frauen haben, orientieren sich viele Mütter an Vorbildern in der Verwandtschaft.

So weisen die Autoren für norwegische Mütter nach, dass in den ersten sechs Jahren nach der Geburt des Kindes mit jeder Stunde, die andere Mütter aus dem erweiterten familiären Umfeld pro Woche mehr arbeiten, auch die eigene Arbeitszeit um eine halbe Stunde zunimmt.

Diese Effekte lassen sich auch nach der Geburt des zweiten Kindes noch beobachten und unterstreichen damit den Einfluss sozialer und kultureller Normen auf das Erwerbsverhalten von Frauen. Mütter mit Universitätsabschluss lassen sich den Analysen der Autoren zufolge weniger stark von ihrem Umfeld beeinflussen, während der Effekt bei weniger gebildeten Frauen besonders stark ausgeprägt zu sein scheint.

Beide Studien zeigen, welche Synergieeffekte einzelne Maßnahmen zur Förderung der Arbeitsmarktbeteiligung von Frauen entfalten können. Politikmaßnahmen wie etwa ein weiterer Ausbau flexibler Kinderbetreuungsangebote werden sich aufgrund des “sozialen Multiplikators” mit doppeltem Effekt auf das Erwerbsverhalten der Mütter auswirken.

Die Studien zum Download:

Lesen Sie im englischsprachigen IZA Newsroom außerdem, wie sich das soziale Umfeld auf Konsumentscheidungen und den Auszug aus dem Elternhaus auswirkt.

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Glättung des Mittelstandsbauchs kaum realistisch finanzierbar

euro-taxDie Abschaffung des sogenannten “Mittelstandsbauchs” ist ein Dauerbrenner in der politischen Diskussion um große Steuerreformen. Tatsächlich steigt der geltende deutsche Einkommensteuertarif im Bereich der mittleren Einkommen stark an. Würde eine Glättung des Tarifverlaufs also die Mittelschicht steuerlich entlasten und für mehr Beschäftigung sorgen, weil sich Arbeit stärker lohnt?

Ein aktueller IZA-Standpunkt von Nico Pestel, Reinhold Schnabel, Sebastian Siegloch, Eric Sommer und Alexander Spermann nimmt die „Glättung des Mittelstandsbauchs“ unter die Lupe und simuliert die Aufkommens- und Beschäftigungseffekte einer solchen Reform.

Der Analyse zufolge würden:

  • hauptsächlich die oberen Teile der Mittelschicht profitieren (8./9. Dezil),
  • die zusätzlichen Beschäftigungsanreize vergleichsweise gering ausfallen,
  • die massiven Steuerausfälle nicht (realistisch) gegenfinanzierbar sein.

Während also vor allem Bevölkerungsgruppen von einer entsprechenden Reform profitieren würden, die kaum noch der Mittelschicht zugerechnet werden können, käme es zugleich zu massiven Steuerausfällen von mindestens 20 Milliarden Euro jährlich. Das enstpräche etwa 10 Prozent des gesamten Einkommensteueraufkommens pro Jahr.

Die Studie betrachtet deshalb auch mögliche Varianten einer Gegenfinanzierung, um Ausgabenkürzungen an anderer Stelle oder eine steigende Neuverschuldung des öffentlichen Haushalts zumindest teilweise zu vermeiden. Am Beispiel von Steuererhöhungen für Besserverdienende und der Streichung einiger großer Steuersubventionen zeigt sich allerdings, dass selbst dann die Gegenfinanzierung kaum realistisch ist und obendrein die Ziele der Reform sogar konterkariert werden könnten.

Download der Studie:

Lesen Sie mehr zum Thema in der WELT vom 27.07.2016:

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Gute Einwanderer, schlechte Einwanderer? Interview mit Harvard-Ökonom George Borjas

Der drastische und unerwartete Anstieg der Flüchtlingszahlen im Jahr 2015 hat die anhaltende Diskussion über die Einführung eines Einwanderungsgesetzes in den Hintergrund treten lassen. In der aktuellen Lage halten viele Beobachter ein solches Gesetz für unangebracht. Dabei könnte gerade jetzt, wo die Flüchtlingszahlen wieder zurückgehen, der richtige Zeitpunkt sein, um die Diskussion um ein deutsches Einwanderungsgesetz wieder aufzunehmen, nicht zuletzt um den Rechtspopulisten in dieser Frage nicht das Feld zu überlassen.

Obwohl die Bundesrepublik schon seit den frühen Sechzigerjahren ein beliebtes Einwanderungsland ist, wurde erst 2004 der erste Vorstoß für deutsches Einwanderungsgesetz gestartet. Auch wenn alle bisherigen Versuche gescheitert sind, halten IZA-Experten eine Reform des deutschen Einwanderungsrechts, insbesondere mit Blick auf die Einrichtung qualitativer und quantitativer Auswahlkriterien, nach wie vor für dringend geboten.

George Borjas

George Borjas (Harvard University), einer der international führenden Migrationsökonomen und Programmdirektor des IZA-Forschungsbereiches “Labor Mobility”, spricht im IZA-Newsroom-Interview über Migrationspolitik und seine Sicht auf die aktuelle Debatte.

IZA: Professor Borjas, in der Migrationsfrage ist nicht nur die öffentliche Diskussion stark polarisiert. Auch unter Ökonomen gibt ist sehr unterschiedliche Perspektiven auf die Vor- und Nachteile der global zunehmenden Arbeitsmobilität. Was ist Ihre Sicht der Dinge?

George Borjas: Das ist eine gute Frage, die nicht ganz einfach zu beantworten ist. Bei internationaler Arbeitsmobilität denke ich in erster Linie an ökonomische Modelle. Das heißt, ich habe einen bestimmten methodischen Ansatz im Kopf, der mich bei der Lösungsfindung leitet. Natürlich gehe ich auch eigener empirischer Forschung nach, aber üblicherweise sehe ich die Daten immer in einem wirtschaftlichen Bezugsrahmen.

Sozialwissenschaftler und selbst manche Ökonomen betrachten Einwanderung als ein Politikfeld, was es natürlich auch ist, aber dieser Ausgangspunkt bestimmt die Art und Weise, wie wir Fragen stellen und Daten interpretieren. Das Problem an dieser auf Politik fokussierten Herangehensweise ist, dass sich dadurch unsere politischen Präferenzen auf unsere Arbeit und unsere Forschungsergebnisse auswirken können.

Deutschland diskutiert über eine Reform des Einwanderungsgesetzes. Wie kann Migrationspolitik uns dabei helfen, von den positiven Effekten der Zuwanderung zu profitieren?

Die wirtschaftswissenschaftliche Fachliteratur zum Thema Einwanderung zeigt vor allem eines: Rein ökonomisch betrachtet profitiert das aufnehmende Land von gut ausgebildeten Zuwanderern stärker als von schlecht ausgebildeten.

In den Industrienationen können die Hochqualifizierten bestehende Ressourcen wesentlich besser ergänzen und ihr Wissen in andere Wirtschaftsbereiche übertragen, was letztlich die gesamte Wirtschaft produktiver macht. Außerdem zahlen sie tendenziell mehr Steuern und empfangen weniger Sozialleistungen.

Die Frage ist also nicht, ob gut qualifizierte Einwanderer mehr wirtschaftliche Vorteile bringen als geringqualifizierte. Die Frage ist vielmehr, ob die Einwanderungspolitik primär von ökonomischen Zielen geleitet sein sollte.

Im Oktober erscheint Ihr neues Buch mit dem Titel „We Wanted Workers: Unraveling the Immigration Narrative“. Was kann der deutsche Leser von Ihrem Buch lernen?

Der Titel meines Buches basiert auf einem Zitat des Schweizer Schriftstellers Max Frisch. Mit Blick auf die Einwanderung der Gastarbeiter nach Deutschland und in andere europäische Länder in den 1950er- und 1960er-Jahren prägte er den berühmten Satz: „Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen.“

Wie ich in meinem Buch darlege, können wir von dieser Einsicht lernen, dass die „ökonomistische“ Perspektive auf internationale Migration – die Migranten als eine Art Armee von Arbeitsrobotern betrachtet – fehlgeleitet ist. Zuwanderer sind Menschen, die sich auf das aufnehmende Land in vielfältiger Weise auswirken. Und die wirtschaftliche Bedeutung der gesellschaftlichen Auswirkungen könnte wesentlich größer sein als die Vorteile, die sich allein aus der Arbeitsmarktbeteiligung der Zuwanderer ergeben.

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Zuwanderung Deutschland 1991-2015

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Gegen den Akademisierungswahn

Hilmar Schneider

Die steigende Zahl von Studiengängen führt nicht zu besseren Jobchancen. Nötig sei ein stärker nachfrageorientiertes System der beruflichen Bildung, fordert IZA-Chef Hilmar Schneider in einem Gastbeitrag für die Wirtschaftswoche.

Während das duale Ausbildungssystem relativ passgenau den im Markt benötigten Qualifikationsbedarf abdecke, sei die Expansion und zunehmende Spezialisierung der akademischen Ausbildung weitgehend angebotsgetrieben, kritisiert der Arbeitsmarktexperte.

Für den Zertifizierungsprozess neuer Studiengänge sei „leider unerheblich“, ob es für den Abschluss überhaupt eine Nachfrage am Arbeitsmarkt gebe. So fänden sich an deutschen Hochschulen inzwischen „illustre“ Bachelorabschlüsse in Alternativem Tourismus, Angewandten Kindheitswissenschaften oder Baustellenmanagement. „Es darf bezweifelt werden, dass eine derartige Horizontverengung den Einstieg ins Berufsleben erleichtert“, so Schneider.

Schneiders Vorschlag: „Es müsste nach Hochschule und Studiengang offen zugänglich gemacht werden, was aus den Absolventen später geworden ist.“ Auf diese Weise entstünde Markttransparenz, die einen heilsamen Qualitätswettbewerb der Hochschulen in Gang setzen und junge Menschen vor Fehlentscheidungen bewahren könne.

Lesen Sie den Gastbeitrag im Volltext:

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Akzeptanz von Staatsausgaben sinkt mit steigender Kenntnis

Die schwäbische Hausfrau gilt gemeinhin als Vorbild für deutsche Sparsamkeit. Spätestens seit sich die Bundesregierung dieses Bild zu eigen gemacht hat, kennt jeder die Maxime, nach der der Staat nicht mehr ausgeben soll als er einnimmt. Aber weiß der Bürger überhaupt, wie viel der deutsche Staat tatsächlich für öffentliche Aufgaben ausgibt?

Viele Ökonomen blicken mit Skepsis auf einen Trend steigender Staatsausgaben, der sich nicht nur in Deutschland beobachten lässt. In den OECD-Staaten belief sich die Staatsquote, also der Anteil öffentlicher Ausgaben am Bruttoinlandsprodukt, im Jahr 2014 auf durchschnittlich 22 Prozent, Tendenz steigend:

SOCX2014

Anteil öffentlicher Ausgaben am BIP (in Prozent) für 2007 und 2014 sowie zwischenzeitliche Höchststände.
Quelle: OECD Social Expenditure Database.

Aus politökonomischer Sicht ist die Höhe der Staatsquote Ergebnis des Wählerwunsches. Fraglich ist alerdings, ob die Bürger sich der Ausgabenentwicklung bewusst sind und diese mittragen. Daher untersuchten die Forscher Philipp Lergetporer, Guido Schwerdt, Katharina Werner und Ludger Woessmann (LMU, ifo & IZA) in einem neuen IZA Discussion Paper, ob die öffentliche Meinung über staatliche Ausgaben auf realistischen Annahmen beruht. Sie wollten herausfinden, ob eine bessere Kenntnis der tatsächlichen Höhe der deutschen Staatsausgaben die Zustimmung der Bürger dazu beeinflusst.

Im Rahmen ihrer Studie wurden über 4.000 Bundesbürger nach ihrer Meinung zu einer Erhöhung der deutschen Staatsausgaben gefragt. Dabei wurden die Befragten zufällig in zwei Gruppen eingeteilt. Die erste Gruppe erhielt vor der Befragung aktuelle Zahlen über die öffentlichen Ausgaben nach Aufgabenbereichen: 227 Milliarden Euro für Arbeit und Soziales, 95 Milliarden Euro für Bildung, 38 Milliarden Euro für die öffentliche Sicherheit, 27 Milliarden Euro für Verteidigung und 10 Milliarden Euro für Kulturausgaben. Die Kontrollgruppe erhielt keine Informationen und musste ihre Meinung auf Grundlage der eigenen Einschätzung äußern.

Das Ergebnis: Die informierten Befragten waren weitaus weniger bereit, einer Erhöhung der öffentlichen Ausgaben zuzustimmen als die uninformierten Befragten. Wie Diagramm 1 zeigt, konnten die Forscher in allen abgefragten Haushaltsfeldern einen eindeutigen Zusammenhang zwischen den zur Verfügung gestellten Informationen und der Akzeptanz höherer staatlicher Ausgaben feststellen.

Die Tatsache, dass die Kenntnis der tatsächlichen Staatsausgaben zu deutlich anderen Ergebnissen führt, legt den Schluss nahe, dass viele Bundesbürger die tatsächliche Höhe der öffentlichen Ausgaben unterschätzen. Diesen Befund überprüften die Forscher anhand einer Folgebefragung. Hier zeigte sich, dass tatsächlich nur diejenigen Befragten ihre Meinung aufgrund der Informationen änderten, die auch vorher die staatlichen Ausgaben geringer eingeschätzt hatten.

Zweitens zeigt sich, dass die Akzeptanz öffentlicher Ausgaben zu großen Teilen auf falschen oder verzerrten Informationen beruht. Je besser die Bürger über die tatsächliche Höhe öffentlicher Ausgaben informiert sind, desto weniger unterstützen sie weitere Erhöhungen. Besonders beim Bildungsetat sinkt die Bereitschaft für eine Ausgabensteigerung, je genauer die Befragten informiert sind.

Lesen Sie das komplette englischsprachige Paper (IZA DP No. 9968):

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Ein Tor vor der Halbzeit würde dem Spiel gut tun… oder nicht?

https://pixabay.com/en/the-ball-stadion-football-the-pitch-488700/Die Fußball-Europameisterschaft geht in ihre entscheidende Phase. Viele Spiele wurden mit nur wenigen Toren entschieden, die obendrein erst sehr spät oder gar in der Nachspielzeit erzielt worden sind. Die Reporter hatten häufig genug Gelegenheit, eine alte Fußballerweisheit wieder auszugraben: Ein Tor kurz vor der Halbzeitpause bringt einen psychologischen Vorteil und steigert die Siegchancen. Aber hält dieser Mythos dem Praxistest stand? Dieser Frage gehen Stijn Baert und Simon Amez in einem aktuellen IZA Discussion Paper auf den Grund.

Die Forscher der belgischen Universität untersuchten 1.179 Spiele der Champions League und Europa League aus den Jahren 2008-2014. Für ihre Analyse berücksichtigten sie neben dem Spielverlauf auch diverse Einflussfaktoren wie zum Beispiel rote Karten.

Das Ergebnis: Im Vergleich zu Treffern während des restlichen Spiels bringt ein Last-Minute-Tor vor der Halbzeit keinen nennenswerten Vorteil. Für Heimmannschaften wirkt es sich sogar nachteilig aus.

“Schießt die Heimmannschaft ein Tor in der 45. Minute, dann fällt der Endstand für sie um durchschnittlich ein halbes Tor ungünstiger aus, als wenn der Treffer zu einem anderem Zeitpunkt erzielt wurde”, erläutert IZA-Fellow Stijn Baert.

Abnehmender Druck, Selbstüberschätzung und Taktikfehler

Die Sportpsychologie liefert dazu drei Erklärungsansätze:

  1. Ein Tor kurz vor der Pause kann die gesunde Anspannung der Spieler bewusst oder unbewusst reduzieren und zu Konzentrationsschwächen im restlichen Spielverlauf führen. Diese Erklärung deckt sich mit weiteren Ergebnissen des belgischen Forscherteams: Ein Tor der Heimmannschaft kurz vor der Pause erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass das erste Tor der zweiten Halbzeit ein Gegentreffer ist.
  2. Unter dem Eindruck des jubelnden Publikums gehen die Heimmannschaften womöglich allzu siegessicher in die Kabine und neigen zur Selbstüberschätzung. Denkbar ist ebenso, dass die Erfolgserwartung einen negativen Druck aufbaut.
  3. Auch der objektive Blick des Trainer könnte durch den positiven Spielverlauf getrübt sein und ihn dazu verleiten, die Mannschaft für die zweite Halbzeit zu defensiv einzustellen.

Ähnliche Effekte zeigen sich übrigens auch für ein Tor kurz nach der Halbzeitpause. Ein Treffer in den ersten fünf Minuten nach Wiederanpfiff bringt (im Vergleich zu Toren im restlichen Spielverlauf) keinen statistisch messbaren Vorteil für den Endstand.

Fußball und Ökonomie

Warum beschäftigen sich Ökonomen mit Fußball? Nicht nur aus rein sportlichem Interesse – oder weil der Fußball längst ein Milliardengeschäft ist. Auch für die Personalökonomik liefert der Sport mit seinen präzisen und umfangreichen Leistungsdaten wertvolle Erkenntnisse zu Aspekten wie Motivation, Teamwork, Leistungsdruck und Produktivität.

Lesen Sie die englischsprachige Studie im Original (IZA DP No. 9980):

Bildquelle: Pixabay
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Rekordverdächtig: Über 10.000 IZA Discussion Papers online

DP_TriviaSeit 1998 sind die IZA Discussion Papers das Flaggschiff des IZA. Hier stellen die mehr als 1.400 Mitglieder des weltweiten IZA-Netzwerks ihre neuesten Forschungsarbeiten zur Diskussion, schon bevor sie in Fachzeitschriften eingereicht und publiziert werden. Auf diese Weise beschleunigen die online kostenlos verfügbaren IZA Discussion Papers die fachliche Debatte um die Zukunft der Arbeit und erzielen eine enorme weltweite Reichweite. Kaum eine andere vergleichbare Schriftenreihe kann eine solche Resonanz vorweisen. Das thematische Spektrum spiegelt dabei alle Facetten der Arbeitsökonomie wieder.

Im soeben erschienenen IZA-Diskussionspapier Nr. 10000 liefern Nobelpreisträger James J. Heckman und Rasmus Landersø einen aufschlussreichen Vergleich zur sozialen Mobilität in Dänemark und den USA:

Ein effizienter Publikationsprozess sorgt dafür, dass inzwischen rein rechnerisch alle zehn Stunden ein neues IZA-Diskussionspapier erscheint. Auch die Zahl von mehr als 33 Millionen Downloads von Volltexten seit Beginn unserer Datenerfassung im Jahr 2002 spricht für sich – das erfolgreichste IZA Discussion Paper wurde 215.000 Mal abgerufen.

IZA-Chef Hilmar Schneider und Netzwerk-Koordinator Dan Hamermesh betonen den hohen Wert, den das IZA dem kontinuierlichen Ausbau der Schriftenreihe beimisst:

“The IZA discussion paper series has had an enormous impact on establishing IZA’s reputation as a top-level research institution in labor economics – and it will continue to play a key role. Providing an efficient platform for researchers to disseminate their work at an early stage, the IZA discussion papers stimulate constructive feedback from peers. They serve as an invaluable device of scientific quality control, and I dare say this series has its own merits in shaping labor economics as an important sub-discipline within economics.”
Hilmar Schneider (CEO of IZA)

hamermesh“The first IZA Discussion Paper appeared in April 1998.  While not there yet, the IZA Discussion Paper series is now much nearer to being, “… as the stars of the heaven, and as the sand which is upon the seashore….” [Genesis 22:17] And like the stars of the heaven, the Discussion Papers have illuminated very wide areas. They are central to the lives of professional economists, experts on labor and increasingly journalists and policy makers, and are a testimony to the usefulness of the IZA Network of scholars and experts.”
Daniel S. Hamermesh (Chief Coordinator of the IZA Network)

Lesen Sie außerdem, was Mitglieder des IZA-Netzwerks zur Erfolgsgeschichte der IZA Discussion Papers sagen:

jjh“Throughout its history, the IZA Discussion Paper series has been a major outlet for new research in labor economics and related fields such as family economics, demographic economics and the methodology that supports serious empirical research. It provides an opportunity for very diverse scholars and methodologies to share ideas, to take fresh approaches to old problems and to pose new problems free of the threat of censoring, publication bias, or club membership bias. The series deserves the highest praise for disseminating a variety of good ideas and path-breaking analyses, and helping make economics an open and vigorous field.”
James J. Heckman (University of Chicago), 84 IZA DPs

machin“Over the years the IZA Discussion Paper series has been an invaluable resource for labour economists worldwide, and many papers have subsequently appeared in the economics profession’s leading academic journals.  To me, they have proven to be a great outlet both for my own work and for getting early previews of cutting edge research being undertaken in labour economics.”
Stephen Machin (University College London & LSE)

“The IZA Discussion Paper series has been instrumental in ensuring that my work always has the greatest visibility among the world’s best economists.  Over time, the stock of knowledge contained in this series has become quite extraordinary.  It’s an invaluable resource when reviewing what is happening not only in labor economics research, but in economics research more generally.”
Deborah A. Cobb-Clark (University of Sydney)

vanours“The IZA DP series is an ever growing ocean of knowledge about labor economics issues. The series is interesting for students who want to learn about state of the art research. The series is also interesting for experienced researchers who want to remain up-to-date with the research output of colleagues. Contributing to the series means that your work will be read and cited. I think the IZA DP series is an asset for the research community in support for the advancement of science.”
Jan C. van Ours (Tilburg University)

vivarelli“The IZA DP series is both a prompt and permanent way to disseminate your research outcomes. It is prompt since your fresh research results can be immediately transmitted to the relevant scientific community within a few weeks; it is permanent since IZA DPs are so well diffused and reputed globally that they keep on being read and downloaded for years, sometimes more read and cited than regular journal articles.”
Marco Vivarelli (Università Cattolica del Sacro Cuore – Milano),
co-author of the all-time top downloaded IZA DP

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Automatische Stabilisatoren: Relikt oder effektives Kriseninstrument?

https://pixabay.com/en/stones-stacking-rock-balance-678557/Im Zuge der letzten Weltwirtschaftskrise haben sich Forschung und Politik wieder stärker mit der Bedeutung so genannter automatischer Stabilisatoren auseinandergesetzt, die seit den 1970er Jahren in Verruf geraten waren. Gemeint sind fiskalische Mechanismen, mit denen die Konjunktur automatisch und antizyklisch gedämpft oder stimuliert wird. Dazu zählt etwa die Arbeitslosenversicherung mit ihren je nach Konjunkturverlauf schwankenden Einnahmen und Auszahlungen.

Gerade in einer Rezession können automatische Stabilisatoren eine Schlüsselrolle für das Funktionieren moderner Sozialstaaten einnehmen: Wenn die Wirtschaft schrumpft, steigen Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit, was dazu führt, dass ein größerer Teil der Bevölkerung Anspruch auf Arbeitslosen- oder Sozialhilfe erhält und niedrigeren Einkommensteuersätzen unterliegt. Davon gehen tendenziell wiederum positive Effekte für die Gesamtnachfrage aus.

Politische Eingriffe in die Konjunktur

Automatische Stabilisatoren stellen somit prinzipiell eine Einflussmöglichkeit einer aktiven Fiskalpolitik auf den Wirtschaftsverlauf dar. Im Rahmen einer solchen aktiven Steuerpolitik können Sozialleistungen und Steuererleichterungen als Gegenmaßnahmen gegen eine drohende Krise beschlossen werden, um die Nachfrage und damit die Wirtschaft weiter anzukurbeln.

Was in der Theorie gut klingt, muss in der Praxis allerdings nicht (immer) funktionieren: Zahlreiche Politikmaßnahmen mit dem Ziel dieses „Nachfragemanagements“ sind in der Vergangenheit fehlgeschlagen. Statt dessen wurden in jüngerer Zeit im Rahmen von strukturellen Arbeitsmarktreformen, wie beispielsweise den Hartz-Reformen in Deutschland, in einigen Ländern die beschäftigungsbezogenen Steuern sowie die Arbeitslosenunterstützung gekürzt, um die Arbeitsanreize zu steigern.

An dieser Stelle prallen zwei politische Denkrichtungen aufeinander: Soll zur Abwehr einer Krise die Generosität von Arbeitslosenversicherungen erhöht werden, um die Wirkung der automatischen Stabilisatoren zu erhöhen? Oder ist es sinnvoller, die Generosität einzuschränken, um Erwerbsarbeit attraktiver zu machen und die Liquidität des Arbeitsmarktes zu erhöhen?

Zwischen Anreizorientierung und Risikoabsicherung

Ein kürzlich im IZA Journal of European Labor Studies erschienener Artikel des dänischen Arbeitsökonomen Torben M. Andersen (Universität Aarhus und IZA) zeigt, dass sich dieser Glaubensstreit längst überlebt hat. Arbeitsmarktreformen sind vor allem dann erfolgreich, wenn sie einen klugen Kompromiss zwischen Anreizorientierung und Risikoabsicherung finden.

Befürworter der automatischen Stabilisatoren vernachlässigten häufig die zunehmende Schwierigkeit des “Matchings” zwischen Arbeitssuchenden und offenen Stellen. Mit einer darauf abgestimmten Arbeitsmarktpolitik sei es möglich die automatischen Stabilisatoren zu stärken, ohne dabei vorhandene Anreizstrukturen für Beschäftigung und Arbeitssuche zu beeinträchtigen.

Gemeinsame europäische Arbeitslosenversicherung

In derselben Ausgabe des IZA Journal of European Labor Studies befasst sich auch der ehemalige EU-Kommissar für Beschäftigung, Soziales und Integration, László Andor (Mercator Senior Fellow der Hertie School of Governance) mit diesem Thema. Er warnt davor, dass ohne automatische Stabilisatoren eine Währungsunion nur schlecht funktionieren und auf lange Sicht nicht nachhaltig sein könne.

Zudem spricht sich Andor für eine gemeinsame europäische Arbeitslosenversicherung aus, bei der ein Teil der nationalen Arbeitslosenunterstützung durch eine vergemeinschaftete Versicherung ersetzt wird. Dies würde sich seiner Einschätzung nach sowohl wirtschaftlich positiv auswirken als auch die Bürger Europas direkter einbinden. Hinsichtlich der Durchsetzbarkeit einer Reform der Wirtschafts- und Währungsunion, durch die Kosten und Nutzen gerechter verteilt werden könnten, zeigt sich Andor allerdings skeptisch.

Lesen Sie die beiden Artikel im Volltext:

Bildquelle: Pixabay
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Wie die Börse auf Änderungen beim Mindestlohn reagiert

stockDie wirtschaftlichen Folgen der Einführung gesetzlicher Lohnuntergrenzen sind nicht nur in Deutschland (wo der allgemeine Mindestlohn erst seit dem 1. Januar 2015 gilt) Gegenstand kontroverser Debatten. Sorgen Mindestlöhne für Einbußen bei den Unternehmensgewinnen und demzufolge für Rationalisierung und Beschäftigungsabbau?

Zahlreiche ökonomische Untersuchungen, darunter aktuelle IZA-Diskussionspapiere wie Bazen/Marimouto (2016), Lin/Yun (2016), Muravyev/Oshchepkov (2015) oder Kabátek (2015), gehen dieser Frage nach und analysieren die Folgen von Mindestlöhnen für den Arbeitsmarkt, das Lohngefälle oder die Produktivität einzelner Unternehmen. Darüber hinaus kann die Einführung eines Mindestlohns jedoch auch an den Aktienmärkten erhebliche Folgewirkungen haben – ein bislang wenig untersuchter Effekt.

Kursverluste nach überraschender Mindestlohn-Ankündigung

Um wissenschaftlich belegen zu können, wie sich Änderungen an der Lohnuntergrenze auf den Börsenwert eines Unternehmens auswirken können, müssen Schwankungen des Aktienpreises eindeutig auf die Mindestlohn-Ankündigung zurückzuführen sein. Das wird in der Praxis dadurch erschwert, dass die Einführung oder Erhöhung des Mindestlohns meist im Vorfeld diskutiert wird und insofern nicht völlig unerwartet kommt.

Mit einer Ausnahme: Im Juli 2015 kündigte die britische Regierung überraschend an, den seit 1999 bestehenden Mindestlohn (National Minimum Wage) durch die landesweite Einführung eines neuen “existenzsichernden” Lohnes (National Living Wage) zu ergänzen. Dadurch sollte die Lohnuntergrenze für alle Arbeitnehmer über 25 Jahren ab April 2016 um satte 11 Prozent steigen.

Da diese Politikänderung – zumal von einer konservativen Regierung – weder von politischen Beobachtern noch von der Börse erwartet worden war, schlug sie sich unmittelbar in den Aktienkursen nieder. Die britischen Ökonomen Brian Bell (University of Oxford) und IZA-Fellow Stephen Machin (University College London) analysieren die Auswirkungen in einem neuen IZA Discussion Paper.

Bell und Machin beobachteten minutengenau, wie sich der Börsenwert einzelner Unternehmen ab dem Zeitpunkt veränderte, als der britische Finanzminister die Einführung des “National Living Wage” in seiner Haushaltsrede am 8. Juli 2015 ankündigte. Tatsächlich waren schon nach wenigen Minuten deutliche Kursverluste erkennbar.

Die Forscher unterschieden dabei zwischen Unternehmen mit hohem Anteil an Geringverdienern, die vom neuen NLW begünstigt werden sollten (NLW Firms), und solchen mit Durchschnittslöhnen deutlich über Mindestlohnniveau (Non-NMW Firms), die durch die Gesetzesänderung kaum betroffen sein würden.

Keine negativen Beschäftigungseffekte zu erwarten

Während sich der Wert der Firmen mit höheren Löhnen (Non-NMW) schnell wieder erholte, hielt der Kursrückgang bei den NLW-Unternehmen an. Einen Tag nach der Ankündigung hatten die Aktien der Niedriglohnfirmen um 1,2 Prozent an Wert verloren, fünf Tage nach der Ankündigung stabilisierte sich der Wertverlust zwischen zwei und drei Prozent.

Damit entsprach der notierte Börsenwertverlust in etwa den Einbußen an Profitabilität, die die Firmen aufgrund des angekündigten “Lohnschocks” hinnehmen müssen. Dennoch planen die betroffenen Unternehmen den Autoren zufolge keinen Stellenabbau, sondern wollen die Mehrkosten primär über Preiserhöhungen und Effizienzsteigerungen kompensieren.

Die Studie von Bell und Machin verdeutlicht, dass allein die bloße Ankündigung von einschneidenden politischen Eingriffen in den Arbeitsmarkt schon vor deren eigentlicher Umsetzung erhebliche Nebeneffekte haben kann.

Download der englischsprachigen Studie:

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